Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
11.6.2004
Brigitte Seebacher: "Willy Brandt"
Piper Verlag, München, 2004
Rezensiert von Peter Glotz

Brigitte Seebacher: "Willy Brandt" (Coverausschnitt) (Bild: Piper Verlag)
Brigitte Seebacher: "Willy Brandt" (Coverausschnitt) (Bild: Piper Verlag)
Eigentlich ist, rein historiografisch gesehen, nach Peter Merseburgers großer und Gregor Schöllgens kleiner Brandt-Biografie ein neues Buch über Willy Brandt unnötig. Die Uhr der Geschichte ist noch nicht weiter gerückt, eine neue Perspektive auf den vierten Kanzler der Bundesrepublik und die bedeutendste Figur der SPD seit Bebel ist nicht möglich. Auch sind keine Archive geöffnet worden, die für Schöllgen und insbesondere Merseburger geschlossen waren.

Eines aber rechtfertigt das Buch von Brigitte Seebacher, der dritten Ehefrau Willy Brandts: die Verbindung von "Zeitgenossenschaft und Lebensgemeinschaft", wie sie das selber nennt. Kein Zweifel, diese Verbindung ist prekär: Brandts Witwe könnte manch eigenem Urteil Dignität verleihen, indem sie dieses Urteil als Brandtschen Originalton ausgäbe.

Die Bücher von Lebenspartnern oder engen Freundinnen oder Freunden großer Persönlichkeiten sind deshalb immer ebenso gefährlich wie spannend. Sie sind einerseits Konstruktion, Deutung, also subjektive Auswahl aus der Fülle erlebter Biografie, anderseits Quelle, also einmalige Chance der Nähe und Vertrautheit mit dem Akteur. Auf dieses Messers Schneide balanciert auch Brigitte Seebacher.

Man muss der engsten Vertrauensperson Brandts in den letzten anderthalb Jahrzehnten seines bewegten Lebens allerdings lassen, dass sie sich dieser Problematik bewusst ist. Die gelernte Historikerin, die schon über die SPD-Vorsitzenden Bebel und Ollenhauer diskutable Bücher geschrieben hat, bemüht sich, ihre Urteile aus dem vorliegenden Material zu begründen. Natürlich präsentiert sie "ihren Willy Brandt", einen deutschen Patrioten, der angeblich den Anfechtungen der Emigration - denen Heinrich Heine oder Thomas Mann durchaus ausgesetzt waren - niemals erlag und sich in seinem "Deutschsein" nie beirren ließ. Da kann man anderer Meinung sein.

Wenn Brigitte Seebacher aber über Zeitgenossen herzieht - ob über Mitterand, Herbert Wehner oder Helmut Schmidt - oder über Brandts Nachfolger in der Partei Hans Koschnik, Johannes Rau oder Oskar Lafontaine -, dann tut sie das doch auf eigene Rechnung. Manche dieser Urteile sind saftig ungerecht. Da sie aber in der Regel als Urteile der Brigitte Seebacher daherkommen, sind sie - eben als Werturteile einer Zeitgenossin - doch legitim.

Einen zweiten Vorteil muss man dem Buch attestieren: Es ist gut geschrieben. Brigitte Seebacher bündelt den großen Stoff, der chronologisch ja kaum zu bewältigen wäre, in sieben große Kapitel und wechselt ziemlich souverän zwischen dem Präsens der Erzählung und dem Imperfekt oder Perfekt der historischen Deutung.

Es kommt dazu, dass das Buch von einem bedeutenden Fall - dem Fall Wehner - allerdings abgesehen, nicht als Racheakt der verletzten Seele daherkommt. Natürlich mag die 33 Jahre jüngere Frau eines überragenden Mannes manche Zurücksetzung erfahren haben. Das zeigt sich zum Beispiel in den wenigen Bemerkungen Brigitte Seebachers über Rut Brandt, die kalt und ohne Empathie sind.

Rut Brandt hatte keinen eigenen Beruf und stand auf keinem eigenen Fuß. Die Ansprüche aber waren hoch, jedenfalls überstiegen sie die Gegebenheiten. W.B. ließ es geschehen, wie er vieles geschehen ließ, was ins Persönliche ging und eine Auseinandersetzung unter vier Augen erfordert hätte. Fürsorglichkeit hätte sich ohnehin nicht verordnen lassen. Die aber wäre, zumal für einen Fremdling wie W.B., noch wichtiger gewesen als politisches Engagement oder intellektuelle Partnerschaft.

