Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
27.2.2004
Norman M. Naimark: Flammender Hass – Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert
C. H. Beck Verlag, München 2004
Rezensiert von Elke Nicolini

Norman M. Naimark:Flammender Hass - Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert (Coverausschnitt) (Bild: C.H.Beck)
Norman M. Naimark:Flammender Hass - Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert (Coverausschnitt) (Bild: C.H.Beck)
Aus dem Amerikanischen von Martin Richter

Beginnen wir mit dem Begriff, zu dem auch der Autor in seiner Einleitung Stellung nimmt. Im Mai 1992, in der ersten Phase des Krieges in Bosnien, sei der Ausdruck "ethnische Säuberung" plötzlich in unser Bewusstsein getreten, schreibt er. Viele Wissenschaftler hätten sich gegen ihn ausgesprochen, da er aus den Massenmedien komme und weder juristischen noch wissenschaftlichen Ursprung habe, manche empfänden ihn als einen Euphemismus für Völkermord. Norman M. Naimark, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Stanford in Kalifornien aber hält ihn für durchaus angemessen:

Man benötigte einen neuen Begriff, weil ethnische Säuberung und Völkermord zwei verschiedene Handlungen bezeichnen und die Unterschiede zwischen ihnen wichtig sind. ... Völkermord ist die vorsätzliche Tötung eines Teils oder einer ganzen ethnischen, religiösen oder nationalen Gruppe; sein Ziel ist die Ermordung eines Volkes. Die Absicht der ethnischen Säuberung liegt in der Entfernung eines Volkes und oft auch aller seiner Spuren von einem bestimmten Territorium.

Freilich, die Übergänge sind fließend. Ethnische Säuberung kann wie eine Deportation oder ein Bevölkerungsaustausch vor sich gehen, das heißt, Menschen werden mit legalen oder halblegalen Mitteln umgesiedelt, wie etwa 1923 die Griechen aus der Türkei. Doch fast immer wenn ein Volk oder eine Volksgruppe aus dem Land vertrieben werde, nähmen die Vertreiber den Tod Unzähliger in Kauf, wenn sie ihn nicht sogar ins Kalkül zögen. Darüber hinaus gehe mit der ethnischen Säuberung in der Regel Bestrafung einher, wie Naimarks komparistische Studie ergibt, und sie könne sich bis zu Massenmorden steigern - so zuletzt in Ex-Jugoslawien.

Der Autor betont, dass das, was dort geschah und noch geschieht, im Krieg auf dem Balkan im 20. Jahrhundert wurzele und nicht wie so oft in den Medien behauptet, in jahrhundertealten Konflikten. Eine Ansicht, die viele - aber längst nicht alle - Historiker teilen.

Ethnische Säuberung im 20. Jahrhundert habe mit dem Nationalstaat, mit Rassismus und mit der Hochmoderne zu tun, schreibt Naimark. Frühere Vertreibungen und das, was man ethnische Säuberungen nennen könnte, von der Zerstörung Karthagos bis zur Vertreibung der Indianer aus ihren angestammten Gebieten Nordamerikas, gehören für ihn in eine andere historische Kategorie. Denn die Vorkommnisse unterschieden sich in wichtigen Aspekten derart, dass man nicht dasselbe Erklärungsmuster anwenden könne.

Ein Aspekt der die ethnische Säuberung mit dem Hochmodernismus und den Ambitionen des modernen Staates und seiner Führer verbindet, ist ihr auf Totalität gerichteter Charakter. ... Bei vormodernen Angriffen eines Volkes gegen ein anderes konnten die Attackierten sich ergeben, die Seite wechseln, konvertieren, Tribut zahlen oder sich den Angreifern anschließen. Die ethnische Säuberung, die von der Ideologie des integralen Nationalismus und der militärischen und technischen Macht des modernen Staats angetrieben wird, macht selten Ausnahmen oder erlaubt es Menschen, durch die Maschen des Netzes zu flüchten.

Sorgfältig untersucht der Autor fünf Fälle ethnischer Säuberung in Europa, worin er die Sowjetunion und Kleinasien einschließt. Es geht um: Armenier und anatolische Griechen in der Türkei, die Judenverfolgung im Dritten Reich, die sowjetische Deportation von Tschetschenen, Inguschen und Krimtataren, die Vertreibung der Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei sowie um die Kriege im ehemaligen Jugoslawien.

Etliche Parallelen entdeckt Naimark zwischen dem Völkermord der Türken an den Armeniern 1915 und der Schoa während des Zweiten Weltkriegs. In beiden Fällen befahl die politische Führung den Massenmord und die Staatsapparate schufen die Institutionen und Rahmenbedingungen dafür. Nicht zuletzt interessierte die Nationalsozialisten die Tatsache, dass das türkische Vorgehen so gut wie keine Resonanz in der Weltöffentlichkeit hervorgerufen hatte. Und beiden Verbrechen waren ethnische Säuberungen vorausgegangen, wobei Naimark konstatiert, dass die Vernichtung der Juden so zusagen aus dem misslungenen Wegschaffen der missliebigen Minderheit resultiert:

Auf der Ebene der staatlichen Richtlinien und ihrer Durchführung ging die Manie zur Deportation, Isolierung und Verbannung der Juden an irgendeinen fernen Ort unmittelbar in den industriellen Massenmord, die Schoa, über - fast ohne dass die NS-Behörden den Unterschied bemerkten oder erwähnten.

