Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
12.3.2004
Jonathan Schell: Die Politik des Friedens - Macht, Gewaltlosigkeit und die Interessen der Völker
Carl Hanser Verlag, München und Wien 2004
Rezensiert von Herfried Münkler

Jonathan Schell: Die Politik des Friedens (Bild: Hanser Verlag)
Jonathan Schell: Die Politik des Friedens (Bild: Hanser Verlag)
Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober

Mit seinem Buch "Das Schicksal der Erde" hat Jonathan Schell vor mehr als zwanzig Jahren wesentlich zur Sensibilisierung der westlichen Welt für ökologische Fragen beigetragen. Das Buch wurde zum Manifest der Ökologiebewegung, weil es einerseits die lebensgefährlichen Bedrohungen durch Ressourcenverschwendung und Klimaerwärmung beschrieb und andererseits Wege und Antworten aufzeigte, auf denen diesen Herausforderungen zu begegnen war.

Schells neues Buch "Die Politik des Friedens" will an das frühere Projekt anschließen, wobei es nunmehr um nichts Geringeres geht als den Entwurf einer neuen Weltordnung, die den Krieg zwischen den Staaten nicht mehr kennt, ebenso wenig wie die Dominanz einer imperialen Macht über die Kleineren und Schwächeren an ihrer Peripherie. Das ist für Schell kein utopischer Entwurf, sondern ein ganz realistisches Projekt, weil nicht durch moralisches Zureden die Mächtigen zum Machtverzicht gebracht werden sollen, sondern sie bloß einsehen müssen, wie begrenzt ihre Möglichkeiten tatsächlich sind. Wie schon im Ökologie-Buch lautet Schells Botschaft auch diesmal, dass Weniger mehr ist, weil jedes Mehr an Nuklearwaffen und Militärapparat sehr bald zu einem Weniger an Sicherheit führt.

Nun ist dieser Einwand gegen die klassische Sicherheitspolitik alles andere als neu, und in unterschiedlichen Varianten hat er als grundsätzliche Alternative die Politik der Friedenssicherung durch Militär von Anfang an begleitet. Aber Schell will nicht die Rolle des naiven Friedensapostels spielen, in die fast zwangsläufig gerät, wer eine solche Position vertritt. Ihm geht es vielmehr darum zu zeigen, dass eine Kombination von nuklearer Abrüstung und den Widerstandspotenzialen des Volkskriegs in ähnlicher Weise wirken kann wie früher das Mächtegleichgewicht in Europa, das die Vorherrschaft und Dominanz einer Macht verhindern sollte.

Die militärische Macht, die an der Spitze dieses Systems entfaltet wurde, erwies sich als ohnmächtig gegenüber der Macht, die sich im Willen des Volkes am Fuß des Systems offenbarte. (…) In diesem neuen System, das eine weitaus bessere Garantie gegen die Weltherrschaft eines Staates bietet, als es das Machtgleichgewicht je vermochte, spielt der Wille unzähliger regionaler Völker die Rolle, die einst der Entschluss der Großmächte spielte, einen Krieg zu beginnen, um den globalen Eroberungszug einer anderen Macht aufzuhalten.

Für Schell marschieren die Europäer und nicht die US-Amerikaner an der Spitze des Fortschritts. Die Europäer nämlich haben das Kriegssystem erfunden und in den Schriften des preußischen Kriegstheoretikers Carl von Clausewitz zu seiner intellektuell brillantesten Selbstbeschreibung fortentwickelt. Aber die Europäer haben auch, nachdem ihr Kontinent in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die zerstörerischen Folgen dieses Kriegssystems am eindringlichsten erfahren hat, sich als erste davon verabschiedet und ein System kooperativer Sicherheit entwickelt, von dem Schell erhofft, dass es genauso vorbildlich wird und so viele Nachahmer findet, wie vordem das Kriegssystem.

Ist eine solche Erwartung plausibel? In Schells Überlegungen sprechen zwei Faktoren dafür, die mit der technologischen wie politischen Entwicklung des Kriegssystems selbst aufs engste verbunden sind: die Erfindung der Atombombe und die Entdeckung des Volkskriegs. Die Existenz von Nuklearwaffen, so Schell, hat zwischenstaatliche Kriege unführbar gemacht, und zwar nicht bloß darum, weil ein Atomkrieg das Risiko einer Auslöschung der gesamten Menschheit beinhaltet, sondern auch, weil die mit einem solchen Krieg verbundenen Verluste und Zerstörungen jeden denkbaren Gewinn um ein Vielfaches übersteigen. Und die Entdeckung des Volkskrieges, die im 20. Jahrhundert erst ihre volle Wirkung entfaltete, hat schließlich dazu geführt, dass die Zeit der Territorialimperien zu Ende gegangen ist und eine mit den Mitteln der Gewalt betriebene Politik imperialer Expansion und Unterwerfung keine stabilen und kostengünstigen Beherrschungsstrukturen mehr zu begründen vermag. Erstmals, so Schell, habe sich dies im Unabhängigkeitskrieg der Amerikaner gegen das britische Weltreich gezeigt, bis schließlich auch die USA in Vietnam und die Sowjetunion in Afghanistan diese Lektion gelernt hätten.

