Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
28.11.2003
Jörg Friedrich: Brandstätten - Der Anblick des Bombenkriegs
Propyläen Verlag, München 2003
Vorgestellt von Michael Stürmer

Jörg Friedrich: Brandstätten - Der Anblick des Bombenkrieges (Bild: Propyläen Verlag)
Jörg Friedrich: Brandstätten - Der Anblick des Bombenkrieges (Bild: Propyläen Verlag)
Zur falschen Zeit am falschen Platz zu sein, Kassel Königsplatz oder Kassel Wilhelmshöhe, das bedeutete in den Bombennächten des Oktober 1943 den Unterschied zwischen Verbrennen, Ersticken, Zerfetztwerden oder Überleben - bis zum nächsten Besuch des Allied Bomber Command. Ich befand mich auf der entfernten Seite des Geschehens, ein Fünfjähriger, der sich nicht danach gedrängt hatte, in Hitlers Deutschland zur Welt zu kommen. Ich erinnere mich an vieles - tausende von Flugzeugmotoren im dröhnenden Himmel, geisterhafte Flakscheinwerfer, das Heulen und Bersten der Bomben - und an das köstliche Geschenk frischer Luft, als wir lebend aus dem Keller kamen.

Ich blieb verschont, war nicht unter den 600.000 Toten des Bombenkriegs, davon mehr als 70.000 Kinder; ich gehörte nur zu den 30 Millionen, die ihn erlebten und dann nicht mehr daran erinnert werden wollten. Bis vor zwei Jahren das Buch "Der Brand" von Jörg Friedrich erschien und die Gespenster wieder aufstanden. Friedrich beschrieb in gedämpfter Sprache die Luftkriegsplanung, ihre Technik und Logik und ebenso lakonisch das Leiden am anderen, unteren Ende, die vergebliche Abwehr, die Verzweiflung, die trostlosen Reste dessen, was einst Städte und Menschen gewesen waren.

Dieses Buch hat einen Nerv getroffen. Es machte Schlagzeilen in Großbritannien und in der International Herald Tribune. Mittlerweile liegt ein zweites Buch von Jörg Friedrich vor: "Brandstätten. Der Anblick des Bombenkrieges". Ich fragte den Autor, wie er darauf kam, sich ein zweites Mal mit dem gespenstischen Thema zu befassen:

Ich habe mich entschlossen, diesen Bildband zu machen, als ich in einer Pappschachtel des städtischen Archivs in Kassel den Versuch eines italienischen Militärinternierten abgebildet sah, aus einer zerstückelten Frau, die bestand aus Gliedmaßen, aus Schädel, aus Rumpf, im Sarge einen Mensch zusammenzuflicken ... das heißt, das, was der Bombenangriff verschrottet hat, das versuchte er unter der Barmherzigkeit des Todes in einen zu beerdigenden Menschen zusammenzufügen.

Und dieser Versuch ist mit diesen meinen Worten nicht zu beschreiben. Man muss die Geste sehen, mit der versucht wird, aus dem Menschenschrott eine menschliche Leiche zu machen. Da stocken alle Worte. Aber was das Bild an Empfindungswüsten mitteilt, das gibt dem Bombenkrieg zumindest einen inneren Klang, ein Geläute. Man mag doch bei dieser Frau nicht sagen, sie hat ihre verdiente Strafe erhalten, weil sie vielleicht Parteigenossin war, weil sie vielleicht den Sieg über Frankreich bejubelt hat. Das, was ich immer höre, es war der Vollzug einer Strafe. Für das, was dieser Frau widerfahren ist, kann es keinen Grund geben, aus welcher geschichtlichen Verstrickung auch immer. Das ist eine Verneinung des Menschen.

Das Buch beginnt mit Bildern des untergegangenen städtischen Deutschland. Am Anfang war nur der Westen dran, dann, infolge erweiterter Reichweite der Geschwader, auch die Mitte und der Osten. Es waren nicht die Rüstungsanlagen, die, weit auseinander gezogen oder im Gelände wohl verborgen, den Bombenteppichen kaum Ziele boten, es waren die eng gedrängten Wohnquartiere, Fachwerk und Dachgestühl, die in tödliche, alles aufsaugende Kamine verwandelt wurden. Dann kommen die Bilder des Angriffs aus großer Höhe und der Abwehr durch Flak und Flieger, die Trümmer, und dann die Bilder, die jedem Betrachter den Atem verschlagen: Tote, die zu schwarzen Klumpen verbrannten. Wie hat Friedrich die Worte gefunden, das Unaussprechliche zu schildern?

