Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
16.4.2004
Richard J. Evans: Das Dritte Reich, Band I: Aufstieg
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004
Rezensiert von Hans-Ulrich Wehler

Richard J. Evans: Das Dritte Reich, Band I: Aufstieg (Coverausschnitt) (Bild: Deutsche Verlags-Anstalt)
Richard J. Evans: Das Dritte Reich, Band I: Aufstieg (Coverausschnitt) (Bild: Deutsche Verlags-Anstalt)
Aus dem Englischen von Holger Fliessbach und Udo Rennert

Der Verlag preist bereits vollmundig die "epochale Gesamtdarstellung des Dritten Reiches", indem er dieses Etikett dem auf drei Bände geplanten "Meisterwerk" von Richard J. Evans verleiht. Bisher liegt aber nur der erste Band über den "Aufstieg" bis 1933/34 vor.

Der Autor, prominenter Historiker an der Universität Cambridge, charakterisiert sein Projekt behutsamer. Er wolle, betont er, "keine wissenschaftliche Monographie", sondern eine durchweg "erzählende Darstellung" vorlegen, sie nur gelegentlich mit "analytischen Kategorien" verbinden, um seine wichtigste Zielgruppe: wenig informierte, aber neugierige englischsprachige Leser am ehesten zu erreichen.

Da es trotz der Flut an Literatur zur deutschen Zeitgeschichte bis 1945 in der Tat noch immer auffällig wenige Gesamtdarstellungen des "Dritten Reiches" gibt, sieht Evans in seinem Vorhaben, und das zu Recht, eine lohnende Aufgabe auf diesem für ihn neuen Problemfeld vor sich. Denn bisher hatte er sich kaum mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, wurde aber durch seine Rolle als Gutachter im Irving-Prozess in dieses Neuland gelenkt. Insofern ist das Tempo der Niederschrift imponierend, verlangt aber seinen Preis. Wie hat der Autor seine Aufgabe gelöst?

Dieser erste Band über die historischen Vorbedingungen und dann die Aufstiegsphase des Nationalsozialismus, bis er 1933/34 unwiderruflich in den Besitz der Staatsgewalt gelangt war, ist von einer durchweg liberalen Grundauffassung, von einer tiefen Skepsis gegenüber dem Rechts- wie gleichermaßen dem Linksradikalismus getragen.

Verständnisvoll den heiklen Problemen der neueren deutschen Geschichte begegnend, bleibt der Autor mit seiner politischen Pädagogik darum bemüht, seinen englischsprachigen Lesern die exotische Welt der deutschen Moderne zu erschließen. Immer wieder ist Evans darauf bedacht, diesem Publikum zu zeigen, dass keine Einbahnstraße - etwa von Luther zu Hitler oder vom Kaiserreich zur NS-Diktatur - bis zur "Machtergreifung" führt, der historische Prozess vielmehr offener verstanden werden muss, als oft angenommen wird.

Vielleicht sollte man überhaupt deutlich trennen zwischen dem Zuschnitt für die englischsprachige Leserschaft, die in eine komplizierte Geschichte erst einmal eingeführt werden soll, und dem möglichen Gewinn für deutsche Leser, die in der Regel doch genauere Kenntnisse und spezifischere Interessen bereits mitbringen. So mag sich das heimische Publikum des Autors durchaus belehrt fühlen, während das deutsche weiter nach präziserer Orientierung und überzeugenderer Erklärung sucht.

Unter den zahlreichen Veröffentlichungen des 57-jährigen englischen Deutschlandexperten ragen zwei Monographien hervor: die eindrucksvollen Studien über Hamburg im Zeichen der Cholera von 1830 bis 1910 (1987) und über die Todesstrafe in Deutschland von 1600 bis 1987 (1996). Eine Synthese, wie sie Evans mit seinem neuen Vorhaben anstrebt, stellt jedoch ganz andere Anforderungen als eine Monographie mit ihrer klar durchlaufenden Thematik. Außerdem hat er sich für eine narrative Darstellung entschlossen, um Leser zu gewinnen, verzichtet aber trotz seiner Ankündigung, auch auf analytische Kategorien zurückzugreifen, eigentlich durchweg auf die systematische Analyse, aber die Strukturgeschichte von komplizierten Problemkomplexen. Wie sieht das Ergebnis auf stattlichen 580 Textseiten aus?

