Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
19.3.2004
Wibke Bruhns: Meines Vaters Land
Econ Verlag, München 2004
Rezensiert von Alan Posener

Wibke Bruhns: Meines Vaters Land, Coverausschnitt (Bild: Econ Verlag)
Wibke Bruhns: Meines Vaters Land, Coverausschnitt (Bild: Econ Verlag)
An einem schönen Augusttag des Jahres 1944 werden vier Männer in Berlin-Plötzensee zur Hinrichtung geführt. Es sind Verschwörer und Mitwisser des missglückten Attentats gegen Hitler vom 20. Juli. Unter ihnen ist der Unternehmer und Offizier der Abwehr Hans Georg Klamroth aus Halberstadt.

Tod durch den Strang bedeutet nicht Genickbruch, jedenfalls nicht hier. Helmuth Graf Moltke hat seinen Mitgefangenen beim Rundgang zugeraunt: "Macht euch darauf gefasst, es dauert 20 Minuten"... Doch, ich will hinsehen. Ich will dabei sein, wenn Hans Georg stirbt. 20 Minuten sind länger als die Hölle. Ich will ihm sagen, er ist nicht allein, auch nach 60 Jahren nicht.

Das schreibt seine Tochter, die Journalistin Wibke Bruhns, die mit ihrem Buch "Meines Vaters Land" eine Annäherung an den Vater und seine Welt versucht. An ihn selbst hat sie keine Erinnerung, obwohl sie schon sechs Jahre alt ist, als er zum Galgen geht. Ihr Gedächtnis setzt erst ein mit dem 8. April 1945, als alliierte Bomber Halberstadt - die Vaterstadt - in Schutt und Asche legen. Das mag für diese Generation typisch sein. Das Vaterland ist nach 1945 Mutterland geworden.

Er hat mir nie gefehlt - Millionen Töchter meiner Generation sind aufgewachsen ohne Väter. Ich hielt ihn mir vom Hals. Ich wollte nichts über ihn wissen. Er war eine offene Wunde im Leben meiner Mutter, und ich habe ihn erfahren als ihren Verlust. Sie hat darüber geschwiegen. Heute weiß ich, dass viele der 20. Juli-Witwen gegenüber ihren Kindern geschwiegen haben. Es war ein Schweigen, wo fragen sich verbot.

Das ist merkwürdig. Ich kam Anfang der sechziger Jahre aus England nach Berlin, und meine Klassenkameraden waren voll von den Kriegserlebnissen ihrer Väter; auch die Lehrer gaben gern ihre eigenen Heldentaten zum Besten - was wir ausnutzten, um sie vom Unterrichten abzulenken. Und ausgerechnet jene, die das bessere Deutschland repräsentierten, wurden beschwiegen! Aber es war so, damals. Opfer der Nazis zu sein war nicht etwas, womit man angab. Man schämte sich ein wenig dafür. Man schwieg.

Und so muss Wibke Bruhns das Leben ihres Vaters - sie nennt ihn ein wenig distanzierend HG - und ihrer Mutter Else, geborene Podeus aus Wismar, mit Hilfe von Briefen und anderen schriftlichen Zeugnissen rekonstruieren. Die sind reichlich vorhanden, denn der Klan der Klamroths ist von geradezu antiquarischer Besessenheit, was die Familiengeschichte betrifft. Man führt Tagebücher, für sich selber und für die Kinder, man schreibt sich lange Briefe. Alles wird aufgehoben. Jedes Fest wird dokumentiert: Anwesende, Tischordnung, Reden und Trinksprüche, Speisen- und Getränkefolge. Es gibt einen eingetragenen Familienverein mit Kassenwart und Protokoll und allem Drum und Dran, zu dessen Sitzungen die Angehörigen des Klans anreisen - und der gleich 1933 seine Satzung um den Arierparagrafen ergänzt.

