Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
26.3.2004
Robert von Rimscha: Die Bushs - Weltmacht als Familienerbe
Campus Verlag, Frankfurt/New York, 2004
Rezensiert von Michael Stürmer

Robert von Rimscha: Die Bushs - Weltmacht als Familienerbe (Coverausschnitt) (Bild: Campus Verlag)
Robert von Rimscha: Die Bushs - Weltmacht als Familienerbe (Coverausschnitt) (Bild: Campus Verlag)
Wer ist George Walker Bush, 43. Präsident der Vereinigten Staaten, 58 Jahre alt, der gegenwärtig bestrebt ist, auch der 44. zu werden? Timing ist alles. Robert von Rimscha, lange Zeit Washington-Korrespondent, Kenner der Vereinigten Staaten und ein Mann von eleganter Feder - wenn denn solches Wort im Computerzeitalter noch Geltung hat - hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben über einen Präsidenten, den viele in Deutschland und im Rest der Welt, eingeschlossen Amerika, hauptsächlich als seine eigene Karikatur wahrnehmen. So als ob ein Versager, wie eine Marionette aus dem Hintergrund vom großen Geld und vom großen Öl gesteuert, im Ernst Präsident der Vereinigten Staaten werden könne.

Rimscha hat sich nicht von intellektuellen Moden und Stimmungen gegen Washington, Amerika und Bush einnehmen lassen, sondern genau hingehört und hingeschaut. Er erinnert an Selbstverständlichkeiten, aber auch daran, dass Bush einiges leistete, was der vielgeliebte Clinton nicht leistete, wie zum Beispiel Zahlung der UN-Beiträge, Kampf gegen AIDS in Afrika und dergleichen. George W. Bush ist nicht der Mann aus Nirgendwo, sondern - so die These - er muss verstanden werden, wie jeder Mensch, aus dem Milieu, das ihn prägte, den Werten, die ihm wichtig sind, und den Gegebenheiten, die ihn begrenzen.

Nichts ist für alles dies wichtiger als die Bush-Familie. Rimscha nennt sie, und mit Recht, eine amerikanische Dynastie, nicht anders als die Kennedys, die als Gegendynastie gegenwärtig John Kerry, Bushs demokratischen Gegner, mit aller Macht des Clans und der Gewerkschaften unterstützen.

"George W. Bush als das aktuelle Spitzenprodukt der Bush-Dynastie ist natürlich alles andere als ein Mann, der gleichsam vom Himmel fiel. Er mag von vielen Dingen abgeschottet in einer Seifenblase leben, aber er bewegt sich in einem höchst realen, komplexen Netz aus seiner Familie, den Spitzeninstitutionen der amerikanischen Gesellschaft und seinen Geschäftskontakten. In einem Beziehungsgeflecht also, das eher für Zielstrebigkeit als für Zufälligkeit steht."

Tatsächlich besetzten die Bushs - das Geld kam aus dem Öl, die Leistung aus dem Erbe des Ostküsten-Patriziats - zielstrebig Schlüsselpositionen, der Vater Senator, Botschafter, CIA Chef, Vizepräsident und dann Präsident, der Bruder Gouverneur von Florida, George W. Gouverneur von Texas. Man muss sich in Demut erinnern, wie über George Bush, den Vater, gespottet worden war und mit wie viel Kraft und Augenmaß dieser dann die deutsche Einheit, den Fall der Sowjetunion und die Befreiung Kuwaits durchsetzte.

US-Präsident Bush bei seiner Ankunft auf dem Flughafen von Falfurrias im Bundesstaat Texas am 1. Januar. (Bild: AP)
US-Präsident Bush bei seiner Ankunft auf dem Flughafen von Falfurrias im Bundesstaat Texas am 1. Januar. (Bild: AP)
George W., der Sohn, hat es sich nicht gewünscht, am 11. September 2001 die Verantwortung für Amerika und die Fortdauer der industriellen Demokratien der Welt aufgehalst zu bekommen, eine Konfrontation, die alle bisherigen Strategien für den Papierkorb bestimmte: asymmetrischer Krieg, Glaubenskrieg, Terrorkrieg. Kritiker des US- Präsidenten wie zum Beispiel der deutsche Außenminister sind jetzt mit dem Wort zu hören: Ein neuer Totalitarismus bedrohe die Zivilisation. Haben sie, spät genug und unauffällig, eine Seite aus dem Buch des George W. Bush entliehen?

"So viel Übermacht war nie"

schreibt Rimscha und meint Amerika. Zugleich aber ist da das Paradox amerikanischer Macht, stärker als alles zu sein, was es je gab seit dem römischen Reich, und doch zugleich äußerst verwundbar im Gewebe der Zivilisation.

