Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
4.6.2004
Richard A. Clarke: "Against all Enemies - Der Insiderbericht über Amerikas Krieg gegen den Terror"
Hofmann und Campe Verlag, Hamburg 2004
Rezensiert von Reinhard Kreissl

Richard A. Clarke: "Against all Enemies" (Coverausschnitt) (Bild: Hoffmann & Campe)
Richard A. Clarke: "Against all Enemies" (Coverausschnitt) (Bild: Hoffmann & Campe)
Aus dem Amerikanischen von Norbert Juraschitz, Werner Roller, Heike Schlatterer

Wollte man es zynisch formulieren, könnte man sagen, Richard Clarke hat das große Los gezogen. Der lang gediente Sicherheitsexperte unter mehreren amerikanischen Präsidenten hatte mit seiner Warnung vor der Bedrohung Amerikas durch Al Quaeda Recht. Viele andere haben vor vielen anderen Gefahren gewarnt, die nicht zur spektakulären Katastrophe geführt haben. In diesem Konzert der um politische Aufmerksamkeit konkurrierenden Bedrohungsszenarien hat Clarke sich nicht durchgesetzt, und wie sich jetzt zeigt: Man hätte auf ihn hören sollen.

Das macht ihn zum tragischen Helden, der möglicherweise sein Land hätte retten können, wenn man seinen Ratschlägen gefolgt wäre. Und so räsoniert er auf den ersten Seiten seines Buches, das mit einer packenden Schilderung der Ereignisse des 11. September aus der Perspektive der ersten Person beginnt, auf dem Weg durch das nach den Anschlägen vorsorglich evakuierte Weiße Haus:

Das war der große Schlag von Al Quaeda, vor dem wir gewarnt hatten und er war schlimmer als alles, was wir uns vorgestellt hatten ... Jetzt würden wir endlich die Lager der Terroristen bombardieren, vielleicht sogar in Afghanistan einmarschieren. Nur, Bin Laden und seine Mannschaft waren wahrscheinlich ausgeflogen. Ihre Lager waren jetzt vermutlich so leer, wie das Weiße Haus.

Clarke entfaltet die Geschichte der mit dem Nahen und Mittleren Osten befassten Seiten der amerikanischen Sicherheitspolitik unter den Präsidenten Clinton und Bush jr. Er schreibt 380 Seiten aus der Sicht eines Fachmanns, der mit seinen Vorschlägen an bürokratischen Eitelkeiten, parteipolitischen Machtkalkülen und ganz normaler Dummheit scheitert.

Alles, was dann nach dem 11. September geschah, war nicht dazu angetan, das Problem einer terroristischen Bedrohung in den Griff zu bekommen. Der Angriff auf den Irak war ein Fehler. Aus dem inneren Kreis der politisch Mächtigen zitierend, zeigt Clarke, wie diese Entscheidung sich anbahnte, und siehe da: Die große Politik funktioniert so, wie es sich Klein-Erna vorstellt. Unmittelbar nach der Katastrophe hoffen die Sicherheitsexperten endlich auf die Aufmerksamkeit, die sie immer gefordert, aber nie erhalten hatten.

Ich erwartete jetzt eine Reihe von Sitzungen, bei denen wir über die Verhinderung weiterer Angriffe diskutieren würden, über unsere Verletzbarkeit und wie wir auf die Schnelle mögliche Angriffsflächen würden beseitigen können. Stattdessen fand ich mich in einer Diskussion über den Irak wieder. Ich konnte es nicht glauben, dass man jetzt ein anderes Thema als die Frage "Wie kriegen wir Al Quaeda?" diskutieren konnte. Doch dann musste ich schmerzlich feststellen, dass Rumsfeld und Wolfowitz aus dieser nationalen Tragödie für ihre Irakstrategie Kapital schlagen wollten.

Die Diskussionen im engsten Führungsstab des Präsidenten wirken in Clarkes Schilderung wie eine bittere Realsatire. Man fühlt sich immer wieder an Peter Sellers als Stanley Kubricks Dr. Seltsam erinnert. Verteidigungsminister Rumsfeld will den Irak angreifen. Außenminister Powell ist dagegen. Clarke, der in der Runde dabei sitzt, mischt sich in die Diskussion ein.

Wenn wir nach dem Angriff durch Al Quaeda jetzt den Irak bombardieren, dann ist das, als wären wir nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor in Mexiko einmarschiert.

Aber dieser in seiner Logik an sich zwingende Vergleich zeigt keine Wirkung.

Rumsfeld beklagte, dass es keine geeigneten Ziele in Afghanistan gäbe, die man bombardieren könnte, im Irak hätten wir viel bessere Ziele. Ich dachte zunächst, das sei ein Scherz. Aber Rumsfeld meinte es ernst und der Präsident wies die Idee eines Angriffs auf den Irak nicht von vorneherein zurück.

Clarke kennt die Materie. Er verfügt über langjährige Erfahrung in unterschiedlichen Funktionen des Regierungsapparats, intime Kenntnis der politischen Verhältnisse im Bereich der inneren wie der äußeren Sicherheitspolitik und vor allen Dingen über die bei solchen Autoren leider viel zu seltene Fähigkeit, all das in einen spannenden, fakten- und facettenreichen Text einzuweben.

