Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
14.5.2004
Frank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott
Blessing Verlag, München 2004
Rezensiert von Joachim Güntner

Frank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott (Bild: Blessing Verlag)
Frank Schirrmacher: Das Methusalem-Komplott (Bild: Blessing Verlag)
Dieses Buch verkündet eine tröstliche Botschaft. Wie jeder gute Wanderprediger hat sein Autor allerdings vor den Trost den Schrecken gesetzt. Düstere Szenarien einer vergreisten und rapide schrumpfenden Gesellschaft werden ausgemalt. Von entvölkerten deutschen Landstrichen, in welche die Wildnis zurückkehrt, ist die Rede, von Rassismus gegen die allzu vielen Alten, vom Aufstieg der kinderreichen und deshalb bald mächtigen muslimischen Länder und vom "terroristischen Krieg der Kulturen", den man nur verstehen könne, wenn man auch den "Krieg der Generationen" verstehe.

Hat uns nicht Samuel Huntington den "Clash of Civilizations" verkündet? Frank Schirrmacher verschärft diesen kulturellen Konflikt noch um biologische Dimensionen. Und der Leser, sein eigenes unausweichliches Altern im Blick, folgt ihm mit Schaudern. Doch just in dem Moment, da man glaubt, nur noch der Sprung in einen märchenhaften Jungbrunnen und gewaltige Zeugungsanstrengungen zur Mehrung des Nachwuchses könnten uns und unsere Gesellschaft retten, in diesem Moment streicht der Wanderprediger Balsam auf die Seelen und klingt ganz lapidar und undramatisch. Hören wir die zentrale Botschaft, die an sein Szenario des Schreckens anschließt:

Es gibt angesichts solcher Daten eine einzige Sache, die wir für unsere Nachkommen tun müssen: alt werden. Wir müssen lange leben und dabei ein starkes, uneingeschüchtertes Selbstbewusstsein haben. Das ist kein origineller Einfall. Doch wird davon abhängen, wie unsere Kultur überleben wird.

Kein origineller Einfall, schreibt Frank Schirrmacher. Na, wie man's nimmt. Da haben die Wohlstandsgesellschaften ein gravierendes Alterungsproblem, seit Jahrzehnten sinkt die Geburtenrate, in Deutschland ist sie jetzt gar auf den tiefsten Stand seit 1945 gesunken, gleichzeitig hat sich die Zahl derer, die ihren 105. Geburtstag begehen, in den letzten zehn Jahren glatt verdreifacht. Schon gibt es Stimmen, die fordern, man müsse jetzt wohl oder übel über Bevölkerungspolitik diskutieren, gleichgültig, wie historisch belastet dieses Thema sei. Und was tut der Autor Schirrmacher? Er schreibt alle bevölkerungspolitischen Maßnahmen von vornherein in den Wind, was erst einmal sehr sympathisch ist, und verkündet ein alterungsfreundliches "Weiter so!"

Doch die Sache hat einen Haken, und der steckt in der Forderung nach einem starken, uneingeschüchterten Selbstbewusstsein. Denn es altert sich schlecht in einer Welt, die mit Jugendwahn geimpft ist. Für einen lebenswerten Lebensabend braucht es nach Schirrmacher dringend ein "Methusalem-Komplott", eine Initiative zur Positivierung der über das Alter kursierenden Bilder und Selbstbilder. Denn wohin man auch sehe, es wimmle von negativen Stereotypen. Diese Negativbilder schneiden ins Ego, meint Schirrmacher, ganz buchstäblich, wie Brandzeichen und Tätowierungen:

Man sieht sie nicht, aber man spürt sie. Zum Beispiel darin, dass Ältere, wenn sie überhaupt in Fernsehfilmen existieren, lange Zeit nur als Bewohner von Krankenhäusern oder Konsumenten von Medikamenten, Haftcremes für Gebisse und Blasentees auftauchten. Eine Gesellschaft, die wie die unsere immer stärker auf Rollenvorbilder angewiesen ist, weil alle anderen Überlieferungen abgerissen sind, flickt den Körper eines älteren Menschen zusammen wie Frankenstein sein Monster, um ihn am Ende schließlich aus ihrer Gemeinschaft auszustoßen.

