Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
12.12.2003
Lorenz Jäger: Adorno - Eine politische Biographie
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2003
Vorgestellt von Jörg Lau

Cover: Adorno - eine politische Biographie (Bild: DVA)
Cover: Adorno - eine politische Biographie (Bild: DVA)
Theodor W. Adorno - Drei neue Biographien zum 100. Geburtstag:

Stefan Müller-Doohm: Adorno - eine Biographie, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2003

Detlev Claussen: Theodor W. Adorno - Ein letztes Genie, S. Fischer, Frankfurt, 2003

Adorno ist unwiderruflich im kulturellen Gedächtnis der Bundesrepublik eingetragen. Er wird zu den Gründungsvätern der ersten erfolgreichen deutschen Demokratie gerechnet. Adenauer und Adorno, so lautet nun die Erfolgsformel der Bundesrepublik: Für Westbindung und soziale Marktwirtschaft steht der eine, für den Wiederanschluss an die kulturelle Moderne und die Etablierung der Gesellschaftskritik der andere. In einem seiner berühmtesten Texte hat Adorno die Aufgabe des Intellektuellen folgendermaßen bestimmt:

Es gibt nichts Harmloses mehr... Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt ... und es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewusstsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält...Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu bewähren vermag.

Ungemildertes Bewusstsein der Negativität, unverbrüchliche Einsamkeit - wenn ein Denker, der für solche Wahlsprüche bekannt geworden ist, als große Konsensfigur endet, so hat das etwas Unangemessenes, ja unfreiwillig Komisches. Theodor W. Adorno hat Zeit seines Lebens die Aura eines Nichteinverstandenen gepflegt. Es liegt Ironie darin, wenn mit so einem dann posthum doch noch Staat gemacht wird.

Zwei der drei jetzt erschienenen Biographien fallen leider dieser Ironie zum Opfer. Stefan Müller-Doohm und Detlev Claussen schreiben aus der Perspektive von Schülern, die dem verehrten Lehrer ein Denkmal setzen wollen. Sie betreiben, wie Friedrich Nietzsche es nannte, "monumentalische" Geschichtsschreibung: Sie zeigen uns einen großen Mann, eine Leitfigur, ein Beispiel. Die Rechercheure haben viel interessanten Stoff geborgen, aber als Autoren sind beide an der Verdichtung gescheitert. Adorno war ein großer Stilist. Auf seine Schüler hat dies offenbar keinen bleibenden Eindruck gemacht.

Wie man's anders und besser macht, zeigt Lorenz Jäger in seiner konzisen und eleganten "politischen Biographie" auf schlanken 300 Seiten. Adorno, der etablierte Außenseiter, der bürgerliche Radikale, der marxistische Dandy, der linke Ästhet, der pessimistische Aufklärer - diese Widersprüche sind es, die ihn bis heute interessant machen. Lorenz Jäger spachtelt sie nicht zu und erklärt sie nicht weg. Im Gegenteil: Er legt die Brüche frei und arbeitet sie überdeutlich heraus. Das wirkt sicher manchmal herzlos, aber es wäre ganz falsch, darin bloß den Versuch einer Demontage zu sehen. Was Jäger tut, indem er Adorno historisiert, ist in Wirklichkeit ein Liebesdienst: Einem Denker, der die Kritik zum Lebensprinzip erhoben hat, kann man nur durch Kritik wirklich gerecht werden. - Jäger hat als einziger Biograph eine neue These zu Adornos Werk zu bieten: Er sieht darin den:

Versuch, es mit der Konstellation des Jahres 1903 als Philosoph aufzunehmen, sie in allen ihren Möglichkeiten durchzuspielen, sie normativ zu rechtfertigen, und am Ende festzustellen, dass diese Konstellation ihre Zeit gehabt hatte, die abgelaufen war.

An drei Lehren hat sich Adorno Zeit Lebens abgearbeitet: Am philosophischen Marxismus, an der Psychoanalyse, an der Musiktheorie der Zweiten Wiener Schule. Lorenz Jäger:

Wer Adorno Mitte der zwanziger Jahre beobachtete, musste feststellen, dass er eine Art absolutes Gehör für die Moderne besaß... Adorno dachte und schrieb im Horizont von Lehren - fast könnte man sagen, dass die Moderne zum Gehäuse seines Denkens wurde. Und dieses Gehäuse wurde im Laufe der Zeit transparenter, leichter, wohnlicher, besser verfugt - aber verlassen wurde es nicht mehr.

