Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
26.9.2003
Karl Schlögel
Im Raume lesen wir die Zeit
Elke Nicolini

Karl Schlögel - Im Raume lesen wir die Zeit (Bild: Verlag)
Karl Schlögel - Im Raume lesen wir die Zeit (Bild: Verlag)
Rezensiert von Elke Nicolini

Man klappt das Buch am Ende zu und möchte sich sogleich auf die Reise machen - oder wenigstens durch den eigenen Ort flanieren - und der Geschichte auf griffige, anschauliche Weise näher kommen. Das ist für eine Arbeit, die den theoretischen und methodischen Fragen von Geschichtsschreibung nachgeht und im Untertitel "Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik" heißt, ein erstaunlicher, vom Autor aber durchaus gewünschter Effekt. Er schreibt:

"Wie kann man Europäer sein, ohne in Riga gewesen zu sein? Wie kann man vom Reichtum Europas sprechen, ohne an Odessa zu denken? Muss man nicht wenigstens einmal von Oradea gehört haben oder etwas über Thessaloniki gelesen haben?"

Natürlich ist der Gedanke nicht neu. Doch war er aus der Mode gekommen. Lange Jahre hegte man, insbesondere in Deutschland, ideologischen Generalverdacht gegen die Einbeziehung des Raumes in Geschichte und Philosophie. Das lag in jüngerer Vergangenheit unter anderem an der Naziideologie, deren Raumwahn das Thema gleichsam tabuisierte.

Karl Schlögel, der an der Viadrina, der Universität von Frankfurt/Oder, osteuropäische Geschichte lehrt, hat den Raum früh entdeckt. In all seinen Veröffentlichungen steht er im Mittelpunkt. Seine Bücher tragen Titel wie: "Moskau lesen"; "Promenade in Jalta und andere Städtebilder" oder "Berlin - Ostbahnhof Europas". Mit dem jetzt erschienenen Band, zeigt er in rund 50 Studien, die er frei von apodiktischer Attitüde auch Anläufe oder Übungen nennt, in welch enger Verbindung Raum, Zeit und Handlung - also der Mensch - stehen. Nicht nur Dokumente aus Archiven sollten nach seiner Meinung die Grundlage für eine Geschichtserzählung sein:

Schlögel: "Was hier vorgeschlagen wird ist, dass der Stoff aus dem Geschichte rekonstruiert und analysiert werden kann, viel umfassender ist und dass er nach den Kriterien der wissenschaftlichen Quellenkritik behandelt werden kann."

Es gilt also, das Grundmuster der zeitlichen Abfolge, das sich im philosophischen Denken ebenso wie in der geschichtlichen Erzählung als eine Art Gewohnheitsrecht eingeschlichen hat, zu durchbrechen. Karl Schlögel verfolgt diese Absicht unter vier Hauptüberschriften: "Die Wiederkehr des Raumes", "Kartenlesen", "Augenarbeit" und "Europa diaphan". Im ersten Teil sind zwei Lehrstücke enthalten: der Fall der Berliner Mauer, der nicht nur eine politische, sondern auch eine Raumrevolution bedeutete. Denn, so der Autor, nicht nur ein Imperium habe sich aufgelöst, sondern auch der Raum, der Ostblock genannt wurde. Das zweite Lehrstück betrifft den 11. September 2001. An diesem Tag wurden nicht nur Symbole des Kapitalismus getroffen, sondern Türme. Türme, die in Manhattan, in einem Ort, standen, dem jetzigen Ground Zero.

"Die Kartenbilder, die wir uns nolens volens eingeprägt haben, zeigen den Spannungsbogen der neuen Kampfzone: Er reicht von den Schluchten in Lower Manhattan bis in die Hochebene von Kandahar. Das Schlachtfeld ist unübersehbar weit: Es reicht von den Banlieues mit ihren unauffälligen Gläubigen bis zu den vollklimatisierten Airports, die man in eine Hölle verwandeln kann. Von Ground Zero aus wird die Welt neu vermessen. Die These vom Verschwinden des Raumes war so sinnlos wie die These vom Ende der Geschichte."

Im Grunde besteht das Buch aus geschichtlichen und feuilletonistischen Erzählungen; ob es um die geografische Konstruktion Indiens geht oder um Strategen am Kartentisch, ob es um Walter Benjamins Weg zur Bibliothèque Nationale in Paris geht, um das Tor von Birkenau, um das Moskauer "Haus der Regierung", das die Kulisse für den Stalinterror der Jahre 1937/38 bildete oder um die Friedhöfe Europas. So viel wie möglich soll der Blick umfassen. Beispielsweise bei den Friedhöfen, die der Autor Gesamtkunstwerke nennt und die er weder der Kunstgeschichte, noch der Sozialwissenschaft überlassen will. Das gipfelt im Appell: Europa müsse sich mit seinen Hauptstädten des Todes befassen. Warum?

