Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
19.12.2003
Friedrich Schorlemmer: Hier stehe ich - Martin Luther
Aufbau Verlag, Berlin 2003
Vorgestellt von Rolf Schneider

Cover: Hier stehe ich - Martin Luther (Bild: Aufbau-Verlag)
Cover: Hier stehe ich - Martin Luther (Bild: Aufbau-Verlag)
Der Herbst 2003 bescherte uns drei Filmerfolge, die sich der Hommage von deutschem Heroismus widmen. Zu den Gewinnern einer Fußballweltmeisterschaft und der Rettungsaktion nach einem Bergwerksunglück gesellt sich da der Kirchenreformator Martin Luther, zu den Wundern von Bern und Lengede also jenes von Wittenberg, sozusagen. Der Lutherfilm aus deutsch-angelsächsischem Herkommen besetzte die Hauptfigur mit einem Komödianten, dessen jünglingshafter Asketismus einem derbknochigen Bergsmannssohn aus dem Mansfeldischen zutiefst widerspricht, weswegen man ihm eher die Rolle des Franz von Assisis andienen möchte. Auch mit der Historie wird eher freizügig verfahren. Gleichwohl: Die Sache findet ihr Publikum und selbst professionelle Kritiker zeigen sich wohlwollend.

Somit hatte der Aufbau-Verlag völlig Recht, ein Buch zum Film auf den Markt zu bringen. Es enthält allerlei Standfotos, die sich neben den Reproduktionen von Dürer- und Cranach-Bildern erstaunlich gut behaupten. Als Autor gewann man Friedrich Schorlemmer.

Der verfasste keine weitere Luther-Biographie. Eine solche bietet das Editionshaus bereits an, zusammen mit einem Roman und einem Hörbuch. Schorlemmer nennt seinen Text "Mein Martin Luther". Es handelt sich um die sehr persönliche Exegese eines prominenten Theologen.

Schorlemmer kommt aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung. In ihr war Kirchenpersonal auch sonst zahlreich vertreten, was daran lag, dass die Kirchen, die evangelische voran, in der Endphase der DDR eine ideologisch-kulturelle Alternative zur herrschenden Staatsdoktrin stellten und unter ihrem Dach der innerpolitische Opposition Raum und Schutz gewährten.

Die meisten der damals in der Sache engagierten Gottesmänner begaben sich nach 1989 in die Politik, von Gauck bis Eppelmann und von Eggert bis Ullmann. Friedrich Schorlemmer zählt zu den wenigen, die im seelsorgerischen Geschäft verblieben, wiewohl er sich von seiner Partei, der SPD, in einen Stadtrat entsenden ließ und als Publizist sich regelmäßig zu aktuell-politischen Themen äußert. Er tut dies als Geistlicher. Er macht kenntlich, dass für seine Person die Kanzel den beruflichen Mittelpunkt stellt.

Er lebt und wirkt in Wittenberg, seit Jahrzehnten schon, heute als Leiter der evangelischen Akademie nahe der Schlosskirche, zuvor als Dozent am Predigerseminar, das im Komplex der Luther-Gedenkstätten untergebracht war. Wenn er Kanzelwort ergreift, geschieht es in der Stadtkirche, im Angesicht des berühmten Cranach-Altars mit seiner Luther-Darstellung. Der Reformator ist ihm auch im geographischen Sinne immer nah. Es ist verständlich, dass diese Nähe formuliert werden will.

Dem Buch ist anzumerken, dass es diktiert wurde. Schorlemmer, auch darin der Tradition Luthers folgend, ist ein wortgewaltiger und emphatischer Redner. Im Protestantismus ist die Predigt noch gewichtiger als im Katholizismus, der evangelische Glaube ist spiritueller, auch bildferner, als der katholische, sein Medium ist das Wort, das gesprochene und das gesungene. Dies alles ist ein Luther-Erbteil, welches spätere Reformatoren, voran Calvin, noch radikalisiert haben.

