Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
25.7.2003
Claudia Rusch
Meine Freie Deutsche Jugend
Lutz Rathenow

Mit einem Text von Wolfgang Hilbig

Ost-Selbstbewusstsein ist angesagt. Bestseller über "Zonenkinder" oder Diskurse zu einem Werk mit dem Titel "Die Ostdeutschen als Avantgarde" geben einen Ton an, der ein Thema wie den 17. Juni nur als Missstimmung wahrnimmt. Es handelt sich wohl um ein Kompensationsgeschäft: Wer schon keine wirtschaftliche Perspektive hat, soll sich wenigstens wichtig fühlen dürfen. Kunst, Filme und Bücher bieten Aufmerksamkeit als Trost. Und vielleicht lässt sich damit auch Geld verdienen - würde sonst RTL Kati Witt mit der Moderation einer DDR-Show beauftragen? Elektrisiert sind Verleger vom Dauererfolg Jana Hensels, deren "Zonenkinder” von der Generation handeln, bei der Erwachsenwerden mit dem Verschwinden der DDR zusammenfiel. Eine Generation, die zu jung war bis 1989 wirklich unangenehme politische Erfahrungen mit dem Staat DDR zu machen. Mochte man fast schon glauben - bis zur Lektüre von Claudia Ruschs Band "Meine Freie Deutsche Jugend”. Auch da präsentiert sich erst einmal Ost-Selbstbewusstsein im heiteren Verabschiedungslook. Sie entstammt dieser Zonenkinder-Generation. Fröhlich und manchmal flapsig erzählt sie los - von einer glücklichen Kindheit an der Ostseeküste und dann in Grünheide bei Berlin. Als Mutprobe will die kleine Claudia - gerade Schulkind geworden - einmal am Abend allein durch den Wald gehen, um die Großmutter von der Bushaltestelle abzuholen. Die Mutter läuft sicherheitshalber hinterher. Und die Staatssicherheit observiert beide.

"Es war d e r Narrenumzug der Saison. Zu NVA-Lied marschierende Tochter vorn, subversive Mutter dahinter, der durchgeschüttelte Stasi-Lada im Schlepptau. Alles im gebührenden Sicherheitsabstand. Als ich die Bushaltestelle erreicht hatte, versteckte sich meine Mutter im Halbdunkel. Der Wagen bremste und blieb in einem der tiefen Straßenlöcher stecken. Es war wie im Film. Aufgeregt beobachtete die Stasi, wie meine Mutter die Ankunft des Busses abwartete und dann in großer Eile zurücklief. Aha. Nix wie hinterher - aber der Lada saß fest."

Claudia Rusch hat eine ungewöhnliche DDR-Normalität anzubieten. Ihre Mutter verkehrte mit Staatsfeinden und dem prominenten Dissidenten Robert Havemann. Der stand nach der Biermann-Ausbürgerung jahrelang unter Hausarrest, so dass auch Freunde noch Beschatter abbekommen. Das liefert Stoff für Anekdoten, aus denen sich dieses Buch der 1971 geborenen Claudia entwickelt. Sein Inhalt formal: eine Sammlung von Episoden unterschiedlichen Gewichts, locker verknüpft durch Reflexionen. Der biografische Hintergrund liest sich im Klappentext karg. Nach dem endgültigen Umzug ins nahe Berlin 1982 heißt es über die Autorin: "Sie studierte Germanistik und Romanistik, arbeitete sechs Jahre als Fernseh-Redakteurin und lebt als Autorin in Berlin." Beim Lesen kommt zunächst der Verdacht von Oberflächlichkeit auf. Gerade wenn die Staatssicherheit als Objekt des Spottes vorkommt. Denn in den Häusern Rusch und Havemann sind die Bewacher vor dem Gartenzaun oder im Auto auf der Straße nur "Kakerlaken". Claudia wusste nicht, dass man Küchenschaben so nennt. Sie zeigt sich bei der Besichtigung einer Studentenunterkunft in Berlin geschockt als ihr Freund auf die vielen Kakerlaken hinweist.

