Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
12.9.2003
Monika Maron
Geburtsort Berlin
Tilman Krause

In Berlin geboren zu sein, heißt ja eigentlich erst mal gar nichts. Der richtige Berliner kommt bekanntlich aus Breslau, wie schon Kurt Tucholsky sagt. Und seit Schlesien samt seiner alten Hauptstadt als Reservoir der jungen Talente, aus denen dann erst in Berlin wirklich was wird, seitdem Breslau also nicht mehr in Frage kommt, stammt zumindest der Berliner, der hier in kultureller Hinsicht was los hat und was los macht, eben aus Schwaben oder aus Bayern.

Wie keine andere deutsche Metropole hat sich Berlin von jeher definiert über die Leute, die von außen dazukamen und know how mitbrachten. Holländer, die wussten, wie man Kanäle anlegt und Straßen baut, Hugenotten, die das höhere Kunsthandwerk beherrschten und eben jene Schlesier, die mit Sprache umzugehen vermochten, man denke an Alfred Kerr und Alfred Döblin, an Franz Hessel und Arnold Zweig. Kurzum, Berliner ist man nicht, man wird es.

Wenn sich also, wie jetzt Monika Maron, jemand seines Geburtsortes Berlin so meint rühmen zu müssen, dass er diesen eher banalen Sachverhalt zum Titel eines ganzen, obgleich sehr schmalen Buches kürt, dann muss der schon eine ganze Menge Berlin-Untypisches zu bieten haben, vielleicht Charme oder gar Eleganz, um zwei nicht so furchtbar berlinische Eigenschaften zu bemühen. Und nun fragen wir: Tut das Monika Maron, eine Autorin, der wir einige herausragende Romane verdanken, eine Autorin, der wir zudem jede Menge intelligente Einlassungen zum Laufe der Zeit verdanken, tut das Monika Maron? Sie tut es, um gleich die Katze aus dem Sack zu lassen, nicht.

Sie ist so unelegant, diese Sammlung größtenteils bereits gedruckter Feuilletons als Neuausgabe auszugeben. Sie ist so uncharmant, uns beispielsweise ihren Ärger über ein Postamt so ungefiltert und schlecht gelaunt zu schildern, dass wir uns an all die plumpvertraulichen Mitteilungen jener Ur-Berliner erinnert fühlen, die uns als Hausmeister, Putzfrauen und Kassiererinnen ohnehin schon laufend nerven. Und sie stellt sich mit ihren tränenseligen Hymnen auf gruftige, schmuddelige Ost-Kneipen und mit ihrem trotzigen Eintreten für das Halten von Hunden - sie selbst nennt ein besonders schlecht erzogenes Exemplar dieser Gattung ihr Eigen - sie stellt sich also in der Mehrzahl dieser Texte so proletarisiert und ruppig dar, dass das Buch ein gefundenes Fressen für Berlinhasser abgeben dürfte.

Damit könnte diese Rezension ihr Bewenden haben, wenn Monika Maron nicht doch zweierlei böte, was ihr Buch interessant macht: Die sehr anschauliche Erinnerung an eine politische Epoche, die inzwischen Geschichte ist und eine ausgesprochen eigenwillige Antwort auf die Frage, die sich im Grunde jedem Menschen stellt, der hier längere Zeit gelebt hat und der dann bekanntlich meist nie wieder weg will. Es ist die Frage: Warum liebt man eigentlich diese Stadt? Aber der Reihe nach.

Monika Maron stammt, wie man weiß, aus Ost-Berlin. Sie ist die Tochter hoher DDR-Funktionäre. 1988 hat sie die DDR verlassen. Zwei Jahre zuvor entstand der hier abgedruckte Text, der zwar elegisch "Wir wollen trinken und dann ein bisschen weinen" überschrieben ist, der aber in einer sehr nüchternen Sprache Absurditäten des DDR-Lebens festhält, die gerade durch die Lakonie, mit der sie geschildert werden, uns jene Zeit so intensiv ins Gedächtnis ruft, dass wir geradezu meinen, sie schmecken zu können, falls wir sie selbst noch erlebt haben. Der Text beginnt folgendermaßen:

