Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
7.5.2004
Sebastian Haffner: Das Leben der Fußgänger - Feuilletons 1933-1938
Carl Hanser Verlag, München 2004
Rezensiert von Joachim Scholl

Sebastian Haffner: Das Leben der Fußgänger -  Feuilletons 1933-1938 (Coverausschnitt) (Bild: Carl Hanser Verlag)
Sebastian Haffner: Das Leben der Fußgänger - Feuilletons 1933-1938 (Coverausschnitt) (Bild: Carl Hanser Verlag)
Herausgegeben von Jürgen Peter Schmied

Im Jahr 1933 war Sebastian Haffner 26 Jahre alt. Und er hieß noch anders, nämlich Raimund Pretzel. Das Pseudonym legte er sich erst im englischen Exil zu, um seine Verwandten in Deutschland zu schützen. Jetzt, im Jahr von Hitlers Machtergreifung, war der junge Mann frischgebackener Assessor der Rechte in Berlin und bereitete sich auf eine Laufbahn im Staatsdienst vor. Eigentlich wollte er Richter werden. 1935 noch zum Doktor der Jurisprudenz promoviert, sah er jedoch bald darauf, dass für eine Karriere im neuen nationalsozialistischen Deutschland eine andere Geisteshaltung notwendig war, als er sie pflegte.

Schon in den zwanziger Jahren hatte Sebastian Haffner zu schreiben begonnen, Kritiken, Essays, kurze Artikel, sogar ein Roman von ihm war in Fortsetzungen in einer Zeitung erschienen. Nun beschloss er, damit fortan seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. In der Rückschau hat er das nonchalant und ganz unpolitisch begründet.

Haffner: Ich bin ja 1936 aus dem Justizdienst rausgegangen. Aber ich würde das nicht nur für mich sagen, sondern für alle Leute, die damals in meinem Alter waren. Man muss ja irgendwie anfangen, sein Geld zu verdienen, ganz egal, was in einem Land sonst so los war.

Sebastian Haffner begann zu publizieren, in der "Vossischen Zeitung", dem Modejournal "Die Dame" oder der "Koralle", einer Wochenschrift für, wie es hieß, "Unterhaltung, Wissen, Lebensfreude". Es waren im weitesten Sinn kulturelle Beiträge in der Rubrik, die man heute 'Lifestyle' nennen würde: Ob über die Robben im Berliner Zoo, die neuesten Modetrends für galante Damen und Herren, den Weihnachtseinkauf oder die Segnungen moderner Technik - elegant und witzig, ganz im Stil eines urbanen Causeurs, glitten ihm solche Artikel aus der Feder. Mit Politik und aktuellem Tagesgeschehen hatten sie nichts zu tun.

Berlin, DIE mondäne Welt-Metropole jener Zeit, bot genügend Stoff und Reize, das Leben brauste laut und hitzig, und wer es nicht wollte, der bekam gar nicht mit, was sich in den Regierungspalais und Schaltstellen der braunen Machthaber so tat. Später hat Sebastian Haffner kein Hehl daraus gemacht, wie wenig ihn die Politik anging, zunächst.

Haffner: Es war ja so, dass in diesen ersten Nazi-Jahren - wer es nicht miterlebt hat, glaubt es nicht - das normale Leben, wenn man nicht gerade mit der Politik oder irgendetwas Politischem Berührung hatte, noch ziemlich normal war, auch das Juristische. Es war noch eine Art Rechtsstaat.

Zumindest in den Redaktionen des Boulevards und der Modejournale sah es so aus. Man beauftragte Haffner gern, er paarte rasantes Berliner Schnoddertum mit kultureller Vornehmheit und geistiger Brillanz. Und hatte dazu auch reichlich Platz. Man staunt über den Umfang seiner Artikel. Im Buchdruck oftmals 5-6 Seiten, müssen die Texte komplette Zeitungsbeilagen gefüllt haben. Michael Krüger, Verleger des Carl Hanser Verlages, in dem das Buch nun jetzt erschienen ist, zieht den Vergleich zu den bedeutendsten Feuilletonisten jener Epoche.

Krüger: Wir kannten alle Franz Hessel, den unvergleichlichen Franz Hessel, wir kannten Walter Benjamin, wir kannten den unvergleichlichen Polgar, dessen Feuilletons vielleicht das genaueste Hintergrundgeräusch für die Zeit vor dem 2. Weltkrieg gegeben hat, aber wir kannten eben nicht den nachmalig als politischen Kommentator bekannten Sebastian Haffner, und ich finde, dass diese Texte zusammengenommen auch als eine Art Allegorie zu lesen sind auf die Verhältnisse, und dass diese Allegorien durchaus auch als ein politischer Text zu lesen sind.

