Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
9.1.2004
Angela Merkel: Mein Weg
Angela Merkel im Gespräch mit Hugo Müller-Vogg
Rezensiert von Jacqueline Boysen

Angela Merkel: Mein Weg, Coverausschnitt (Bild: Hoffmann & Campe)
Angela Merkel: Mein Weg, Coverausschnitt (Bild: Hoffmann & Campe)
Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2004

Merkel:

Vor einigen Wochen fragte mich ein Journalist in einem längeren Gespräch: "Sagen Sie mal, Frau Merkel, wenn Sie sich 1990 anders entschieden hätten und nicht in die CDU gegangen wären, was würde der CDU heute eigentlich fehlen?" - "Ich", habe ich kurz und knapp geantwortet."

Der Journalist, der mit seiner Frage diese Sternstunde Merkelschen Selbstbewusstseins ausgelöst hat, heißt Hugo Müller-Vogg. Und das von der CDU-Vorsitzenden in ihrer programmatischen Rede zum Tag der Deutschen Einheit erwähnte "längere Gespräch" ist komplett nachzulesen in einem Band mit dem Titel: "Mein Weg. Angela Merkel im Gespräch mit Hugo Müller-Vogg."

Merkel:

Der Ehrlichkeit halber muss ich hinzufügen, dass ihm die Antwort noch nicht gereicht hat. Damit hatte er sicher auch nicht ganz unrecht. Und so hab ich ihm in der Folge noch ein wenig mehr vom Wert der Freiheit im umfassenden Sinne erzählt, von der Sozialen Marktwirtschaft, von der Lust auf Veränderung, von der Freude am Ausloten der eigenen Grenzen und vieles mehr, das mich wie viele andere bewog, 1989 erst in den Demokratischen Aufbruch und dann in die CDU zu gehen. All diese Erwartungen von jeweils eigenem biographischem Hintergrund würden der CDU ohne uns sicher fehlen.

Längst ist es Tagesschau-bestätigte Gewissheit: Kein anderer Zeitgenosse, gleich ob männlich oder weiblich, verblüfft uns seit Jahren so wie Angela Merkel. Die ewig verspottete und zugleich bewunderte, die stets unterschätzte, geschmähte und doch aus dem politischen Leben in Deutschland längst nicht mehr wegzudenkende Physikerin aus Ostdeutschland, die rationale, manchmal rabiate Pastorentochter in all ihrer Widersprüchlichkeit, mit dem auch politisch gelegentlich linkischen Auftreten und ihrem ungebrochenen Aufstiegswillen stellt, ob man will oder nicht, politische Weichen in Deutschland. Die Union hat unter ihrer Führung - und die konnte sie bekanntlich nur dank des skandalträchtigen und schmählichen Endes der Ära Kohl erlangen - sie hat also einen Generationswechsel vollzogen: Brutalstmöglich hat Angela Merkel zunächst das Personal, dann das Programm der CDU ausgetauscht, entstaubt - und auch jetzt treibt sie mit einer nicht gestillten Kraft "nach vorn", wie sie selbst immer sagt, wenn sie "nach oben" meint:

Deutschland steht an einer Wegmarke. Mehr noch: ich bin überzeugt, Deutschland steht am Scheideweg. Entweder Resignation und Kapitulation oder Aufbruch und Aufstieg. Wir haben die Wahl.

Geheimnisvoll ist die machtbewusste Quereinsteigerin aus dem Osten noch immer. Sie hat auf dem Höhepunkt der Spendenkrise gewagt, das verkorkste, aber eherne Band zwischen der Union und Helmut Kohl zu durchschlagen, obgleich sie ihre politische Karriere in der wiedervereinigten Bundesrepublik jenem Kohl verdankt; sie hat Wolfgang Schäuble, den sie angeblich sogar geschützt haben will, und später auch Friedrich Merz brüsk aus ihren Ämtern gestoßen und alle, inklusive Altkanzler schließlich gnädig wieder zurückgeholt - all dies gewissermaßen politische Wahnsinnstaten.

Dass sie ohne Zögern gegen altbundesrepublikanische Sitten und Gebräuche verstößt, hat sie zuletzt mit der Indienststellung von Roman Herzog bewiesen: Bundespräsidenten pflegten bisher auch nach dem Ende ihrer Dienstzeit präsidiale Zurückhaltung und übten parteipolitisch Enthaltsamkeit, wie es der Würde ihres Amtes entspricht - keine Rede mehr davon, Herzog präsentierte das Gegenkonzept zur Rentenreform der Regierung im Auftrag der Parteivorsitzenden.

