Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
18.7.2003
Henning Sietz
Attentat auf Adenauer
Pascal Fischer

Es ist der 27. März 1952. Die Abendnachrichten bringen Außergewöhnliches:

O-Ton: "Bei der Öffnung eines an Bundeskanzler Konrad Adenauer adressierten Pakets wurde gestern Abend ein Sprengmeister der Münchener Feuerwehr schwer verletzt und erlag wenige Stunden später seinen Verwundungen."

Ein Unbekannter hatte das Paket zwei Jungen überreicht und ihnen aufgetragen, es zur Post zu bringen. Die misstrauischen Jungen jedoch hatten es bei der Polizei abgegeben.

Die Hintergründe des Anschlags lagen bisher im Dunkeln. Henning Sietz, Journalist für die FAZ und die ZEIT, fand nach umfangreichen Recherchen auch die Ermittlungsakte im Hauptstaatsarchiv München. Mit der "geheimen Geschichte eines politischen Attentats" - so der Untertitel des Buches - will der Autor erklären, warum die Ermittlungen angeblich ergebnislos verliefen.

Chronologisch und spannend erzählt Sietz von den Untersuchungen. Wenige Tage nach dem Anschlag geht bei Pariser Nachrichtenagenturen ein Bekennerschreiben ein. Die erste heiße Spur ist politisch brisant: Die Täter scheinen jüdische Extremisten zu sein und schreiben:

"Wir befinden uns im Krieg mit dem Volk der Meuchelmörder. Die Welt soll wissen, dass das jüdische Volk niemals die Rückkehr des Volkes der Deutschen in die Gemeinschaft der Völker zulassen wird."

Gerade diese Integration war eines von Adenauers großen außenpolitischen Zielen: Schon ein halbes Jahr vor dem Anschlag hatte Adenauer im Bundestag daher die Aussöhnung mit Israel zum Programm erhoben:

Adenauer: "Die Bundesregierung ist bereit, gemeinsam mit Vertretern des Judentums und des Staates Israel eine Lösung des materiellen Wiedergutmachungsproblems herbeizuführen um damit den Weg zur seelischen Bereinigung unendlichen Leides zu erleichtern."

Nur fünf Tage vor dem Attentat hatten die so genannten Wiedergutmachungsverhandlungen in Wassenaar bei Den Haag begonnen. Detailliert beschreibt Sietz das Taktieren beider Delegationen - und ihre Angst. Zwei Briefbomben gingen an die deutsche Delegation, konnten aber entschärft werden. Die Israelis fürchteten sich ebenfalls vor Anschlägen, denn die Verhandlungen waren in Israel höchst umstritten.

Einerseits brauchte der junge Staat dringend Geld. Israel wurde von den arabischen Nachbarn boykottiert. Es fehlte an allem, aber Zehntausende von Einwanderern kamen aus aller Welt, erinnerte sich später Nahum Goldmann, der damalige Präsident des jüdischen Weltkongresses:

Goldmann: "Für Israel, besonders in jenen schwierigen finanziellen Zeiten, war das Abkommen geradezu eine Rettung. Für Hunderttausende Juden, Opfer des Nazismus, hat dieser Vertrag die Möglichkeit gegeben, ein neues Leben anzufangen, in jedem Fall aber eine bedeutende Verbesserung ihrer Lage herbeizuführen."

Andererseits waren viele Israelis empört: Man wollte von den Deutschen kein Blutgeld für den millionenfachen Mord an den Juden erhalten. Das Attentat, so Sietz, war auch eine Botschaft an den israelischen Ministerpräsidenten, der sich für das deutsch-israelische Abkommen einsetzte:

Sietz: "Eines der Ziele war zweifellos Ben Gurion. Die Einigung mit Israel war unter anderem nur deshalb möglich, weil die Hintergründe des Attentats nie bekannt wurden."

Sietz verfolgt jede Fährte der Ermittler: Ein Informant lenkte das Augenmerk auf Jakob Farsthej, einen in Paris lebenden Juden. Er war Mitglied der jüdischen Untergrundorganisation "Irgun Zwai Leumi" gewesen, einer rechtszionistischen Gruppierung. Sie kämpfte gegen die Briten und trieb die illegale Einwanderung von Juden nach Palästina voran. 1948 offiziell aufgelöst, gab es in ganz Europa noch Splittergruppen. Einige, so der Schluss von Sietz, wollten ihre Tätigkeiten nicht aufgeben und waren am Attentat auf Adenauer beteiligt. Indizien weisen auf das Brüderpaar Abraham und Josef Kronstein. Letzterer bleibt ein Phantom.

Sietz: "Als man ihm immer näherrückte, ist er sozusagen untergetaucht in München. Und dann nach wenigen Wochen hat er die Bundesrepublik verlassen und ist nach Israel gegangen."

Wie viele der vermutlichen Täter. 1978 wurde die Akte geschlossen.