Jäger zeigt, wie diese heimliche Orthodoxie Adornos Denken durch die Jahrzehnte leitet. Adorno hat das Feld der philosophischen Reflexion erweitert - bis hin zu den modernen Medien, der Kulturindustrie, dem Jazz und zur Sozialpsychologie des Alltags. Aber die konkreten Gegenstände der Reflexion sind für ihn meistens doch nur Beweisstücke in einem Prozess, dessen Urteil immer schon feststeht. Der Kapitalismus verhext das Leben durch das Prinzip Warentausch. Er saugt das Leben aus allen Dingen und menschlichen Verhältnissen, die Welt verhärtet, die Beziehungen der Menschen verkarsten. Für Adorno, sagt Jäger:

… verwandelte sich der Warentausch in einen Universalschlüssel, mit dem vom Partyverhalten in Hollywood bis zur Militärstrategie im Zweiten Weltkrieg alles assoziiert werden konnte. Man kann die Geschichte der kritischen Theorie so beschreiben: Immer weniger Annahmen des Marxismus waren plausibel, aber dem schrumpfenden Bestand wurde Erklärungskraft für immer mehr gesellschaftliche Phänomene zugemutet. Die Geschichte der kritischen Theorie war auch die Geschichte ihrer eigenen Aushöhlung.

Dies ist auch ein Grund für das Unverständnis, mit dem Adorno und Horkheimer Amerika und der Massenkultur begegneten. In den Hollywoodfilmen und im Jazz sahen sie die gleiche Logik der Entmenschlichung am Werk wie in der Nazipropaganda und im Stiefeltritt der SS. Für die freiheitssichernde Funktion der alten demokratischen Institutionen in den USA hatte Adorno keinen Sinn. Der Faschismus leitete sich nun einmal aus dem Kapitalismus ab, und in der Kälte der Konkurrenzgesellschaft war entsprechend das Vorbild der sadistischen Ordnung des KZs zu sehen.

Lorenz Jäger erzählt ohne den Hochmut der in friedlicheren Zeiten Nachgeborenen, wie Adorno unter dem Signum des Holocaust und des Hitler-Stalin-Paktes zu solch hanebüchenen Diagnosen kam. Er verkennt nicht, dass die Wahnsinnsgeschichte der europäischen Selbstzerstörung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch den bizarrsten Annahmen Plausibilität verleihen konnte.

Aber er entdramatisiert das Adornosche Denken nicht, wie es diejenigen tun, die auf seine bleibende Aktualität hinauswollen und ihn zum ewiggültigen Modell eines Gesellschaftskritikers stilisieren. Lorenz Jäger bringt einen zum Grübeln über die durchaus zwiespältige Rolle, die Adorno in der Bundesrepublik spielte. Adornos ästhetischer Modernismus und seine entschieden progressiven politisch-sozialen Stellungnahmen waren das eine. Er war ein Fürsprecher der Liberalisierung und der Modernisierung, von der Bewältigung der Vergangenheit über die Sexual- und Rechts- bis zur Bildungsreform.

Aber zugleich bediente seine Theorie auch die altbekannten antikapitalistischen, antibürgerlichen und antiliberalen Impulse. Die Dialektik der Aufklärung, das ist Spenglers Untergang des Abendlands auf links gestrickt, sagt Jäger. "Minima Moralia", Adornos berühmtestes Buch, wurde von den Studenten konsumiert als ein Manifest gegen die durchkapitalisierte, modernisierte, amerikanisierte Welt der Nachkriegszeit. Weil diese Kritik von einem kam, der im amerikanischen Exil überlebt hatte, war ihr Antiamerikanismus politisch nicht verdächtig. Es war auch die Anschlussfähigkeit der kritischen Theorie an die deutsche Tradition des anti-zivilisatorischen Ressentiments, die ihren Erfolg möglich machte. Eine junge Generation konnte hier das Unbehagen an der Gegenwart in einer Weise formuliert finden, die den Wunsch nach Veränderung verband mit dem Anschluss an ältere antimoderne Affekte. Solche gemischten Botschaften zu schicken, war ein Schlüssel zum Erfolg Adornos und der kritischen Theorie.

Es war auch ihr Untergang, wie Lorenz Jäger zeigt. In der Rohheit der radikalen Studenten, die ihren Lehrer Ende der sechziger Jahre linksaktionistisch überholen wollten, kam - freilich missverstanden - die Schonungslosigkeit der kritischen Theorie Adornos zurück, die dem Bestehenden schlechthin den Kampf angesagt hatte. An die Studenten war der Kampf gegen den Kapitalismus delegiert worden, sagt Jäger:

… mit dem unterschwelligen Versprechen, damit könnten die Sünden der Väter wieder gutgemacht werden.

Aber auch hier greift wieder eine subtile Dialektik. Denn Adornos Kritik, sein Verweilen beim Negativen, machte auch die Wiederaneignung der missbrauchten deutschen Bildungstradition - Kant, Hegel, Hölderlin, Goethe und Beethoven - erst möglich:

Indem Adorno die Katastrophe von Auschwitz zum Angelpunkt seines Denkens machte, ermöglichte er es seinen deutschen Lesern und Hörern doch auch, an der Liebe zur deutschen Sprache, Philosophie und Musik festzuhalten.

Adornos ungemildertes Bewusstsein der Negativität entpuppt sich in dieser Perspektive überraschend als Basis unserer Leitkultur: Mit diesem Denker, das zeigt Lorenz Jägers meisterliche Biographie, sind wir noch lange nicht fertig.
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