"Außer mir, kreischte ich los: 'Du hast 200 Kakerlaken hinter der Küchenspüle!?' Und ich sah es schlagartig vor mir: die Miniküche.....die Spüle gegenüber der Zimmertür, in Höhe der Armaturen ein riesiges Loch im Gemäuer, dahinter ein Raum, in dem 200 Männer standen, eng aneinander gedrängt, wie in einem überfüllten Bus, und alle schauten unbeweglich durch das Loch über dem Wasserhahn..... Nie im Leben war so ein vermufftes Studentenwohnheim so wichtig, dass sich zwei Hundertschaften Stasimänner dafür in einen winzigen Raum hinter einer Küchenwand pferchen ließen. Nicht mal für Frieden und Sozialismus."

Die Autorin erfährt die Wahrheit über wirkliche Kakerlaken. Und der Leser erfährt von ihrer Reisesehnsucht und ihrem Traum von Paris. Frankreich als die große Liebe prägt das ganze Buch. Selten wird die Abgrenzungspraxis der DDR gegenüber dem Westen, die Reiseverbote als ihr deutlichster Ausdruck, so sinnlich konkret in ihrer Wirkung auf ein Kind und später auf die Heranwachsende vorgeführt. Es gibt dann Konfrontationen mit Polizisten, Auseinandersetzungen um den Aufnäher "Schwerter zu Flugscharen" - das Kind wird gegen seinen Willen von den Dissidenten-Eltern als Zehnjährige in den schulischen Klassenkampf geschickt. Und zwei liebevoll geschilderte Oppositionelle aus Tschechien werden nach dem Prager Frühling 1968 eine Weile in der DDR versteckt. Claudia Rusch entwirft mit leichter Hand Geschichten, die ihren Ernst beiläufig entfalten. Daneben die Probleme einer hochbegabten und vom Unterricht entsprechend gelangweilten Schülerin. Lehrer und Schule werden deutlich kritisiert - aber eine Direktorin beschreibt sie voller Sympathie. Sie erweist sich als rettender Engel, der Claudia die Studienzulassung ermöglichte. Überhaupt gibt es immer wieder Menschen, die anderen helfen. Alles in diesem Buch hat der Leser irgendwo schon so ähnlich gelesen - und doch bekommt es in diesem Text eine neue Nuance. Auf Promi-Anekdoten verzichtet sie. Beschrieben werden im Buch unbekannte Menschen und ihre verschiedenen Arten, Eigensinn gegenüber den Ansprüchen eines Staates zu beweisen. Mit wenigen Sätzen bekommt ihr zweiter Vater ein Profil, die Andersdenkenden in der DDR erhalten ein Antlitz - aus dem Blickwinkel eines Kindes, ergänzt um das nachträgliche Wissen einer Herangewachsenen.

"Ich habe die Entscheidung meiner Eltern, in der Opposition zu leben, nicht mitgetroffen. Ich war ihr ausgeliefert. Heute bin ich ihnen dankbar. Sie haben mich damit privilegiert. Ich weiß genau, in welchem Land ich groß geworden bin..... Als Mädchen war ich dagegen zerrissen zwischen dem Wunsch nach Unauffälligkeit und der Würde einer Eingeweihten. Ich gehörte zu einem exklusiven Club, aber manchmal wäre ich gern angepasster DDR-Durchschnitt gewesen. Mit den Eltern in der Partei, FDGB-Urlaub in Kühlungsborn und einer Dreizimmerwohnung in Marzahn. Ohne Geheimnisse. Einfach in der Menge verschwinden."

Warum sollte ein junger Westdeutscher so eine Geschichte lesen? Weil sie gut und fast spannend erzählt ist. Weil sie eine nachträgliche Idealisierung auch der Oppositionellen vermeidet und dennoch ihre Haltung sympathisch vertritt. Gemischte Gefühle werden in knappen Psychogrammen nachvollziehbar. Sie deuten heute weiterwirkende Spannungen an - so mancher Ex-DDR-Bürger schwankt zwischen Ostrotz und seinem Wunsch, einfach normaler Altbundesbürger zu sein. Aber so einfach ist das nicht, die andere Vergangenheit führt zu veränderten Echos in die Gegenwart. Von all dem handelt dieses Buch. Es vollführt keine Katalogisierung der DDR-Vergangenheit. Über den auch bei Jana Hensel gehuldigten Produktfetischismus macht sich Rusch anhand einer als eklig beschriebenen DDR-Süßcreme lustig. Die Rusch erklärt nicht die DDR, sondern erzählt sie und liefert so Hintergründe für mögliche Interpretationen.

