Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
2.1.2004
Joachim Radkau und Frank Uekötter (Hrsg.): Naturschutz und Nationalsozialismus
Campus, Frankfurt am Main 2003
Vorgestellt von Michael Miersch

Naturschutz und Nationalsozialismus, Coverausschnitt (Bild: Campus Verlag)
Naturschutz und Nationalsozialismus, Coverausschnitt (Bild: Campus Verlag)
Als die ersten grünen Bürgerinitiativen vor 30 Jahren zu ihrem langen Marsch aufbrachen, der sie in nur zwei Jahrzehnten nach ganz oben bringen sollte, da hatten die meisten das Gefühl, etwas völlig Neues zu erleben. Und zwar sowohl die Mitstreiter als auch ihre Beobachter und Gegner. Die Kategorie "grün", so schien es, hatte zuvor auf dem politischen Feld nicht existiert. Sie war jung, frisch und international. "Der Club of Rome" veröffentlichte damals gerade seine düsteren Prognosen und in Vancouver gründeten ein paar kanadische Hippies "Greenpeace".

Es fiel nicht weiter auf, dass von Anfang an ein paar Herren mitmischten, die auf eine grüne Tradition zurückblickten, die alles andere als jung und frisch war, der Ökobauer Baldur Springmann zum Beispiel oder Konrad Lorenz in Österreich. Entgegen der damaligen Wahrnehmung hatte das vermeintlich neue Gedankengut jedoch eine lange Geschichte, die in der Romantik begann und in der Lebensreformbewegung um 1900 eine erste Blüte erlebte und dann - das wurde jahrzehntelang unter den Teppich gekehrt - von den Nazis aufgegriffen und propagandistisch reiflich genutzt wurde.

Endlich liegt jetzt ein Buch vor, das diese Geschichte sichtbar macht und differenzierte Antworten auf die Frage gibt: Wie grün waren die Nazis? Keine deutsche Regierung vor der rot-grünen im Jahr 1998 war so mit Öko-Ideologie befrachtet wie die nationalsozialistische. Hitler war bekanntermaßen Tierversuchsgegner und Vegetarier. Weniger bekannt dürfte sein, dass Reichsbauernführer Walther Darré persönlich dafür sorgte, dass der Führer immer frisches Bio-Gemüse erhielt. Oder dass Hitler der Reichsvogelmutter Lina Hähnle versicherte, "seine schützende Hand über die Hecken" zu halten.

Himmler pries in einer Rede die alten Germanen, die "von der göttlichen Ordnung der ganzen Pflanzen- und der ganzen Tierwelt überzeugt waren". Der SS-Führer wird von einigen Historikern zum "grünen Flügel" der NSDAP-Leitung gezählt, ebenso wie Walther Darré, Rudolf Hess, Fritz Todt und Alwin Seifert. Sie schwärmten für regenerative Energien, alternative Heilkunst und Bio-Landwirtschaft. Manche von ihnen sympathisierten zeitweise mit Steinerschen Lehren. Himmler ließ von der SS biologisch-dynamische Versuchshöfe betreiben, unter anderem im KZ Dachau. Göring sorgte dafür, dass gleich nach der Machtergreifung 1933 ein neues Tierschutzgesetz verordnet wurde und zwei Jahre später ein Naturschutzgesetz. Beide wurden von der Bundesrepublik weitgehend übernommen und galten noch lange als vorbildlich.

In einem hervorragenden Beitrag zu dem Buch schreibt der Kulturwissenschaftler Friedemann Schmoll:

Antisemitismus und Naturschutz verbindet die Suche nach Ursprünglichem und Unverfälschtem, und damit finden sich beide in Abwehrhaltung zu ihrer Zeit. Und beide teilen eine Reihe konstitutiver Muster und Grundwerte ihrer Vorstellungswelt. Die Verklärung ländlicher Daseinsformen ging einher mit tiefer Ablehnung urbaner Kulturen und eines entfesselten Kapitalismus. Das Pochen auf Gemüt und Intuition verband sich mit borniertem Anti-Intellektualismus. Die Appelle an Innerlichkeit und Idealismus schlossen Kritik an der Oberflächlichkeit und Seelenlosigkeit moderner Lebensformen ein. Die Suche nach natürlicher und kultureller "Eigenart" förderte Antipathien gegen jegliche internationale Tendenzen. Zweifel an demokratischen Gesellschaftsformen waren geknüpft an die Sehnsucht nach Herstellung völkischer Gemeinschaftsformen. All dies, was da Unbehagen evozierte und dieses Ursprüngliche bedrohte, ließ sich mühelos auf das Schreckbild des alles Moderne verkörpernden Juden reduzieren. "Der Jude hat keine Heimat, er ist der ewige Nomade", hieß es 1939 in der Zeitschrift des "Verein Naturschutzpark".