Neben einer detaillierten Chronologie der Ereignisse des Kriegs gegen den Terrorismus bestätigt seine Interpretation die Position der Kritiker der amerikanischen Außenpolitik. Ebenso erschreckend wie erhellend sind dabei die Einsichten des Insiders. So waren die Namen der Attentäter vom 11. September auf einer Liste des FBI geführt. Unmittelbar nach dem Anschlag ruft Clarke aus der Sitzung des Krisenstabs heraus einen Kollegen beim FBI an und es entspinnt sich der folgende Dialog:

"Wir haben die Passagierlisten von den Fluglinien bekommen. Einige der Namen kennen wir, sie gehören zu Al Quaeda." Dass Al Quaeda für die Anschläge verantwortlich war, erstaunte mich weniger, als die Tatsache, dass Mitglieder von Al Quaeda an Bord der Flugzeuge gelangen konnten, obwohl ihre Namen dem FBI bekannt waren. "Wie zum Teufel konnten die an Bord kommen?" wollte ich wissen. "Schlag bitte nicht den Boten für die Nachricht. Die CIA hat vergessen, uns darüber zu informieren."

Die Geheimdienste spielen eine unrühmliche Rolle im Krieg gegen den Terrorismus. Clarke bestätigt hier, was schon andere, wie etwa der Leiter der UN-Waffeninspekteure im Irak, Hans Blix, in der Auseinandersetzung mit der Politik der USA formuliert haben. Unkenntnis gepaart mit politisch willfähriger Fehlinformation, so lautet das Verdikt gegen diese Bürokratien. Und die führenden Köpfe der politischen Administration kommen nicht besser weg.

Unterhalb der Ebene der großen Politik fasziniert das Buch von Clarke durch die ausführliche Beschäftigung mit den konkreten Fragen von Sicherheit. Bei der Lektüre wird deutlich, was es heißt, eine moderne Großstadt oder ein Land wie die USA, so gut es geht, gegen terroristische Angriffe zu sichern. Angefangen von der lokalen Feuerwehr, den Krankenhäusern, Wasserwirtschafts-, Straßenbau- und Gesundheitsämtern über die Melde- und Polizeibehörden, Post und Telekom bis hin zu national tätigen Organisationen wie der Flugsicherheit, dem Militär, der Luftwaffe und den Geheimdiensten müssen alle berücksichtigt, koordiniert und auf den Ernstfall vorbereitet werden. Jede dieser Behörden hat ihre eigenen Interessen, ihre Unfähigkeiten und wird von meist eitlen Bürokraten geführt. Clarke beschreibt solche Szenarien aus der Position des nur an rationaler Problemlösung interessierten unparteiischen Koordinators.

Realistischerweise gibt es heute zwei große Hindernisse, die einer neu zu schaffenden wirkungsvollen Sicherheitsbehörde im Weg stehen. Erstens die politische Allianz von Linken und Rechten gegen jede Art von Sicherheitsmaßnahme und zweitens das FBI selbst. Bei der Links-Rechts-Koalition handelt es sich um den Zusammenschluss so unterschiedlicher Organisationen wie der National Rifle Association und der Bürgerrechtsbewegung, die sich mit Politikern zusammentun, um ihrer Besorgnis gegenüber jeder Form der Kompetenzerweiterung der Sicherheitsbehörden Ausdruck zu verleihen. Einschlägige Gesetzesentwürfe werden abgelehnt, bevor man sie liest.

Was bleibt zu tun? Hier wird es schillernd. Auf der einen Seite kann Clarke im Rückblick kritisch anmerken, wer, wann, aus welchen irrationalen Gründen seinen Vorschlägen nicht gefolgt ist, und welche katastrophalen Folgen das hatte. Diese im Nachhinein entwickelte Erklärung ist informativ, aber aus ihr die suggestive Schlussfolgerung für die Zukunft abzuleiten, man könne die Erhöhung der inneren Sicherheit zur politischen Maxime erheben, zur übergeordneten Perspektive, an der sich alles messen lassen muss, ist gefährlich.

Niemand wird seinen Vorschlägen widersprechen, es sei notwendig, sich mit dem Islam auf der Ebene von Argumenten auseinander zu setzen, eine internationale Kooperation mit anderen Staaten zu suchen, und vor allen Dingen, jene zu unterstützen, die gefährdet sind, sich zu fundamentalistischen Theokratien zu entwickeln.

Wie aber sieht es aus mit Clarkes Forderung nach einer umfassenden sicherheitslogistischen Aufrüstung im Inneren der Gesellschaft? Sein Traum einer nationalen Sicherheitsbehörde bleibt so vage wie problematisch. Zwar fordert er die Schaffung einer Art Aufsichtsrat für ein solches Amt, der die Einhaltung der Bürgerrechte im Bereich sicherheitspolitischer Maßnahmen kontrollieren sollte, doch entsteht hier der Eindruck, dass es ihm dabei nur um die reibungslose Umsetzung von letztlich technisch begründeten Maßnahmen geht.

Am Ende dieses hoch lesenswerten Buches bleibt das ungute Gefühl, auch in Clarke, dem tapferen Überbringer schlechter Nachrichten schlummert tief unten ein Dr. Seltsam, der, den Blick auf das Böse gerichtet, ihm am Ende selbst zum Opfer fallen kann.
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