Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
13.6.2003
Hillary Rodham Clinton
Gelebte Geschichte
Andrea Köhler

Aus dem Amerikanischen von Stefan Gebauer u. Ulrike Zehetmayr

Bekanntlich treibt nichts den Absatz so in die Höhe wie Heimlichkeiten und Zensur. Wie viel Selbstzensur in Hillary Clintons Memoiren "Gelebtes Leben" steckt, wissen vielleicht nicht einmal ihre drei Ghostwriterinnen. Doch der Werbeaufwand an Vorab- Geraune, die Weigerung, das Buch vor Erscheinungstermin an die Medien herauszugeben, der schwunghafte Handel mit Exklusivabdruckrechten und Interviews haben die Neugierde mindestens ebenso angeheizt wie die alles entscheidende Frage: Was wird die Ex-Präsidenten-Gattin und jetzige Senatorin des Staates New York zu der Lewinsky-Affäre schreiben? Lange hat sich Hillary Clinton geweigert, den populärsten "Sex-Skandal" der Weltpolitik zu kommentieren - die Affäre ihres Mannes mit der Praktikantin im Weissen Haus. Monica Lewinsky hat inzwischen ein eigenes Markenlabel für Handtaschen und eine eigene Fernsehshow. Doch die betrogene Ehefrau hüllte sich in Schweigen und liess dieses unschöne Kapitel ihrer Biographie auch noch geschlossen, als sie sich im Jahre 2000 - erfolgreich - um einen Sitz im New Yorker Senat bewarb.

Nun hat Hillary Rodham Clinton ihre Erinnerungen, in erster Linie an die Jahre als First Lady, zu Papier gebracht; an diesem Montag ist das Buch in den USA, am Dienstag weltweit ausgeliefert worden. Letzte Woche ließ Associated Press im Vorfeld die Katze freilich schon mal aus dem Sack - die Stelle nämlich, in der Hillary in den frühen Morgenstunden auf der Bettkante von ihrem Bill erfährt, dass er sie nicht nur betrogen, sondern auch die ganze Zeit belogen hatte:

"Ich bekam keine Luft. Ich rang um Atem, begann zu weinen und schrie ihn an: 'Was soll das heißen?! Was redest du da? Warum hast du mich belogen?' Ich wurde jeden Augenblick zorniger. Bill stand einfach nur da und sagte wieder und wieder: 'Es tut mir so Leid. Ich wollte dich und Chelsea schützen.' Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Ich hatte es bislang lediglich für töricht gehalten, dass er der jungen Frau Aufmerksamkeit geschenkt hatte und war überzeugt gewesen, dass er das Opfer einer Verleumdungskampagne war. Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass er unsere Ehe und unsere Familie aufs Spiel setzen würde. Nun war ich wie vom Donner gerührt. Ich war wütend und verzweifelt, weil ich ihm geglaubt hatte. Als ich Bill nach einer Weile sagte, dass er mit Chelsea reden musste, füllten sich seine Augen mit Tränen. Er hatte mein Vertrauen missbraucht, und wir wussten beide, dass dieser Bruch vielleicht nicht mehr zu kitten war. Nun mussten wir Chelsea mitteilen, dass ihr Vater sie ebenfalls belogen hatte. Es waren schreckliche Momente, die wir alle durchmachten. Ich wusste nicht, ob unsere Ehe diesen Betrug überstehen konnte oder sollte. Es war die verheerendste, schockierendste und schmerzlichste Erfahrung in meinem Leben."

Der in "Living History" dargelegte Wandel der politischen Gezeiten ist vielleicht das Interessanteste an diesen Memoiren. Erinnert man sich heute nicht fast sehnsüchtig an eine Ära, in der lediglich die Liebschaften des amerikanischen Präsidenten weltweit einen solchen Aufruhr heraufbeschwören konnten? So werden viele Leser im Index wohl zuerst unter L nachschlagen. Für die Präsidentengattin schien auch dieser Skandal zunächst nur eine Fußnote in der Geschichte der Anschuldigungen und Verleumdungen zu sein, deren sie sich im Laufe der Zeit wiederholt ausgesetzt sah. Eleanor Roosevelts Wahlspruch, dass "jede Frau in der Politik sich die Haut eines Rhinozerosses zulegen muss", wurde Hillary Clintons Mantra.

