Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
23.4.2004
Christian Schubert: Großbritannien - Insel zwischen den Welten
Die Briten – Europas ewige Außenseiter
Rezensiert von Theo Koll

Christian Schubert: Großbritannien - Insel zwischen den Welten (Coverausschnitt) (Bild: Olzog Verlag)
Christian Schubert: Großbritannien - Insel zwischen den Welten (Coverausschnitt) (Bild: Olzog Verlag)
Olzog Verlag, München 2003

Es gibt Gegenden auf dieser Welt, da wiegen sich nur Geografen in der trügerischen Annahme, genau sagen zu können, wo sich dieser Ort eigentlich befindet. Längen- und Breitengrade - und schon hat man sich geistig vermessen. Denn es gibt Orte, die fordern ein anderes Koordinatensystem. Eine Insel - und Sie ahnen, welche - neigt ganz besonders dazu. Sie liegt nur 32 Kilometer vom Kontinent entfernt, ist ein zu Europa gehörendes Königreich und doch eine - "Insel zwischen den Welten". So jedenfalls der durchaus treffende Untertitel des heute vorzustellenden Buches von Christian Schubert über - Großbritannien.

Warum aber sollte uns - ob nun anglophil oder nicht - eine geistige Ortsbestimmung Großbritanniens überhaupt zu interessieren haben? Nun, spätestens seit dem Irak-Konflikt und seinen dramatischen Folgen ist überdeutlich geworden: Der Kompass des Königreichs betrifft auch uns, wir kontinental-festsitzenden Resteuropäer tun besser daran, unsere "Drinnen vor der Tür" befindlichen Briten zu verstehen. Sie leben im europäischen Haus, ein Teil der geistigen Verwandtschaft aber wohnt einige tausend Kilometer entfernt. Eine Art mentaler Äquidistanz. Denn, so Christian Schubert vollkommen zutreffend, das Wasser hält alle anderen Länder auf Distanz.

Doch hat der Inselmensch schon mal ein Schiff oder Flugzeug bestiegen, macht es zeitlich keinen allzu großen Unterschied mehr, ob er in das eine oder das andere Land will. Insofern sind nachbarschaftliche Beziehungen nur sehr eingeschränkt.

Auch Europa ist für die Briten schlicht "overseas". Die alte, gern zitierte Klischeeüberschrift vom "Nebel über dem Kanal, Kontinent isoliert" ist heute zwar vielfach untergraben - der Eurotunnel bindet physisch, die EU organisatorisch. Europa, die EU, war immer nur jener Zug, auf den die Briten aufsprangen, wenn er schon abgefahren war. Einmal auf dem Zug, übernahm man sofort die noch freie Stelle des Bremsers - mit der nebenvertraglichen Abmachung, an wichtigen Weichen abspringen zu dürfen. Bei der Währungsunion bspw. dachten wir Deutsche stets angstvoll an unsere Währung, die Briten aber nicht minder angstvoll an den anderen Teil des Wortes, an die "Union".

Wer anfangs in den fließend Französisch parlierenden und in manchen Reden gleich zwölfmal europäische leadership - also Führung - reklamierenden Tony Blair allzu große, pro-europäische Hoffnungen gesetzt hatte, der durfte sich spätestens seit dem Irak-Konflikt enttäuscht zeigen. Die Kriege des 20.Jahrhunderts - mit Ausnahme von Vietnam - waren stets Katalysatoren für die Beziehung zum großen Bruder jenseits des Atlantik. Der Irak-Krieg reiht sich da nur ein. Während große Teile des von Rumsfeld als "Altes Europa" gebrandmarkten Kontinents warnen und zögern, hat sich der Thatcher-Bewunderer Blair längst an die Seite der Kreuzritter gestellt.

Winston Churchill hatte schon früh die begriffliche Münze geprägt, - während des Zweiten Weltkriegs erfand er die sogenannte "Special relationship", die besondere Beziehung zu den USA. Heute spotten selbst Konservative, wie der ehemalige Außenminister Douglas Hurd: Die Angloamerikanische Beziehung sei wie eines dieser Hochräder aus dem späten 19.Jahrhundert - mit einem sehr großen Rad für die Amerikaner und einem sehr kleinen für die Briten. Blair wird selbst im eigenen Land immer wieder als Bushs Pudel persifliert. Aber muss er deswegen, fragt uns Christian Schubert, wirklich wählen - um im Bild zu bleiben - zwischen dem Herrchen in Washington und dem Rudel in Europa?

Schubert verneint. Großbritannien ist für ihn ein lebender Zwitter, einer, der den Spagat zwischen Europa und Amerika schafft. Er vergleicht ihn mit dem römischen Gott Janus. Der schaute mit seinen zwei Gesichtern auch zugleich in die Zukunft und die Vergangenheit.

Schubert berichtet seit über sechs Jahren als FAZ-Korrespondent aus London. Gerade lange genug, um nach der Phase des Staunens erste Antworten geben zu können, auf die Frage aller Fragen aller Nicht-Briten: "Wie anders eigentlich ist Großbritannien?"

So heißt denn auch das erste Kapitel des vorliegenden Buches. Es beschreibt uns bspw. die - hypothetische - Familie Jones, wie sie durch ihre lange Arbeitswoche hetzt, weniger gemütlich als auf dem Kontinent, ohne Wasserdruck in der Dusche - es sei denn, man hat einen "power shower", abends gibt's dann "ready made meals" von Marks and Spencer, und wenn der Sohn vom Baum fällt, wartet man 4 Stunden in der Notaufnahme des Krankenhauses. Jedes Klischee hat wahre Kerne, auch deswegen finden diese Passagen des Buches bei den Briten besondere Aufmerksamkeit.