Die beiden ersten der insgesamt sechs Kapitel, mehr als ein Drittel des Buches umfassend, bieten einen konventionellen politikgeschichtlichen Überblick über die Zeit vom Kaiserreich ("Am Anfang war Bismarck ...") bis weit in die Weimarer Republik hinein. Mancher würde sie vielleicht sogar altertümlich nennen, denn verlockende Ausflüge in die Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte werden dort nicht unternommen. Es ist ein gefälliger Erzähltext im Stil einer Einführungsvorlesung.

Wegen des Ziels, eine "Gesamtdarstellung" der Aufstiegs- und Regimegeschichte des Nationalsozialismus zu präsentieren, fällt der Verzicht auf die möglichst exakte Zurechnung auf, welche historischen Phänomene mit einer Langzeitwirkung unverzichtbar zur Vorgeschichte des Nationalsozialismus gehören. Zwar tauchen hin und wieder karge Tupfer in dem Sinn auf, dass der soeben geschilderte Sachverhalt später, in den 1920er bis 40er Jahren, eine wichtige Rolle spielen werde. Doch die strengere Fokussierung auf fördernde oder restriktive Bedingungen der Hitler-Bewegung fehlt durchweg. Daher besitzt dieser Teil den Charakter eines handbuchartigen Berichts über eine Epoche, über die man sich hier zu Lande leicht umfassender, auch durch anspruchsvollere Erklärungsansätze tiefer erschlossen, informieren kann.

Weiter ausgreifend und vor allem empirisch dichter angelegt sind dann die Kapitel 4 bis 6 über die Weimarer Republik, die Machtübergabe an Hitler und die ersten Monate des "Dritten Reiches". Die Argumentation ist jetzt nuancierter, weiterhin um Abwägung bemüht, führt freilich öfters auch zu epischer Breite, wiederum jedoch ohne den explizit verfolgten Versuch, eine einleuchtende Hierarchie der zahlreichen, mit ganz unterschiedlicher Schubkraft ausgestatteten Ursachen für den Aufstieg des Nationalsozialismus zu verteidigen. Darüber hinaus gibt es spürbare Schwachstellen und irritierende Fehler.

Die Frühgeschichte der NSDAP und ihres "Führers" führt über die ausführliche Darstellung in dem 1998 erschienenen ersten Band von Ian Kershaws vorzüglicher Hitler-Biographie nicht hinaus. Evans hält den Nationalsozialismus für eine radikale Form des Faschismus. Das Urteil bleibt aber folgenlos, denn er argumentiert dann nicht im Rahmen einer unorthodoxen Faschismustheorie, sondern behandelt den Nationalsozialismus ganz und gar als ein deutsches Phänomen.

Ähnlich geht Evans mit der Lehre vom "deutschen Sonderweg" um. Er verwirft sie, schreibt dann aber lange Passagen über "deutsche Besonderheiten". Den Fanatismus der Hitler-Bewegung, wie sie sich seit 1928 selber nannte, sieht Evans ganz wesentlich aus dem Zusammenwirken von Volksgemeinschafts-Ideen, Nationalismus und Hitler hervorgehen. Weder wird aber die von rechts bis links verführerische Attraktivität der sozialharmonischen Utopie der deutschen "Volksgemeinschaft" genauer erläutert noch die Natur und Dynamik des deutschen Radikalnationalismus analysiert.

