Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
14.11.2003
Die ohnmächtige Supermacht - Warum die USA die Welt nicht regieren können
Ein Buch von Michael Mann
Rezensiert von Herfried Münkler

Michael Mann: "Die ohnmächtige Supermacht", Buchcover (Bild: Campus Verlag)
Michael Mann: "Die ohnmächtige Supermacht", Buchcover (Bild: Campus Verlag)
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2003

Sollten die USA tatsächlich vorhaben, eine imperiale Ordnung zu errichten, in der sie nach Belieben schalten und walten können, so werden sie damit Schiffbruch erleiden. - Das ist die glasklare, ohne jedes Wenn und Aber formulierte These des in den USA und Großbritannien lehrenden Historikers Michael Mann. Aber es wird, so Mann weiter, nicht beim Scheitern der imperialen Machtentfaltung bleiben, sondern die USA werden auch die hegemoniale Führungsposition verlieren, die sie nach 1945 in der westlichen Hemisphäre und nach 1989/90 in globalem Maßstab eingenommen haben. Zwar mögen sie an militärischer Macht alle imperialen Mächte der Vergangenheit übertreffen - was vor allem von konservativen amerikanischen Publizisten in jüngster Zeit herausgestellt worden ist -, aber die antiimperialen Widerstandskräfte der Gegenseite sind, wie Michael Mann dagegenstellt, in noch viel größerem Maße gewachsen. Die amerikanischen Falken tendieren zu maßloser Überschätzung ihrer Macht. Die aber ist viel fragiler, als der bloße Blick auf die militärischen Potentiale erwarten lässt:

"Das American Empire entpuppt sich als militärischer Riese, ökonomischer Trittbrettfahrer und ideologisches Phantom. Das Ergebnis ist ein gestörtes und missgestaltetes Monster, das durch die Welt tapert und stakst. Es meint es gut. Es möchte Ordnung schaffen und Gutes tun, schafft stattdessen aber noch mehr Unordnung und Gewalt."

In den neunziger Jahren hat Michael Mann eine mehrbändige Geschichte der Macht geschrieben, in der er Aufstieg und Niedergang der großen Mächte von den Assyrern bis zu den Briten beschrieben hat. Seine düstere Prognose über das Scheitern einer imperialen Politik der USA ist also nicht das Ergebnis politischer Präferenzen, sondern erwächst aus einer differenzierten Analyse der Macht, die Mann am Beispiel früherer Reichsbildungen entwickelt und getestet hat. Imperiale wie staatliche Macht setzt sich danach aus vier Elementen zusammen: den militärischen Kräften und Fähigkeiten; der genuin politischen Macht, die aus Glaubwürdigkeit und Durchsetzungsvermögen auch und gerade gegenüber Freunden und Verbündeten besteht; sodann der ökonomischen Macht, die sich in der Kontrolle wirtschaftlicher Prozesse und der Fähigkeit zur Ressourcenmobilisierung zeigt; schließlich in der ideologischen Macht, die in einer überzeugenden Darstellung von Aufgabe und Zweck der Großreichsbildung besteht.

Tatsächlich, so Manns Resümee, beruht die Stärke der USA wesentlich auf ihren militärischen Potentialen, wo sie jeder Zeit unilateral agieren können, wohingegen sie in politischer und ökonomischer Hinsicht auf die Unterstützung und das Vertrauen anderer angewiesen sind. Indem sie beides durch militärische Alleingänge, wie etwa jüngst im Irak, aufs Spiel setzen, gefährden sie das Vertrauen, von dem sie bislang profitiert haben ...

"Der Dollar und die UNO waren für die weltweite Hegemonie der USA und für die Legitimität ihrer Führungsrolle zentral. Zur Hegemonie gehört das multilaterale Einverständnis mit den Spielregeln, und dieses Einverständnis war für die Vereinigten Staaten von großem Vorteil. Wird es aufgekündigt, so geht kurze Zeit später die Sonne über dem amerikanischen Empire unter, schneller, als sie es beim britischen tat, viel schneller als beim römischen Imperium."