Die ergänzt im Nachwort der Georg-Büchner-Preisträger Wolfgang Hilbig sehr engagiert. Er stellt diesem 150-Seiten-Buch ganze Bibliotheken voller DDR-Literatur gegenüber. Das Lesen zwischen den Zeilen habe ihm ihre Lektüre oft - O-Ton Hilbig, vergällt.

Hilbig: "Schreibweisen, die den Leser in Unklarheiten zu verstricken suchten, und die damit am Ende staatstragend waren, weil das DDR-System Unklarheit über seinen wahren Zustand brauchte."

Und abgesehen vom energischen Lob für die Autorin, kommt Hilbig noch zu einer verallgemeinernden Aussage:

"...diese Geschichten sind.....immer wieder voll von Geschichte: es gibt in ihnen keine erfundenen Figuren...ich meine fast, das Leben der DDR-Bürger war zu reich, als dass es nötig gewesen wäre, Figuren zu erfinden."

Schon der unzulässig verallgemeinernde Begriff "Zonenkinder" ist so eine Fiktion, die den Zugang zur DDR-Geschichte eher versperrt. Claudia Rusch öffnet ihn und schärft den Blick für die verschiedene Arten der Normalität. Die leben auch in einer DDR nebeneinanderher und berühren sich manchmal. Die Autorin will ankommen, gerade auch bei Gleichaltrigen, und biedert sich dennoch nicht an. Sicher sollte sie an mancher Stelle weitererzählen und nachfragen. Hier wurde eine Geschichte auch mediengerecht aufbereitet - lohnen würde sich die Verfilmung trotzdem. Gegen Ende gewinnt das Buch in zwei Episoden einen Ernst, der ergreift. Es geht noch einmal um die Stasi und es geht um das Reisen. Claudia Rusch hatte alles für ihre Ausreise vorbereitet und getraut sich Jahre nach dem Mauerfall nicht, das ihren Eltern zu sagen. Denn in der DDR bleiben und kämpfen war halt Dissidentenpflicht. Als es zur Beichte kommt, hört sie von den Eltern, dass die vor dem Mauerfall längst schon Absprachen für eine mögliche Scheinheirat der Tochter getroffen hatten. Weil sie wissen, die würde den Staat kein DDR-Leben lang ertragen. Auch die letzte Geschichte von der Staatssicherheit verweist in die Gegenwart. Drei Jahre nach dem Ende der DDR quält Mutter und Tochter Rusch die Gewissheit, seit dreißig Jahren einen für die Stasi berichterstattenden Spitzel im engsten Freundeskreis gehabt zu haben. Die von der Tochter so geliebte Oma gerät in Verdacht - beide können damit kaum noch leben. Der Stil im Buch verändert sich auf diesen Seiten. Die Mutter redet mit einer befreundeten Psychologin und fühlt sich beim Abschied schon besser. Mehr im Weggehen sagt sie, dass sie ja hoffe in zwei Wochen endlich den Klarnamen zu erfahren. Da gesteht die gute Freundin, der Spitzel gewesen zu sein. Warum?

"Sie haben mir nicht gedroht. Ich wurde gefragt, und ich habe ja gesagt. Dann haben sie mich auf dich angesetzt. Es gibt keinen Grund."

Es kann nicht alles verziehen oder weggelacht werden.

"Es ging nicht um die gelogene Freundschaft oder das Bespitzeln. Es ging darum, dass sie bewusst ein System unterstützt hatte, das jeden Verrat möglich machte. Jeden. Es gab nichts mehr zu erklären."

Wenn man wollte, könnte man bei all den Berührungen mit Menschen aus Frankreich, Italien, Tschechien und anderen Staaten ein Buch mit europäischer Perspektive herausdeuten. Hier schreibt sich eine Autorin zumindest in das wieder vereinte Deutschland hinein und verbreitet gleichzeitig ein unspektakuläres DDR-Selbstbewusstsein - Lust am Erinnern inbegriffen. Um die DDR wirklich verschwinden zu lassen, muss sie erst erzählt werden. Auch jene von einer glücklichen Kindheit in einem missglückten Land - die von Claudia Rusch wird nicht die letzte besprechenswerte gewesen sein.
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