Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
17.10.2003
Deutsche Gesellschaftsgeschichte - Vierter Band
Vom Beginn des Ersten Weltkriegs
Hans-Ulrich Wehler

Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte - Vierter Band (Bild: Verlag C.H. Beck)
Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte - Vierter Band (Bild: Verlag C.H. Beck)
Verlag C.H. Beck, München 2003

Rezensiert von Wilhelm von Sternburg

Vor rund dreißig Jahren begann der prominenteste Vertreter der Gesellschaftsgeschichte unter den deutschen Historikern sein monumentales wissenschaftliches Lebenswerk: die mit dem Feudalismus des Alten Reiches um 1700 einsetzende Darstellung der neueren Geschichte der Deutschen. Konzipiert war dieses ehrgeizige und bislang von Kritik und Fachkollegen hoch bewertete Unternehmen auf vier Bände. Aber auch nach 4278 eng bedruckten Seiten ist mit dem in diesen Tagen erschienenen vierten Band erst das Jahr 1949 erreicht. Ein fünfter wird also folgen.

Wahrhaftig ein gewaltiges Unternehmen und das gilt natürlich nicht nur für die Quantität. Denn Hans-Ulrich Wehler, bis zu seiner Emeritierung Hochschullehrer in Bielefeld, hat mit diesem Werk und seiner jahrzehntelangen Arbeit an der Universität eine ganze Generation junger Historiker beeinflusst und wissenschaftlich geformt. Neben Karl Dietrich Bracher, Fritz Fischer, Thomas Nipperdey, Martin Broszat, Heinrich August Winkler oder Jürgen Kocka zählt er zu den Historikern, die die deutsche Geschichtswissenschaft endlich von dem ideologischen Ballast nationalistischer Verdrängungs- oder gar Rechtfertigungsschriften befreit haben. So unterschiedlich ihr wissenschaftlicher Ansatz häufig auch war und ist, das Echo ihrer oft sehr umfangreichen und für ein breiteres Publikum nur mit heroischem Lesewillen zu bewältigenden Darstellungen und Analysen hallte glücklicherweise nicht nur in den Historiker-Seminaren, sondern auch in den Klassenzimmern, in den Feuilletons und Leitartikeln wider. So haben besonders diese Historiker das gesellschaftspolitische Denken und die Geschichtsbetrachtung ihrer Landsleute ganz erheblich beeinflusst. Deutschlands Weg in die Demokratie und die - nimmt man alles nur in allem - gesellschaftliche Stabilität der Bundesrepublik wäre ohne ihren Beitrag zum mentalen Wandlungsprozess der Republik wohl erheblich skeptischer zu bewerten.

Das ging nicht ohne heftigen Streit innerhalb der Zunft ab, und Wehler stand mit seinem leidenschaftlichen Plädoyer für eine sich von den angeblich Geschichte machenden Männern und der Darstellung von Schlachten abwendenden Geschichtsschreibung mitten drin. Es sind die lang wirkenden, aus der Vergangenheit herüberragenden gesellschaftlichen Strukturen, so etwas vereinfacht die These Wehlers, die unser gesellschaftliches Werden und historisches Sein bestimmten. Nicht chronologische Ereignisgeschichte, sondern die Deutung herausragender Ereignisse des historischen Prozesses strebt die Gesellschaftsgeschichte an. Das stieß auf teilweise erbitterten Widerstand, und die Bielefelder Schule zahlte mit nicht weniger harter Münze zurück.

Die Kontrahenten sind inzwischen klüger und damit milder geworden. Auch Wehlers vierter Band seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte zeigt nun eindrucksvoll, dass beides gilt. Einerseits also bestimmen die wirtschaftlichen, kulturellen Strukturen, die mentalen Veränderungen, die Stellung der Frauen und Klassen ganz entscheidend die Geschichte der Völker. Aber gerade Wehlers Kernthese über den Nationalsozialismus - dessen Herrschaft im Zentrum des neuen Bandes steht - zeigt andererseits, wie tief die Geschichte von den Menschen, die sie an wichtigen gesellschaftlichen Schaltstellen beeinflussen und erleiden, geprägt worden ist. Denn die Unerklärbarkeit der barbarischen Entgleisungen, zu denen sich ein kulturell angeblich hochstehendes Land in den Jahren des Dritten Reiches hat hinreißen lassen, erklärt sich für Wehler auf herausragende Weise aus der charismatischen Herrschaft Adolf Hitlers.

"Mit dem Nimbus des 'außeralltäglichen Sendeboten' beanspruchte Hitler die Orientierung ausschließlich an seinen obersten Wertevorstellungen, ohne eine normative Handlungsbindung hinzunehmen. Dass viele seiner Werte - an erster Stelle nationale Ehre, nationale Geltung, nationale Stärke, völkische Auserwähltheit, Führerprinzip, historische Mission - von Abermillionen geteilt und insofern von ihm instinktiv als verallgemeinerungsfähig erkannte wurden, verschaffte ihm seine erstaunliche Resonanz. ... Als Hitler am 20. April 1939 in Berlin pompös seinen 50. Geburtstag feierte und die Wehrmacht mit einer klirrend-protzigen Machtkundgebung ihre 'grenzenlose Unterwerfung' demonstrierte, stand für die erdrückende Mehrheit der Deutschen, die sich mit ihm und seinen spektakulären Erfolgen in nationalistischem Überschwang vorbehaltlos identifizierten, das Urteil fest, dass der Führer als nationaler Heiland, größer noch als Bismarck, in einsamer Höhe das 'Großdeutsche Reich' zu unvergleichlicher Macht und neuem Ansehen geführt habe."

