Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
13.2.2004
Christopher Browning: Die Entfesselung der "Endlösung" - Nationalsozialistische Judenpolitik 1939-1942
Propyläen Verlag, München 2003
Rezensiert von Sebastian Engelbrecht

Christopher Browning: Die Entfesselung der "Endlösung", Coverausschnitt (Bild: Propyläen Verlag)
Christopher Browning: Die Entfesselung der "Endlösung", Coverausschnitt (Bild: Propyläen Verlag)
Aus dem Amerikanischen von Klaus-Dieter Schmidt

Mit einem Beitrag von Klaus-Dieter Schmidt

Christopher Browning hat sein berufliches Leben dem finstersten Kapitel der Geschichte gewidmet. Zwei Fragen begleiten ihn sein Historikerleben lang: Warum geschah der Holocaust? Und: Wie genau kam es zum Massenmord an den europäischen Juden? Schon vor zehn Jahren machte Browning mit einer Studie über das "Reservepolizeibataillon 101" von sich reden, in der es um die Frage ging, warum "ganz normale Männer" zu mordenden Bestien werden. Und schon in den 70er Jahren fragte er nach dem "Wie" in einer Untersuchung über das Auswärtige Amt und die sogenannte Endlösung.

Brownings neues Werk verbindet nun beides: die Fragen nach dem Wie und dem Warum. Und auch darüber hinaus bietet sein Buch vor allem Synthesen. Der deutsch-israelische Historiker Dan Diner sieht im synthetischen Charakter jedenfalls die wichtigste Neuheit:

Eine Verschmelzung jener unterschiedlichen, jener gegenüberstehenden Schulen, wie sie früher als Intentionalisten und Funktionalisten bezeichnet worden sind - oder man könnte fast sagen: Christopher Browning entwickelt eine Dialektik zwischen Zentrum und Peripherie in der Ingangsetzung beziehungsweise in der Entfesselung des Holocaust - ohne sich zu entscheiden, ob ein Primat des Zentrums über die Peripherie oder ein Primat der Peripherie über das Zentrum bestanden hat.

Die Bedeutung des "Zentrums", also Hitlers und der Berliner NS-Behörden, haben verschiedene Holocaust-Forscher in den vergangenen zwanzig Jahren eher als gering eingestuft. Die treibende Kraft für den Massenmord sahen sie in der "Peripherie", also in Initiativen örtlicher SS- oder Polizeichefs, etwa auf dem Gebiet des besetzten Polens oder Serbiens. Browning sieht eine zentrale Rolle Hitlers als Entscheider und Motivator, ohne die lokalen Einzelaktionen beim Aufbau der Vernichtungsmaschinerie zu verneinen.

Die meisten Historiker sind sich darüber einig, dass der amorphe und unstrukturierte Charakter des nationalsozialistischen Entscheidungsprozesses durch ein einfaches, lineares und hierarchisches Modell nach dem Muster Entscheidung - Befehl - Durchführung nicht erfasst wird. Stattdessen bildete sich die Politik im Zuge einer unsystematischen dialektischen Interaktion wechselseitiger Radikalisierung zwischen zentralen und lokalen Behörden heraus, wobei von oben in unterschiedlicher Form Ermunterung, Legitimierung und Unterstützung sowie Entscheidungen und Anweisungen kamen, während von unten Einfallsreichtum, Initiativen und Experimentierfreude sowie Gehorsam einflossen.

Eine Synthese ist Christopher Brownings Buch nicht nur wegen dieser Kernaussage, sondern auch in anderer Hinsicht: Er bezieht eine große Zahl neuerer Forschungsarbeiten über den Holocaust in seine Darstellung ein - Arbeiten von jüngeren, vor allem deutschen Historikern, die von der Öffnung der Archive nach dem politischen Umbruch von 1989 profitierten.

Brownings Schilderung beginnt mit dem Jahr 1939: Nach dem gewonnenen Polen-Feldzug dient das Nachbarland als Experimentierfeld für SS und Polizei. Opfer nationalsozialistischer Gewalt ist vor allem die Elite der christlich-polnischen Mehrheitsgesellschaft - nicht die Juden. In den ersten vier Monaten der Besatzung töten die Nationalsozialisten 50.000 Polen.

Insofern sollte Polen zum "Laboratorium" für Experimente auf dem Gebiet des rassischen Imperialismus werden, in dem die Nationalsozialisten ideologische Parolen wie "Lebensraum", "Volkstumskampf", "Flurbereinigung" und "Endlösung der Judenfrage" in die Realität umzusetzen gedachten. Dabei würde man viel herumexperimentieren und aus Fehlern lernen müssen, waren die Parolen doch keineswegs eindeutig.

