Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
22.8.2003
Peter Bender
Weltmacht Amerika
Hartmut Jennerjahn

Um die gewaltige Macht der Vereinigten Staaten zu veranschaulichen, schreibt Peter Bender, falle Politikern, Professoren und Publizisten fast immer das Römische Reich ein:

"Der Status der einzigen Weltmacht ist historisch nahezu beispiellos, nicht zufällig gehen fast alle, die Amerikas einzigartige Stellung verständlich machen wollen, zweitausend Jahre bis zum Imperium Romanum zurück."

Weder das antike Rom noch die Vereinigten Staaten hätten ihre Weltmachtrolle zielstrebig errungen, diese sei ihnen eher zugefallen, durch die Schwäche anderer Mächte begünstigt. Rom sei expansiv aus defensiver Absicht gewesen, es habe auf Entwicklungen und Ereignisse reagiert, seine Ausdehnung habe sich planlos nach allen Richtungen vollzogen, aus denen Gefahr zu drohen schien. Das eigene Sicherheitsbedürfnis habe die Politik bestimmt. Alle Rivalen habe es "aus dem Rennen geworfen", bis seine Macht nicht mehr in Frage gestellt, seine Sicherheit nicht mehr bedroht werden konnte:

"Aber die totale Sicherheit hatte ihren Preis, sie wurde durch die Notwendigkeit erkauft, die gesamte bekannte Welt unter Kontrolle zu halten."

Seit dem römischen Reich, zitiert Bender aus der amerikanischen Debatte, habe es in der Geschichte kein Land gegeben, das kulturell, wirtschaftlich, technisch und militärisch so dominant gewesen sei wie heute die Vereinigten Staaten. Aus dieser Vormachtrolle ergeben sich Zwänge, Pflichten und Verstrickungen. Rom wie die USA seien "zu Gefangenen ihrer selbst, ihrer Größe und Grundsätze, ihres Ruhmes und ihrer Macht geworden".

"Rom und Amerika expandierten, weil sie überwach auf wirkliche und vermeintliche Gefahren antworteten und nicht nachließen, bis sie den Gegner niedergeworfen hatten. Beide drängten auf Sieg- und nicht auf Verhandlungsfrieden, ihr Ziel war die bedingungslose Kapitulation."

Immer wieder kommt Bender auf den - durchaus problematischen - Begriff der Insellage, der insularen Selbstbeschränkung zurück, die Rom wie die Vereinigten Staaten häufig hätten zögern lassen, ihre Macht auszudehnen. Gemeinsam sei ihnen ihre Offenheit für andere gewesen, mit der sie sich - sei es durch territoriale Gewinne oder als Einwanderungsland - eine breite, sich ständig erweiternde Bevölkerungsbasis geschaffen hätten. Erst dadurch sei ihre militärische und wirtschaftliche Ausdehnung möglich geworden. Während Rom die Welt nicht habe bessern, sondern beherrschen wollen, sei es stets der politische Traum der Amerikaner gewesen, die Welt nach ihrem Bilde zu formen.

"Bei den Amerikanern stand der Sendungsglaube schon am Anfang und nicht erst am Ende wie bei den Römern."

Zwei Traditionslinien hätten in der amerikanischen Politik stets im Widerstreit gelegen: Isolationismus und internationales Engagement. Die Aufteilung der Welt in Gut und Böse, missionarischer Eifer hätten eine wichtige Rolle gespielt, politische Glaubensgewissheit sei ein wesentliches Element amerikanischer Außenpolitik:

"Die Amerikaner führten ihre Kriege nie allein für ihre Sicherheit, sondern immer auch für höhere Zwecke, Freiheit, Recht, Demokratie, beides gehörte für sie zusammen: Wenn die Vormacht der Freiheit nicht sicher war, war auch die Freiheit in Gefahr, was Amerika bedrohte, bedrohte folglich die Menschheit."

Der Weg zur Hegemonialmacht war keineswegs geradlinig. In den ersten Weltkrieg traten die Vereinigten Staaten erst spät, nach langem Zögern ein, verstrickten sich, wie Bender schreibt, in vielen kleinen Schritten und nur allmählich in den europäischen Konflikt. Danach kehrten sie noch einmal zum Isolationismus zurück. Endgültig zum weltpolitischen Akteur seien sie mit dem Zweiten Weltkrieg geworden, mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941, dem die Kriegserklärung durch das nationalsozialistische Deutschland folgte:

"Pearl Harbour erzwang den Schritt von insularer Selbstbeschränkung zur Weltmachtpolitik. ... Eine Tradition von anderthalb Jahrhunderten stand gegen die Auffassung einer neuen Zeit, die Verteidiger des alten Amerika, das sich selbst genug war, standen gegen die Anwälte eines neuen Amerika, das in die Welt drängte."

