Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
27.6.2003
Wolfgang Sofsky
Operation Freiheit
Walter Laqueur

Wolfgang Sofsky, Professor der Soziologie und Schriftsteller, hat sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht mit seinen Studien über politische Gewalt, vor allem in der Form der nationalsozialistischen Konzentrationslager, aber auch mit seinem Traktat über die Gewalt. Seine Bücher haben nicht allen gefallen, denn sein Grundton ist häufig pessimistisch, die Ausübung von Terror und Schrecken ist Teil der condition humaine und das wird sich, wie er glaubt, auch in der Zukunft nicht ändern. Sein letztes Buch über den Irak-Krieg wird, fürchte ich, wahrscheinlich noch mehr Widerspruch hervorrufen. Denn, wie er schreibt, "das erste, was im Krieg auf der Strecke bleibt, ist nicht die Wahrheit, sondern die Illusion" - und diese Illusionen waren weit verbreitet und auch heute werden sie ungern aufgegeben.

In anderen Worten, Sofsky's Buch ist politisch unkorrekt, was den Zeitgeist in Deutschland angeht. Man wird ihm nicht so leicht verzeihen, dass er die moralische Empörung über den Krieg gegen Saddam Hussein nicht teilte und dass er die Schreckensvisionen, die so weit verbreitet waren, gelinde ausgedrückt für übertrieben hielt - die Visionen von den Millionen unschuldiger Zivilisten, die umkommen würden, von den Millionen Flüchtlingen, die es geben würde, von dem antiwestlichen riesigen Flächenbrand, von den großen amerikanischen Verlusten in den Straßen von Bagdad, das ein zweites Stalingrad werden würde.

Sofsky schreibt, wohl mit einigem Sarkasmus, über den

"apokalyptischen Entwurf, der sich in Deutschland besonderer Beliebtheit zu erfreuen scheint und der für das Nichtstun votiert, weil ein Regimewechsel durch Krieg die gesamte Region ruinieren würde. - Auch in Amerika gab es Kritik, weil die Risiken zu hoch erscheinen um einen Wandel des Machtsystem zu rechtfertigen. Der deutsche apokalyptische Entwurf dagegen warnte nicht vor Ungewissheiten, sondern vor der sicheren Katastrophe. Lieber Deponie als Anarchie ist das Motto der apokalyptischen Panik."

Sofsky dagegen glaubt, dass der entscheidende Grund gegen einen Krieg nur der hätte sein können, dass sich die Despotie auch auf andere Weise umstürzen lasse, sei es durch eine Revolution, einen Putsch, Tyrannenmord oder Vertreibung ins Exil.

Weiter befasst sich Sofsky mit der Amerika-Kritik, die in diesen Tagen immer schärfer wurde. Amerika sei roh und vulgär, materialistisch, auf Geld und Ölbeute erpicht, missionarisch in seinen Idealen und martialisch in seiner Machtpolitik und ohne Kultur. Regiert werde Amerika von höchst verdächtigen Subjekten, einem texanischen Cowboy und einer Bande fanatischer Kriegstreiber. Die globale Hegemonie der USA sei nur die letzte Stufe des Imperialismus.

Unseren Autor stört dabei die Verbindung der Arroganz der Moral mit dem Pessimismus vermeintlicher Realpolitik, die Mischung von Selbstgerechtigkeit und Verantwortungslosigkeit. Ihn stört die Argumentation, dass es viele Tyrannen auf der Welt gebe, weshalb solle man also den irakischen Despoten vertreiben? Diese Logik schreibt er, entspricht der Empfehlung, dass man einen Mörder laufen lassen solle, weil es schließlich noch andere Mörder gebe. Ressentiments, so schließt er dieses Kapitel, nähren sich aus dem Gefühl der Unterlegenheit:

"Der alte Kontinent ist in nahezu jeder Hinsicht der verachteten Weltmacht unterlegen: in seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, in der Entwicklung des Wissens und der Technologie, in der Verfügung über globale Netze und Stützpunkte und in der militärischen Schlagkraft. Europa entdeckt plötzlich, dass ihm die militärischen Mittel fehlen, um politisch ernst genommen zu werden. Nicht einmal in seinen Idealen kann es den USA den Rang ablaufen."

Sofsky befasst sich eingehend mit der Rolle der Vereinten Nationen, der Organisation, die zwar das Völkerrecht beansprucht, aber über keinerlei Macht verfügt, um die Idee in die Tat umzusetzen.

Das Regime von Saddam Hussein ist dann zur Überraschung vieler, vor allem in Europa, wie ein Kartenhaus zusammengebrochen, ernsthaften Widerstand hat es kaum gegeben. Die Zahl der Opfer auf der Seite der Alliierten war minimal (häufig durch Verkehrsunfälle verursacht), aber auch die Zahl der irakischen Opfer war sehr gering.

Sofskys Bericht schließt mit der Eroberung von Takrit, der letzen Feste der Regierung, und einer Analyse der Tage der Anarchie in Bagdad, als die Plünderer aus dem Lumpenproletariat von Bagdad freie Hand hatten. Auch da war man in manchen Kreisen in den Medien schnell mit Schuldzuweisungen bei der Hand - verantwortlich waren nicht die, welche plünderten, sondern diejenigen, welche die Plünderungen nicht verhinderten.

Der zweite Irak Krieg war in Sofskys Sicht kein Krieg zwischen Staaten, aber auch kein Feldzug gegen den globalen Terror. Er war ein präventiver Befreiungskrieg. Das war bekanntlich der Grund zu den vielen Protesten über die Verletzung des Völkerrechtes, wonach Präventivkriege grundsätzlich verboten sind. Aber Sofsky bemerkt lakonisch, dass eine Bedrohung mit Massenvernichtungswaffen oder eine massive Verletzung durch eine Tyrannei den Einsatz militärischer Mittel erforderlich machen kann. "Es wäre", schreibt er, "nicht das erste Mal, dass ein Krieg neues Recht schafft."

Sofkys Buch ist eine notwendige und - wie mir scheint - überzeugende Korrektur der Illusionen, die so weit verbreitet waren und es zum Teil auch heute noch sind. Das letzte Wort über den Irak Krieg, vor allem, ob er erfolgreich war, kann und will dieses Buch nicht sein, dazu fehlt uns heute nicht nur die volle Kenntnis der Tatsachen, sondern auch der notwendige Abstand. Ein solches Buch wird in zehn, wahrscheinlich eher in zwanzig Jahren geschrieben werden.
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