Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
8.8.2003
Florian Illies
Generation Golf Zwei
Reinhard Kreissl

Florian Illies wurde vor einigen Jahren mit seinem Buch über die Generation Golf, das als Schlüsseltext für die Befindlichkeit der damals unter Dreißigjährigen gefeiert wurde, bekannt. Diesen Erfolg ausnutzend liegt jetzt mit Generation Golf zwei eine weitere Veröffentlichung vor, die thematisch an den ersten Bestseller anschließt. Das Buch gehört in eine Kategorie kultureller Phänomene in der auch Hotlines, Last-Minute-Flüge und Onlinebestellungen zu Hause sind. Sie existieren im wesentlichen im Modus der medialen Beschwörung - oder haben Sie schon mal bei einer dieser Servicetelefonnummern wirklich eine Auskunft bekommen? Bei Tageslicht betrachtet sind die Bekenntnisse und Räsonzements, die Florian Illies in seinem Buch Generation Golf zwei präsentiert, dünn und ihr zeitdiagnostischer Wert eher zweifelhaft. Was den Erfolg solcher zwischen kokett pennälerhafter Bekenntnisliteratur und seriösem Sachbuch mäandernden Texte ausmacht, ist nicht ihr intellektueller oder analytischer Gehalt, sondern ihr Identifikationswert - So möchte doch jeder Dreißigjährige leiden, und diese Art von Problemen, sind in der Tat herzzerreißend:

"Denn wir, die wir dank Interrail, höheren Taschengelds und gesellschaftlicher Freiheit mit achtzehn die Wahl hatten, auf Mallorca oder in Griechenland Urlaub zu machen, und mit zwanzig, ob wir lieber in Genf, London oder Amerika studieren wollten, wir waren von unseren Eltern und Lehrern so sehr auf ein Leben jenseits der Nationalstaaten vorbereitet worden, dass es uns einfach nicht gelingen wollte, Heimatgefühl und Patriotismus zu einem Schlüsselerlebnis werden zu lassen."

Das fällt Illies zum 9. November 1989 ein, wo sich für die am Fernsehschirm die Wiedervereinigung mitverfolgenden Golfer das Gefühl des Patriotismus nicht so recht einstellen wollte. Wer derart possierlich über die eigene Befindlichkeit berichten kann, der wäre auch jeder FAZ - Abonnentin als Schwiegersohn willkommen. Vom Heiraten wird in dem Buch im übrigen auch berichtet, vom gebrochenen, aber doch immerhin anständigen Umgang mit den sogenannten bürgerlichen Traditionen. Vieles von dem, was da geschildert wird, hat jedoch mit der Lebenswelt der Leserschaft wenig zu tun. Aber die kann sich bei der Lektüre vorstellen, es ginge ihr ähnlich und das vermittelt jenen wohligen Schauder, der solchen Büchern zum Erfolg verhilft. Illies schwingt sich auf zur Hera Lind für die gerade mal erwachsen gewordenen jungen Männer. Er gibt das, was die Amerikaner ein Role-Model nennen, allerdings ohne einen How-to-Do-Teil, keine praktischen Ratschläge fürs alters- und statusgemäße Verwirrtsein, das wird vom Autor eher vorgeführt, als analysiert.

Das Buch zieht sich über acht Kapitel hin, jedes thematisch mehr oder weniger fokussiert, es handelt vom Umgang mit Beziehungen und das Verhältnis zu den eigenen Eltern, berichtet über Politik, den Börsencrash und seine Folgen, bis hin zum Leben in Berlin. Das Berlin-Kapitel zählt übrigens zu den lesenswerteren. Ansonsten hat man oft den Eindruck, Illies habe seine Festplatte von nicht gedruckten Glossen zu verschiedenen Themen gereinigt, das ganze mit Zwischentexten versehen und dafür vom Blessing-Verlag ein ordentliches Honorar kassiert, was dann wieder zur Folge hatte, dass offensichtlich verlagsseitig das Lektorat eingespart wurde. Es macht sich nicht gut, wenn schon auf der ersten Seite das erste halbwegs komplizierte Wort falsch geschrieben wird. Esberitox schreibt sich nicht mit P und im weiteren Verlauf des Textes möchte man den Autor immer wieder daran erinnern, dass nicht alles was hinkt, auch schon ein guter Vergleich ist.

