Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
20.2.2004
Hans-Peter Raddatz: Allahs Schleier – Die Frau im Kampf der Kulturen
Herbig Verlag, München 2004
Rezensiert von Josef Schmid

Hans-Peter Raddatz: Allahs Schleier - Die Frau im Kampf der Kulturen (Bild: Herbig-Verlag)
Hans-Peter Raddatz: Allahs Schleier - Die Frau im Kampf der Kulturen (Bild: Herbig-Verlag)
Es ist längst so weit. Multikulturelle Träume enden mit bösem Erwachen. Ihr idyllischer Blick auf die Welt muss einem schonungslosen Problemaufriss weichen. Das Experiment, ein Einwanderungsland im Stil einer friedlichen Anarchie einzurichten, um der Welt Vorurteilsfreiheit vorzuführen, muss abgebrochen werden. Die Welt ist nicht danach.

Vor Jahrzehnten, zur Zeit der reinen Gastarbeit und des Kalten Krieges, als der Zaun um uns herum noch dicht war, mag das noch seine Berechtigung gehabt haben: so wie Einwanderer dem mitteleuropäischen Lebens- und Arbeitsrhythmus unterzogen werden, würde ihr anfängliches Fremdsein verschwinden. Wer anderer Ansicht war, hatte einen schweren Stand in einem Land, in dem nun nichts wie Arglosigkeit angesagt ist: ein ständiger Einwandererstrom würde das Land bunter machen, wäre eine Garantie gegen Rückfälle in nationalistische Engstirnigkeiten und würde uns an den Kulturwandel in den eigenen Straßen und Gassen gewöhnen. Der Einwanderer war vorerst Erlöser.

Doch dann häuften sich die Störfälle. Der ominöse 11. September hat auch ein festgefahrenes Weltbild erschüttert. Als dann ruchbar wurde, dass Deutschland für Ausländer-Extremismus, Terrorismus und selbst organisierte Kriminalität als Vorbereitungs- und Ruheraum gilt, fand die begnadete Weltfremdheit ihr Ende - spätestens dann, wenn multikulturelle Toleranz und Offenheit gewissen Gruppen gestatten, an der staatlichen Ordnung sägen. Endlich Schluss damit!

Doch nun steht ein neuer Störfall ins Haus: das Kopftuch muslimischer Frauen im Öffentlichen Dienst. Er wurde Streitfall vorm Höchstgericht und wird in der Öffentlichkeit mit Argumenten auf einer nach oben offenen Naivitätsskala geführt. Er reißt nun einen weiter gesteckten Komplex auf: Die Stellung der Frau im Islam und die Frage, ob sie mit dem Geist unserer Verfassung vereinbar ist und: warum die bisherigen Integrationsangebote in Deutschland und im übrigen Europa nicht ausreichen, die überwiegende Zahl muslimischer Frauen im europäischem Sinne zu beeinflussen und zu verändern.

Der Orientalist Hans-Peter Raddatz hat nun dazu den dritten Band seiner vergleichenden Islamstudien vorgelegt und die schon in den vorhergehenden Bänden eingeleitete Tendenz beibehalten: eine weitgehend geschlossene und entschlossene Großreligion, die wie eine politische Macht agiert, trifft in Europa auf vergleichsweise schwache, nachgiebige Einrichtungen und sogar Kollaboration - in Form eines unbedarften interkulturellen Dialogs. Sie würden den säkularisierten und individualisierten Alten Kontinent, wie er auch heißt, zu Entscheidungen zwingen, denen er bis jetzt ausgewichen ist. Aussagen wie "Der Islam ist kein Monolith2 vertrösten nicht mehr, weil ein Blick in unsere Straßen was anderes vermuten lässt: er ist auf dem Wege, einer zu werden. Frauenpolitikerinnen macht nervös, dass ihre Geschlechtsgenossinnen aus dem Morgenlande nicht bei ihnen unterhaken. Also deuten sie kurzum das Kopftuch nach europäischer Mentalität: als individualisierende Selbstfindung. Bei Hans-Peter Raddatz steht es anders:

Es ist der umfassende Dienst am Mann, der durch Schleier und Verhüllung seinen uniformen Ausdruck erhalten soll. Dass diese auch in Persien, Byzanz und Griechenland üblich waren, ändert nichts an ihrem besonderen Einsatz im Islam. Im Gegenteil: Der Islam gab der Kasernierung der Frau im Haus, die sich auch in der Architektur und Kunst ausdrückte, eine nur ihm eigene Form. Die Verbindung dieser universalen Verhüllung mit der ebenso universalen Verfügbarkeit in Haus und Bett gibt dem Schleier eine gleichermaßen islamspezifische Bedeutung.

