Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
23.1.2004
Klaus Schroeder: Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Deutschland - Ein Ost-West-Vergleich
Schöningh Verlag/Paderborn, 2004
Rezensiert von Frank Pergande

Klaus Schroeder: Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Deutschland, Coverausschnitt (Bild: Schöningh)
Klaus Schroeder: Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Deutschland, Coverausschnitt (Bild: Schöningh)
Die Städte Arnstadt und Neuruppin liegen im Osten, in Thüringen und Brandenburg. Einbeck und Deggendorf liegen im Westen, in Niedersachsen und Bayern. In keiner der vier Städte gibt es eine rechtsextreme Szene. Dennoch, nein gerade deshalb haben Klaus Schroeder und seine Mitarbeiter vom Forschungsverbund SED-Staat diese Städte für eine Studie über Rechtsextremismus und Jugendgewalt ausgewählt.

Als sie die Stadtverwaltungen von Neuruppin und Deggendorf ansprachen, war man dort sofort um den Ruf der Stadt besorgt. In Neuruppin hatten vor einiger Zeit Jugendliche im Alkoholrausch einen Obdachlosen erschlagen. In Deggendorf hatte es eine zeitlang Schlägereien mit rechtsextremen Jugendlichen gegeben. Die Wissenschaftler hatten alle Mühe, den Stadtverwaltungen zu erklären, dass sie nicht Zentren des Rechtsextremismus' suchten, sondern ganz gewöhnliche Städte, um zu erfahren, wie es tatsächlich um Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Deutschland an sich und im Besonderen in Ost und West bestellt ist.

Die von der Bayerischen und der Thüringischen Landeszentrale für politische Bildung unterstützte Studie liegt jetzt auf mehr als 600 Seiten gedruckt vor, mit vielen Diagrammen und Tabellen. Sieht man diesen Aufwand, scheint alles, aber auch alles über den Rechtsextremismus in Arnstadt, Einbeck, Neuruppin, Deggendorf und damit überhaupt in deutschen Städten mittlerer Größe gesagt. Das Ergebnis verblüfft. Man könnte den Autoren mit einem Augenzwinkern zurufen: Thema verfehlt!

Denn eine der Schlussfolgerungen aus der Studie ist, dass der Rechtsextremismus weder verbreitet ist noch, wie oft angenommen, die Kultur einer ganzen Jugendgeneration berührt. Die Mehrzahl der Befragten sieht sich politisch in der Mitte. Die rechtsextremistischen Parteien zusammen kommen gerade mal auf knapp fünf Prozent. Nur jeder 50. der Befragten verfügt über ein rechtsextremistisches Weltbild. In Neuruppin etwa machten die Wissenschaftler folgende Erfahrung:

Außergewöhnlich an allen Gesprächen in Neuruppin war die ausschließlich abwertende Erwähnung von "Nazis" und "Rechten". Auch die beiden Schülerinnen im Beispielinterview, die zum Teil "rechte" Einstellungen erkennen ließen, sich selbst aber als "normal" verorteten und von Mitschülern wegen ihrer zumindest losen Kontakte zu den Jusos als eher "links" eingeschätzt wurden, grenzen sich zwei Mal deutlich ab: "Assi-Rechte" könne sie gar nicht leiden, sagt Bianca schon zum Anfang des Gesprächs. Neben ihrer Behauptung, über Politik machten sich eher "die Rechten" Gedanken, "die Linken" wüssten nicht, warum sie "links" seien, äußerte sie eine weitere Abgrenzung: "Wenn man Heil Hitler schreit, kann ich das nicht gut finden."

Schroeders Befragungen offenbaren aber ein anderes Problem. Junge Leute haben wenig Vertrauen in die parlamentarische Demokratie und fühlen sich nicht den Werten und Tugenden der Zivilgesellschaft verpflichtet. Sie finden hingegen Autoritäten gut. Gewalt ist ein normales Mittel zur Durchsetzung von Interessen. Im Kapitel über Deggendorf heißt es:

Viele unserer jugendlichen Interviewpartner üben zwar Kritik an kommunalpolitischen Entscheidungen, eine Bereitschaft, sich zu engagieren, ist jedoch nur vereinzelt vorhanden. Die meisten Jugendlichen halten die Möglichkeiten zur Einflussnahme auf Verhältnisse in der Stadt für zu gering. In einer Diskussionsrunde wurde geäußert, man käme gegen die Dominanz der CSU sowieso nicht an. Entsprechende Erfahrungen haben die Teilnehmer dieser Runde in einem Gespräch mit dem Bürgermeister und dem Jugendbeauftragten gemacht: "Wir sind sprachlich nicht so begabt, da haben die uns abgemopst."

Und noch etwas anderes teilt sich aus Schroeders Buch mit: Die jungen Leute führen ein schwieriges Leben, das viel mit Gewalt zu tun hat. Über die Einbecker Jugendlichen heißt es:

Die Erwachsenen würden von den Problemen der Jugendlichen und der Situation in der Schule nichts mitbekommen. Hier gebe es zum Beispiel mindestens drei deutsche Dealer; die meisten Schüler hätten mit 15 oder 16 Jahren "schon einmal gekifft"... Waffen gebe es auch in jeder gewünschten Menge.