Hugo Müller-Vogg, ehemaliger Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, versucht nicht, Angela Merkel auf die Schliche zu kommen. Er hat der CDU-Vorsitzenden vielmehr Gelegenheit gegeben, sich ausführlich selbst darzustellen. Neun der "längeren", jeweils etwa zweistündigen Gespräche hat der durchaus skeptische Konservative mit Angela Merkel geführt. Allein, dass die üblicherweise Persönliches argwöhnisch und scheu verbergende Angela Merkel sich darauf eingelassen hat, zeigt schon, wie sehr sie sich ihrer Sache momentan gewiss ist - erst recht natürlich nach dem fulminanten "Zustimmungsparteitag" in Leipzig, auf dem ihr die geradezu hörig ergebene, junge Merkel-Union zu Füßen lag: Jetzt also ist eine neue Zeit angebrochen.

Merkel:

Ein Leben in unserer Zeit ist ein Leben in den zweiten Gründerjahren unserer Republik, ... Schicksalsjahre für unser Land... der Geist des Aufbruchs, des Mutes, und der Entschlossenheit, der Geist, neue Pfade einzuschlagen, das ist die Kraft der Freiheit.

Angela Merkel, die über ihre Lernkapazität sagt, das Mühelose habe sie geprägt, hat keine Scheu vor großen Worten: Ihre Visionen von Deutschlands führender Rolle auf nahezu allen Gebieten muten in ihrer Großartigkeit befremdlich an. Zugleich banalisiert sie pathetische oder ideologisch besetzte Begriffe.

Besonders schmerzhaft wird dies, wenn sie sich dem "C" im Namen ihrer Partei nähert. Einerseits könne ihrer Meinung nach niemand CDU-Vorsitzender sein, der keiner christlichen Kirche angehört. Andererseits fühlt sie sich z.B. in ethischen Fragen wie der Stammzellenforschung überhaupt nicht an theologisch begründete Positionen gebunden. Auch das Jonglieren mit dem Begriff des "christlichen Menschenbilds" ist unangenehm beliebig, die katholische Soziallehre jedenfalls ist ihr in ihrem Erneuerungswahn fremd.

Die vormalige Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften der DDR unterschlägt zudem, dass das "C" in der DDR gewissermaßen Katalysator der Opposition, der sie selbst nicht angehörte, und Nährboden für die friedliche Revolution war. Wie die Regierungsparteien missachtet sie die Kraft, die von einigen wenigen Aufrechten ausging, weil sie nicht vor dem November 1989 den Aufstieg in neue Sphären erlebte, sondern erst am 3. Oktober 1990.

Leider birgt die von Merkel und Müller-Vogg gewählte Gesprächsform die Gefahr der Selbststilisierung: Nicht der Interviewer, sondern die Befragte ist Herr des Verfahrens, das bleibt sie auch - schließlich hat sie das Buch autorisiert. So kann sie zum Beispiel die Verhältnisse in ihrer Kindheit in zweifacher Hinsicht idealisieren: der autoritäre Vater wird weichgespült und seine in zahlreichen kirchlichen Schriften festgehaltene DDR-konforme Haltung heruntergespielt. Viele Thesen bleiben leider unwidersprochen stehen, auch naive und banale Äußerungen. Nicht ungeschickt teilt die siegesgewisse CDU-Vorsitzende auch kleine Seitenhiebe aus, Norbert Blüm ist einer der Adressaten.

Hugo Müller-Vogg, einst in Unfrieden aus dem Kreis der FAZ-Herausgeber geschieden, hat sich in den Gesprächen, sich teilweise zum Stichwortgeber gemacht, an manchen Stellen nachgehakt, aber dies leider auch oft unterlassen. So, wenn es um Männer geht, die Angela Merkel bewundert - dem Part über human interest, die leidige Frisurfrage und Privates ist ohnehin wenig zu entnehmen, da "Angie" sich wie gewohnt bedeckt hält. Man merkt dem westdeutschen Publizisten oft an, wie fremd ihm das Denken der ostdeutschen Naturwissenschaftlerin ist, wenngleich er ihre konservativen Grundpositionen selbstredend teilt. Selten erhebt er Einspruch, denn er will die CDU-Vorsitzende nicht demontieren.

Dennoch enthalten die 260 Seiten, die das thematisch gegliederte Interview umfasst, auch nach der Autorisierung durch das stets misstrauische Büro der Politikerin, durchaus komische Passagen - etwa wenn Müller-Vogg über den Frauenstimmenfänger Gerhard Schröder bemerkt, dieser gebe gern den Unwiderstehlichen, und Angela Merkel uns treuherzig versichert, das habe sie nie interessiert.

Allem Erhellenden zum Trotz: Das Rätselhafte am Aufstieg der Angela Merkel bleibt. Denn auch in diesem Band erfahren wir nicht, was wir wissen wollen, sondern das, was die gereifte, zufrieden-optimistische Spitzenfrau der CDU uns quasi in Vorbereitung auf ihre Kanzlerkandidatur mitteilen möchte. Was zum Beispiel, fehlt ihr zum vollkommenen Glück? Wir ahnten es: Zeit, vor allem aber das Regieren.
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