Eigentlich hatten die Neocons sich auf China eingestellt und künftige Kämpfe um die Vormacht im Fernen Osten. Aber George W. Bush ist nicht ihre Puppe, und als im April vor drei Jahren die Chinesen Raufball spielten, indem sie eine amerikanische Aufklärungsmaschine zu Boden brachten, zeigte er äußerste Kaltblütigkeit und Mäßigung. Er ahnt, dass China eines Tages Gegenpol sein wird. Deshalb zeigt er den roten Mandarinen die Grenzen, sucht aber auch, so gegen Nordkoreas Nuklearpoker, die Übereinstimmung.

Es lohnt sich, Rimschas Buch genau zu lesen. Nicht nur, weil es kundig und mit Erzählsinn geschrieben ist, sondern auch, weil es fair ist gegenüber dem 43. Präsidenten. Rimscha setzt sich kritisch auseinander mit der sozialdemokratischen, von Egon Bahr bis zu den Redenschreibern des Kanzlers in vielen Variationen vorgetragenen Kritik an Kälte und Herzlosigkeit Amerikas, die unbeirrt von der Erfahrung anhält, dass der deutsche Wohlfahrtsstaat entmündigend und korrumpierend wurde - die Unternehmen an ferne Küsten treibt und schlechthin nicht mehr bezahlbar ist.

"George W. Bush schlagen in Westeuropa Ablehnung, Verachtung, ja Hass entgegen. In ihm sehen viele all das, was sie an den USA ablehnen."

Rimscha ist sich dessen bewusst, dass den meisten Amerika-Verächtern mit Argumenten schwerlich beizukommen ist. An Dankbarkeit zu appellieren, von 1948 bis 1989, hält er ohnehin, und mit Recht, für vergeblich. Selbst im Privatleben ist die Dankbarkeit ein Gut von kurzer Dauer.

Bundeskanzler Schröder und US-Präsident Bush bei ihrem  Treffen in New York am 24.9.2003 (Bild: AP)
Bundeskanzler Schröder und US-Präsident Bush bei ihrem Treffen in New York am 24.9.2003 (Bild: AP)
Was aber übersehen wird, speziell auf der deutschen Linken, die von Habermas bis Grass und von Bahr bis zum Kanzler von Multipolarität träumt und von einem europäischen Gegenpol zur Super- und Hypermacht - was übersehen wird ist, dass es niemanden gibt unter den Europäern, der sich dieser deutschen Traumreise anschließen würde, nicht einmal Frankreich, welches dieser Tage bei der Haiti-Intervention an der Seite Amerikas zeigte, dass Chirac am Tisch der Großen sitzen will.

Von Madrid bis Warschau, von Rom bis Kopenhagen und London wissen die politischen Eliten, dass Europa nur mit Amerika eine eigenständige Rolle spielen kann, aber nicht dagegen. Das ist das europäische Paradox. Die Deutschen können es ablehnen. Aber dann beginnen von neuem deutsche Sonder- und Irrwege, und vom vereinten Europa bleibt bestenfalls eine Freihandelszone.

"Versuchen wir zu ergründen, ob die Familie Bush mehr hervorgebracht hat als schießwütige Cowboys, wie Schleswig Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis einmal meinte. Bemühen wir uns zu verstehen, was eine Politik antreibt, die viel mit Öldollars, Todesstrafe, Abtreibungsgegnerschaft und dem sturen Verteidigen des Rechts auf Waffenbesitz zu tun hat. Vielleicht ist das ja nicht alles."

In der Tat: Das ist nicht alles. Auf 270 Seiten bietet Rimscha ein Bild, das durch das Prisma einer Familie und eines Präsidenten auf Amerika schaut und damit auf die Macht, die der Welt das Wetter macht. Es hasst sich besser ahnungslos. Aber selbst die Amerikaverächter können aus Rimschas Buch etwas lernen, wenn sie auch den Amerikanern nie verzeihen werden, dass sie Bush wählten und vielleicht - aber sicher ist das nicht - noch einmal wählen.

Man kommt, will man Amerika verstehen, an Bush und den Seinen nicht vorbei. Sie glauben tatsächlich, dass es einen Unterschied gibt zwischen Gut und Böse, und dass Amerika angesichts des neuen Totalitarismus keine andere Wahl hat, als den American way of life zu verteidigen - mit den Europäern, wenn es geht, aber notfalls auch ohne sie. Entlang dieser Linie wird sich das Schicksal Europas entscheiden, und Deutschland hat dafür, wie eh und je, die Schlüsselrolle.
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