Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
21.11.2003
Hans-Werner Sinn: Ist Deutschland noch zu retten?
Econ Verlag, München 2003
Rezensiert von Sten Martenson

Coverausschnitt Hans-Werner Sinn: "Ist Deutschland noch zu retten?", Econ-Verlag (Bild: Econ-Verlag)
Coverausschnitt Hans-Werner Sinn: "Ist Deutschland noch zu retten?", Econ-Verlag (Bild: Econ-Verlag)
Es prägt sich zweifellos ein, wenn sich der Münchner Ökonomie-Professor Hans-Werner Sinn als Arzt am Krankenbett des Patienten Deutschland sieht, eines Patienten, der dem Siechtum zu verfallen droht. Als Therapie fällt dem ökonomischen Schulmediziner indessen nichts anderes ein als Skalpell und harte Medikamente. Das erinnert schon fatal an die Ignoranz vieler echter Mediziner, denen die Psyche ihrer Patienten ein Buch mit sieben Siegeln bleibt. Notarzt Sinn droht seinem Patienten denn auch ganz unverblümt:

"Wenn er sich nicht behandeln lässt, wird er vielleicht immer kränker. Vielleicht hilft die Therapie dann irgendwann auch gar nicht mehr, selbst wenn er sie akzeptieren würde, weil die Krankheit schon zu weit vorangeschritten ist."

Sinns Bericht über den kranken Mann zwischen Alpen und Nord- und Ostsee hinterlässt zwiespältige Gefühle. Seine Diagnose des Ist-Zustands ist zwar in weiten Teilen nicht neu und auch nicht falsch, doch aus der Feder eines Wirtschaftswissenschaftlers hat man sie in so volksnaher und das heißt auch verständlicher Sprache nicht gehört. Sinn verliert sich nicht in verschwommenen und hochgestochenen Formulierungen, die Tiefe vorgaukeln. Aber sein Bestreben, eine klare Sprache zu schreiben verführt ihn denn doch wieder zu unzulässigen Zuspitzungen, die eher nach Boulevard-Schlagzeilen klingen , denn nach seriöser Auseinandersetzung mit dem Thema.

Die Titel-Frage, ob Deutschland denn noch zu retten sei, gehört ebenso dazu wie so knallige Bilder vom "Tanz auf dem Vulkan", vom "Land am Abgrund", von der radikalen "Kulturrevolution", die notwendig sei. Irritierender aber ist, wie selbstsicher Professor Sinn mit den vermeintlichen Krankheitsursachen des Patienten Deutschland umgeht. Seine schulmedizinischen Feindbilder lassen Zweifeln keinen Raum. Sinn kann sich aber nicht entscheiden, wer denn nun der kapitalste Sündenbock ist: die Politiker dieser Republik haben jedenfalls viel an dieser Misere zu verantworten. Politiker besäßen durch die Bank keinen ökonomischen Sachverstand, sie predigten in Talk-Shows allein eine "Ökonomie des ersten Augenscheins". Deutschlands Intellektuelle würden ebenso die banalsten wirtschaftlichen Zusammenhänge ignorieren. Von größtem Übel aber sind für Sinn die deutschen Gewerkschaften. Eine Kostprobe:

"Natürlich haben sie keine Illusionen über das, was sie anrichten, auch wenn sie es nicht zugeben können. Aber Gewerkschaften sind das, was Ökonomen Kartelle nennen, und als solche nehmen sie die Arbeitslosigkeit, die sie verursachen, billigend in Kauf. Die Arbeitslosigkeit ist geradezu ein Erfolgsausweis ihrer Politik, denn gäbe es sie nicht, so wäre das der Beleg, dass ihre Lohnforderungen im Hinblick auf ihre eigenen Verteilungsziele zu moderat angelegt sind."

Sie allein trügen die Verantwortung dafür, dass die Lohnpolitik in Deutschland aus dem Ruder gelaufen ist. Sinn spricht von "erbitterten Tarifauseinandersetzungen, die die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft unterminiert haben. Aber dem Münchner Professor kann doch nicht entgangen sein, dass die deutschen Gewerkschaften im Vergleich zu denen anderer europäischer Staaten seit Jahrzehnten wie Softies agierten. Wann haben sie denn schon mal erbittert um Tarife gekämpft, das heißt ausdauernd gestreikt? Da sind doch die Streikbilanzen unserer westlichen und südlichen europäischen Nachbarn von ganz anderem Kaliber.