Die emotionale Reserve hat sie auch bei der Darlegung ihrer Gefühle nicht abgelegt. Selten sind wohl die Anfänge einer Liebesgeschichte unsentimentaler beschrieben worden, als ihre ersten Begegnungen mit "dem bärtigen Vikinger aus Arkansas" namens Bill Clinton. Dennoch ist Aufrichtigkeit das spürbare Anliegen in diesem Buch. Offenheit ist das Pfund, dass Hillary Clinton mit ihrer Person in die Wagschale künftiger Ämter zu legen sucht - Ehrlichkeit und ein handfester Sinn für Proportionen. Dazu gehört auch die - moderate - Enthüllung enttäuschter Liebe und heftiger Wut.

Sie werde niemals wirklich verstehen, warum ihr Mann sie belogen habe, schreibt sie über den "August 1998". Und am Schluss, gewissermaßen auch als Auftakt für die absehbare zweite Folge ihrer Memoiren.

"Rückblickend waren die schwierigsten Entscheidungen in meinem Leben jene, die Ehe mit Bill aufrechtzuerhalten, und für den Senat zu kandidieren. Im Lauf der letzten Monate war mir klar geworden, dass ich Bill liebte und dass mir die gemeinsam verbrachten Jahre sehr viel bedeuteten. Auch wenn ich nicht daran zweifelte, mir allein ein befriedigendes Leben aufbauen und meinen Lebensunterhalt verdienen zu können, hoffte ich doch, dass Bill und ich miteinander alt werden könnten. Wir waren beide entschlossen, unsere Ehe auf unserem Glauben, unserer Liebe und unserer gemeinsamen Vergangenheit wieder aufzubauen... Und da ich nun wusste, welchen Weg ich mit Bill einschlagen wollte, fühlte ich mich frei, die ersten Schritte im Rennen um den Senatssitz zu wagen."

Natürlich verrät diese Autobiographie mehr über die Politikerin und ihre An- und Absichten als über die Ehefrau und ihre verletzen Empfindungen. Hillary Clinton hat in ihrer Zeit im Weissen Haus Politik gemacht wie kaum eine andre First Lady, mit "Billary" Clinton hatte man ein politisches Team gebucht. Anders als Barbara Bush eignete sich die einstige Feministin nicht so gut zum Händchenhalten und zum Kekse backen; sie hat sich eingemischt in die Wahlkampagnen und Gesetzesentwürfe für die Gesundheitsreform, sie reiste im Namen der Menschrechte und im Kampf gegen Hunger und Aids rund um den Globus.

"Auf meinen Reisen erlebte ich nicht nur, welchen Stellenwert Amerika in der Welt hat, sondern auch, wie wichtig die Welt für Amerika ist. Menschen zuzuhören, ihre Probleme und Chancen zu diskutieren, ihren Glauben und ihre Weltsicht zu verstehen, ist ein wichtiger Schlüssel für eine stabile und sichere Zukunft. Deshalb habe ich in meinem Buch auch Menschen zu Wort kommen lassen, deren Botschaft wir nicht überhören sollten - Menschen aus allen Erdteilen, die für das kämpfen, was uns scheinbar selbstverständlich geworden ist: Freiheit, Frieden, Menschenrechte, genügend Nahrung, medizinische Versorgung, Bildung, das Recht auf Wahlen und vieles mehr. Die Erfahrungen, die ich während meiner Reisen gemacht habe, lehrten mich viel über Politik und die menschliche Natur - einschließlich meiner eigenen."

Hillary Clintons Memoiren erscheinen nicht umsonst im Vorfeld einer möglichen Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2008, die viele Demokraten am liebsten schon in der nächsten Wahlkampfrunde sehen würden. Ihre "Gelebte Geschichte" ist deshalb für jene, die sich für Staatsbesuche, Immobilien-Skandale und Wahlkampagnen nur bedingt interessieren, nicht sonderlich spannend. Sehr ausführlich, programmatisch und gänzlich Ironie-frei entwirft sie das Porträt der First Lady als perfekter Frau: Eine Präsidentengatten, die ihre Staatspflichten und Muttergefühle, Menschheitsansinnen und Kosmetik-Probleme, Patriotismus und Ehe-Beratung in eine staunenswerte Balance zu bringen versteht. Gerne trägt sie ihre Werte auf dem Sternenbanner vor sich her. Hillary Rodham Clinton ist eine Patriotin im amerikanischsten Sinne des Wortes _ in ihren Memoiren kann man nachlesen, wie sie es wurde.

8 Millionen Dollar hat Hillary Clinton für dieses Buch eingestrichen, das ist auch in Amerika ein sensationelles Honorar. Bill Clintons Version der Geschichte wird demnächst zu lesen sein: seine Memoiren erscheinen nächstes Jahr. Er soll ihr Buch redigiert haben, sie will seines redigieren. In Strategie und Timing sind die Clintons, über deren Ehe im Umfeld dieses Buches wieder viel gemunkelt wird, immer noch ein gutes Team.
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