Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
31.10.2003
Die Vertreibung - Böhmen als Lehrstück
Peter Glotz

Peter Glotz: Die Vertreibung - Böhmen als Lehrstück (Bild: Ullstein Verlag)
Peter Glotz: Die Vertreibung - Böhmen als Lehrstück (Bild: Ullstein Verlag)
Vorgestellt von Frank Ebbinghaus

Ullstein Verlag, München/Berlin 2003

Peter Glotz hat ein wichtiges Buch geschrieben. Und ein vielleicht noch wichtigeres nicht. Das Buch, das er nicht geschrieben hat, liegt zwischen den Zeilen der Einleitung:

Viele Jahrzehnte habe ich mich, wie viele Flüchtlinge, für mein Herkommen und die böhmische Vergangenheit meiner Familie nicht interessiert. Dazu war keine Zeit; man musste sich durchsetzen. Also passte ich mich an. Das ist der Identitätsverlust, den Flüchtlinge erleiden.

Mehr mag der Autor nicht preisgeben von dem persönlichen Dilemma, als Sozialdemokrat in führender Stellung eine Politik gutzuheißen, welche die Vertreibungen der Deutschen aus Polen, Ungarn oder der Tschechoslowakei de facto anerkannte. Als Peter Glotz 1980 ins Präsidium der SPD gewählt wurde, sagte Willy Brandt zu ihm: "Peter, du bist doch ein Böhmak." Und schon war Glotz im SPD-Präsidium für die Verbindungen zur Tschechoslowakei zuständig.

In dieser offiziellen Funktion reiste Glotz in seine alte Heimat zurück, traf kommunistische Spitzenfunktionäre, entschiedene Befürworter der Vertreibungen und Oppositionelle, während die Vertriebenenverbände die Ostpolitik seiner Partei unter Feuer nahmen. Kein Wort dazu, wie es ihm, dem Vertriebenen, dabei erging.

Diese persönliche Zurückhaltung ist einem höheren Anliegen geschuldet. Glotz möchte am böhmischen Beispiel zeigen, wie es zu Vertreibungen kommt. Dafür braucht er einen kühlen Kopf. Denn nicht um Aufrechnung, Abrechnung oder Schuldzuweisungen geht es ihm, sondern um die Mechanik ethnischer Säuberungen. Peter Glotz stellt klar:

Dies ist keine historische Arbeit, sondern ein politisches Buch.

Und damit steht auch fest, in welcher Rolle Glotz schreibt: Eben nicht als Vertriebener, sondern als der Aufklärer, der er immer war. So spaziert er unbeeindruckt durch ein historisches Minenfeld.

Lediglich ein Kapitel widmet Glotz den Vertreibungen der deutschen Bevölkerung aus Böhmen - die hier beschriebenen Gräuel lassen es indes an Drastik nicht fehlen. Aber schon nach drei Seiten unterbricht Glotz die Schilderungen mit einem eigenartigen Parforceritt durch drei Jahrhunderte:

Heinrich von Kleist ist einer der größten Schriftsteller der Deutschen, keiner der kleineren nationalistischen Agitatoren wie Ernst Moritz Arndt. Er verlangte von den Deutschen, dass sie den "welschen Feind" gnadenlos "vernichteten": "Schlagt ihn tot. Das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht." Das war eine Antwort auf die napoleonischen Kriegszüge. … Jeder Deutsche, der über russische, tschechische, polnische oder sonstige Verbrechen klagt, muss sich zuerst klar machen, dass Hitler im Namen Deutschlands und mithilfe von Millionen von Deutschen damit begonnen hatte, den rechtsmoralischen Common Sense, das Regelvertrauen der Europäer, wieder einmal zu zerstören, diesmal radikaler als selbst im Dreißigjährigen Krieg.

Passagen wie diese sind es, die verstören: Es mag ja noch angehen, das nach 1945 an Deutschen begangene Unrecht (und nichts anderes sind die Vertreibungen auch für Glotz) unter Hinweis auf Hitlers Verbrechen zu erklären. Aber was hat Kleist in dieser Reihe zu suchen? --- Das ist nicht die einzige Zumutung, die Glotz bereithält. Zu einem Ahnen der deutsch-tschechischen Feindschaft erklärt der Autor keinen geringeren als Johann Gottfried Herder. Der Weimarer Generalsuperintendent und Aufklärer sei es gewesen, der mit seinen "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" ein fatales Klischee geprägt habe:

Das ist die Geschichte von den kriegerischen Herrenmenschen aus Deutschland und den friedlichen Slawen. Wer kann es Palacký verübeln, dass er sie aufnahm.