Von der wechselvollen Geschichte der Reformation erfährt man bei Schorlemmer fast nichts. Die innerkirchliche Opposition zum Papismus ist keine Erfindung Luthers, sie begann bereits im Hochmittelalter, mit den Katharern, sie führte über den Engländer Wycliff bis zu dem Böhmen Hus und endete bis dahin immer in blutigen Niederlagen. Erst Luther blieb siegreich. Neben und nach ihm verästelte sich die Bewegung dann in immer neue Kirchen und Sekten, vom Anglikanismus bis zu Baptisten, Methodisten und Herrnhutern.

Schorlemmer erwähnt gerade einmal Jan Hus und dies eher beiläufig, wie er auch Luthers Biografie recht summarisch abhandelt. Zwar finden alle wichtigen Lebensstationen Erwähnung, aber man ist gut beraten, sich nicht gänzlich unvorbereitet an diese Lektüre zu machen, denn selbst biografisch wird mehr vorausgesetzt denn informiert. Was benannt wird, dient alsbald zum Material für exegetische Übungen, die oft genug in der unmittelbaren Gegenwart enden.

Es ist dies Predigerpraxis. Kanonischen Texte werden zitiert, erklärt und auf ihre Relevanz für den Tag und das aktuelle Publikum überprüft. Die übliche Kanzelpredigt benutzt als Ausgang die Heilige Schrift. In Schorlemmers Buch sind Material das Leben und die Lehre des Dr. Martin Luther.

Dessen Schriften sind von gewaltigem Umfang und in ihren Inhalten zufolge nicht minder vieldeutig als die Texte des Alten und Neuen Testaments, was Schorlemmer natürlich weiß.

Luther ist widerständig, widerspenstig, unerbittlich, stur, versessen, obrigkeitsgehorsam. Das macht ihn legendär, das macht ihn kompatibel mit den Bedürfnissen nachfolgender Generationen: Die einen sehen in ihm den Vorläufer der Aufklärung, die anderen den Verursacher des Dreißigjährigen Krieges - diesen deutschen Nationalheros, diesen Bauernaufrührer und Bauernschlächter, diesen Nationalökonomen und Schöpfer der deutschen Sprache, diesen Liebling von Herrschaften, die andere gern zu Untertanen machen, diesen Freund aller, die in ihrem Beruf ihre jeweilige Berufung, in jedem Stande ihren Wert und ihre Würde erfahren und entdecken. Die einen reduzieren ihn zu einem Talkmaster aufgrund seiner kurzweiligen Tischreden, die anderen auf seine sinnenprall-derben Sprüche, die dritten auf den geistigen Leichnam der Orthodoxie, die vierten auf seinen sozialrevolutionären oder seinen sozialkonservativen Zug. Oder Sie suchen gar nur alle Spuren seines verfluchten Antijudaismus, samt seiner anderen irrationalen Feindphobien.

Schorlemmer steht in der Nachfolge einer riesigen, die Jahrhunderte überspannenden Luther-Exegese, deren Spektrum von der reaktionären Theologie Adolf Stöckers bis zu dem widerständigen Moralismus Karl Barths reicht, bis zu Jochen Klepper und Dietrich Bonhoeffer. Schorlemmer, natürlich, neigt letzterem zu. Sein Buch ist nichts anderes der spannende Versuch, einen Linksprotestantismus aus dem Geist der DDR-Bürgerrechtsbewegung zu skizzieren. Dies bringt ihn in einen latenten Gegensatz zu den hiesigen protestantischen Amtskirchen, die zwar nicht mehr den Konservatismus des Deutschen Kaiserreichs pflegen, aber selbst in den neuen Bundesländern sich heute konservativer gerieren als zu Zeiten der DDR.

Bemerkenswert, was in Schorlemmers Text vorkommt und was fehlt. Völlig ausgespart bleibt der Angelpunkt von Luthers Theologie, gefasst in die Frage "Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" Stattdessen werden mehr oder minder ausführlich vorgeführt: der Sprachschöpfer, der Dichter, der Pädagoge, erwähnt werden das Verhältnis zu Ehe und Sexualität, zur Natur, zur Politik, zu Krieg und Frieden. Es gibt ein paar Errata, so wenn die Assonanz der Wörter "Gott" und "gut" als inhaltliche Verwandtschaft und als deutsche Spezialität begriffen werden. Die Assonanz kennen auch andere germanischen Sprachen, so das Englische, und etymologisch haben beide Wörter nichts miteinander zu tun.