Es gibt eine Szene in dem Buch "Aus der Bombardierung von Kassel", da berichtet eine Ordensschwester von zwei Kindern, die ihre Eltern suchen, die vermutlich tot sind. Und zu berichten war, dass die Ordensschwester die Kinder fragt und dann wiedergibt, was sie antworten. Und die Kinder sagen "Wir sind schon überall gewesen." Die laufen durch die ganze Stadt. In jedes Hospital, in jede Schule und gucken die zehntausend Leichen durch, ob irgendwo die Züge ihrer Eltern wieder zu finden sind.

Und ich wusste, für das, was die Schwester tut, die Kinder fragen ... ich wusste kein Wort. Ich hab dann das Wort weggelassen und einen Doppelpunkt gemacht. Der Satz der Kinder "Wir sind schon überall gewesen", fasst ein so unendliches Leid in sich, dass man ihn nicht mal mit einer beliebigen Bezeichnung "sagte", "fragte", "die Kinder sagen" umschreiben kann. Der steht nackt dar. Dieses sich Einpendeln im Ton auf die Unaussprechlichkeit des Geschehnen ist zumindest ein ernsthafter Versuch. Und der wird in den Köpfen der Leser weiter gesponnen. Die suchen nämlich so wie ich nach Gefühlen, nach Worten und nach Bezeichnungen.

Stört ein solches Buch die Totenruhe? Jedenfalls stört es die der Lebenden. Ob man überhaupt ein solches Buch an die Öffentlichkeit geben dürfe, wurde gefragt, und es folgte der Verdacht, es solle damit aufgerechnet, abgerechnet, abgelenkt werden von der Frage, wer denn den Krieg begonnen habe. Tatsächlich findet sich in dem Buch kein Satz, der solchen Verdacht begründen könnte. Alles wird dokumentiert, Ursachen und Folgen nicht verschwiegen.

Die großen, drängenden, furchtbaren Fragen bleiben. Einen Dialog der Lebenden mit den Toten hat der französische Historiker Marc Bloch, der im Zweiten Weltkrieg erschossen wurde, die Geschichte genannt. Die Lebenden können sich, wenn sie diese Bilder anschauen, den Fragen an die Toten nicht entziehen:

Sind es Bestrafte, sind es im Sinne des totalen Krieges Kombattanten, die für Führer, Volk und Vaterland die Zeche gezahlt haben? Oder sind es Ermordete? Weil wir zu ihnen keine Ebene finden, keine Blickrichtung finden, darum erschrecken sie uns und darum sind sie auch ein Vorwurf: Ihr kennt uns nicht, ihr wisst nicht, wer wir sind. Sind sie das, was Helmut Kohl einmal an die alte Wache in Berlin schreiben ließ, einfach die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft? Oder sind sie die Nazi-Deutschen, die den Sturm ernten des Windes, den der Sportpalast und der Reichsparteitag gesät hatten? Das sind so offene Fragen in diesen Bildern, die einen Schrecken vor der Antwort bewirken.

Bombenkrieg ist ein Krieg besonderer Art. Er nimmt ohne Federlesen alle zu Geiseln, die SS-Familie wie die Familie, die Juden versteckt hält, und alle anderen dazwischen, Säuglinge und Greise, Männer und Frauen, gefangene amerikanische Piloten und italienische Zivilinternierte. Er muss Kollektivschuld konstruieren - sonst wäre die Arbeit der Bomber nichts als organisierter Massenmord. Speers Rüstungsproduktion erreichte im November '44 ihren Höhepunkt. Da war nicht mehr viel zu bomben übrig, nur zivile Städte wie Würzburg, Potsdam und Dresden - das deutsche Hiroshima.

Im Seelenleben der Deutschen hat sich, ohne dass sie es wissen, eine Fehlstelle eingebrannt dort, wo andere europäische Völker Heimat und Zuhause wissen, nämlich in den alten Städten und historischen Landschaften. Was aber das Allied Bomber Command nicht geschafft hatte an Zerstörung, das fegte von Stuttgart bis Berlin-Mitte der Wiederaufbau nach dem Krieg hinweg. Abgebrannt, platt gewalzt und irgendwie wieder aufgebaut, das gilt für die gemordete Stadt in Krieg und Nachkrieg. Albert Speer war des Teufels Architekt. Dass der Wiederaufbau oft bestimmt wurde von ehemaligen Mitarbeitern seines Wiederaufbaustabs, lässt Friedrich nicht unerwähnt. So sieht auch aus, was einmal Städte waren und was heute meistens nur noch so heißt.

Tätervolk? Kollektivschuld? Die Bedeutung dieses Buches liegt nicht nur darin, dass es solchen Kategorien die Erinnerung an den strebenden, handelnden und leidenden Menschen entgegenstellt. Es stiftet Trauer, wo bisher in Deutschland nach dem kalten Wort verfahren wurde, es mögen die Toten doch ihre Toten begraben.
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