Im Übrigen hat sich die Autorin an den politischen Stoff gehalten und unterdrückt manche Geschichte, die man auch noch hätte erzählen können. Das alles sind rühmenswerte Seiten eines spannend zu lesenden Wälzers von 455 Seiten. Das Buch von Brigitte Seebacher ist lesenswert, obwohl viele ihrer Urteile höchst subjektiv sind.

Bei der Darstellung der Rolle Herbert Wehners befindet sich Brigitte Seebacher durchaus auf der Linie ihres Mannes. Wehner hat 1974 den Sturz Brandts als Kanzler zwar nicht veranlasst, aber er hat die gegebene Gelegenheit ohne Zweifel kalt benutzt. Wehner wollte Brandt weg haben. Brandt wusste das; im Übrigen war Brandt zutiefst verletzt durch die ihm wesensfremde Weigerung Wehners, mit ihm anders als strategisch umzugehen.

Dass Brigitte Seebacher also die Verachtung Brandts gegenüber Wehner übernimmt, darf niemanden erstaunen. Unakzeptabel ist allerdings, dass sie sich in dunklen Andeutungen über Dokumente in Moskau ergeht, die bislang unzugänglich sind. Entweder man weiß etwas, dann muss man es zitieren. Oder man vermutet nur - dann sollte man schweigen.

Eine Kommission zum Schutze des Staatsgeheimnisses ist tätig geworden und hat prinzipiell alle Dokumente freigegeben - bis auf die fünf wichtigen Stücke. Von dem einen Papier, das bisher unbekannte Gespräche Wehners mit Honecker im Beisein eines Russen bezeugt, heißt es sehr bestimmt: "Njet". Immerhin deuten schon die Titel der ausgewählten Dokumente auf Verwicklungen, die oft erahnt, aber nie bewiesen und auch als Hirngespinste W.B.s abgetan worden sind.

Nein, so geht es nicht. Wehner hat bei der Erkämpfung der Regierungsverantwortung für die SPD trotz seiner sadomasochistischen Privatpsychologie eine wichtige Rolle gespielt. Brigitte Seebacher ist unfähig, diese fragwürdige, aber eben doch entscheidende Rolle fair zu würdigen.

Höchst "konstruktivistisch" ist Brigitte Seebachers Deutung dessen, was sie das "Deutschtum" Brandts nennt. Dass dieser mit 20 Jahren aus dem Land getriebene Idealist im Alter von 76 oder 77 Jahren mit Nachdruck für das war, was man die "Einheit" Deutschlands nannte - weil er das auch als Korrektur des eigenen Schicksals empfand - ist ohne Zweifel richtig. Der Lübecker Arbeitersohn Brandt hat die Nation im Übrigen sicher naiver gesehen als sein Freund Bruno Kreisky, der aus der Schule der österreichischen Nationalitätentheoretiker von Karl Renner bis zu Otto Bauer kam. Dass Brandt aber sein "Deutschtum" so kontinuierlich und so bieder "reichsdeutsch" verstanden haben soll, wie Brigitte Seebacher das behauptet, ist fragwürdig. Nichts zeigt Seebachers Deutungsmuster deutlicher als die folgende Stelle:

Nichts und niemand hat Brandt sein Deutschtum nehmen können, schon gar nicht ein Volksverdummer namens Hitler, der erst 1913 den Weg von Wien nach München genommen hat.

Die Sottise über Hitlers Weg von Wien nach München und die Unterstellung: Der kommt ja aus Wien und ist gar kein Deutscher - das stammt nicht von Brandt, das stammt von Seebacher. Waren die österreichischen Deutschen keine Deutschen? War Brandt ein kleindeutscher Nationalist, der Wien als Ausland empfand? Brandt war 1989/90, als er es als angemessen empfunden hätte, erneut eine zentrale Rolle bei der "Neuvereinigung" der deutschen Staaten zu spielen, sicher eher für Kohls Politik als für die Lafontaines. Daran kann kein Zweifel sein. Der simple "Deutsche", zu dem Brigitte Seebacher ihn machen möchte, war er nicht.

Brigitte Seebachers Buch kann man, um ein Fazit zu ziehen, auf drei Sätze bringen: Sie lauten: Erstens: Willy Brandt war ein großer Mann. Unbestreitbar. Zweitens: Man kann nicht bestreiten, dass er etwas mit der SPD zu tun hatte, und drittens: diese aber ist ein kümmerlicher Haufen. Diese drei Sätze passen nicht zusammen.
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