Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
16.1.2004
Ines Geipel: Für heute reicht’s - Amok in Erfurt
Rowohlt Verlag, Berlin 2004
Rezensiert von Bernd Wagner

Ines Geipel: Für heute reicht's, Coverausschnitt (Bild: Rowohlt Verlag Berlin)
Ines Geipel: Für heute reicht's, Coverausschnitt (Bild: Rowohlt Verlag Berlin)
Um ein traumatisches Ereignis verarbeiten oder verdrängen zu können, muss es erst einmal in uns eindringen. Die meisten Erlebnisse haben dazu außer bei den unmittelbar Beteiligten keine Chance, werden sie uns doch in Form medial aufbereiteter Nachrichten präsentiert, die binnen kurzem von anderen Meldungen abgelöst werden. Verdrängen, zitiert Ines Geipel Freud, bedeutet Nachdrängen, das Nachdrängen immer neu zu verarbeitender Probleme.

Die Autorin versucht, diesen Prozess zu stoppen und bei jenem Massaker vom April 2002 in Erfurt zu verharren, das das Land zwar in Entsetzen gestürzt hat, aber bis heute nicht wirklich wahrgenommen wurde. Sie schreibt gegen das endgültige Vergessen an, setzt ihr Wort gegen die schnellen Wörter. Da der Täter durch seinen Selbstmord nicht mehr befragt werden konnte, versucht Ines Geipel, Lehrerin an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, einen anderen individuellen Zugang zu dem Geschehen zu gewinnen.

Das Buch ist durch die nachdrücklichen Fragen meiner Studenten angeregt worden, die selbst einmal Schüler des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums waren und die das Ereignis vom 26. April 2002 nicht mehr losließ. Eine von ihnen - Elsa - ist zur Protagonistin geworden. Ihre Fragen sind die Sonden des Buches und haben die wesentlichen Züge seiner Chronologie entschieden: die Klärung der Vorgeschichte der Tat, die detaillierte Rekonstruktion des Tathergangs in der Schule sowie den späteren Umgang mit dem Ereignis.

Dieses Herangehen hat verschiedene Konsequenzen. Zum einen wird der Leser, indem er die Optik einer mittelbar Betroffenen teilt, direkt von dem Geschehen ergriffen. Alarmiert durch Handy-Anrufe aus ihrer ehemaligen Schule, fährt Elsa noch am Abend des Massakers nach Erfurt. Sie wird zur Führerin des Lesers durch den Dschungel der Ereignisse.

Andererseits ergibt der Umweg über eine fremde Subjektivität eine Brechung, die mitunter mehr verwirrt als erhellt. Am eindringlichsten wird das Buch dort, wo die Autorin ihre Protagonistin vergisst, wo sie den Jugendjargon hinter sich lässt und ihre eigene so präzise wie empfindsame Sprache spricht.

Kein Gelächter, kein Autohupen, nirgends ein lautes Gespräch, nicht einmal die Kinder machen Lärm. Als hätte man über der Stadt extrem starke Filter aufgehängt, die jeden Laut einsaugen, noch bevor er das Ohr erreicht.

Elsa durchirrt ihre Stadt auf der Suche nach Antworten. - Wer war dieser Robert Steinhäuser überhaupt, der inzwischen als Täter festzustehen scheint? Sie erinnert sich an einen unauffälligen Jungen aus der Nachbarschaft. Nach und nach trägt sie Einzelheiten zusammen, das entstehende Bild aber, wie das von seiner Familie, bleibt vage.

Schwache Leistungen auf dem Gymnasium, so dass er die elfte Klasse wiederholen muss. Seitdem Aufbau einer Gegenwelt, in der er sich die Erfolgserlebnisse verschafft, die ihm in der wirklichen verwehrt sind. Eintritt in den Schützenverein "Domblick" und Antrag auf eine Waffenbesitzkarte, weil er "eine Sportpistole 9 Para und zweitens eine Flinte 12/70 erwerben wolle". Schießt Steinhäuser nicht mit wirklichen Waffen, spielt er virtuellen Krieg auf dem Computer. Eines seiner Lieblinsspiele heißt Counterstrike.

Per Knopfdruck sucht sich der Spieler seine Opfer aus und kann ihnen dabei das Aussehen von realen Personen geben, die er nicht mag. Blut wird möglichst ausgeblendet, es behindert den Spielfluss... Jeder wird erschossen, vom Polizisten über den Passanten zum Schulmädchen, bis man selbst erschossen wird und endlich alles in Schutt und Asche liegt.

Ein erstes Warnsignal sendet Steinhäuser auf einer Klassenfahrt aus. Angetrunken und mit Zigarre im Mundwinkel steht er plötzlich auf, hält eine gedachte Pistole gegen den Biologielehrer und drückt mehrfach ab. Er erhält dafür einen Schulverweis. Die Fälschung von Krankenscheinen führt schließlich zu seiner Suspendierung von der Schule, im Oktober 2001 steht er ohne Abschluss auf der Straße.