Weniger der Rechtsextremismus, wohl aber Ausländerfeindlichkeit gehört zu diesen schwierigen Leben der Schüler von heute dazu. In den beiden westlichen Städten sind es vor allem die Spätaussiedler aus Russland, die den jungen Einheimischen zu schaffen machen. In der Studie kommen aber auch Spätaussiedler zu Wort. Sie fühlen sich ihrerseits geschnitten, verstehen die Sprache nicht und bleiben deshalb im eigenen Kreis. Schroeders Schlussfolgerung:

Der Schlüssel für die Zurückdrängung oder zumindest Eindämmung von Ausländerfeindlichkeit liegt in der Konzentration auf Integration und der Entwicklung gemeinsamer Identifikation als Deutsche bzw. als in Deutschland Lebende. Auch die hohe Gewaltbereitschaft von jugendlichen Migranten und Aussiedlern darf nicht weiter tabuisiert werden.

Andere politische Schlussfolgerungen aus der Studie dürften nur schwer zu ziehen sein. Politisches ist in den Aussagen kaum zu entdecken. Weite Hosen, Kiffen und verfilzte Haare gelten schon als links. Umgekehrt Bomberjacken und Springerstiefel als rechts. Man müsse nur Respekt haben "vor denen mit den weißen Schnürsenkeln", wie es ein Einbecker Jugendlicher sagt.

Schroeder und seine Kollegen haben herausgefunden, dass mit wachsender Bildung die Neigung zu Rechtsextremismus und Gewalt abnimmt. Allerdings geben einige der befragten Gymnasiasten auch eine einfache Erklärung für das, was man ihnen als tolerantes Verhalten auslegen möchte: Sie haben weder Zeit noch Lust auszugehen. Und vor Tanzsälen wurde schon immer geprügelt, egal ob mit rechter oder linker Gesinnung, egal ob als Deutscher oder Ausländer.

Noch etwas lassen die Gespräche erkennen: Die Hilflosigkeit der Stadtgesellschaft gegenüber der Gewalt. Wer soll aber auch die richtigen Strategien finden, wenn noch nicht einmal klar ist, was der Begriff Rechtsextremismus bedeutet. Schroeder referiert im ersten Teil seines Buches die wichtigsten theoretischen Arbeiten und Studien zu diesem Thema:

Das Fazit der Betrachtung, verschiedener theoretischer Erklärungsansätze zum Rechtsextremismus und zur Jugendgewalt fällt ernüchternd aus: Die unzähligen Regalmeter messende Literatur über dieses "Phänomen" findet keine Entsprechung in einer überzeugenden Plausibilität der vorgebrachten Argumente.

Überhaupt ist der Eindruck nicht von der Hand zu weisen, dass mit Studien über Rechtsextremismus bislang oft ganz andere Interessen verfolgt werden. Man erinnere sich nur an die Angriffe auf den "Rechten" Friedrich Merz, weil er über deutsche Leitkultur nachdachte. Überhaupt hat sich in der von Linken geprägten Debatte pauschal der Begriff "Rechter" eingebürgert, wenn es doch um "Rechtsextreme" oder "Rechtsradikale" geht.

Schroeder nennt sein Buch im Untertitel ein "Ost-West-Vergleich". Abermals könnte man sagen: Thema verfehlt! Die Studie ergab, dass es kaum Unterschiede zwischen Ost und West gibt, wohl aber zwischen Nord und Süd:

Die norddeutschen Schüler erzielen mit Ausnahme der Einstellungskomponente Autoritarismus und Devianzbereitschaft bei allen anderen Komponenten schlechtere Ergebnisse als die Befragten aus Süddeutschland. Sie sind deutlich ausländerfeindlicher, antisemitischer und haben erheblich mehr Jugendliche mit einem rechtsextremistischen Weltbild und einer nichtzivilen Einstellung unter sich.

Nur bei den Stichworten Antiparlamentarismus und nichtzivile Einstellungen erreichen die Ostdeutschen höhere Werte. Das ist sicher eine Nachwirkung der DDR, zumal diese gerade eine Verherrlichung erlebt.

Schroeders Buch über den "SED-Staat" ist heute schon ein Klassiker. Seine Studie über Rechtextremismus und Jugendgewalt könnte es auch werden, schon wegen ihrer Materialfülle. Der Kern des Buches ist allerdings die empirische Studie, die in allen Differenzierungen ausgebreitet wird - auch auf die Gefahr ermüdender Wiederholungen hin. Nirgendwo gibt es in diesem dicken Buch ein Pauschalurteil. Vor allem aber muss dem Buch zugute gehalten werden, dass es sich um das zentrale Ergebnis der Studie nicht herumdrückt, auch wenn dadurch all die Mühen der wissenschaftlichen Arbeit in gewisser Weise in Frage gestellt werden: Rechtsextremismus ist gegenwärtig keine Gefahr für die Bundesrepublik, sondern eine Randerscheinung.
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