Nicht, dass die Klamroths besonders eifrige Nazis gewesen wären. Sie sind Unternehmer. Sie arrangieren sich. Vor Königgrätz sind sie treue Untertanen des Königs von Hannover, danach ordentliche Preußen. Im Kaiserreich sind sie kaisertreu. In der Republik stehen sie hinter Stresemann. Antisemitisch sind sie natürlich, man ist damals antisemitisch wie man heute für den Umweltschutz ist, aber nicht rabiat antisemitisch. Die Braunhemden sind ihnen als Kräfte des Chaos ein Gräuel. Doch dann sind die Nazis die neue Ordnung - und eine ziemlich erfolgreiche Ordnung. Und Deutschland ist wieder einig und stark.

Und das ist wohl der Kern der Versuchung, der Hans Georg Klamroth und seine Familie anheimfallen, und mit ihnen das deutsche Bürgertum. Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt! Immer galt das Kollektiv, die Gemeinschaft, die Nation mehr als der Einzelne. Du bist nichts, dein Volk ist alles! Das musste Hitler nicht erfinden, das war der Generation von 1914 an der Wiege gesungen worden.

"Wir sind doch den ungeheuren Hekatomben unserer Toten schuldig, dass wir weiterkämpfen, auch wenn unser ganzes Land besetzt wäre", schreibt der Leutnant Hans Georg Klamroth im Herbst 1918 von der Ostfront. "Was noch einen Funken Ehre im Leib hat, Männer, Frauen, Kinder, wird sich doch lieber totschlagen lassen, als sich unterwerfen!" Seine Tochter kommentiert:

Es ist nicht in Ordnung, und HG möge mir verzeihen, dass ich bei diesen Briefen lachen muss... Was habe ich denn rumgetönt mit 20! Für mich war das damals der Marxismus und mir das alles bitterernst. Zum Lachen - heute - ist trotzdem beides. 1918 haben die alle so geredet wie HG, so haben die alle geträumt, und Millionen sind dafür gestorben.

Für ihre Haltung beim Recherchieren und Aufschreiben findet Wibke Bruhns den schönen Begriff "empörtes Mitgefühl". Empörtes Mitgefühl überfällt sie etwa beim Lesen der Tagebücher der älteren Schwester:

Im November 1944 schreibt sie, da ist sie 21: "Ich kann nicht von ihm lassen und von meinem Glauben an ihn, dem ich gedient habe und dienen wollte mein Leben lang. So sehr gehörte ich dem an, der meinen Vater gemordet hat, dass noch kein klarer Gedanke gegen ihn aufzustehen gewagt hat.' Und wenig später: 'Mein Führer, ich war eine der Treuesten. Noch bin ich nicht los von Dir, mein Führer - noch wünsche ich, vor Dir zu stehen, von Deinem Blick festgehalten, und dann befiehl mir, was du willst, ich werde sterben für Dich."

Wie geht man mit solcher Lektüre um? Bei Wibke Bruhns hört man die - wie soll man sagen? - schwesterliche Wut, die ganze wütende Vernunft der post-68er Bundesrepublik heraus:

Wibke Bruhns (Bild: privat)
Wibke Bruhns (Bild: privat)
Wenn ich da das Pathos herausnehme und die hirnrissige Hingabe, mit der die Schwester nicht allein dastand, spüre ich dahinter nichts, was diese junge Frau hätte bewahren können vor dem Anheimfallen. Da steht sie 11-jährig mit Freunden und Geschwistern rund um den Flügel im Oktober 1933. Der Vater haut in die Tasten, die Kinder recken strahlend die Arme zum Hitlergruß in die Luft. Die Mutter auch. "Wir singen Hitlerlieder mit Vater", schreibt Else ins Kindertagebuch - sie konnte doch gar nicht singen, verdammt noch mal.