Illies mischt allgemeines Räsonieren mit persönlich gefärbten Beobachtungen aus dem Alltag seiner Peergroup. Es ist ein legitimes Stilmittel, an einer mikrologischen Petitesse, an der präzisen Schilderung eines trivialen Ereignisses, das große Ganze, oder besser gesagt, das, was davon übrig ist, zu exemplifizieren. Darin haben Adorno und Benjamin eine unerreichte Meisterschaft entwickelt und zeitgenössische Autoren wie Zygmunt Bauman oder Ulrich Beck verstehen es, am Exemplarischen das Allgemeine freizulegen. Auch Illies gelingen in dem Buch immer wieder brillante Formulierungen, plötzlich blitzt ein Gedanke auf, stößt man beim Umblättern unerwartet auf eine Einsicht. Aber es ist ein mühsames Geschäft, die wenigen Nuggets aus dem Schlamm der Gemeinplätze herauszusieben. Wer seitenlang über Rudolf Scharping im Pool Witze macht, disqualifiziert sich als zeitdiagnostischer Ironiker. Gut getroffen ist hingegen die Umbenennung West-Berlins in Harald-Juhnke-Staat, aber beim Anblick des gleichnamigen Verhüllungskünstlers vor dem Berliner Reichstag vom Leiden Christo zu kalauern, das ist bestenfalls zweite Wahl.

Es ist nicht einfach, bei der kritischen Lektüre des Buchs über eine solche am Modell des Schulaufsatzes orientierte Art des Mäkelns hinauszugelangen. Es hat zu wenig Substanz und zu viel von den einschlägig interessierten Greisen schon ausgeleiertes Ressentiment. Nur gelegentlich, wenn er, wie im letzten Kapitel, vollkommen ins Absurde abdreht, gewinnt der Text plötzlich Fahrt. Wenn Illies einen Blick in die Zukunft wirft, klingt das so. Deutschland liegt im Jahr 2006 danieder:

"Die Amerikaner haben bereits wieder damit begonnen, über Mecklenburg, der bayerischen Rhön und dem Hunsrück aus B-52-Bombern Care-Pakete für die deutsche Bevölkerung abzuwerfen. Einmal verletzen sie dabei leider Jörg Kachelmann, der gerade für die Tagesschau von einer Wetterstation an der Ostsee berichtet und dabei live von einem aus dreitausend Meter fallenden Big Mac an der Schulter getroffen wird."

Für den deutschen Fußball sieht Illies ebenfalls schwarz.

Zudem gilt die deutsche Nationalmannschaft von vorneherein als chancenlos, weil es RTL-Gerichtshow-Moderator Guido Westerwelle geglückt ist, sich vor dem Bundesverfassungsgericht in die Stammelf einzuklagen.

Das hat mehr Drive und Witz als manche leider nur larmoyant wirkende Schilderung des eigenen Tagesablaufs mit eingesprenkelten Weisheiten über den Gang der Dinge an der Börse und auf dem Arbeitsmarkt. Und schließlich wünschte man dem jungen Herrn Illies ein etwas entspannteres Verhältnis zu seinen Lieblingsfeinden, den sogenannten 68-ern. Alles, was ihm nicht passt, wird den Vertretern dieser Spezies zugerechnet. Selbst die Tatsache, dass er keinen ordentlichen Generationenkonflikt mitbekommen hat, verdankt er diesen eigenartigen Wesen. Dabei sind die regelmäßig über den Text verstreuten Schmähungen der 68-er doch der beste Beweis dafür, dass zumindest der Autor seinen Konflikt hat. Dass die Angegriffenen dann vielleicht nicht mitspielen, ist schade, aber im Angesicht der Leiden des Jungen I. durchaus nachvollziehbar.
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