Allegorien sind Sinnbilder, die sich in diesem Fall jedoch erst dem historischen Blick erschließen. Die Schrecken der künftigen Ereignisse sind der Gesellschaft, über und für die Haffner schreibt, noch fern. Ihm auch. Dennoch verändert sich die Wahrnehmung, das Klima wird rauer, die Sujets der Feuilletons rücken immer mehr vom rein Privaten in den öffentlichen Raum.

Krüger: Der Mensch besteht ja nicht aus einer Theorie oder aus einer Partei oder einer Ideologie, sondern der Mensch besteht aus einem sehr komplizierten Alltag, den er nur mit großen Mühen bewältigen kann, und dieser Alltag wird nun allmählich durch verschiedene Elemente, die immer wieder vorkommen - durch die Technik, durch die Ideologie, durch die Aggressivität, die zunehmend wird, bestimmt. Und so entdeckt er, Mosaikstein für Mosaikstein, eine Gesellschaft, die im Wandel ist.

Gut beobachten lässt sich diese Entwicklung im erwähnten Feuilleton über die Neuerungen durch Grammophon, Radio und Telefon. "Neue Haustiere" nennt Haffner seinen Text. Man liest ihn mit historischer Bedrückung, aber auch mit Vergnügen an den geschliffenen Formulierungen, die jene alte, heute beinahe vergessene hohe Kunst des Feuilletons bezeugen.

Haffner: Das Radio hat zunächst alle Unarten des Grammophons in ungeheuer verstärktem, verdicktem, vermännlichten Kaliber. Wer ein Grammophon kauft, mag immerhin zunächst, wenn auch irrig, glauben, einen zuverlässig bescheidenen Freund zu haben; der Radio-Erwerber wird auf diesen Gedanken nie kommen. Er wird sich von vornherein sagen, dass er ein Stück halbgebändigter Natur im Hause hat, und wird es als gnädiges Geschenk empfinden, wenn sein Lautsprecher ihm einmal statt des Lärms sämtlicher Gewitter, Straßenbahnen, Zahnarztbohrmaschinen und Höllengeister ein paar Takte Marschmusik oder ein paar Sätze Goebbels ins Ohr träufelt.


Diese Anspielung, wie sie Haffner durchaus hie und da versteckt, verweist bereits auf jenen zweifelhaften Fortschritt, den sich gerade die Nazis dienstbar machen. Das Radio wird im NS-Staat zur stärksten Waffe der Propaganda. Haffner war sich selbst seiner Ironie kaum bewusst, überhaupt wirken seine Feuilletons eher als Medium eines Zeitgeists, der noch frech sein konnte, weil die Gewalt jene harmlose Sphäre, in der er wehte, noch nicht erreicht hatte.

Haffner: Ich konnte bei Ullstein noch '37 völlig frei schreiben, ohne irgendein Wort für die Nazis oder im Sinne der Nazis zu gebrauchen. Insofern fand ich das Leben bei Ullstein noch ganz normal. Ich war eine Weile Mode-Redakteur bei einer Zeitschrift "Neue Modenwelt". Das ging so vor sich wie immer. 1938 war dann nicht nur für mich das Jahr der Auswanderung, zufällig, sondern es war überhaupt das Jahr, wo eigentlich erst das unnormale Leben begann.

In Haffners privaten Existenz ging es bereits früher los: seine jüdische Freundin Erika Hirsch hatte er nicht mehr heiraten dürfen. Ab 1938 wurden die Schikanen bedrohlich, und das Paar entschloss sich zur Emigration, die gerade noch rechtzeitig, auf legalem Weg, möglich war. In England reüssierte Haffner nach anfänglicher Not bald als politischer Journalist, lange Jahre war er leitender Redakteur beim renommierten "Observer". Von Feuilletons war hinfort keine Rede mehr, und auch später dachte der nunmehr ausschließlich politische Publizist nicht daran, die Texte von einst zu veröffentlichen. Nur sein Pseudonym verrät bis heute, dass Sebastian Haffner immer auch ein Mann der Kultur gewesen war. Sebastian kommt von Bach, und der Nachnahme stammt aus Mozarts Haffner-Symphonie.
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