Doch das Leben der Familie besteht nicht nur, nicht einmal hauptsächlich aus Politik. Und auch nicht aus dem Geschäft. Es wird gegessen und gefeiert, es wird geliebt und betrogen, es gibt Kinder. Wibke Bruhns weiß, dass nicht nur gegessen, sondern auch gekocht, nicht nur gezeugt, sondern auch geboren und erzogen werden muss. Zuletzt blickte Ingeborg Drewitz in "Gestern war heute" so konsequent vom weiblichen Standpunkt auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Wenn von Festen die Rede ist, dann sieht, riecht und schmeckt man die Arbeit in der Küche; wenn Kinder zur Welt kommen, dann werden die Schmerzen, die jede Mutter ihrer Tochter verschweigt, eben nicht verschwiegen; und die Tragödie des 20. Juli gewinnt ihren besonderen Schrecken aus der Tatsache, dass HG und Else zum Zeitpunkt seiner Verhaftung im bittersten Ehestreit liegen: Sie kann dem Compulsive Womanizer eine alte Affäre nicht verzeihen, auf die sie durch Briefe gestoßen ist; er findet nicht die Worte und die Zeit, ihr seine Reue glaubhaft zu machen.

Hineingeraten in die Verschwörung ist Hans Georg wohl eher zufällig. Sein junger Schwiegersohn Bernhard Klamroth besorgte Stauffenberg die Bombe. Hans Georg wusste wohl davon. Freunde und Kameraden sprachen von der Verschwörung. Hans Georg verriet sie nicht. Das reichte für den Strang.

Ich sehe HG in unendlicher Einsamkeit , weit weg von seiner Frau, deren Vertrauen er verspielt hat. ... Im Urteil steht, HGs "Verrat am Führer" sei weder zu entschuldigen durch "schwere Familienverhältnisse, unter denen er damals litt, noch dass der eigene Schwiegersohn genannt werden musste." Was hat HG bewogen, seinen Konflikt mit Else vor Gericht zur Sprache zu bringen? Ich kann diesen Satz im Urteil nicht lesen ohne Tränen, und ich danke dem Schicksal, dass Else den Text nie gesehen hat.

Man hat "Meines Vaters Land" mit den "Buddenbrooks" verglichen. Zu Unrecht. Denn Wibke Bruhns fängt dort an, wo Thomas Mann aufhört. Einmal chronologisch, und das ist wichtig: Die Klamroths sind uns näher als die Buddenbrooks, haben uns mehr zu sagen. Dann aber auch in der Radikalität der Betrachtungsweise. Wibke Bruhns sieht und urteilt mit den Augen und dem Kopf einer Frau. Sie ist ein Kind der Bundesrepublik, dieser nüchternen, unheroischen und unpathetischen Republik der gebrannten Kinder, und schaut mit dem Blick ihrer skeptischen Generation auf die Irrungen und Wirrungen der Eltern und ihrer Zeitgenossen. Sie ist irritiert, und ihr Buch ist irritierend.

"Buddenbrooks" endet noch vor dem großen Morden des Ersten Weltkriegs und ist doch voll von der Sehnsucht nach dem Tod, die das Morden auch möglich machte, wie Thomas Mann selbst im "Zauberberg" erkannte. "Meines Vaters Land" beschreibt den Gang einer Familie durch dieses blutige Jahrhundert, schönt nichts, weicht der Schuld nicht aus, und ist doch voller Zuversicht aufs Leben. Der Galgen in Plötzensee ist nicht das Ende. Die Worte, mit denen Wibke Bruhns ihren Annäherungsversuch an den nie gekannten Vater beendet, könnten das Verhältnis dieser geglückten Nachkriegsrepublik Deutschland zu ihrer Geschichte neu begründen:

Dein Leben lag in einer furchtbaren Zeit, und wenn es denn für die Kinder besser werden sollte, das ist gelungen. Du hast den Blutzoll bezahlt, den ich nicht mehr entrichten muss. Ich habe von dir gelernt, wovor ich mich zu hüten habe. Dafür ist ein Vater da, nicht wahr? Ich danke dir.

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