Die Gettos von Lodz oder Warschau sind als Übergangslösungen gedacht. Später, so planen der "Reichsführer SS" Heinrich Himmler und seine Leute, sollen die Juden in Reservate deportiert werden. Ihre systematische Ermordung steht in den Jahren 1939/40 keineswegs fest.

Christopher Browning: Nach meiner Auffassung war die Gettoisierung in Polen kein kalkulierter vorbereiteter Schritt in einem schon vorher existierenden größeren Plan für die Endlösung. Genauso wenig offenbarte sie einen Mechanismus der kumulativen Radikalisierung auf Seiten der Peripherie, der das Zentrum zum Handeln zwang. (...) Der Durchbruch zum systematischen Massenmord ereignete sich nicht in Polen, sondern auf sowjetischem Territorium, wo das polnische Modell ausdrücklich zugunsten der (…), ich zitiere, "im Osten erstmals möglichen radikalen Behandlung der Judenfrage abgelöst wurde", wie Stahlecker es im August '45 formulierte.

Darüber herrscht unter Historikern Einigkeit: Mit dem Beginn des "Unternehmens Barbarossa", dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, beginnt der Massenmord an den sowjetischen Juden. Sogenannte "Einsatzgruppen" treiben Juden aus eroberten Dörfern und Städten zusammen, lassen sie Massengräber ausheben und erschießen sie. Vom August 1941 an zielen die Männer von SS und Polizei auch auf jüdische Frauen und Kinder.

Uneinig sind sich die Shoah-Forscher aber darüber, wann die zweite Phase des geplanten Mordens anfängt: wann nämlich Hitler und seine willigen Henker den Mord am europäischen Judentum insgesamt beschließen. Hier verliert sich die Aktenspur, die die Nazis hinterließen. Der Berliner Historiker Christian Gerlach datiert die Entscheidung auf den Dezember 1941 - nach dem Scheitern eines Blitzkrieges gegen die Sowjetunion und nach dem Eintritt der USA in den Krieg. Der Londoner Holocaust-Experte Peter Longerich erkennt den Beschluss Hitlers und seines Apparates sogar erst im späten Frühjahr 1942. Christopher Browning sieht die Weichenstellung für den Mord an Millionen Juden viel früher.

Christopher Browning: Ich selbst lege in meinem Buch dar, dass Hitler und das NS-Regime die Vorstellung einer Lösung der von ihnen selbst geschaffenen Judenfrage auf dem Wege der Vertreibung im späten (...) September/Oktober '41 aufgaben und stattdessen die totale systematische Vernichtung ins Auge fassten. Den Hintergrund dieses grundlegenden Wendepunktes bildete nicht die Frustration über das Scheitern des "Unternehmens Barbarossa" und den amerikanischen Kriegseintritt, sondern die Siegeseuphorie infolge des Falls von Kiew und des Sieges in dem Doppelschlag von Wjasma und Brjansk - das heißt das letzte kurzlebige Aufflackern der Hoffnung auf einen unmittelbar bevorstehenden Sieg an der Ostfront.

Browning webt in seiner Argumentation zwei historische Fäden ineinander: die militärischen Erfolge der Wehrmacht an der Ostfront in den Monaten Juli bis Oktober 1941 und die Entscheidungsabläufe zwischen Hitler, seinen Statthaltern, SS- und Polizeichefs bei der sogenannten "Lösung der Judenfrage" in derselben Zeit. Für seine These vom entscheidenden Wendepunkt im Oktober 1941 stützt er sich außerdem auf zwei Tatsachen: die im frühen Herbst 1941 beginnenden Deportationen von Juden aus dem sogenannten "Altreich" in den Osten und die Häufung von Experimenten mit Gas in den Vernichtungslagern zur selben Zeit. Schließlich zitiert Browning einen siegesgewissen Hitler, der - glaubt man Browning - nicht zufällig am 17. Oktober 1941 sagte:

"Ich gehe an diese Sache eiskalt heran. Ich fühle mich nur als der Vollstrecker eines geschichtlichen Willens."

Auch wenn der Historiker Hans Mommsen in Brownings Thesen und Synthesen noch einzelne Widersprüche entdeckt, so ist doch die bleibende Bedeutung seines Werkes unbestritten. Ein Standardwerk, das Überblick schafft - und an dem sich eine Forschergeneration orientieren wird.
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