Frantisek Palacký - auch so ein Fall. Den Erwecker des tschechischen Nationalismus im 19. Jahrhundert lobt Glotz zum Verdruss mancher Vertriebenfunktionäre als "anständigen, ethisch verantwortungsbewussten Mann". Selbst der Hauptverantwortliche für die Vertreibungen der Deutschen, Edvard Benes, erfährt bei Glotz seine Entdämonisierung:

Manche Sudetendeutsche wollten ihn zum Satan machen. Dabei war er ein weltläufiger, gewandter, gebildeter Mann, fleißiger als fast jeder andere. Edvard Benes … widmete sein ganzes schweres Leben einer einzigen Idee. Die Durchsetzung des tschechoslowakischen Nationalstaats. Am Ende hatte er sein Ziel erreicht - und die böhmischen Länder, jedenfalls für einige Jahrzehnte, ins Unglück gestürzt. Der Satz 'Der Totengräber des Sudetendeutschtums heißt Adolf Hitler' ist richtig. … Die Schuld des Edvard Benes liegt in der völlig unbeirrten Unterordnung jeder seiner Handlungen unter ein einziges, partikulares Ziel.

Darin liegt viel Zündstoff. Aber es ist nicht die Provokation, die Glotz sucht, sondern: die Wahrheit. Nicht die tschechische oder deutsche, sondern eine, die vor der Geschichte beider Völker bestehen kann. Eben dieses Kunststück gelingt Glotz: Geschichte zu erzählen, ohne dabei an den Klippen der jeweiligen National-Mythen zu zerschellen. --- Wie wichtig, aber auch beschwerlich eine Verständigung ist, zeigt die verdienstvolle deutsch-tschechisch-slowakische Historikerkommission, die sich seit den neunziger Jahren bemüht, geschichtspolitische Gräben zuzuschütten, und doch auch immer wieder über den "schicksalhaften Charakter" des Nationalitätenkonflikts seufzt.

Wer das Schicksal anruft, verzweifelt an den Möglichkeiten der Aufklärung. Das allerdings ist Glotz' Sache nicht. Elegant entledigt er sich der Schwierigkeit, einen Anfang zu finden, ohne klären zu müssen: Wer hat angefangen?

Diese Chronik berichtet von einer Geschichte mit blutigem Ausgang. Ein paar Volksstämme … lebten … gemeinsam auf dem gleichen Stück Erde. … Zum Schluss fielen die stärksten unter ihnen, Deutsche, Tschechen und Slowaken übereinander her. Die Juden wurden dabei fast völlig ausgelöscht. Ein befremdlicher, melancholisch stimmender, auch zornig machender Prozess der Selbstverkleinerung.

Daher der Hang des Autors zum Extemporieren. Denn jede Geschichte hat eine Vorgeschichte, an die zu erinnern Glotz nicht müde wird. Das böhmische Drama beginnt nicht mit den Benes-Dekreten, nicht mit der Gründung des tschechoslowakischen Nationalstaates 1918. Es lässt sich auch nicht auf die Frage reduzieren: wer war zuerst da?

Zweifellos hat Glotz recht, wenn er auf die Bedeutung des erstarkenden deutschen Nationalismus ab 1848 hinweist, auf den die tschechische Bevölkerung mit Gewalt reagierte. Die österreichische Sprachenpolitik hätte Schlimmeres verhindern können, doch die große Mehrheit der Deutschen weigerte sich, tschechisch zu lernen.

So nahm die Tragödie ihren Lauf. Orte wie Lidice oder Aussig stehen für großes Leid auf beiden Seiten. Es wird durch gegenseitiges Aufrechnen von Schuld nicht kleiner. Glotz glaubt aber, aus den Vertreibungen Lehren ziehen zu können. Zum Schluss präsentiert er zwölf Thesen.

Manche davon sind nicht ganz neu - etwa die Bezeichnung von Vertreibungen als "Kriegsverbrechen" und "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Andere sind einfach nur gut gemeint - so die Mahnung, man solle es mit der nationalen Identität nicht übertreiben: ein Volk möge doch bitte darauf verzichten, ein "Erstgeburtsrechts" gegenüber anderen, auf gleichem Territorium lebenden Volksgruppen zu propagieren. Über andere Thesen lässt sich trefflich streiten:

So verwirft Glotz gewunden die durchaus plausible Auffassung, die Vertreibung der Sudetendeutschen sei gemäß der UN-Konvention von 1948 Völkermord gewesen - die Schatten von Auschwitz sind einfach zu lang. Auch hadert er mit einer revolutionären Errungenschaft, die den Nationen Mittel- und Osteuropas aus der Niederwerfung der kommunistischen Gewaltherrschaft erwuchs:

Die Formel vom "Selbstbestimmungsrecht der Völker" ist fragwürdig …. Selbstbestimmung heißt Abwägung; eine Abwägung, an der nicht nur das Volk beteiligt werden kann, das unabhängig werden will, sondern die betroffene Völkergemeinschaft.

Glotz bekennt freimütig, dass manche seiner Schlussfolgerungen "leichter formuliert als durchgesetzt" sind. Eben das ist es, was einen "Querdenker" wie ihn antreibt. Peter Glotz hat ein wichtiges Buch geschrieben.
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