Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
31.12.2003
Franz-Xaver Kaufmann: Varianten des Wohlfahrtsstaats
Der deutsche Sozialstaat im internationalen Vergleich, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2003
Vorgestellt von Reinhard Kreissl

Varianten des Wohlfahrtsstaats, Coverausschnitt (Bild: Suhrkamp Verlag)
Varianten des Wohlfahrtsstaats, Coverausschnitt (Bild: Suhrkamp Verlag)
Begriffe wie Wohlfahrts- oder Sozialstaat tauchen in der gegenwärtigen Debatte immer in Kombination mit zu teuer, zu behäbig, zu ineffektiv auf. Und wer sich anschickt, die Leistungen dieses gesellschaftlichen Arrangements vorurteilsfrei zu betrachten, steht im Verdacht, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein. Franz Xaver Kaufmann, anerkannter Experte für Sozialpolitik und über die Grenzen der akademischen Debatte hinaus bekannter Autor, versucht in seinem Buch, jede tagespolitische Rhetorik zu vermeiden. Auf über 300 Seiten entfaltet er ein Szenario, das den deutschen Wohlfahrtsstaat in doppelter Perspektive einbettet.

Zunächst stellt er anhand eines Vergleichs der historischen Entwicklungen in den USA und in Russland, aus seiner Sicht Belege für Kapitalismus und Sozialismus in Reinkultur, zwei Extremfälle gegeneinander und vergleicht sie dann mit den europäischen Varianten wohlfahrtsstaatlicher Regulierung am Beispiel einer Gegenüberstellung von England, Schweden, Frankreich und Deutschland. Für jeden seiner kapitelweise abgehandelten Beispielsfälle holt Kaufmann historisch weit aus. Er möchte die jeweiligen nationalen Ausprägungen als Produkt je spezifischer Entwicklungspfade darstellen. Was die einzelnen Arrangements leisten, wie sie finanziert werden, welche Wirkungen sie haben, all das soll in diesem Buch behandelt werden. Jeder Fall wird dabei nach einem einheitlichen Schema durchdekliniert. Kaufmann untersucht die Maßnahmen im Bereich der Arbeitswelt, der Familienförderung, der Rentenleistungen, Bildungspolitik und Gesundheitsfürsorge, er unterscheidet zwischen finanziellen und sozialen Dienstleistungen und beschreibt für jedes Land die jeweiligen Institutionen, ihre Entstehung und Funktionsweise.

Diese enzyklopädische Breite des Ansatzes geht leider oft auf Kosten der Lesbarkeit und auch der dröge akademische Duktus erleichtert die Lektüre nicht unbedingt. Kaufmann möchte sich der politischen Stellungnahme enthalten, wie er in einem ausführlichen Einleitungskapitel darlegt. Er möchte für die Unterschiede der nationalen Systeme sensibilisieren und den Blick für das je Spezifische der einzelnen Länder schärfen. Sein Grundbegriff dafür ist die Wohlfahrtsproduktion.

Wohlfahrtsproduktion bezeichnet die Gesamtheit der Nutzen für Dritte stiftenden Transaktionen, seien sie öffentlicher oder privater Art, entgeltlich oder unentgeltlich, formell oder informell. Nutzen kann dabei auf unterschiedlichen Ebenen sozialer Wirklichkeit definiert werden, insbesondere als individueller, organisationsspezifischer oder kollektiver, d.h. auf eine bestimmte politische Einheit bezogener Nutzen. Das Problem der Sozial- oder Wohlfahrtsstaatlichkeit bezieht sich demzufolge analytisch auf die Rolle des Staates mit Bezug auf den Gesamtprozess der Wohlfahrtsproduktion.

Was lernen wir aus Kaufmanns Ausführungen? Wer sich bereits jenseits der derzeit herrschenden Ressentiments mit dem Thema Wohlfahrtsstaat beschäftigt hat, geht bei der Lektüre weitgehend leer aus. Kaufmann vermeidet es, eine starke organisierende These zu formulieren, die der Fülle des Materials eine prägnante analytische Gestalt geben könnte.

