Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
21.5.2004
Bob Woodward: Plan of Attack - The Road to War
Simon & Schuster
Rezensiert von Michael Groth

Bob Woodward: Plan of Attack (Coverausschnitt) (Bild: Simon & Schuster)
Bob Woodward: Plan of Attack (Coverausschnitt) (Bild: Simon & Schuster)
Nach einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates am 21. November 2001 nimmt Präsident Bush seinen Verteidigungsminister zur Seite:

O-Ton: President Bush ....room…

Erzählt Bob Woodward, als sei er dabei gewesen. Und dann fragt Bush seinen alten Vertrauten Rumsfeld:

O-Ton: What have you got ... for Iraq?

Rumsfeld hatte Einiges. Der Verteidigungsminister saß dem für den Afghanistan-Feldzug verantwortlichen General Franks buchstäblich im Nacken. Woodward schreibt:

Zitat: "Rumsfeld übte starken Druck aus. Er bestand auf einer klaren Befehlskette. Er wollte die Prozesse lenken, er wollte alle Details wissen, er stellte die Fragen, die schließlich auch die Sitzungen mit Bush dominierten: Er wollte die - fast- totale Kontrolle."

Rumsfeld war unmittelbar nach dem 11. September überzeugt, Amerika müsse nicht nur gegen El Kaida kämpfen: Wir müssen zugleich Saddam treffen, zitiert Woodward eine Notiz aus jenen Tagen. Rumsfeld war indes vorsichtig: als ideologische Speerspitze im Weißen Haus agierte ein Anderer: Vizepräsident Cheney.

Zitat: "Mit der Unterstützung des Präsidenten entwickelte sich Cheney zum Spezialisten für Schreckens-Szenarien. Er schaute immer auf die dunkle Seite, auf die wirklich schlechten und erschreckenden Dinge. Seiner Erfahrung und seinem Temperament kam das entgegen. Er glaubte, man müsse immer das Undenkbare denken. Auf diese Weise war er ein erfolgreicher Stellvertreter. Er entwickelte einige Dinge, machte sich zum Experten, und brachte den Präsidenten schließlich dazu, sie zu übernehmen."

Der Einzige, der im engsten Kreis des Weißen Hauses entschieden vor einem Krieg im Irak warnte, war Außenminister Powell. Konflikte mit Cheney waren unvermeidlich. Bob Woodward:

O-Ton:
Powell ... exists.

Powell sprach von einem "Fieber", als ob es für den Vizepräsidenten nichts anderes gebe als den Angriff auf Saddam. Es war Cheney, der im August vergangenen Jahres den Knoten zerschlug, der seiner Ansicht nach eine klare Linie der Administration verhinderte. In einer Rede vor Kriegsveteranen warnte der Vizepräsident zunächst vor den Massenvernichtungswaffen, die sich nach seiner festen Überzeugung in den Händen des Diktators befanden:

O-Ton: There is no doubt … action.
Übersetzung: Das ist die größte Bedrohung, die man sich vorstellen kann. Die Gefahren, wenn wir nichts tun, sind deshalb größer als die Gefahr, wenn wir handeln.

Es folgte ein kaum verhüllter Angriff auf den Außenminister. Powell suchte den diplomatischen Weg über die Vereinten Nationen um den UN-Inspektoren zunächst die Chance zu geben, die mutmaßlichen Massenvernichtungswaffen auch zu finden:

O-Ton: What we must not do … nuclear weapon.

Die Tauben um Colin Powell haben zu diesem Zeitpunkt in Woodwards spannender Erzählung längst verloren. Zwei Jahre nach dem 11. September verrät der Präsident dem Autor:

Zitat: "Der 11.September hat mein Denken verändert. Die Sicherheit der amerikanischen Bevölkerung hatte höchste Priorität - eine heilige Aufgabe für den Präsidenten. … Und das ganze Unheil, das aus dem Irak gemeldet wurde, wurde plötzlich viel bedrohlicher. Es schien mir unmöglich, Saddam im Zaum zu halten."

Schon bald nach dem 11. September machte Bush seine Ansichten öffentlich. Wer dem Präsident damals genau zuhörte, konnte vom Eilmarsch in den Irakkrieg kaum überrascht werden:

O-Ton: Our war on terror ... supports them.
Übersetzung: Dieser Kampf endet erst, wenn jede weltweit operierende Terrorgruppe gefunden, gestoppt und besiegt ist.

Aus solchen Aussagen zog Vizepräsident Cheney einen Schluss: Wenn die Vereinigten Staaten sich verteidigen müssen, brauchen sie keine Beweise; und man verteidigt sich nicht durch stillhalten; man kommt dem Angreifer durch einen eigenen Angriff zuvor.