Manns Risikoanzeige für die amerikanische Supermacht ist differenzierter und subtiler als der Nachruf auf die Weltmachtrolle, den der französische Sozialwissenschaftler Emmanuel Todd vor geraumer Zeit verfasst hat und der vor allem bei europäischen Lesern auf große Resonanz gestoßen ist. Todd habe, so Manns Einwand gegen dessen Prognose vom bevorstehenden Zusammenbruch der USA, wirtschaftliche Macht zu stark an industrieller Produktionskapazität gemessen und dabei die Mechanismen der globalen Finanzordnung weitgehend übersehen. Im Unterschied zu den 50er und 60er Jahren beruhe die wirtschaftliche Macht der USA inzwischen nämlich nicht mehr darauf, dass sie der weltweit größte Güterproduzent seien, sondern sie erwachse aus einem permanenten Kapitalzustrom von außen, auf den Reichtum wie Macht der USA gegründet seien. Versiege dieser Kapitalzustrom, weil das Vertrauen in die USA schwinde, so werde es innerhalb kurzer Zeit nicht nur zu einem Rückgang des amerikanischen Wohlstands, sondern auch zur Unbezahlbarkeit des gewaltigen Militärapparats kommen. Dessen Kosten allein zu tragen würde die amerikanische Wahlbevölkerung niemals bereit sein. Mann ist zuversichtlich, dass die Weltordnung einen Rückzug der USA verkraften könnte:

"Die USA haben keine Ordnung in die Welt gebracht. Während der vergangenen zehn Jahre, als die USA Hegemonialmacht waren, gab es mehr Kriege, Bürgerkriege und Terrorismus als zuvor. […] Die Amerikaner müssen sich entscheiden, ob sie die Hegemonie wollen und sich dann an die Regeln halten. Doch wenn sie das Empire wollen und damit scheitern, werden sie auch die Hegemonie verlieren. Die Welt würde das wenig kümmern. Sie käme mit den multilateralen Folgen zurecht."

Letzteres ist freilich eine recht optimistische Prognose, an deren Triftigkeit man erhebliche Zweifel hegen kann. Sie beruht letztlich auf Manns Grundüberzeugung, wonach nicht äußere Instabilität die USA zunächst in die hegemoniale und schließlich in die imperiale Rolle hineingezwungen haben, sondern dieser Weg beschritten werde, weil eine kleine Gruppe von Politikern dies so gewollt habe. So endet schließlich auch Manns Analyse dort, wo auch sonst die meisten Amerika-kritischen Publizisten und Kommentatoren angelangt sind: bei Cheyney, Rumsfeld und Wolfowitz.

Was für einen kritischen Kommentator der Tagespolitik angängig sein mag, ist bei einem Analytiker der Macht wie Michael Mann unbefriedigend. Wenn am Schluss doch alles darauf hinausläuft, dass es ein paar Männer sind, die mit rationalen oder irrationalen Gründen die Politik machen, so war die differenzierte Strukturanalyse der Macht eigentlich überflüssig. Ganz offensichtlich kommen hier Manns politische Präferenzen für eine politische Ordnung, in der die USA zwar die Erste Geige spielen, aber leise und unaufdringlich, mit seinem wissenschaftlichen Anspruch als Machtanalytiker in Konflikt. Dieser Konflikt durchzieht das ganze Buch und tritt mal mehr, mal weniger hervor.

Dass die Supermacht USA im Vertrauen auf ihre militärischen Fähigkeiten zu Selbstüberschätzung neigt, ist wohl unbezweifelbar. Worin sie sich selbst überschätzt, hat Mann präzise aufgezeigt. Dass sie dies bloß aus purem Übermut tut, wie Mann annimmt, wird man bezweifeln müssen. Wie so oft ist es auch hier die Ohnmacht der Anderen, die den Mächtigen in einen Übermächtigen verwandelt. Wer allein auf die USA den Blick richtet, sieht nicht genug. Man muss auch die Peripherie und den an ihr entstehende Sog zu imperialer Expansion beobachten. Und genau dies hat Mann nicht getan.
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