Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
21.9.2003
Dominik Geppert
Maggie Thatchers Rosskur
Paul Nolte

Vorgestellt von Paul Nolte

Margaret Thatcher, die eiserne Lady und ihre bitteren Rezepturen: Darüber konnte man in Deutschland bis vor kurzem nur mit einer Mischung aus Fremdheit und Verachtung reden. Sie gut zu finden, gar ihre Politik als Vorbild und Maßstab zu wählen, galt als Tabu, nicht nur links von der Mitte, sondern auch bei den deutschen Christdemokraten, die in den Thatcher-Tories keineswegs eine europäische Schwesterpartei erblickten und sogar, wie Helmut Kohl, persönlich unter der britischen Regierungschefin litten. Vielleicht hatte England, eine Industriegesellschaft im Niedergang, es ja nötig - so mochte man denken -, während wir Deutschen uns in den achtziger Jahren noch in Wohlstand und Stabilität sonnten und für unbegrenzte Zeit die Früchte des Wirtschaftswunders ernten zu können glaubten.

Inzwischen haben sich die Fronten verkehrt. Die früher bespöttelte "englische Krankheit" hat ihre Entsprechung im deutschen "Reformstau", in einer tiefen Krise von Wirtschaft und Wohlfahrtsstaat, von Verfassungsordnung und Gesellschaft gefunden. War die Radikalkur Margaret Thatchers doch nicht so schlecht wie lange geglaubt? Der Kontrast der beiden Hauptstädte, von Berlin und London, scheint das zu bestätigen: Da ist Berlin, die am Subventionstropf hängende Metropole mit ihren "vormarktwirtschaftlichen" Verhältnissen, deren Bewohner in Ost wie West, provinziell und ängstlich, "an den Überresten ihrer lokalen Vorwendemilieus festhalten".

"Die Zustände in London dagegen sind hektisch, hart und ultrakapitalistisch. Die großen Supermarktketten haben rund um die Uhr geöffnet. Beim indischen Zeitschriftenverkäufer an der Ecke wird man werktags wie am Wochenende bis spät in die Nacht hinein bedient. (...) Es gibt kaum eine noch so ausgefallene Dienstleistung, die es nicht zu kaufen gibt. Die Stadt pulsiert und brummt. Sie platzt aber auch aus allen Nähten."

Dieser prägnante Kontrast dient Dominik Geppert als Sprungbrett für seine Frage, ob auch Deutschland reif sei für viel radikalere Reformen, als sie im Moment verhandelt werden, reif sei für eine politische Persönlichkeit vom Schlage Margaret Thatchers. Der junge Historiker hat in beiden Hauptstädten gelebt und gearbeitet, er ist als Kenner der englischen wie der deutschen Zeitgeschichte ausgewiesen. Jetzt wagt er den Sprung in den historisch-politischen Essay - und wagt es gleichzeitig, das deutsche Thatcher-Tabu, an dem angesichts der Krise schon halb-verschämt gewackelt wurde, endgültig zu stürzen: Seht her, die Parallelen sind überdeutlich, Deutschland ist ein "vorrevolutionäres Land" wie das bemitleidete England vor 1979, eine Revolution à la Maggie ist das, was wir brauchen.

Doch kommt diese Überzeugung des Autors nicht polternd oder pathetisch daher, nicht mit aufgesetztem Revolutionsgehabe. Sie beruht zunächst einmal auf einer sorgfältigen Analyse der Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Entwicklung beider Nationen seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Nachkriegszeit war für die westlichen Industriegesellschaften nicht nur eine Phase der ökonomischen Prosperität. In diesen "Goldenen Jahren" des 20. Jahrhunderts, wie Eric Hobsbawm sie genannt hat, expandierte auch der Wohlfahrtsstaat, überhaupt die staatliche Intervention in Wirtschaft und Gesellschaft, und nach den tiefen, blutigen Erschütterungen zwischen 1914 und 1945 blühte der Traum des unbegrenzt expandierenden Wohlstands ebenso wie die Sehnsucht nach Stabilität und Konsens. Die Zerstörung dieses Nachkriegskonsenses - im real-ökonomischen ebenso wie im mentalen Sinne - ist für Geppert die tiefere Ursache des Aufstiegs von Thatcher und des Erfolgs ihrer radikalen Strategie.