Sie alle, die Politiker, die Intellektuellen, die Gewerkschaften macht Sinn für die Auswüchse des Sozialstaats verantwortlich. Der Autor schickt zwar voraus, dass dieser Sozialstaat natürlich unsere Staats- und Wirtschaftsordnung stabilisiere. Aber schon wenn er weitere Pluspunkte des Sozialstaats aufzählt, klingt abgrundtiefe Distanz durch: er kompensiere und beschwichtige die Verlierer der historischen Umwälzungsprozesse, er befriede Menschen mit geringer Leistungskraft und er versichere Menschen gegen die Risiken des Lebens wie es eben kein privater Versicherer könne. Denn eigentlich, Sinn lässt die Katze aus dem Sack, löse der Sozialstaat beim regierten Volk nur problematische Verhaltensänderungen aus:

"Dazu gehören zum Beispiel die Verminderung der Bereitschaft, mit eigenen Mitteln in die Ausbildung zu investieren, den Beruf zu wechseln oder umzuziehen, wenn anderswo bessere Jobs zur Verfügung stehen, sich den Alterskonsum durch die Erziehung von Kindern zu sichern sowie vor allem, notfalls auch schlecht bezahlte Jobs anzunehmen statt schwarz oder gar nicht zu arbeiten."

Über all dies lässt sich diskutieren, in vielem stecken ja auch richtige Ansätze. Aber es befremdet doch, wenn reputierte Ökonomen sträflich ausblenden, dass sich eine Gesellschaft, in der zu leben sich lohnt, nicht allein an wirtschaftlichen Erfordernissen ausrichten kann.

Sinn begeistert sich für Lady Thatchers rigoroses Umkrempeln der britischen Wirtschaft, meint dann aber auch, dass sie über das Ziel hinausgeschossen und Deutschland nun einmal nicht England sei. Der Professor rühmt unsere holländischen Nachbarn, die viel früher ihre Strukturprobleme erkannt und gehandelt hätten. Wer in diesen Tagen aufmerksam die Zeitung liest, registriert dann allerdings, dass Sinns Wunderrezepte, die er auch Deutschland verschreiben will, in Holland keineswegs dauerhaft verfangen haben. Trotz massiver, einvernehmlich vereinbarter Lohnverzichte, trotz Einschnitten in das soziale Netz krebst das Bruttoinlandsprodukt der Niederlande gegenwärtig kurz unterhalb der Nullmarke.

Wirtschaft ist ein vertrackter Mechanismus. Sie richtet sich nicht nach naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten. Deshalb sollte allen Therapien mit Alleinvertretungsanspruch mit Misstrauen begegnet werden. Auch die Hinweise auf dieses oder jenes Vorbild, ob es nun England, die USA, ob es Irland oder Österreich sind, können kein Heilsversprechen enthalten.

Sinn erliegt aber immer wieder der Lust, Wirtschaft als etwas zu betrachten, was man am Reißbrett entwirft und es dann nur noch durchsetzungsfähiger Politiker bedarf, die solches Idealmodell - natürlich ohne Einflüsterungen der angeblich zu mächtigen Gewerkschaften - umzusetzen haben. Wenn der Münchner Professor beklagt, welche gravierenden ökonomischen Fehler nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten gemacht worden seien, da möchte man ihm ja beipflichten. Sinn hat Recht, die ostdeutschen Lohnkosten lagen nach der 1 zu 1-Währungsumstellung bei einem Drittel der westdeutschen. Aber sein Schluss ist schlicht weltfremd:

"Wären sie dort in einer Übergangszeit geblieben und hätten sie sich danach nur langsam erhöht, dann hätte es ganz sicher ein Wirtschaftswunder in den neuen Ländern gegeben. Die Investoren aus aller Welt hätten Schlange bei der Treuhandanstalt gestanden, um die alten kommunistischen Betriebe zu übernehmen und mit neuen Produkten und neuen Verfahrenstechniken für die Westmärkte flott zu machen".

Wie hätte er denn eine solche Sonderwirtschaftszone gegen die westdeutsche Hochlohnregion abgeschottet? Sinn ist unbestritten ein angesehener Hochschullehrer. Er ist ein vorzüglicher, stellenweise sogar amüsanter Schreiber. Seine Analysen sind anregend, sie provozieren, was ihm nicht angekreidet werden sollte. Aber er leidet unter dem Trauma vieler Experten: dass seine Ratschläge zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht befolgt werden. Und um ehrlich zu sein, das ist auch gut so. Vielleicht heilte er den Patienten Deutschland von seiner ökonomischen Schwindsucht, aber die Nebenwirkungen seiner Therapien wären vermutlich verheerend.
-> Das Politische Buch
-> weitere Beiträge