Nach dem Zweiten Weltkrieg war ein Rückzug aus Europa keine ernsthafte Option. Die einstigen Alliierten Vereinigte Staaten und Sowjetunion wurden Rivalen im Ost-West-Konflikt. Den Wettkampf der Systeme vierzig Jahre durchgehalten und gewonnen zu haben, sei Amerikas Leistung gewesen, stellt Bender nüchtern fest. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 seien die USA die einzige Weltmacht, auch wenn sie nicht die Mittel hätten, großen Staaten wie Russland, China, Indien, Indonesien ihren Willen aufzuzwingen.

Höchst kritisch bewertet Bender, wie die Vereinigten Staaten ihre Dominanz in der internationalen Politik nutzen. Weltweite Friedenspflichten zu erfüllen, verleite zur Überanstrengung. Präsident George Bush wehre sich gegen alles, was Amerikas Macht und politische Bewegungsfreiheit beschränken könne. Dieses herrschaftliche Selbstgefühl habe die USA bewogen, ihre Sicherheit nur noch allein zu schützen. Mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sei der Traum von der absoluten Sicherheit zerstoben, getroffen worden sei damit auch Amerikas Selbstbewusstsein. Die Wirkung überträfe noch die des Angriffs auf Pearl Harbour, an den auch Präsident Bush in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag im Mai vorigen Jahres erinnerte:

George Bush: ("September the 11th 2001 cut a deep deviding line ... Der 11. September war ein tiefer Einschnitt in unserer Geschichte, genauso groß und tief wie Pearl Harbour oder die Blockade Berlins. Es gibt keine wirkliche Sicherheit in einer Welt des Terrorismus, weder für meine Nation noch für irgendeine andere. ...nor for any nation") Bush, so argumentiert Bender, lasse die Terroristen ebenso gefährlich erscheinen wie Feinde im Krieg, was die Teilung der Welt in Gut und Böse erlaube. Diesem Muster entsprach, was Bush gut eine Woche nach den Terrorakten sagte:

Bush: ("Every nation in every region now has a decision to make: either you are with us or you are with the terrorists") - "Jetzt müssen sich alle Nationen in jeder Region entscheiden: entweder ihr seid auf unserer Seite oder auf der Seite der Terroristen."

Bushs Vater habe gut ein Jahrzehnt zuvor als Präsident im Einklang mit den Vereinten Nationen und der Weltmeinung eine Koalition gegen den Irak geschmiedet. Bush junior dagegen habe unter Missachtung, ja Verachtung der Weltmeinung den Krieg gegen den Irak in diesem Jahr vorbereitet. Er und seine Helfer hätten alle Rücksicht fahren lassen:

"Nicht einmal ein Jahr brauchten sie, um die große und ehrliche Teilnahme zu verspielen, die Amerika nach dem Massenmord der Terroristen von aller Welt erhielt."

Einprägsame, zugespitzte Formulierungen durchziehen Peter Benders Buch wie kurz gefasste Kommentare. Es sind anregende Reflexionen über den Aufstieg großer Mächte, über die Lasten und Versuchungen, die mit unangefochtener Dominanz verbunden sein können. Unprätentiös, in leicht lesbarem Stil geschrieben, wird die Darstellung allerdings durch abrupte Wechsel von römischer Geschichte zu amerikanischer Weltmachtpolitik erschwert. Es gibt einige Wiederholungen und manche Sprachfloskel.

Den Untertitel "Das Neue Rom" hebt Peter Bender inhaltlich auf. Für ihn haben die USA - wie er es nennt - nur die erste Stufe der Weltmacht erreicht, und sie müssten sich um mehr kümmern, als sie leisten könnten. Amerika könne gegen den Protest der halben Welt fast alles tun, was es wolle, doch die zweite Stufe der Weltmacht, auf der Rom gestanden habe, bleibe unerreichbar - die Vereinigten Staaten könnten nicht alle zwingen zu tun, was sie wollten, und ein Imperium wie das römische könnten sie nicht schaffen:

"Mit dem Jahr 2003 hat der Vergleich zwischen Amerika und Rom ein Ende. Als die einzige, alles überragende Weltmacht kennen wir die Vereinigten Staaten gerade ein Dutzend Jahre, Rom hingegen mehr als vierhundert Jahre."
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