"In Großbritannien zerbröselten die Fundamente der Nachkriegsordnung früher als andernorts. Die Wurzeln der britischen Krise reichen bis in die frühen sechziger Jahre zurück, als der Optimismus der fünfziger Jahre allmählich umzuschlagen begann. Schon damals zeigten die Pfeiler der britischen Nachkriegsordnung gefährliche, sich vertiefende Risse. (...) Im Verlauf der siebziger Jahre wuchsen sich die Selbstzweifel zu einer regelrechten Depression aus."

In der Bundesrepublik war die Situation ähnlich - und doch anders. Die sechziger und siebziger Jahre waren im Westen Deutschlands zwar eine Zeit der Reform, doch zugleich eine Phase der Expansion des Nachkriegskonsenses: des Ausbaus von Sozialleistungen und öffentlicher Infrastruktur, der Planungs- und Zukunftseuphorie. Zwar mehrten sich erste Krisensignale, doch standen auch noch die achtziger und neunziger Jahre, also die Ära Helmut Kohls, unter dem Vorzeichen einer trügerischen Stabilität und des weiteren Ausbaus der Nachkriegsordnung: zumal seit 1990, mit deren Übertragung auf die ehemalige DDR. Während die meisten anderen Industrieländer sich inzwischen von dem überlasteten Nachkriegskonsens befreit haben - nicht immer nach der Methode Thatcher! -, tut Deutschland sich damit besonders schwer und braucht gerade deshalb, so der Autor, den radikalen Ruck, damit das "Land in Zeitlupe", das sich auf eine "vollständige Bewahrung des Status quo" spezialisiert hat, überhaupt in Bewegung kommt.

Zum Glück für seine Leser widersteht Geppert der nahe liegenden Option, zunächst die Verhältnisse in England vor und während der Regierungszeit Margaret Thatchers darzustellen und im zweiten Teil nach einer Anwendung auf Deutschland zu fragen. Vielmehr gelingt es ihm auf eindrucksvolle Weise, britische und deutsche Geschichte und Gegenwart zu verflechten, zu kontrastieren und auch in ihren Wechselbeziehungen präzise zu zeichnen. Ohnehin besticht sein Stil durch die seltene Verbindung von nüchterner Klarheit und gefälliger Eleganz. Diese englisch-deutsche Beziehungsgeschichte erstreckt sich nicht nur auf die Analyse von Ökonomie und Sozialstaat, sondern auch auf das politische System, die Parteien und - wie könnte es im Schatten Maggie Thatchers anders sein? - deren mehr oder minder begabte Führer. Thatcher und Angela Merkel etwa: Da gibt es durchaus Parallelen in den Aufstiegsbiographien zweier Außenseiterinnen, die sich gegen den sozialen und kulturellen mainstream ihrer Gesellschaft und auch ihrer Partei mit zunächst unterschätzter Hartnäckigkeit durchgesetzt haben.

"Margaret Thatcher war in der Tory-Partei in dreifachem Sinne eine Außenseiterin: als Frau, wegen ihrer sozialen Herkunft aus der unteren Mittelschicht und wegen ihrer religiösen Wurzeln im Methodismus. Dies rückte sie in einer Partei, die in ihrem Establishment immer noch aristokratisch, großbürgerlich, anglikanisch geprägt und von Männern dominiert war, unweigerlich an den Rand. Auch hierin ähnelte ihre Position der Stellung Angela Merkels, einer kinderlosen, wiederverheirateten, ostdeutschen Protestantin, in der immer noch katholisch, westdeutsch und männlich geprägten CDU."