Er verbirgt es vor seiner Familie, indem er das entsprechende Schreiben aus dem Briefkasten angelt und Tag für Tag zur gewohnten Zeit das Haus verlässt. Seinen Freunden erzählt er, er bereite sich an einer anderen Schule auf die Abiturprüfungen vor. In Wirklichkeit betreibt er das, was die Autorin seine "Aufrüstung" nennt. Die Erlaubnis zum Waffenbesitz hat er unbegreiflicherweise erhalten, von seinem angesparten Taschengeld kauft er sich jetzt Pistole, Pumpgun und die dazugehörige Munition. Den Winter über ist er ein Schläfer, der auf seinen Einsatz zu den im Frühjahr stattfindenden Abiturprüfungen wartet.

"Jetzt geht's um die Wurst, streng dich an!", verabschiedet Vater Steinhäuser seinen Sohn am Morgen des 26. April 2002. Angeblich schreibt er heute die Englisch-Prüfung, tatsächlich trägt er im dunklen Rucksack seine Mordwaffen. Um 10.35 Uhr betritt er die Schule. In der Herrentoilette zieht er sich um und macht sich 10. 58 Uhr mit Pumpgun auf dem Rücken und Pistole Glock 17 in der Hand auf den Weg ins Sekretariat.

Den nun folgenden Albtraum hat Ines Geipel durch Zeugenaussagen auf beklemmend authentische Weise rekonstruiert.

Ich sah, dass Herr Schwarzer die Tür des Raumes 106 mit dem Schlüssel verschloss. Als er über den Gang ging, achtete ich nicht so sehr auf ihn. Dann öffnete er die Tür des Vorbereitungsraumes, als der Typ mit der Pistole ihm in den Rücken schoss. Ich hörte es drei- oder viermal knallen und sah, dass Herr Schwarzer in die Knie sackte. Sein Oberkörper fiel nach hinten. Dann zuckte er mehrfach. Es lief gleich Blut aus seinem Mund.

Frau Klement hat richtig laut gelacht und ist einfach nach hinten umgekippt. Das konnte ich durch den Spalt in der offenen Tür sehen. Aus ihrem Mund und ihrer Nase floss Blut, doch wir dachten, es sei alles Spaß, und das Blut sei künstlich.

Und so weiter. Bis zu dem Moment, als er seinem Lehrer Heise begegnet und die Maske vom Gesicht zieht.

Er nahm die Pistole, legte sie links neben sich auf das Regal und sagte: "Für heute reicht's!" Da sagte ich zu ihm: "Darüber sollten wir aber wenigstens reden. Komm mal mit rein." Seine Pistole lag noch links neben ihm, und ich sagte: "Aber die nimmst du mit!" Er sagte ganz ruhig und freundlich: "Ja, Herr Heise." Dann ging er ganz langsam voran. In dem Moment hatte ich die Idee, ihm von hinten einen kräftigen Stoß zu versetzen, sodass er in das Zimmer stolperte. Dann verschloss ich die Tür von außen, ein- oder zweimal.

Unfassbar ist nicht nur die Kaltblütigkeit, mit der 17 Menschen getötet werden. Schwer zu begreifen ist auch, wie der Täter eine halbe Stunde lang wüten konnte, ohne daran gehindert zu werden. Als ob unsere Welt von eingespielten sozialen Mechanismen beherrscht würde, die in dem Moment versagen, wenn sie ein Einzelner mit einer unvorhergesehen Tat konfrontiert.

Die brüchigen Stellen in diesem Gefüge sind Elsa zufolge klar auszumachen. Ein Schulsystem, das durch Leistungszwang zu einer Frontstellung zwischen Lehrern und Schülern geführt hat. Völlig überforderte Ordnungskräfte, die nach dem Selbstmord Steinhäusers nahezu zwei Stunden bis zur Räumung der Schule verstreichen lassen, Stunden, in denen die Kinder mit ihren erschossenen Lehrern in ein Zimmer eingesperrt sind, Stunden, in denen einer von ihnen schreiend auf dem Flur verblutet. Heuchelnde Politiker, die keine Konsequenzen aus dem Geschehen ziehen.

Ines Geipel hat versucht, das Geflecht der diese Tat begleitenden Motive und äußeren Umstände deutlich zu machen. Dabei lässt sie sich durch ihre jugendliche, Verschwörungstheorien nicht abgeneigte Protagonistin all zu leicht dazu verführen, persönliches und gesellschaftliches Versagen auf das Konto der Politik zu schreiben. So bleiben die individuellen Gründe, die gerade Robert Steinhäuser zu diesem Verbrechen führten - das nicht zuletzt eins am eigenen Menschsein war - weiter im Dunklen.
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