Die Sprachleistung von Luthers Bibeleindeutschung wird ein wenig unterschätzt. Zwar bediente sich der Reformator der Mainzer Kanzlei, einer von mehreren spätmittelalterlichen Urkundensprachen, doch seine wortschöpferische Leistung war extraordinär. Luther wurde tatsächlich der Stifter des Neuhochdeutschen, nicht anders als Dante mit seiner "Göttlichen Komödie" der Stifter des modernen Italienisch, und nicht minder nachdrücklich zu rühmen ist Luthers poetische Produktion. Seine Kirchenlieder waren eine grandiose kulturelle Tat. "Ein feste Burg", die poetische Exegese des 46. Psalms, ist nicht bloß die von Friedrich Engels gerühmte Marseillaise des deutschen Protestantismus, sie ist ein glanzvolles Stück deutscher Dichtung.

Luther untergräbt mitunter die ihm eigene Dialektik. Seine "Zwei-Regimenter-Lehre" verlangt Kritik. Wer aus dem Gehorsam der weltlichen Obrigkeit gegenüber ein Prinzip macht, vergisst, dass die staatliche Gewaltausübung funktional und nicht metaphysisch zu verstehen ist. Nur so weit Obrigkeit eine das Böse eindämmende Funktion wahrnimmt, ist sie von Gott. Sowie das Sein vom Tun getrennt wird, lauert die Gefahr der Rechtfertigung selbst von Staatskriminalität, so dass das Lügen vor aller Welt - etwa zur Rechtfertigung von Kriegen - legitim wird. Eine in Menschenrechtsgrundsätzen verankerte Mitbestimmung und kritische Begleitung mündiger Bürger ist auf nationaler und internationaler Ebene die bisher verlässlichste Gewähr gegen Staatskriminalität, privatisierte Gewalt oder Terror.

Man erkennt: Schorlemmer verhält sich seinem Gegenstand gegenüber keinesfalls kritiklos und das betrifft nicht nur den Antijudaismus. Die Zwei-Regimenter- oder Zwei-Reiche-Lehre ist, weiß man, der Versuch, die radikalen Botschaften des Neuen Testaments für den säkularen Alltag praktikabel zu machen, wo die Bibel dann eben nicht fürs Rathaus taugen und die Friedensbotschaft der Bergpredigt noch im Tornister des Soldaten Platz finden soll.

An diesem Grundwiderspruch, der manche der radikalen protestantischen Sekten erzeugte, etwa die der Quäker, reibt sich auch Schorlemmer. Was er schließlich äußert, verlängert Luthers Theologie in eine radikaldemokratische Lebenspraxis:

Wo der Glaube nicht mehr kritische Einrede ist, dort wird er in die Innerlichkeit verbannt und die Welt ihrem Geschick überlassen. Wo der verwandelnde Geist Gottes nicht Menschen verwandelt, die ihre Wandlungen auch in die weltlichen Belange eintragen, bleibt Glaube theologisches Glasperlenspiel. Ein kritisches Verhältnis zur Macht aus der Sicht eines Christen darf aber nicht zu Vorbehalten führen, Verantwortung und zeitweilige Machtfunktionen in einem demokratischen Staat zu übernehmen. Wer handelt, unterliegt besonderen Gefährdungen. Gerade für das Wagnis jedes Tuns, des Abwägens zwischen mehreren (schlechten) Möglichkeiten gilt das kernige Lutherwort
peccafortiter, credefortius - sündige kräftig, aber vertraue kräftiger. Das heißt eben nicht: skrupellose Durchsetzung eines übertragenen Mandats, das - theologisch verbrämt - über allem Zweifel stehen könnte sondern Wahrnehmung gegebener Möglichkeiten, mit innerer Gewissheit. Dietrich Bonhoeffer hat protestantisches Ethos in seinem Lebenszeugnis fortgeschrieben: "Nicht im Möglichen schweben, sondern das Wirkliche tapfer ergreifen. Das ist Freiheit."

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