Wissenschaftler und Politiker unterschiedlicher Couleur hielten nach den Balkankriegen 1912/13 und den Nationalitätenkonflikten des Ersten Weltkriegs den Bevölkerungsaustausch für das einzige Mittel zur Entschärfung von Minderheitenkonflikten. Mit dem Vertrag von Lausanne legalisierten die Alliierten 1923 die längst von den Türken praktizierte Deportation der Griechen. Darin wurde ein Bevölkerungsaustausch vereinbart zwischen Griechen aus Anatolien und Türken aus Griechenland, der insgesamt etwa zwei Millionen Menschen betraf. Lord Curzon, der die britische Delegation der Lausanner Konferenz geführt hatte, war entsetzt über diese Abmachung, die er geradezu für verwerflich hielt. In der Tat erging es den Menschen, die das Feld räumen mussten, schlecht. Die Griechen, kaum mit dem Nötigsten versorgt, starben zu Zehntausenden in Lagern oder in den Laderäumen der Schiffe, die sie in ihre fremde Heimat bringen sollten. Für die türkischen Flüchtlinge war die Situation kaum besser, abgesehen davon, dass sie weit wenigere waren. Auf beiden Seiten brauchten die stark traumatisierten Vertriebenen mehrere Generationen, um sich zu integrieren. Dennoch bezogen sich die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Lausanner Vertrag, als sie dem polnischen und tschechoslowakischen Anliegen zustimmten, die Deutschen zu vertreiben. Naimark schildert, wie grausam und brutal die Menschen in beiden Ländern gegen die verhassten Feinde vorgingen, welch Unrecht den Deutschen geschah und welch nationalistische Gefühle bei Polen und Tschechen eine Rolle spielten. Trotzdem spricht er vom verständlichen Wunsch nach Rache, der jedoch bei den Polen, die ausgebeutet, misshandelt und massenhaft von den deutschen Besatzern ermordet worden wären, in einem verständlicheren Kontext stünde als bei den Tschechen, die unter der deutschen Besatzung nicht allzu sehr gelitten hätten.

Schlecht erging es auch den Tschetschenen, Inguschen und Krimtataren, die von Stalin 1944 unter anderem nach Kasachstan und Usbekistan deportiert wurden. Unmenschliche Maßnahmen, die bis heute in den Kaukasuskriegen nachwirkten.

Der Auslöser für die verstärkte Beschäftigung der Historiker mit dem Themenkomplex ethnische Säuberung sind fraglos die Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Akribisch listet der Autor die Verfehlungen und Verbrechen aller auf. Wenn er von Bosnien spricht, heißt es:

Im Namen serbischen und kroatischen "Lebensraums" wurden bosnische Muslime angegriffen, geschlagen, vergewaltigt, ermordet und vertrieben.

Ohne Frage haben Serben die größten Verbrechen begangen, doch auch Kroaten trugen das Ihre zur Verwüstung der Region und ihrer Bevölkerung bei. Und selbst die Muslime, der Drangsal zweier Feinde ausgesetzt, haben gefangene Kroaten sadistisch gequält, Zivilisten ermordet und ihre Häuser niedergebrannt. Ganz zu schweigen, wie sehr insbesondere Frauen gedemütigt wurden, die der Autor zu den Hauptleidtragenden ethnischer Säuberung zählt. So hätte Vergewaltigung zu einer Methode der Vertreibung in Kosovo und in Bosnien gehört, um die muslimische Bevölkerung zu terrorisieren und sicherzustellen, dass sie nicht zurückkommen würde.

Auch wenn Norman M. Naimark wissenschaftlich vorgeht und die Geschehnisse so objektiv wie möglich nach der Quellenlage wiedergibt, sein Buch wird von einem todtraurigen Ton beherrscht, seine Position ist eindeutig. Für ihn können nur multiethnische Lösungen die drängenden Probleme lösen. Ein Staat sollte Minderheiten ertragen können. Und er erinnert daran, dass überall, wo ethnische Säuberungen geschahen, die Regionen ärmer wurden.

In einer Schlussbetrachtung fasst er die Wesenszüge der ethnischen Säuberung zusammen und analysiert, wie sie in konkreten Fällen funktioniert. Selbst wenn er wenig zuversichtlich ist, dass das 21. Jahrhundert ohne ethnische Säuberung auskomme, denn moderne und sich modernisierende Staaten, die ihre Bevölkerung homogenisieren wollten, entstünden ständig neu, so hat er sich diesem lesenswerten und lehrreichen Buch gewidmet, in der Hoffnung, ...

... dass wir vielleicht Wege finden, um künftige Wiederholungen zu verhindern oder sie wenigstens früher auf ihrem Weg zum Völkermord stoppen.
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