Diese Zurückhaltung ist einerseits im Angesicht der ebenso erhitzten wie kurzatmigen Auseinandersetzungen über dieses Thema wohltuend und auch der Hinweis, dass viele der behaupteten Missstände jeder empirischen Basis entbehren, ist verdienstvoll. Andererseits vermeidet der Autor damit weitgehend jeden Erkenntnisgewinn. In manchmal ermüdender Breite zählt er die verschiedenen nationalen Sicherungssysteme auf, geht, wo er über entsprechende Informationen verfügt, ins Detail und lässt seine Leser am Ende mit dem Gefühl zurück, dass alles irgendwie ziemlich kompliziert und in jedem Land anders ist.

Kaufmann möchte die "Gestalt" der jeweiligen nationalen Arrangements der Wohlfahrtsproduktion sichtbar machen. Mit diesem Anspruch hebt er sich von vielen seiner zahlenverliebten Kollegen ab, gegen die er in der einen oder anderen Fußnote zu Felde zieht, aber letztlich kommt er auch nicht weiter.

Jedes der behandelten Länder steht für die allseits bekannten Typen: Die USA haben einen relativ geringen Grad an staatlich organisierter Unterstützung, Schweden hingegen verfügt über einen stark ausgebauten Wohlfahrtsstaat und in England - traditionell das Paradebeispiel für eine Gesellschaft ohne Staat im kontinentaleuropäischen Sinne - basiert die Wohlfahrtsproduktion stärker auf zivilgesellschaftlichen Formen als in Frankreich oder Deutschland.

In jedem Land lassen sich entsprechende Leitprobleme identifizieren, aber die sind dann wiederum so allgemein formuliert, dass eine zwingende Deutung der jeweiligen Verhältnisse nicht möglich ist. Das eigentliche Problem dieser Darstellungsweise benennt der Autor selbst zu Beginn des letzten Kapitels, das sich mit Deutschland beschäftigt:

Was dem deutschen Leser bei einer Betrachtung ausländischer Beispiele als vereinfachende Übersicht erscheinen mag, wirkt bei größerer Vertrautheit mit den historischen und aktuellen Gegebenheiten leicht unvollständig und einseitig.

Gegen Kaufmanns Ablehnung theoretischer Positionen in der Diskussion über den Wohlfahrtsstaat und sein Insistieren auf der ideosynkratischen Wechselwirkung von politischen, sozioökonomischen und kulturellen Eigenheiten möchte man den Spruch des auch von ihm immer wieder erwähnten Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel ins Feld führen, dass nichts praktischer sei, als eine gute Theorie. Kaufmanns rhetorische Strategie, denjenigen, die auch politisch fundiert Position beziehen, Selektivität und Einseitigkeit vorzuwerfen, ist so bekannt wie wirkungsvoll. Allerdings überzeugt sein methodisch-theoretischer Ansatz, der sich über weite Strecken in narrativer Breite verliert, keineswegs als Gegenmodell.

Wer hier neue Einsichten erwartet, wird enttäuscht. Wer sich über die Vielfalt der unterschiedlichen Regime der Wohlfahrtsproduktion schnell informieren möchte, dem bleibt durch dieses Buch der Gang in die Fachbibliotheken erspart: Kaufmann resümiert weitläufig die gängige Literatur. Doch entsteht auch hier der Eindruck, dass eine ganze Reihe von wichtigen und interessanten Autoren und Arbeiten nicht berücksichtigt worden sind - ein Versäumnis, das gerade in der breiten Anlage der Literaturverarbeitung befremdet. Der Anmerkungsapparat bleibt trotz der imposanten Zahl von 680 Fußnoten, in denen sich das fehlende Literaturverzeichnis versteckt, selektiv.

Am Ende geht Kaufmann in einem synoptischen Kapitel auf die Chancen nationaler Wohlfahrtsregime unter den Bedingungen der europäischen Integration ein: Werden wir ein einheitliches und auf Minimalstandards reduziertes europäischen Wohlfahrtssystem bekommen oder nicht? Kaufmann bleibt hier skeptisch und optimistisch. Die Wurzeln des abendländischen Christentums und die Traditionen der Aufklärung werden das schlimmste verhindern - wollen wir uns dem Autor wenigstens hier anschließen und auf die fortschrittliche Kraft der Traditionen hoffen.
-> Das Politische Buch
-> weitere Beiträge