Dies ist keine intellektuelle Zuspitzung Schmolls, sondern wurde von den Nazis explizit so gesehen. Der württembergische Landeskonservator Hans Schwenkel schrieb damals:

Es geht auch gegenüber der deutschen Natur und Heimat um Weltanschauung, um amerikanisch-jüdische oder um deutsche Lebensauffassung und Lebensgestaltung. Es geht jetzt um letzte Entscheidungen zwischen Ehrfurcht oder Ausbeutung, Einfühlung oder Vergewaltigung, Geist oder Stoff.

Allerdings haben die "grünen Braunen" zwar viel Gesinnung abgesondert, aber wenig Praktisches erreicht, denn die NS-Führung war in den Grenzen ihrer diffusen Ideologie äußerst heterogen. Es gab auch technophile und fortschrittsbegeisterte Nazis, die mit den "Grünen" im Clinch lagen. Oftmals blockierten sich die Bürokratien der konkurrierenden Strömungen gegenseitig.

Zu den heute peinlichsten Kapiteln der zwölf Jahre NS-Umweltpolitik gehört das Verhalten der Naturschutzverbände, die sich den neuen Machthabern ohne Zögern an die Brust warfen. Reichsvogelmutter Lina Hähnle schmetterte "ein sieghaftes Heil auf unseren Volkskanzler" und bot "die freudige Gefolgschaft des Bundes" an. Der Reichsbund Vogelschutz, Vorläufer des heutigen NABU, wurde dafür mit einer Monopolstellung belohnt (andere Vogelschutzverbände mussten zwangsbeitreten). Auch der Bund Naturschutz in Bayern (die Kernorganisation, aus der später der B.U.N.D. entstand) frohlockte 1933: "Keine Zeit war für unsere Arbeit so günstig, wie die jetzige unter dem Hakenkreuzbanner der nationalen Regierung."" Diese Zeit hörte für den Bund Naturschutz noch lange nicht auf, denn von 1958 bis 1963 hatte Alwin Seifert die Position des "Bundesleiters" inne. Seifert gehörte als so genannter "Landschaftsanwalt" zum inneren Kreis des NS-Staates.

Die jüngere öko-bewegte Generation, die in den achtziger Jahren nach und nach die großen und wohlhabenden deutschen Naturschutzverbände übernahm, ließ diese Geschichte in den Schubladen verschwinden. Dies ist besonders pikant, weil sich gerade diese Generation innerhalb weniger Jahre zu den Oberschulmeistern der Nation aufschwang und unter allgemeinem Kopfnicken verkündete, was von nun an moralisch in Ordnung und political correct sei.

Das Buch "Naturschutz und Nationalsozialismus" öffnet diese Schubladen und bringt die überaus lange bemäntelte Kontinuität des deutschen Naturschutzes ans Licht. Das Umweltministerium unterstützte den Kongress und auch das Buch. Und Jürgen Trittin hat sich im Vorwort für klare Aussprache entschieden:

Es gab eine sehr erhebliche ideologische Schnittmenge, es gab zahlreiche Berührungspunkte und vor allem gab es eigentlich keinen Punkt, an dem Naturschutz und Nationalsozialismus ideologisch grundsätzlich unvereinbar waren. All das mag für einen Naturschützer unangenehm sein - aber es ist die historische Wahrheit.

Trittin fragt, warum die Naturschützer mit den Nazis gemeinsame Sache machten. Er findet schlüssige, aber für den Naturschutz wenig schmeichelhafte Antworten darauf:

Weil die Ideen der Naturschützer in mehrfacher Beziehung anschlussfähig waren an das Ideologiekonglomerat der Nazis, weil die Naturschützer vom "Dritten Reich" politisch zu profitieren hofften und weil die Abwehrkräfte gegen totalitäre Demagogen unter den Naturschützern genauso schwach ausgeprägt waren wie im Rest des deutschen Bürgertums.

Es ist lobenswert, dass Trittin Autoren unterstützt, die nun ans Licht bringen, was lange unter den grünen Teppich gekehrt worden war. Doch kommt es ein bisschen spät. Konzerne, Ärzteschaft, Kirchen und fast alle anderen Bereiche der Gesellschaft mussten - zumindest in Westdeutschland - bereits vor Jahrzehnten Rechenschaft über die Jahre zwischen 1933 und 45 ablegen. Nur die Natur- und Umweltverbände blieben im Status holder Unschuld und pflegten den Mythos einer wahrhaft neuen sozialen Bewegung, die rein gar nichts mit der dunklen, deutschen Vergangenheit verband.

Leider klammert das Buch die Frage nach dieser jahrzehntelangen Täuschung und Selbsttäuschung aus. Lediglich in einem Beitrag des Historikers Jens Ivo Engels, in dem es um die Kontinuität der Naturschutzbürokratie nach 1945 geht, wird in zwei Absätzen die Entsorgung der Geschichte durch die Umweltschützer der siebziger Jahre thematisiert. Das ist schade und hinterlässt eine Lücke. Ansonsten ist dieses Buch jedoch eine Fundgrube erster Güteklasse. Meines Wissens gibt es kein zweites, in dem so viele Aspekte des Themas so faktenstark dargestellt werden. Hoffentlich wird es über Fachkreise hinaus bekannt.
-> Das Politische Buch
-> weitere Beiträge