Grundlegender wird es, wenn Schubert Canetti zitiert, der den Engländern das "stabilste Nationalgefühl, das die Erde heute kennt" bescheinigt. Die Insellage erlaube durch ihre gefühlte Sicherheit dem Bürger mehr individuelle Freiheiten.

Die Insel - der Ort der Freiheit und der Unschuld. Es ist kein Zufall, dass "Robinson Crusoe" von dem Engländer Daniel Defoe geschrieben wurde.

Schon de Tocqueville beschrieb den Geist der Individualität als die Grundlage des englischen Charakters. Das Wort Egoismus wurde von einem Engländer namens Addison geprägt, wen wundert's also, dass keine andere Sprache als das Englische das Wort "ich" , "I" - durchgehend groß schreibt.

Und dabei ist es erst schlappe 8000 Jahre her, seit Großbritannien zu dem wurde, was uns heute immer wieder umtreibt - eine Insel. Seit dem Versinken der Landverbindung ragen die weisen Klippen von Dover auch aus dem Insel-Intellekt und den Herzen.

"Dies zweite Eden, halbe Paradies. Dies Bollwerk, das Natur für sich erbaute", preist uns Shakespeare seine Heimat in Richard dem Zweiten an. Der Kontinentaleuropäer Casanova nahm zwar - wie es seine Art war - das Bollwerk irgendwann ein, fand es aber "vom übrigen Europa in jeder Hinsicht anders." Wie auch immer er das meinte.

Unser Autor zieht historische Linien, vom Sieg über die spanische Armada 1588 und der damit gelegten Saat des Gedankens vom auserwählten Volk, bis zu Charles Darwin, der sich selbst gratulierte als Engländer geboren zu sein. Schubert erinnert an das tiefe Misstrauen, an die antikatholischen Reflexe gegenüber den Ländern des Kontinents. Mein britischer Fernsehkollege Jeremy Paxman fasst es lapidarer zusammen: Die Engländer machten sich, sagt er, tief in ihrem Innern einfach nichts aus Ausländern. Es ist jene überlegene Gleichgültigkeit, die selbst Margaret Thatcher zu spüren bekam, als sie auf einer Veranstaltung ungeschickterweise exakt dieselbe Farbe trug wie die Königin. Die Premierministerin ließ ihrer Majestät durch eine Hofdame ihr Bedauern ausdrücken. Die Antwort kam prompt: Sie brauche sich keine Sorgen zu machen, die Königin merke nicht, was andere Leute tragen.

Christian Schubert aber ist Kontinentaleuropäer, will dieses britische Schulterzucken Richtung Kontinent nicht hinnehmen. Großbritannien werde, so Schubert, gebraucht, um die europäische Wirtschaft von den Fesseln staatlicher Hilfe zu befreien. Schließlich genieße die Insel nicht ohne Grund seit elf Jahren Wachstum - ohne Unterbrechung.

Er argumentiert, ja wirbt am Ende seines Buches, mit den wirtschaftlichen Fakten:

Die deutlichste Sprache spricht indes die Wirtschaftsstatistik: 1973 gingen nur 35 Prozent der britischen Exporte in die heutigen EU-Länder. Heute sind es 58 Prozent. Großbritannien exportiert viermal mehr in die EU als in die Vereinigten Staaten.

Drei Millionen Arbeitsplätze hängen, so Schubert, direkt von der EU ab. Ob sie das wohl überzeugt, unsere Briten. Sie sind zwar pragmatisch, aber eben doch auch anders.

Es geht dabei aber auch, so der Autor, um unsere eignen wirtschaftspolitischen Interessen. Großbritannien quasi als heilsamer gesunder Menschenverstand:

In der Agrarpolitik ist mehr britischer Einfluss dringend nötig. Zurecht beklagt London, dass heute jede Kuh in der EU mit täglich zwei Euro subventioniert wird, während eine Milliarde Menschen weniger als einen Dollar am Tag zum Leben haben.

Großbritannien wird zudem in der Wirtschaftspolitik gebraucht, weil sein liberaler Ansatz auf dem Kontinent noch mehr Verbreitung finden muss. Die Briten könnten helfen, die europäische Wirtschaft von den Fesseln staatlicher Regulierung zu befreien.

Es ist ein vorsichtiges und lesenswertes Buch, reich an Detail und Information. Am Schluss erliegt der Autor - natürlich verhalten, wie es sich für einen FAZ-Kopf gehört - den eigenen Wünschen. Früher oder später werde sich die Insel Europa weiter annähern. Und der Autor hofft, dass sich der Janus-Kopf der Briten doch stärker in die eine, die europäische Richtung drehen wird. Mal sehen. Köpfe, in denen eine Insel steckt, blicken für gewöhnlich sogar in alle Richtungen.

Was mir persönlich fehlt, ist was fürs Herz, sind noch mehr - wenn auch natürlich zum Scheitern verurteilte - Versuche, den kleinen großen Unterschied zu erklären. Das Inselvolk letztlich zu verstehen, hilft es uns nur bedingt, aber das wäre auch zuviel verlangt - von jedem Buch über die Briten.
-> Das Politische Buch
-> weitere Beiträge