Um den Weg in die Barbarei abzuwenden, braucht es jenes Methusalem-Komplott, das im Titel des Buches steht. Eine große Verabredung zur Selbstermunterung ist gefragt. Hinweg mit dem deprimierenden Bild vom Alten als Monster, mit den bösartig tristen Vorstellungen von Hinfälligkeit, Starrsinn, Demenz und Pflegebedürftigkeit. Schirrmacher predigt die Macht der Vorstellungskraft. Er könnte natürlich auch, wie ein empirischer Sozialforscher es müsste, über mögliche altersgerechte Änderungen in der Lebens- und Arbeitswelt nachdenken. Ganz konkret, praxisnah. Doch es gehört zu diesem Freund der großen rhetorischen Münze, dass er auf Kleingeld nicht herausgeben kann. Und so hält sich Schirrmacher mit Sozialtechnologie gar nicht erst auf, sondern treibt das, was er auch als Journalist in der FAZ gern treibt: Er geht die Weltveränderung vom Kopf her an. Das Bewusstsein bestimmt das Sein. Also müssen statt der negativen Bilder über das Alter positive her.

Wer lange in einer Stadt lebt - also in ihr älter geworden ist -, kommt schneller ans Ziel. Er kennt die Abkürzungen und kann selbst junge Hunde schlagen. Genau das geschieht durch Erfahrungen. Gewiss: Die Wahrnehmungsgeschwindigkeiten verlangsamen sich im hohen Alter; und natürlich gibt es als eigenes Krankheitsprofil Demenzerkrankungen. Aber allen, die Ihnen anderes einreden wollen - und dazu gehören vor allem Sie selbst -, können Sie den Befund entgegenhalten, dass die Lernfähigkeit bis ins hohe Alter nicht nachlässt.

Der Schriftsteller Ernst Jünger und der Philosoph Hans-Georg Gadamer, die sich mit 100 Jahren angeblich frischer als mit 95 fühlten, sind Schirrmachers Helden. Und hat nicht die Forschung den lendenlahmen Siebzigjährigen Viagra beschert? Wo das Alter wächst, wächst die rettende Technik auch. So erscheint das Internet mit seinen Chat-Foren und Bestellmöglichkeiten nach Schirrmacher als wie gemacht, um kinderlosen Alten Familienersatz zu bieten und ein Marktplatz für jene zu sein, denen das Einkaufen schwer fällt.

Alterstrost die Fülle hält der Autor bereit. Seine Fixierung auf alt gewordene große Künstler und Denker, auf Kopf- statt auf Handarbeiter führt allerdings auch dazu, dass ganze Bevölkerungsgruppen in Schirrmachers Betrachtung keinen Platz finden. Und das wiederum hat damit zu tun, dass die hier diskutierten Alten die zwischen 1950 und 1970 Geborenen sind - insofern sie erfolgreich waren und Maßstäbe gesetzt haben. Es ist Schirrmachers eigene Generation, um die es hier geht, eine teils ironisierte, mehr noch aber idealisierte Generation, der er zuschreibt, die Gesellschaft revolutioniert zu haben. Das soll sie nun mit der Positivierung der Altersbilder ein zweites Mal leisten.

Mit seinem Buch "Das Methusalem-Komplott" geht Frank Schirrmacher ein Thema an, das Aufmerksamkeit verdient. Der laute, ja nachgerade dröhnende Stil ist unerfreulich, aber bei einer Mobilmachungskampagne muss das vielleicht sein. Hinter viele seiner Hypothesen wären Fragezeichen zu setzen. Sind die Erfahrungen der Alten, die Schirrmacher hochhält, nicht in Wirklichkeit längst vom rasanten Wandel der Welt entwertet?

Und könnte nicht das schöne Bild vom leistungsfähigen und lernfähigen alten Menschen dazu führen, dass die Latte dann höher liegt? Dass dieses Ideal die Menschen nicht entlastet, sondern den Druck erhöht? Das wäre dann das Gegenteil dessen, was ein Methusalem-Komplott bewirken soll. Wirklich ärgern darf sich der Leser über die schlampige Konzeption des Buches. Schirrmacher variiert seine Motive wieder und wieder und kommt dabei kaum von der Stelle. Sein Buch ist ein breit getretener Essay. Dass es den Sprung an die Spitze der Bestsellerliste des "Spiegel" geschafft hat, hat leider viel mit Propaganda und wenig mit Qualität zu tun.
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