Die enge Verbindung von Religion und Familienehre, die wir in allen orientalischen Kulturen finden und für uns nicht mehr nachvollziehbar ist, kann nicht deutlich genug gemacht werden. Um sie zu ändern, braucht es mehr als "Angebote des Gastlandes". Bei Pakistani in England suchen noch in der dritten Generation die Eltern die Ehepartner der Kinder aus:

Die Furcht der Frau vor Allah hat sich in einem umfassenden Dienst, der Sorge für den Mann und der Entsorgung seiner Bedürfnisse, auszudrücken und bedarf eines entsprechenden Schutzes, den ihre Beschränkung auf das Haus und das Anlegen des Schleiers signalisieren. Die Frau, die ihn trägt, bekennt sich zur Schutzgemeinschaft des männlichen Herrschaftsanspruchs im öffentlichen Bereich sowie seines Bedarfsanspruchs im privaten Sektor.

Der Weltkulturkonflikt - hierüber gibt es keinen Zweifel - nährt sich aus den Umbrüchen und dem westlichen Einfluss in der gesamten islamischen Welt. Dort trifft er auf Systeme der Familie und Gemeinde, also unterhalb der staatlichen Ebenen, die bekanntlich die dauerhafteren und zäh verteidigten Bereiche sind:

Insgesamt bewirkt das Vordringen der westlichen Produktions- und Wirtschaftsweise neue Zwänge, die tief in die Strukturen der islamischen Gesellschaft eingreifen. ... Die Urbanisierung erzwingt eine veränderte Rollenverteilung, die der Frau sowohl auf dem Land als auch in der Stadt eine wachsende Bedeutung gibt, ob der Mann will oder nicht. Mit den neuen Wirtschaftsformen sieht er sich Einflüssen gegenüber, welche herkömmliche Gegebenheiten wie die Gebetsabläufe und vor allem die Verfügungsgewalt über die Frau und ihr Leben in Frage stellt.

In solch einer Situation der aufbrechenden starren Formen islamischer Lebenswelt ist der Schleier der Frauen ein Symbol für das uneingeschränkte Besitzrecht der Mannes, der Geltung der Scharia und - so der Autor: unverzichtbar in der Behauptung der islamischen Autonomie gegen westlichen Einfluss.

Wer für Freigabe des Schleiers in allen Bereichen ist, wahrscheinlich aus einem Überbietungseifer heraus in Sachen Ausländerfreundlichkeit, sollte wissen, was er tut.

Um ihre exklusive Reinheit nicht mit anderen, hausfremden Elementen zu vermischen, geschweige zu Unzucht und Ausschweifung einzuladen, kann sie demnach nur mit seiner Erlaubnis in der Öffentlichkeit erscheinen, und das auch nur, wenn sie sich nach jeweiligem Brauch verhüllt.

Das Werk von Hans-Peter Raddatz ist insgesamt nicht für den politischen Tagesstreit geschrieben und mancher wird das bedauern, weil es gerade an Material fehlt, das in Opposition steht zur Beschwichtigungs- und Verdächtigungsliteratur über die Fremdkulturfrage im eigenen Land. Am Anfang werden Geschlechtermythen behandelt, die man darin nicht vermutet, und der Schluss bietet Abhandlungen über orientalische und christliche Glaubensrichtungen, deren Bezug zum Thema wohl nur Religionsgeschichtler ganz erfassen. Erstaunlich sind die Kapitel zu Frauenrolle und Frauenschicksal im Osmanischen Reich, die die Absurdität einer Aufnahme der Türkei in die EU unterstreichen.
Hans-Peter Raddatz betont mehrmals, dass der interkulturelle Dialog auf beiden Seiten mit falschen Leuten besetzt ist. Man wäre gespannt, welche Besetzung und Gesprächsrichtung er vorschlagen würde aufgrund seiner Kenntnisse. Was anzumerken, zu wissen und zu fürchten ist, können wir nun ausführlich in seiner "Allah"-Trilogie lesen. Wie die Entwicklung, auf die wir danach zusteuern, abgewendet oder wenigstens in ein ruhigeres Fahrwasser geleitet werden könnte, sollte in einer wünschenswerten Neuauflage eines seiner Werke nicht fehlen.
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