Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
24.10.2003
Der deutsche Weg
Selbstverständlich und normal
Egon Bahr

Egon Bahr (Bild: Deutschlandradio / Bettina Straub)
Egon Bahr (Bild: Deutschlandradio / Bettina Straub)
Rezensiert von Niels Beintker

Ganz so leicht geht das Wort nicht über die Lippen: der "deutsche Weg". Ein Begriff mit einer historischen Prägung, die nicht gerade an die glücklichen Jahre dieses Landes erinnert. Stattdessen kommen da Nationalismus, Großmannssucht und Weltmachtstreben in den Sinn. Ein heillos überzogenes Sendungsbewusstsein, der groteske Traum, den Nabel der Welt zu markieren - koste es, was es wolle. Wilhelm II.:

Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich, dass unsere Väter sich neu gründeten. Um Sein oder Nichtsein deutscher Macht und deutschen Wesens. Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Ross. Und wir werden diesen Kampf bestehen auch gegen eine Welt von Feinden.

Mit diesen Worten schickte Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser, seine allzu treuen Untertanen in den ersten mörderischen Massenkrieg des 20. Jahrhunderts. Es sollte nicht der einzige Abgrund sein, in den dieser deutsche Weg im 'Zeitalter der Extreme' ( Eric Hobsbawm) führte. Der millionenfache Mord an den europäischen Juden, ein brutaler Vernichtungskrieg im Osten - all das sind ungeheuerliche Elemente dieser obsessiven Sucht, jemand zu sein in der Welt. Fast sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aber, meint Egon Bahr, dürfen wir endlich diese historische Abnormalität abschütteln. Denn Deutschland, so der große alte Stratege der SPD in seinem Buch über den "deutschen Weg", ist ein demokratisch gefestigter Staat und damit endlich erwachsen geworden. Bahr:

Der alte deutsche Weg, der traditionelle deutsche Weg - am deutschen Wesen soll die
Welt genesen - ist verrückt. Und ich kann auch verstehen, dass alle, Nachbarn, auch wir selbst, ein Schaudern empfinden, wenn man vom deutschen Weg spricht, weil man diesen alten deutschen Weg nicht vergessen kann. Aber der liegt nun hinter uns. Und zwar nicht nur in dem Sinne, dass Geschichte vorbei ist, dass Vergangenheit Vergangenheit ist, sondern auch unter dem Gesichtspunkt, dass Deutschland nicht mehr gefährlich werden kann. Die kleine Mittelmacht ist eingezäunt und an die Leine gelegt.


Und weil dem so ist, wagt sich Egon Bahr, streitlustig und provokant wie eh und je, an eine Neubestimmung dieses sperrigen Begriffs vom "deutschen Weg". Er will ihn positiv verstanden wissen, als Ausdruck einer neuen deutschen Souveränität in der Außen- und Sicherheitspolitik: Nicht länger Lektionen in Demut. Vielmehr ein selbstbewusstes, besonnenes Land in der Mitte Europas, dass die Vereinten Nationen tatkräftig unterstützt und sich gemäß Artikel 26 des Grundgesetzes nicht für völkerrechtswidrige Militäraktionen missbrauchen lässt. Das strikte "Nein" seines Parteifreundes Gerhard Schröders zu einer deutschen Beteiligung am Irak-Krieg wird von Egon Bahr zur Doktrin erhoben. Bahr:

Deutschland scheidet auch künftig aus als US-williger, wenn Amerika dabei bleibt, dass es sich selbst das Recht nimmt, aus eigenem Interesse zu entscheiden, wann, wo, gegen wen es Krieg beginnt.

Antiamerikanismus sei das auf keinen Fall, betont der alte Sozialdemokrat in seinem Buch. Egon Bahr weiß, dass der Westen Deutschlands den Vereinigten Staaten eine Menge zu verdanken hat: die Sicherheit im Westteil Berlins, die politische und wirtschaftliche Einbindung der Bundesrepublik in den Westen, schließlich die Unterstützung von Willy Brandts Außenpolitik der kleinen Schritte. Der Wandel durch Annäherung - jene berühmte und zugleich heftig umstrittenen Strategie, die Bahr im Sommer 1963 auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing erläuterte - konnte nur im Einvernehmen mit Washington Gestalt annehmen. Heute, da der Ost-West-Konflikt ein Ende gefunden hat und die deutsche Teilung überwunden ist, dürfe Deutschland, nun als verlässlicher Partner in einem vereinten Europa, eigene Wege gehen. Bahr:

Amerika besitzt nicht das Monopol, der Westen zu sein. Und die Notwendigkeit, zwischen Amerika und Europa zusammenzuwirken, geschlossen zu sein, was während des Kalten Krieges notwendig, unumgänglich gewesen ist, existiert nicht mehr. Denn die Bedrohung ist weg. Wir sind nur noch von Freunden umzingelt.