Bislang wurden die Massenvernichtungswaffen, die für Bush den wesentlichen Kriegsgrund darstellten, nicht gefunden. Umso erstaunlicher das Lob, das der Präsident nach wie vor dem Geheimdienst und vor allem CIA-Chef Tenet zollt. Der hatte, wie Woodward enthüllt, schon zu einem frühen Zeitpunkt erklärt, seine Organisation könne Saddam weder ausschalten, noch könne die CIA die irakische Opposition wirkungsvoll unterstützen.

Noch schwerer wiegt das Unvermögen, die Administration mit den für eine internationale Unterstützung gegen Saddam so dringend notwendigen eindeutigen Beweisen für die Existenz der Massenvernichtungswaffen zu sorgen. Aber auch hier bogen Bush, Cheney, Rumsfeld und die Sicherheitsberaterin Rice die Wirklichkeit ihrem Weltbild zurecht. Sie glaubten den Versicherungen Tenets, diese Beweise seien eine absolut klare Sache.

Bob Woodward:

O-Ton: And George Tenet ... case.

Trotz aller Widerstände gelang es Colin Powell, den Präsidenten im Spätsommer 2002 von der Notwendigkeit einer neuen Irak-Resolution im UN-Sicherheitsrat zu überzeugen. Aber es war wiederum Cheney, der der Rede Bushs am 12.09. vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen den entscheidenden Dreh gab.

Zitat: "Man solle die UN, so Cheney, zum eigentlichen Kern der Rede machen. Seit mehr als zehn Jahren sei die Völkergemeinschaft unfähig und unwillig, ihre eigenen Resolutionen umzusetzen. Saddam habe seine Waffen nicht zerstört und die Inspektoren hinausgeworfen. Nun müsse man die UN herausfordern: 'Es geht um euch, nicht um uns. Ihr seid unwichtig und macht euch zum Gespött.'"

Vor den Vereinten Nationen hörte sich das aus dem Mund des Präsidenten wenig später so an:

O-Ton: The conduct …gather.

Wir können wählen zwischen einer Welt der Angst und einer Welt der Hoffnung. Wir schrecken dabei nicht vor einer Entscheidung zurück.

Im Weißen Haus fürchtete man um die Glaubwürdigkeit. Woodward zitiert George Bush:

Zitat: "Ich war besorgt, dass wir uns in einem Verhandlungsprozess verheddern würden. Dann geht es nicht mehr um Saddam und die Gefahr, die von ihm ausgeht. Die Verhandlungen würden zum Kern der Sache, und Saddam käme wieder einmal davon. Und er wäre sogar gestärkt. "

Anfang Januar 2003 traf Bush die Kriegsentscheidung; sie war abgesprochen mit Rumsfeld, Cheney und Condoleeza Rice. Sogar der saudische Botschafter wurde informiert. Und dann, so Bob Woodward, geschah Unglaubliches:

O-Ton: And they realized … tell him.
Übersetzung: Condoleeza Rice sagt, holen Sie besser Collin und sagen Sie es ihm.

Das Weiße Haus startete einen letzten Versuch, die Vereinten Nationen mitzunehmen. Dies konnte nur dem Außenminister gelingen, dem letzten hochrangigen Regierungsmitglied, dem noch geglaubt wurde. Natürlich wusste Bush, das Powell gegen die eigene Überzeugung handelte, wenn er den Feldzug seines Chefs rechtfertigte:

O-Ton: The president …
Übersetzung: Der Präsident weiß, dass Powell derjenige ist, der keinen Krieg will, er fragt: 'Werden Sie mit mir gehen?" - Und Powell, der Soldat, der 35 Jahre in der Armee war, sagt: 'Ja, Mr. Präsident, ich werde mein Bestes geben und ich werde mit Ihnen gehen.'

Mehr als 75 Spitzenpolitiker aus Regierung und Kongress standen Woodward Rede und Antworten, darunter Bush und Rumsfeld für jeweils viele Stunden. Er zog persönliche Notizen der Beteiligten hinzu, Kalendereintragungen, Telefonaufzeichnungen, Briefe und amtlichen Schriftverkehr. Sein "Angriffsplan" liest sich wie ein Kriminalroman.

Gleichsam aus der Schlüssellochperspektive bietet Woodward seinen Lesern ein Panorama jener 16 Monate zwischen November 2001 und März 2003, der Zeit in der der Kriegsplan entstand. Es bleibt zu hoffen, dass diese gut geschriebene und hervorragend recherchierte Materialsammlung schnell übersetzt wird und den Weg auf den deutschen Buchmarkt findet.

Sie können den Beitrag mit den vollständigen Originaltönen als mp3 und RealAudio hören.
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