Schlögel: "Weil man daran sehr viel ablesen kann. Sie können an Friedhöfen die Geschichte der Entstehung der Stadt, die soziale Ordnung, das Verhältnis zum Tod, das Verhältnis der Lebenden zu den vorangegangenen Generationen ablesen. Sie können die Zäsuren ablesen, wo hält der Tod seine Ernte, wo fallen ganze Generationen aus?"

Besonders interessant ist das Kapitel "Kartenlesen", in dem der Autor sich für die Geografie stark macht, die lange als Hilfswissenschaft angesehen wurde. Er steuert eine Fülle von Fakten zum Thema bei, erzählt von den frühen Seefahrerkarten, berichtet, wie gefährlich die Pioniere der Kartografie lebten, weist darauf hin, dass Karten immer mehr zeigen, als sie angeben. Karl Schlögel kann sich auf viele klassische und moderne Wegbereiter des Raumes beziehen. Gleich zu Beginn, die beinahe schwärmerische Hommage an die wissenschaftliche Lichtgestalt Alexander von Humboldt. Ein Geistes- und Augenmensch, der wagemutig, voller Hingabe, sich mit zahlreichen Arbeitsgebieten beschäftigend, die Welt, den Raum erkundete. Unter den vielen zeitgenössischen Denkern sei hier der amerikanischen Stadt-Theoretiker Edward Soja, von der Universität Kalifornien, genannt, auf den der Autor immer wieder Bezug nimmt, wenn er ihm auch nicht in allem folgt.

Bei aller Wichtigkeit, die Karl Schlögel der Raumwende, dem spatial turn, beimisst, betont er zugleich, dass es sich nicht um die Neuerfindung der Welt, sondern lediglich um eine Verschiebung von Blickwinkeln und Zugängen handele.

"Turns sind Indikatoren für die Erweiterung der geschichtlichen Wahrnehmungsweisen, nicht 'das ganz Neue' oder das 'ganz andere'. Es kann also gar nicht genug turns geben, wenn es um die Entfaltung einer komplexen und der geschichtlichen Realität angemesseneren Wahrnehmung geht: Spatial turn: das heißt daher lediglich: gesteigerte Aufmerksamkeit für die räumliche Seite der geschichtlichen Welt - nicht mehr, aber auch nicht weniger."

In anspruchsvoller Schlichtheit ist es dem Autor um die Erneuerung der geschichtlichen Erzählung, dem historischen Narrativ zu tun. Die heute überwiegend angewandte chronologische Erzählform hält er schlicht für unzeitgemäß. Sie liege weit hinter den Möglichkeiten, die Film und Literatur bereits für sich entdeckt hätten.

Mit dem Buch liefert er das Rüstzeug, eine Anleitung für die räumliche Wahrnehmung der Historie. Dabei geht es ihm in erster Linie um den Raum Europa.

"Europa ist kein pädagogisches Projekt, auch nicht eines der Re-Education, in dem der eine Teil dem anderen vorzumachen habe, was er nachholen und erst noch lernen muss. Es gibt in diesem Falle keine Lehrer und keine Schüler. ...Wir sind gut beraten, erst einmal zuzuhören und dann weiterzusehen....Aber auch ohne in romantische Verklärung zu verfallen, muss man darauf bestehen, wie reich Europa vor seiner gewaltsamen Entmischung und Säuberung gewesen ist...Für Europa guten Gewissens und mit voller Überzeugung kann man nur sein, wenn man etwas von seinem Reichtum und um seine Schönheit weiß."

Karl Schlögel begeistert sich an der Idee des Raumes und es gelingt ihm, den Leser anzustecken. Souverän handhabt er die Kunst des Erzählens, bleibt anschaulich auch bei theoretischen Erörterungen. Seine Sprache, die dem wissenschaftlichem verpflichtet bleibt, verleiht den Erscheinungen präzise und sinnlich zugleich Deutung.

Mit gesundem Menschenverstand betrachtet, ergibt sich kein Einwand gegen eine Geschichtsbetrachtung und -schreibung unter Einbeziehung des Raumes. Ob die Zunft der Historiker das auch so sehen wird, ist eine zweite Sache.
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