Ein wenig klingt das nach Hegelscher Geschichtsphilosophie, nach dem Warten auf den Weltgeist, der nach etlichen dunklen Verirrungen endlich wieder in Richtung Vernunft drauflos galoppiert. Denn die Weltpolitik der amtierenden amerikanischen Regierung deutet der Pragmatiker Egon Bahr als logisches, als natürliches Resultat der Geschichte: Nach dem Ende des Kalten Krieges sind die Vereinigten Staaten die einzige Supermacht geblieben und betreiben nun, bedacht auf eine höchstmögliche Sicherheit, eine Politik der "großen Abschreckung". Auf der anderen Seite des Atlantiks findet sich allmählich Europa zusammen - im militärischen Vergleich zu den USA ein Zwerg, dafür aber eine große wirtschaftliche Macht. Und, so hebt Egon Bahr hervor, eine Union, die sich stark machen könnte für politische Bewältigung von internationalen Konflikten und daher eine Arbeitsteilung mit den Regierenden in Washington eingehen könnte. Bahr:

Arbeitsteilung deshalb, weil Europa aus seiner Schwäche - militärisch - eine Stärke machen kann, in dem es mögliche Konflikte rechtzeitig erkennt, durch Verträge, durch Diplomatie, durch Abkommen versucht zu lösen, zu regeln. Falls das gelingt, kann es Amerika einen Krieg ersparen, kann es dafür sorgen, dass Schurkenstaaten nicht schurkisch handeln. Und wenn das nun nicht gelingt, nun mein Gott, dann bleibt Amerika völlig unbenommen, seine durch uns nicht in Frage gestellte Macht zu benutzen, wie es das für richtig hält. Das heißt ich sehe nicht eine Kluft, sondern ich sehe die Möglichkeit einer Zusammenarbeit.

Egon Bahr: Der deutsche Weg - Selbstverständlich und normal (Bild: Karl Blessing Verlag, München 2003)
Egon Bahr: Der deutsche Weg - Selbstverständlich und normal (Bild: Karl Blessing Verlag, München 2003)
Europa sollte die Vereinten Nationen stärken, eine gemeinsame Armee der UNO zur Verfügung stellen und sich ernsthaft mit der Frage auseinander setzen, wie und in welchen Fällen militärische Präventivschläge künftig mit dem Völkerrecht in Einklang zu bringen sind. Das ist die europäische Vision, die Egon Bahr seinen Lesern präsentiert. Er ist überzeugt von den Chancen der Diplomatie, erwähnt nicht ohne Stolz, dass sein großes politisches Projekt, die Annäherung zwischen Ost und West in kleinen Schritten, ein Modell sein könnte für die Weltpolitik im 21. Jahrhundert: die Lösung einer Krise auf friedlichem Wege. Zugleich ist Egon Bahr realistisch genug und sieht, dass eine gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik erst gefunden und bestimmt werden muss, gerade im Zuge der großen Erweiterung in Richtung Osten. Bahr:

Dass die Westeuropäer oder die alte EU entscheiden kann, ist vorbei. Wir haben mal kurzfristig daran gedacht, weil wir geglaubt haben an den alten Satz: Wenn die Deutschen und die Franzosen sich einig sind, dann ist das der Fortschritt für Europa. Und da haben uns dann die Polen darauf aufmerksam gemacht: He, wir auch, bitte Weimar nicht vergessen. Es gibt Fortschritte nur noch im Konsens mit Osteuropa und den neuen Mitgliedern. Das ist die Verlagerung als List der Geschichte des europäischen Gewichts ein bisschen nach Osten.

Fast scheint es, als verliere Egon Bahr bei all seinen großen Hoffnungen auf Europa das eigentliche Thema seines Buches aus dem Blick. Ging es ihm darum zu zeigen, wie selbstverständlich und normal der "deutsche Weg" heute sei, so stellt sich doch mehr und mehr die Frage, ob diese Formel überhaupt noch notwendig ist. Deutschland ist ein Schwergewicht in der Europäischen Union, das in wichtigen Fällen und Entscheidungen natürlich zunächst an sich denkt und dann erst an Europa. Aber muss da tatsächlich noch von einem "deutschen Weg" die Rede sein, wenn es darum geht, souverän zu agieren. Ja, meint Egon Bahr:

Es geht doch gar nicht anders, als dass es auch einen deutschen Weg gibt. Denn wer darauf verzichtet, seine Interessen durchzusetzen, der wird zum Spielball oder zur Dispositionsmasse anderer.

Und doch gelingt es Egon Bahr nicht, die Zweifel an der Formel vom "deutschen Weg" vollends auszuräumen. Gerade mit Blick auf das zusammenwachsende Europa sollte man überlegen, ob die Nachbarn in Frankreich und Polen mit diesem Begriff ähnliche Werte verbinden wie der große alte Mann der SPD. Oder ob der "deutsche Weg" dort nicht viel eher jene unheimliche Bedeutung trägt, von der er sich nur schwerlich lösen kann. Zum anderen stößt das Nachdenken über die USA bei der Lektüre des Buches auf. Egon Bahr spricht fortwährend von Amerika, wenn er sich mit der Politik der Bush-Administration auseinandersetzt. Aber ist George W. Bush wirklich das ganze Amerika, und dieses Amerika ein erratischer Block? Und ist die Weltpolitik der amtierenden Regierung in Washington tatsächlich der Beginn einer langfristigen hegemonialen Mission? Ganz so einfach, so scheint es jedenfalls, ist das nicht. Auch nicht mit dem "deutschen Weg".

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