Ohne Hitler ist der Nationalsozialismus und der zum Holocaust führende Totalitarismus seiner Herrschaft nicht denkbar. Also sind es doch Männer, die Geschichte machen? Ja und nein, denn auch diese Männer und ihre Anhänger, so schreibt Wehler, sind in ihrem Denken und in ihrem Handeln innerhalb der Strukturen zu deuten und zu bewerten, in die ihre politische Existenz eingebettet ist. Hitlers Charisma, auf das Wehler unter Berufung auf Max Webers Theorien, auf fast zu intensive Weise verweist, ist unbestreitbar. Es erklärt vieles, aber eben nicht alles. Charisma, das auf einer kritiklosen Presse, auf einem Ein-Parteien-Staat, auf das Fehlen jeglicher sich öffentlich äußernder Opposition, auf Terror und Täuschung aufgebaut ist, relativiert sich. Vor allem enthebt sie in Bezug auf das Dritte Reich die deutschen Eliten in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik nicht der Eigen- und Mitverantwortung an den Menschheitsverbrechen in den Vernichtungslagern und hinter den Fronten des Krieges im Osten. Wehler weist dies in vielen Passagen seiner Darstellung eindrucksvoll nach. Und auch einen weiteren entscheidenden Gesichtspunkt gilt es für Wehler im Auge zu behalten.

"Gemeint ist die konsequente 'Historisierung' des Nationalsozialismus ... Dieses rundum berechtigte Postulat zielt darauf, den Nationalsozialismus nicht länger als einen von außen kommenden, ganz unvorsehbaren Einbruch des Bösen in die interne heile deutsche Lebenswelt zu betrachten, ihn nicht mehr als widerspenstigen Fremdkörper zu exotisieren oder als erratischen Block zu stilisieren, der letztlich unbegreiflich im Strom der deutschen Geschichte liegt. Vielmehr geht es vorrangig darum, auch den Nationalsozialismus mit der Führerdiktatur, ohne gemeineuropäische Entwicklungen und transnationale Phänomene wie den Faschismus zu leugnen, an erster Stelle und so weit, wie das nur eben überzeugend möglich ist, aus den Zusammenhängen und Bedingungen der neueren deutschen Geschichte zu begreifen."

Auf besonders eindrucksvolle Weise belegt wird diese These sowohl durch Wehlers klare Darstellung der Ereignisse, die zum Kriegsausbruch im August 1914 führten, als auch durch sein hartes, aber sehr genaues Urteil über Brünings Politik - Wehler spricht von "Amoklauf"" - am Beginn der Götterdämmerung der Weimarer Republik.

"Die 'Ideen von 1914'' haben mit ihrer leidenschaftlichen Bejahung des deutschen 'Sonderwegs' und ihrem missionarischen Sendungsbewusstsein längst vorhandene Elemente des deutschen Nationalismus zu einer Extremideologie gesteigert. Unter den Bedingungen des Krieges dehnte mithin der Radikalnationalismus seinen Einflussbereich aus - im wesentlich freilich in Klassen und Milieus, die er auch schon 1914 erreicht hatte. Das traf ganz unbestreitbar in erster Linie, wie schon seit Jahrzehnten, auf das Bildungsbürgertum zu, in dem sich ungeahnte Exzesse nationalistischen Überschwangs entfalteten. Gesteigert wurde der Nationalismus ebenfalls in weiten Teilen des Wirtschafts- und Kleinbürgertums, unübersehbar auch am rechten Außenrand der politischen Arbeiterbewegung und Industriearbeiterschaft ..."

Der Krieg steigerte die Gewaltfantasien der Deutschen, was nicht zuletzt zur Katastrophe der ersten deutschen Republik beitrug. Die Weimarer Zeit aber bleibt bei Wehler ohne die kraftvolle und im Urteil prägnante Analyse, die die Darstellungen der Kriegsideologien im untergehenden Kaiserreich und der Herrschaft Hitlers in diesem Buch so auszeichnen. Der Historiker schlüpft hier vielleicht ein wenig zu stark in die Rolle des Fatalisten. Auch die im Grundsatz richtige Entscheidung, die Jahrzehnte des Schreckens und tiefen Versagens erst 1949, mit der Gründung der beiden deutschen Staaten enden zu lassen, leidet unter der überaus knappen Charakterisierung des in Trümmern liegenden und politisch entmündigten Deutschland.

Im vierten Band findet die Beschreibung der politischen Geschichte einen breiteren Platz als in den drei Vorausgegangenen. Was verständlich ist. Denn im deutschen "Zeitalter der Extreme" - Wehler nimmt hier eine griffige Formulierung des britischen Historikers Eric Hobsbawm auf - hat sie ganz entscheidende Beiträge zu den Katastrophen eines "Dreißigjährigen Krieges" geliefert, der die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts charakterisierte. Auf diese Epoche aber, so scheint es zumindest im Rückblick, lief so vieles zu, was Wehler über die Gesellschaft der Deutschen in den vorangegangenen Jahrhunderten zu berichten wusste. Bewundernswert mit welch ungeheuren Faktenreichtum der Autor und Historiker auch im vierten Band wieder die Geschichte seines Landes beschwört, die nicht Verhängnis und unabwendbares Schicksal, sondern vor allem Menschenwerk war.
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