"Die Stadtmitte der Hauptstadt ist ihr westlicher Außenbezirk. Die Mitte ist die Grenze; das Nichtüberschreitbare ist die Mitte, auch des Denkens. Da, mitten in die Mitte hinein führt eine Tür, ein eisernes, braun gestrichenes Tor, durch das die von draußen kommen, von drüben, aus dem Westen, wie immer einer das nennt. Die Tür hat nur auf einer Seite eine Klinke, auf der anderen. Die Rede ist vom Bahnhof Friedrichstraße, dem symbolischen Schauplatz von Stadtgeschichte, nationaler Geschichte, von unzähligen Familien- und Liebesgeschichten. Ein Ort voll stumpfer Dramatik. Vor dieser Tür im Mittelbau des Bahnhofs stehe zuweilen auch ich und erwarte meine Gäste. Ich stehe im gleißenden, von den gelb gekachelten Wänden feindselig reflektierten Neonlicht inmitten anderer Wartender, glotze wie sie auf diese Tür, die alle paar Sekunden ein Menschlein ausspuckt, manchmal auch mehrere zugleich, ins Schloß fällt, sich öffnet, spuckt, wieder zufällt...Kein Ort in der Stadtmitte wirkt trostloser, ungeschminkter."

Kommen wir zur Liebe. Wie kann man die Stadt Berlin lieben? Sie ist ja zum Beispiel beileibe nicht schön. Um es mit den Worten von Monika Maron zu sagen:

"Später, als ich mir ein Bild von einer schönen Stadt gemacht hatte, aus Büchern, Filmen, weil ich Prag und Budapest gesehen hatte, musste ich zugeben, dass meine Stadt alles mögliche war, groß, interessant, von unzähligen Seen und lieblicher Landschaft umgeben und von einem berüchtigten Menschenschlag bewohnt, aber schön war sie nicht, gewiß auch nicht, ehe sie zum Krüppel bombardiert wurde."

Na, und im Westen erst, möchte man da gleich dazwischenfahren... aber um auf das Zitat von Monika Maron zurückzukommen: Verräterisch ist vor allem ein klitzekleines Wort, das gleich im ersten Satz vorkommt, und dieses Wörtchen lautet "mein". Ja, das ist sehr seltsam und ganz typisch. Jeder geborene oder gewordene Berliner empfindet diese Stadt als "sein". Vielleicht liegt es an ihrem Status als Schmerzenskind und Schutzbefohlenes und daran, dass wir gewohnt sind, Berlin gegenüber dem Rest der Welt zu verteidigen gegen all die Vorwürfe, die Berlin immer büßen lassen wollen für alles Schlechte, das aus Deutschland kam. Tatsache ist jedenfalls, dass wir diese Stadt eben "trotzdem" lieben.

"An einem sehr warmen Frühlingstag vor 43 Jahren habe ich zum ersten Mal gedacht, dass ich die Stadt, in der ich geboren wurde und fast alle Zeit meines Lebens verbrachte hatte, liebe. Ich fuhr mit der Straßenbahn der Linie 46 in Richtung Friedrichstraße, und gleich nach der Kurve von der Invalidenstraße in die Chausseestraße, während ich durch das Rückfenster des letzten Wagens auf den heißen Asphalt dieser hässlichen, vom Krieg verunstalteten Straßenkreuzung sah, überkam mich ein mir bis heute unerklärliches, gleichermaßen beunruhigendes wie beglückendes Gefühl, für das nur das Wort Liebe zuständig sein konnte. Ich sah auf die verdreckte Asphalthaut der Chausseestraße und dachte, dass ich sie umarmen wollte, mich mit ausgebreiteten Armen flach auf die Straße legen und die Straße, die Stadt umarmen."

Genau das kennen wir: Grundlos, vorraussetzungslos, anlasslos überkommt es uns, und wir wissen es wieder: Jawohl, wir lieben diese Stadt. "Es ist, was es ist, sagt die Liebe", heißt es in einem Gedicht von Erich Fried. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, es sei denn Monika Marons Titelgeschichte in "Geburtsort Berlin".
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