Und mit Hitler tut sich der Autor ohnehin schwer. Mehrfach nennt er ihn zwar eine charismatische Figur, ohne das aber zu erläutern, sodass es nur bei der Metapher bleibt. Er erkennt Hitler als Schlüsselfigur des neuen Rechtsradikalismus an, charakterisiert aber nicht sein politisches Talent, das keineswegs allein ein Produkt des Goebbelschen Führerkults war. Daher gewinnt Hitler, trotz der ihm zuerkannten Entscheidungsfähigkeit, trotz seiner Rolle als Legitimationsinstanz mit einem Deutungsmonopol, keine scharfen Konturen. Hätte nicht Kershaws Max Weber entlehntes Konzept der "charismatischen Herrschaft" Zustimmung verdient oder aber zur Entfaltung einer überlegenen Interpretationsalternative führen sollen? Schließlich hängt von der Beurteilung Hitlers auch manche Grundlinie der Argumentation in den beiden künftigen Bänden ab.

Die Unheilsfiguren in der Schlussphase der Republik: Brüning, Papen und Schleicher, werden erquicklich pointiert charakterisiert. Zu blass und öfters verkürzt bleibt dagegen die Analyse der politischen Entwicklungsprozesse, vor allem auch die fatale Rolle der Reichswehr. Weder kommt ihre Fixierung auf den künftigen totalen Krieg, den auch ein einflussreiches publizistisches Umfeld forderte, zur Sprache, noch ihre mitentscheidende Ermöglichung der Machtübergabe am 30. Januar 1933. Hitler wusste, wovon er im September 1933 auf einer Geheimkonferenz seiner Getreuen offenherzig sprach: "Wenn das Heer nicht am Tage der Revolution auf unserer Seite gestanden hätte, dann stünden wir nicht hier."

Einen Sieg der Gewalt - ihn gab es unstreitig zwischen dem Februar 1933 und dem Sommer 1934. Doch der breit gefächerte Konsens, der das neue Regime und auch seine Gewaltanwendung trug, kommt im Vergleich mit dem Terror durchweg zu kurz. In der allgemeinen Beurteilung der Anfangsphase des Regimes ist Evans zögerlich. Die besten Argumente lenken darauf hin, hier von der zweiten totalitären Revolution nach der russischen seit 1917 zu sprechen. Die damals eingeleitete Umwälzung der Verhältnisse erfüllt durchaus die wesentlichen Kriterien einer solchen Revolution. Man muss sich nur von der geschichtsphilosophisch überhöhten, positiv besetzten Revolutionssemantik lösen. Davon mag der Autor sich aber offenbar noch nicht trennen. Jedenfalls gab es 1933/34 weit mehr als nur eine "Kulturrevolution".

Auch gegenüber anderen umstrittenen Problemen hält er sich zurück. So fällt etwa inzwischen die Beweisführung überzeugend aus, dass die Zustimmung des Zentrums zum Ermächtigungsgesetz Ende März 1933 durch die verlockende Aussicht auf das Reichskonkordat mit dem Vatikan immens erleichtert worden ist. Evans lässt sich die Stellungnahme zu diesem umstrittenen Zusammenhang entgehen, stattdessen behandelt er das Konkordat, den ersten sensationellen außenpolitischen Prestigeerfolg des Regimes, später als Problem für sich. Überhaupt trifft man auf einige nicht leicht verständliche Entscheidungen.

Als besonders strittig wird mancher etwa die verblüffende Mitteilung des Autors empfinden, dass er sich für Daniel Goldhagens angeblich "kulturelle Deutung des Antisemitismus" entschieden habe, obwohl er ihr dann faktisch doch nicht folgt. Die kenntnisarme Streitschrift des amerikanischen Politologen hatte bekanntlich einen seit Jahrhunderten herangewachsenen "elimisatorischen Antisemitismus" in Deutschland erfunden, die Erfolge der Judenemanzipation und den politischen Kontext der Jahrzehnte bis 1945 souverän ignoriert und in der erstmals als Staatspolitik betriebenen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus nur das Öffnen von Schleusen entdeckt, hinter denen sich der mörderische Drang längst aufgestaut hatte.