Ausführlich beschreibt Sietz, woran die Ermittlungen scheiterten.

Da war das belastete Verhältnis zu Frankreich: Anfang April wurden in Paris fünf Israelis festgenommen. Sie wurden verdächtigt, am Attentat beteiligt gewesen zu sein. Ermittlungsleiter Josef Ochs reiste daraufhin nach Frankreich. Doch vier der fünf Israelis waren längst ausgewiesen worden. Über den noch inhaftierten lägen keinerlei Erkenntnisse vor, hörte Ochs von seinem französischen Kollegen. An Amtshilfe war Frankreich nicht interessiert, aus mehreren Gründen:

Sietz: "Einer der wichtigsten besteht wohl darin, dass Frankreich mit dem Irgun sehr lange kooperiert hatte, in den Jahren 1946 bis 1949. Paris hat die Gruppe gewähren lassen, sofern die französischen Gesetze nicht übertreten wurden."

Die deutschen Ermittler waren auch aufgrund ihrer Vergangenheit in Frankreich unwillkommen. Viele hatten im Reichssicherheitshauptamt gearbeitet.

Sietz: "Sie waren alle mehr oder weniger vorbelastet. Der schlimmste Fall war Theo Saevecke. Der hatte zum Beispiel eine Auszeichnung bekommen für die 'erfolgreiche Bearbeitung der Judenfrage im tunesischen Raum' - was auch immer das heißt. Er hat in Mailand Judentransporte zusammengestellt. Die gingen nach Auschwitz."

Weiterhin wurden die Untersuchungen auch behindert durch Zuständigkeitsstreitereien, zwischen dem BKA und dem bayerischen Landeskriminalamt. Beide wurden erst in den fünfziger Jahren vollends ausgebaut.

Zu guter letzt waren die Ermittler fast alle mit der politischen Einschätzung von Personen überfordert, ebenso mit dem Verständnis historischer Prozesse:

"Zwischen Sozialisten und Sozialdemokraten zu unterscheiden kam ihnen nicht in den Sinn, das waren "Kommunisten". Über den Holocaust herrscht in den Akten ein deutlich vernehmbares Schweigen, obwohl der Völkermord der Deutschen an den Juden unübersehbar der Horizont ist, vor dem sich das Attentat auf Adenauer abspielte. - Es ist weiterhin offensichtlich, dass die Ermittler nicht den geringsten Begriff von Judentum und Israel hatten. So glichen die ausführlichen Vernehmungen mit dem jüdischen Journalisten Goldberg einer Nachhilfestunde in Fragen der jüdischen Geschichte und des Judentums."

Oft wird Sietz zu weitschweifig: Er referiert die Biographien zu Unrecht Verdächtigter, abwegige Hypothesen über den Attentatsverlauf und das Netz jüdischer Untergrundorganisationen.

Enttäuschend bleibt vor allem: Sietz kann keine abgesicherte Auskunft über die Täter und den genauen Verlauf des Attentats geben. Vermutlich hat Josef Kronstein den Münchener Jungen die Bombe übergegeben, ein Mann namens Lutan brachte diese zuvor nach München, andere hatten sie gebaut, allesamt Menschen, die dem Irgun nahe standen. Der Täterkreis sei noch größer gewesen:

Sietz: "Dann gab es Leute, die von Paris nach Den Haag fuhren, um dort die beiden Briefbomben in den Postkreislauf zu geben. Es gab Leute in der Schweiz, die das Bekennerschreiben tippten, verfassten, zur Post brachten. Man kann annehmen, dass der Kreis der Attentäter etwa 15 Personen umfasst haben muss."

Adenauer schwieg über die Vorgänge. Der Misserfolg der Ermittler und das Ausbleiben von Prozessen, so Sietz, habe in seinem Interesse gelegen.

"Man darf annehmen, dass Adenauer jeden Versuch einer Auslieferung und der Vorbereitung eines Prozesses verhindert hätte. Denn bei ernsthaften Bemühungen um eine Auslieferung, bei einem Prozess, hätte Deutschland nur verlieren können, vor allem mit Alt-Nazis und ehemaligen SS-Leuten als Ermittlern und Richtern. Es klingt zynisch, aber die politische Großwetterlage war so beschaffen."

Deshalb blieb auch die Presse mäßig kritisch. Nachgehakt wurde nie.

Sietz: "Ich glaube, man hatte nicht nur ein schlechtes Gewissen, sondern man hatte geradezu eine Furcht, dieses Thema anzurühren. Der investigative Journalismus war noch nicht erfunden."

Das Fazit bleibt zwiespältig: Einerseits bleiben auch nach der Lektüre des Buches viele Fragen offen. So geht es nicht um "kriminalistische Beweisführung, sondern um historische Plausibilität", schreibt der Autor selbst einschränkend. Auf der anderen Seite spiegelt sich im Buch auch das Bild der jungen Bundesrepublik. Zumindest dies ist Sietz sehr gut gelungen.
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