Aber haben sie diese Lektion wirklich gelernt? Schließlich führt Russland als Nachfolgemacht der Sowjetunion derzeit in Tschetschenien einen Krieg, der in mancher Hinsicht die afghanischen Erfahrungen wiederholt, während die USA im jüngsten Irakkrieg vorgeführt haben, dass sich aus ihrem Vietnamdesaster auch andere Konsequenzen ziehen lassen als die von Schell nahe gelegten. Und vor allem: sind nicht gerade Vietnam und Afghanistan Beispiele dafür, dass man mit den Mitteln des Krieges sehr wohl einen politischen Willen zur Geltung bringen kann, wenn man nicht auf die USA, sondern den Vietcong, und nicht auf die Sowjetunion, sondern die Mudschaheddin schaut? Nein, meint Schell, weil der Erfolg des Vietcongs und der Mudschaheddin letztlich nicht auf militärischen Mitteln, sondern auf der Kooperationsverweigerung der Bevölkerung beruhte und insofern eher ein Beispiel für die neue Bedeutung der Kooperationsmacht als eines für die fortbestehende Relevanz der Zwangsmacht darstellt. Die Unterscheidung zwischen Zwangs- und Kooperationsmacht ist für Schells Argumentation zentral:

Wenn es stimmt, was John Stuart Mill behauptet, und die Meinung den Willen leitet, wenn der Wille die Menschen veranlasst, politische Unterstützung aufzubieten, und wenn politische Unterstützung die Basis der Macht ist, dann scheinen die mächtigsten Menschen jene zu sein, die, egal, ob innerhalb oder außerhalb der Regierung, die Fähigkeit haben, anderen Achtung, Bewunderung, Loyalität, Glauben - wiederum nur andere Wörter für Liebe - einzuflößen. Macht beginnt nach dieser (…) Auffassung mit der Fähigkeit, etwas zu schaffen oder zu entdecken (zum Beispiel eine Republik), das zu lieben andere nicht umhin können - eine Definition, die in einem denkbar krassen Gegensatz zum Verständnis von Macht als 'Organisation des Krieges' oder als 'Befehlen und Gehorchen' steht.

Um diese These plausibel zu machen, dass alles Große und Bedeutende in der jüngeren Geschichte nicht mit Gewalt bzw. Zwangsmacht durchsetzt worden ist, sondern sich der Kooperation bzw. Kooperationsverweigerung der Menschen verdankt, geht Schell die Geschichte der Revolutionen und Befreiungsbewegungen von der Glorious Revolution im England des späten 17. Jahrhunderts bis zu der so genannten friedlichen Revolution in Mittel- und Osteuropa Ende 1989 durch und glaubt dabei zeigen zu können, dass es niemals die Gewalt war, die den Erfolg einer Sache sichergestellt hat. Das freilich wird man mit mehr als einem guten Grund bezweifeln dürfen, und tatsächlich vermag Schell seine Argumentation nur plausibel zu machen, indem er sich auf kurze Augenblicke der Revolutionen und vor allem auf die Intentionen einiger ihrer Akteure beschränkt. Voll Zustimmung zitiert er Edmund Burke:

''Wenn Menschen in Massen wirken, wird Freiheit eine Kraft.''

Aber das klingt besser, als es sich bei näherem Zusehen erweist. Nicht immer ging es um Freiheit, wenn Menschen in Massen wirkten. Und die Freiheit, die sie für sich selbst in Anspruch nehmen, kann für andere mit vermehrter Unfreiheit verbunden sein. Vor allem aber: was ereignet sich, wenn die auf Kooperationsmacht Setzenden mit der Zwangsmacht der Gegenseite konfrontiert werden, wenn das Fest der Freiheit zum Ort des Massakers wird? Es gibt hinreichend Beispiele dafür, dass die zunächst friedlichen Massen dann ebenfalls zur Gewalt übergehen sind, und gerade die Geschichte der Revolutionen ist durch solche Umschläge gekennzeichnet.

Dass es das Gegenhandeln der anderen Seite ist, welche die Gewalt ins Spiel bringt, auch und gerade bei denen, die ihre Ziele zunächst allein mit friedlichen Mitteln erreichen wollten, ist Schell verborgen geblieben. Und es musste ihm verborgen bleiben, wollte er nicht die Pointe seiner "Politik des Friedens" in Frage stellen: den Vorschlag nämlich, dass die gegenwärtig acht bis neun Atommächte ihre Nuklearwaffen verschrotten und darauf vertrauen sollen, dass keiner von ihnen oder gar einer, der bislang nicht zu ihrem Kreise gehörte, sich heimlich in den Besitz von Atomwaffen bringt, um so die entwaffneten Anderen zu beherrschen.

Schell dürfte Recht haben mit der Annahme, dass im Fall einer völligen Abrüstung der Atomwaffen die Chancen für Terroristen, sich in den Besitz solcher Waffen zu bringen, deutlich geringer sein werden als in der gegenwärtigen Situation. Aber was mit Blick auf die gesamte Menschheit eine rationale Entscheidung darstellt, ist dies noch lange nicht im Hinblick auf einzelne Akteure, die sich mit der Verfügung über Nuklearwaffen komparative Sicherheitsvorteile versprechen. Erneut stellt sich hier das Problem, an dem zuletzt auch die Lösung der ökologischen Herausforderungen gescheitert ist: dass der gewinnt, der die anderen zu Schritten im Interesse der gesamten Menschheit veranlasst, während er selber diese Schritte nicht macht. Das macht Schells Überlegungen nicht überflüssig, nimmt ihnen aber die Suggestion, sie seien eine politische Lösung für das Doppelproblem von Frieden und Sicherheit.

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