Eine ungleich überzeugendere, subtilere Deutung des deutschen Antisemitismus als eines "kulturellen Codes" findet sich dagegen bei Shulamit Volkov und Saul Friedländer, deren Anregungen Evans besser hätte folgen sollen. Später, bei der Schilderung des Holocausts, wird der Autor mit Goldhagens Fixierung auf die Omnipräsenz individueller Tätermotive ohnehin scheitern.

Insgesamt neigt Evans, der zu Recht den eigenständigen Forschungsbereich "Drittes Reich" gegen den erdrückenden Sog des Auschwitz-Problems verteidigt, zu einer Überschätzung des Antisemitismus im mentalen und emotionalen Haushalt der NSDAP, da er ihn zu ihrem "wichtigsten identitätsstiftenden Faktor" erklärt. Auf die Führungskader aus dem Umfeld der älteren völkischen Bewegung trifft das Urteil zu. Doch für die Millionen Mitglieder, Sympathisanten und Wähler besaßen zwei andere "Faktoren" den Vorrang: ein ressentimentgeladener extremer Nationalismus und Hitler als charismatische Führerfigur.

Ein dichter Schlussteil versöhnt mit manchem Defizit; er zeigt, welche Darstellung Evans vermutlich wäre gelungen, wenn er sich von der taktischen Absicht einer narrativen Schilderung für ziemlich ahnungslose Leser gelöst und sich nicht derart unter Zeitdruck gesetzt hätte. Trotzdem bleibt es eine anerkennenswerte Leistung, in derart knapper Zeit diesen Band geschrieben zu haben, den strukturgeschichtlich uninteressierte Leser auch hier zu Lande begrüßen mögen. Er bleibt auch ein Beweis für das Engagement jener Gruppe von englischen Deutschlandhistorikern (Ian Kershaw, John Breuilly, David Blackbourn, Geoff Eley, Richard Evans), die seit den 1970er Jahren so viel zur Erhellung der neueren deutschen Geschichte beigetragen haben.

Eine vergleichbare Expertenriege für die britische Geschichte brächte die deutsche Historikerzunft nicht von Ferne zustande. Unter diesen kompetenten Deutschlandkennern hat Evans längst seinen festen Platz. An die Spitze gebracht hat ihn dieser erste Band seiner Darstellung des "Dritten Reiches" aber gewiss nicht. Wer wird sich die geplanten 1600 Seiten der drei Bände in diesem Stil fortab zumuten wollen?

Die Übersetzung und Lektorierung lassen zudem sehr zu wünschen übrig. So wurden etwa nach 1886 im Zuge der antipolnischen Germanisierungspolitik keine "Volksdeutschen", sondern Bauernsöhne aus dem Reich angesiedelt. Die "Reichswehr" gab es weder in den 1880er Jahren noch überhaupt im Kaiserreich. Die Katholiken im Kaiserreich machten nicht 40 Prozent der Bevölkerung aus. Jüdischen Deutschen war der Weg in die Hochschulen keineswegs versperrt, ihr Anteil an der Professorenschaft lag vielmehr bis 1890 erstaunlich hoch. Der Historiker Johann Gustav Droysen war kein Adliger. Konzentrationslager wurden nicht erst von den Engländern im Burenkrieg, sondern während des kubanischen Aufstandes seit 1896 von der spanischen Besatzungsmacht eingerichtet. Der neue Ostkrieg von 1918 wird gründlich missverstanden: Statt die Divisionen nach Westen zu transportieren, traten sie zu einem Alexanderzug bis zum Kaukasus und Asowschen Meer an und fehlten dann an der Westfront. War die Regierung des Prinzen Max von Baden im Herbst 1918 wirklich "liberal"? Die Weimarer "Tiller Girls" waren kein Chor, sondern eine Tanztruppe. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft war kein Institut, sondern kombinierte zahlreiche Institute. Das böse Erbe des Nationalismus, Rassismus, Nationalsozialismus ist kein "Vermächtnis". Bei einem "epochalen Meisterwerk" wäre mehr handwerkliche Sorgfalt angebracht gewesen.
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