Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
20.6.2003
Jonathan Spence
Mao
Alexander Schuller

Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck

Der Charme - und die Verheißung - der "Großen Diktatoren" wirkt mächtig weiter. An der Spitze steht natürlich Adolf Hitler, aber auch einem Stalin und einem Mao werden endlos und immer wieder Biographien und Monographien gewidmet. Sie bestimmen unser Bewusstsein bis in die Vorschulklassen und bis ins schwärzeste Afrika. Jeder dieser Diktatoren öffnet uns ein - jeweils eigenes - Fenster in unsere jeweils eigene Konstitution, zugleich aber auch das Tor in die Moderne überhaupt. Der schrecklichste dieser Drei muss - wenn man dem tausendseitigen "Schwarzbuch des Kommunismus" von 1998 folgt - Mao gewesen sein: Gehirnwäsche, unsägliche Folterungen, Arbeitslager im ganzen Land, 65 Millionen politische Morde. Selbst der schreckliche Stalin folgt in großem Abstand mit 20 Millionen. Aber der Bauernsohn aus Hunan war auch der interessanteste, der radikalste, der neugierigste. In ihm kommen die Widersprüche der Aufklärung zum Ausbruch und - wenn man es recht betrachtet - zur Klärung. Mit Mao-Tse-Tung findet Dialektik zu sich selbst, zum double-bind. Massenmord und zärtliche Liebeslyrik, Mao zeigt uns beides. Darauf könnten wir uns unseren Reim machen.

"Zum Abschied winkend breche ich auf. Die verzweifelten Blicke, die wir tauschen, machen alles noch schlimmer und lassen die Bitterkeit unserer Gefühle erkennen. Augen und Brauen offenbaren Deinen Hass, während Du den heißen Tränen Einhalt gebietest. Du hast, ich weiß es, unseren früheren Austausch missdeutet. Jetzt ist uns Blick verhangen wie von Wolken und Nebel, dabei glaubten wir, uns zu kennen, Du und ich. Weiß der Himmel davon, wenn Menschen so leiden?"

Mao ist vielfältig schillernder Widerspruch: Widerspruch zu seiner Gesellschaft, zu seiner Geschichte, zu seiner Partei, zu sich selbst. Er ist damit eine - vielleicht die - Ikone des 20sten Jahrhunderts: Dichter und Dandy, Theoretiker und Revolutionär, Spieler und Dogmatiker, Bauer und Weltmann. Jonathan Spence, der renommierte amerikanische Sinologe, hat ihm eine kurze und pointierte Biographie gewidmet. Darin zeigt er Aufstieg und Wandel vom rastlosen Phantasten zum menschenverachtenden, zum verwegenen Manager der Macht. Dabei fällt Maos Lern- und Wandlungsfähigkeit ins Auge. Mit jeder Niederlage orientiert er sich neu, mit jedem Sieg verfeinerte er seine Strategie, mit jeder Debatte entwirft er sich als neuer Mensch. Zu Beginn, in seiner Heimat Hunan, und auch später noch orientiert sich Mao am Bild des buchgläubigen "Intellektuellen". Er abonnierte die damals führende politische Zeitschrift "Neue Jugend" und gibt selbst ein eigenes Wochenblatt, den "Xian-Flussboten" heraus. Darin stellt er "eine Reihe eigenständiger Organisationsformen vor, die den Kämpfern der Bewegung Rückhalt geben sollten". Jahre später, 1942, war er dann zum wütenden Gegner jeglichen Buchwissens geworden.

"Von einem marxistisch-leninistischen Standpunkt aus gesehen sind viele Intellektuelle geradezu ungebildet und müssen einsehen lernen, dass das Wissen der Arbeiter und Bauern wertvoller ist als das ihre."

Mao erinnert daran, dass

"Bücher nicht gehen können, und dass man sie nach Belieben zu öffnen und wieder zu schließen vermag; das ist die simpelste Sache der Welt, viel einfacher als das Zubereiten einer Mahlzeit für einen Koch und viel einfacher als es für diesen ist ein Schwein zu schlachten."

Spence zeigt, wie Mao mit immer anderen, kühnen Selbstbildern experimentiert. Und die holt er sich aus dem Arsenal der Aufklärung. Spence verweist uns auf den psychodynamischen Zusammenhang zwischen der Ideologie des "Neuen Menschen" und jenem realen "Neuen Menschen", der diese Ideologie durch sich selbst zu verwirklichen sucht. Die Entfesselung aus den Restriktionen aber auch den Geborgenheiten der Tradition zwingt gerade den Verkünder der Permanenten Revolution zur jener permanenten Selbst-Erfindung, von der Michel Foucault als Artefakt der Moderne sprach.

"Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung sondern ihr Todfeind" schreibt Adorno und verkennt dabei das radikale Potential von Halbbildung. Er verkennt zudem, wie sehr Halbbildung ein Spezifikum der Moderne und die Waffe jener Akteure darstellt, die schnelles und schnell verbrauchtes, hypothetisches Wissen im täglichen Kampfeinsatz verbrennen und verschrotten. Die meisten unserer Politiker und nicht wenige unserer Publizisten sind Götter der Halbbildung. Die dünne Phrase als scharfes Schwert. Nicht Wahrheit ist hier die Leuchtspur, sondern Aktualität und Zweck. Wir haben es mit Pragmatikern des Wissens, mit Spielern, Machern, Zynikern zu tun. Auch als Personen sind sie Fiktionen, Entwürfe, Hypothesen, Strategien, Fragezeichen. Ihre Schubkraft gewinnen sie aus dem Ressentiment des Halbgebildeten, aus der Wut des "Zu-Kurz- und Zu-Spät-Gekommenen", des Halbgaren. Früher und fein und in Verkennung ihrer politischen Kraft kannte man sie als Parvenus. Sie alle teilen sich die Verachtung für jene, von denen sie wissen, dass sie, aus einer Tradition geboren, eine geschlossene Gestalt bilden. Die Faszination, die Bildung auf Mao einst ausgeübt hatte,

"wich einer Bitterkeit und Irritation gegenüber Gebildeten und den ästhetischen Traditionen seines Landes"

schreibt Spence und zitiert Maos Antwort auf einen Vortrag, den Deng Tschiau Ping ihm gehalten hatte:

"Ich halte nichts von Deiner Aufrichtigkeit und Deinem Wissen. Scheiß endlich, oder komm runter vom Klo."

Im Frühjahr 1937 hält Mao seine erste im marxistischen Vokabular formulierte Rede, aber schon zwei Jahrzehnte vorher, im Sommer 1919 mit 26 Jahren, schreibt Mao einen von revolutionärem Feuer entflammten Text:

"Vom Dongting-See bis zum Min-Fluss steigt die Flut. Himmel und Erde sind in Aufruhr, und die Übeltäter ergreifen die Flucht. Ha! Wir wissen Bescheid! Wir sind erwacht! Die Welt ist unser, der Staat ist unser, die Gesellschaft ist unser! Wer soll das Wort erheben, wenn nicht wir? Wer wird zur Tat schreiten, wenn nicht wir? Wir müssen entschlossen handeln, um die große Einheit der Volksmassen herbeizuführen, die keinen Aufschub mehr duldet."

Andererseits ist Mao, wie die anderen totalitären Herrscher auch, zutiefst unsicher, misstrauisch bis zur Paranoia. -- "Mao war der festen Überzeugung, dass er sich einem konkreten Feind gegenübersah, den Kräften des `bürgerlichen Revisionismus`, die innerhalb Chinas die Revolution zu unterminieren gedachten. Dieser Feind konnte sich überall verbergen: in ländlichen Produktionsbrigaden und städtischen Industriebetrieben, in Parteikomitees und bei den Sicherheitskräften, im Kulturministerium und in der Filmindustrie. Selbst unter den Studenten waren sie zu finden, hörten heimlich ausländische Radiosender und füllten ihre Tagebücher mit subversiven Gedanken."

Dieses Misstrauen verdeckt, wenn auch nur spärlich, die schreckliche Angst vor einem objektiven nicht nur dialektischen oder gar nur subjektiven Widerspruch, dem Widerspruch von Gleichheit und Freiheit. Könnte es sein, denn darauf zielt das albtraumhafte Misstrauen aller totalitären Herrscher, dass Freiheit und Gleichheit sich nicht bedingen, sondern ausschließen? Genau das aber verspricht der Totalitarismus: die Einheit von Gleichheit und von Freiheit, die Einheit von Sozialismus und Anarchismus. In scheinbarer Konkurrenz zum Kommunismus - aber als ihre geheime Verheißung - entfacht der Anarchismus seine auf Entgrenzung zielende Wirkungsmacht. Obwohl der Marxismus sich als Staatsterrorismus manifestiert, zehrt er schon immer von der latenten Hoffnung auf Befreiung, auf hemmungslose Freiheit, auf das Paradies der Anarchie.

Die Kulturrevolution muss man als Maos Versuch verstehen, das anarchistische Versprechen des Kommunismus zugleich mit seinem sozialistischen einzulösen. Das Chaos, der Schrecken, die menschlichen Abgründe, die die chinesische Kulturrevolution offenbarte, waren ein einmaliges, großangelegtes, in seiner Grausamkeit unübertroffenes Experiment. Es sollte prüfen, ob der Anspruch des Kommunismus die beiden zentralen Verheißungen der Französischen Revolution, ob Freiheit und Gleichheit sich zugleich realisieren lassen. Dieses Experiment war erfolgreich. Es hat gezeigt, dass die Totalisierung der Aufklärung nicht möglich ist.

Wenn Sozialismus für das Ideal der Gleichheit und Anarchismus für das Ideal der Freiheit stehen, dann demonstriert der Maoismus den verzweifelten Kampf um ihre Synthese. Auch so können wir Maos Biographie verstehen: als Katastrophe der Moral und als Triumph der Wahrheit. Die chinesische Kulturrevolution hat gezeigt, dass die Massengesellschaften der Moderne nicht aus Versehen sondern aus historischer Notwendigkeit zum Totalitarismus drängen. Die Lektion aus Rousseau und Robespierre hat Mao gezogen: Die radikale Einheit von Gleichheit und Freiheit ist zutiefst inhuman.

Anhand eines Portrait des Mao-Tse-Tung entwirft Jonathan Spence das Psychogram eines gläubigen Kommunisten und einer bedeutsamen Epoche des 20sten Jahrhunderts, mehr noch: er analysiert die dahinterliegenden grundlegenden Fragen unserer Zeit: Gleichheit und Freiheit.
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