Wichtiger als Personen aber sind die Parteien: Geppert rechnet schonungslos mit der Union ab und wirft ihr vor, ihr Denksystem der Nachkriegsjahrzehnte in der Opposition, seit 1998, nicht einer entschiedenen Revision unterzogen zu haben. Der Mut zu einer marktradikalen Programmatik fehle ihr ebenso wie ein Netzwerk der intellektuellen Vor- und Querdenker, das Thatcher, trotz ihrer ganz unintellektuellen Herkunft, vor ihrem ersten Wahlsieg von 1979 lange Zeit ganz gezielt gepflegt hatte. Aber auch in der derzeitigen Regierung und bei Kanzler Schröder kann der Autor die Fähigkeit zu einem solchen Aufbruch nicht entdecken. Die "charismatischen" und visionären Qualitäten der Eisernen Lady sind dem "Situationisten" Schröder letztlich fremd, und die deutsche Linke der Rot-Grünen tut sich schwer, ihr "ökologisch-postmaterielles Reformprojekt", das als krönender Abschluss der Nachkriegsordnung gedacht war, auf einen radikalen Systemwechsel hin umzuschreiben.

Wie soll dieser radikale Umbruch aussehen, wie stellt Geppert sich eine Thatcher-Revolution in Deutschland vor? Seine Vorschläge für die Zukunft können nicht ganz überzeugen, so scharfsinnig sein historisches Urteil und seine Situationsanalyse auch sind. Deutschland brauche einen Patriotismus, der sich auf ein positives Geschichtsbewusstsein stützen könne. Aber diskutieren wir das nicht seit zwanzig Jahren, und sollte der Patriotismus sich nicht eher, wie Richard Rorty für die USA vorgeschlagen hat, auf Visionen für eine gemeinsam gestaltete Zukunft des Landes stützen? Deutschland brauche eine marktradikale Wende ähnlich wie England seit 1979, eine Entfesselung der Wirtschaft, des Arbeitsmarktes, der Eigeninitiative. Dem wird man weithin zustimmen können, aber reicht die Übernahme englischer Rezepte aus, oder ist Deutschland 2003 nicht doch sehr verschieden von der britischen Insel vor immerhin einem Vierteljahrhundert? Die sozialen Kosten solcher Reformen müsse man akzeptieren, zumal eine verschärfte soziale Ungleichheit, bei der man das Einkommen an Zähnen und Brillen ablesen kann. Das hört sich mutig an, ist aber auch ein Vorab-Verzicht auf kreative Lösungen der Verbindung von radikaler Reform und sozialer Balance. Aus der Politik Thatchers kann man ja so oder so etwas lernen. Geppert neigt jedoch dazu, die Kosten dieser Politik zu unterschätzen und gewissermaßen zu externalisieren, nämlich sie dem "Erbe" der Thatcher-Zeit zuzurechnen statt den Maßnahmen der Premierministerin selber.

Schließlich schwankt der Autor, wenn es um eine Antwort auf die im Titel des Essays gestellte Frage geht - "ein Rezept für Deutschland?" - zwischen den zwei Hörnern eines Dilemmas. Das ist ihm gar nicht vorzuwerfen, sondern markiert ein Problem unserer Situation, ja allen historischen Wandels. Einerseits machen die Menschen ihre Geschichte selber, und Persönlichkeiten wie Margaret Thatcher vermögen lang eingefahrene Traditionen zu verändern, nationale Mentalitäten umzuprägen. Andererseits können wir aus unserer Geschichte nicht ausbrechen, und die Geschichte von Demokratie und Wohlfahrtsstaat in Deutschland ist, längst vor dem westlichen "Nachkriegskonsens", eine andere als die Britanniens.

"Unsere Geschichte ist anders als die britische nicht durch politische Kontinuität und gesellschaftlichen Wandel, sondern eher durch die Langlebigkeit sozialer Formationen und ökonomischer Arrangements über politische Umbrüche hinweg gekennzeichnet."

Wer könnte die "risikobereite, selbstbewusste Führungsgestalt" sein, die sich darüber hinwegsetzt? Auch wenn Dominik Geppert das am Ende nicht verraten kann, gehört sein kleines essayistisches Meisterstück zu den anregendsten Beiträgen zur gegenwärtigen Reformdebatte.
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