Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
18.6.2004
Bernd Eisenfeld, Ilko-Sascha Kowalczuk, Ehrhart Neubert:
"Die verdrängte Revolution - Der Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte"
Rezensiert von Karl Wilhelm Fricke

"Die verdrängte Revolution" (Coverausschnitt) (Bild: Edition Temmen)
"Die verdrängte Revolution" (Coverausschnitt) (Bild: Edition Temmen)
Edition Temmen, Bremen 2004

Noch ein Buch zum 17. Juni 1953? Ein Kompendium gar von fast 900 Seiten? Lässt sich nach der vorjährigen Publikationsflut zum 50. Jahrestag des Aufstands überhaupt noch Neues dazu schreiben? Bernd Eisenfeld, Ilko-Sascha Kowalczuk und Ehrhart Neubert - alle drei ausgewiesene Zeithistoriker - bieten mit ihrer faktengesättigten Edition im Detail durchaus noch Neues zum "17. Juni" - wobei das Datum als Synonym für den Aufstand gegen die Herrschaft der SED steht, der in Ost-Berlin schon am 16. Juni '53 losbrach, ehe er hier seinen Höhepunkt am Tage danach erfuhr und zeitgleich fast flächendeckend auf die DDR übergriff: Hier erstreckte sich das Geschehen in Stadt und Land teilweise bis auf den 21. Juni.

Die Autoren, die ihr Manuskript gemeinsam verfasst haben, sind in der Forschungsabteilung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen tätig. Ihr privilegierter Zugang zu den Hinterlassenschaften der Staatssicherheit tat ihrer Arbeit logischerweise gut, aber das eigentlich Neue ihrer Monographie machen wissenschaftlich originäre und politisch tabulose Fragestellungen aus, ist ihre spezifische Sicht auf den "17. Juni".

Die Autoren, die ihre Sozialisation im Staat der SED erfahren haben, die aus der DDR-Opposition und der Bürgerrechtsbewegung hervorgegangen sind - sie begreifen den Aufstand als eine gescheiterte Revolution, die sie ohne Vorbehalt in die freiheitlichen Traditionen der deutschen und europäischen Geschichte einbinden. Zitat:

Die Verstrickung der Sowjets in den Aufstand als Schutzmacht der SED lässt sich nicht allein auf imperiale Interessen einer Besatzungsmacht zurückführen, gegen die ein unterworfenes Volk aufbegehrt hat. Vielmehr ist dem nationalen Element des Aufstandes der besondere Charakter der sowjetischen Herrschaft als ein für den Ausbruch und Verlauf des Aufstandes weit gewichtigerer Umstand zuzuordnen. Nicht die Besatzungsmacht als solche wurde von den Aufständischen angegriffen, sondern die deutschen Vollstrecker der Implantierung des sowjetischen Kommunismus. Dies stellt den "17. Juni" in die lange Reihe der Aufstände gegen den europäischen Kommunismus, die von den ersten Arbeiter- und Bauernaufständen gegen die Bolschewiki 1918 bis zu den Revolutionen 1989 in Mittelosteuropa reichten.

Eisenfeld, Kowalczuk, Neubert, das macht das Faszinierende an ihrem Werk aus, untermauern ihre Kernthese mit neuen Einsichten. Sie grenzen sich zugleich pointiert von Deutungen des "17. Juni" ab, die sie für historisch haltlos oder verengt halten. Insofern ist ihr Buch Ereignis- und Rezeptionsgeschichte zugleich.

In acht Kapitel gegliedert, thematisieren sie Scheitern und Gelingen von Aufständen gegen den sowjetischen Kommunismus, sie stellen den "17. Juni" als "Trauma der Machthabenden" dar, analysieren seine nachhaltige, in der Forschung lange nicht wahrgenommene Wirkung auf Widerstand und Opposition gegen die Diktatur der SED, und sie sezieren Verfälschungen des Aufstands durch Geschichtswissenschaft und Geschichtspropaganda in der DDR, den "Kampf an der ideologischen Front" sozusagen.

Doch nicht weniger kritisch untersuchen sie die bundesdeutsche Spiegelung des Aufstands in der Zeit der Teilung. Die Erinnerung daran empfand die Politik am Rhein im Laufe der Jahre zunehmend als störend im westöstlichen Entspannungsprozess. Der "17. Juni" war bis zu seiner wissenschaftlichen Neuentdeckung in den neunziger Jahren bei vielen Zeitgenossen eben zu einer "verdrängten Revolution" verkommen. Der Buchtitel ist kein Zufall. Sein Bedeutungswandel wurde einst in den Reden zum Tag der deutschen Einheit alljährlich evident.

Provozierend ist die Feststellung der Autoren, dass bundesdeutschen Historikern in ihrer Forschung zum "17. Juni" opportunistische Konzessionen an den Zeitgeist nachzuweisen sind. Namentlich sein nationaler Aspekt wurde weithin ignoriert. Im Rückblick verblüfft das heute um so mehr, als zum Beispiel Klaus Harpprecht in seinem unter Mitarbeit von Klaus Bölling verfassten Standardwerk "Der Aufstand" die Zielsetzung der Erhebung schon 1954 eindeutig umrissen hat:

Die Revolution des 17. Juni meinte auch die Freiheit der Nation. Sie meinte das Recht, sich wieder in staatlicher Einheit zusammenzufinden.

In kritischer Auseinandersetzung mit Arnulf Baring und seinem deutungsmächtigen Buch über den "17. Juni" widersprechen die Autoren ebenso respektvoll wie rigoros speziell seiner Interpretation des dramatischen Geschehens als "Arbeiteraufstand" statt als "Volksaufstand":

Bedeutungsvoll (...) ist nicht eine zu vermutende akademische Begriffsdebatte, sondern die damit eng zusammenhängende Wahrnehmung bzw. Fehldeutung der politischen und nationalen Ziele des Aufstands. Selbst dort, wo nur Arbeiter agierten, gingen sie weit über soziale Gruppeninteressen oder innerbetriebliche Sozialforderungen hinaus.

Die Autoren stützen ihre Argumentation teils auf eigene, empirisch abgesicherte Befunde, teils auf Arbeiten von Manfred Hagen, Armin Mitter und Heidi Roth, die nach Öffnung der Partei- und Stasi-Archive in den neunziger Jahren neue Erkenntnisse über den "17. Juni" vorgelegt haben. Indem sich das Buch ausführlich der Aufarbeitung des Volksaufstandes in der Fachliteratur der vergangenen anderthalb Jahrzehnte zuwendet, schreibt es nicht nur die Erinnerungskultur fort bis in die Gegenwart, es reflektiert auch den aktuellen Forschungsstand.

In dem Kapitel "Antikommunismus als Lebensaufgabe" wird manche Legende aus dem Kalten Krieg entzaubert und durch sorgfältig recherchierte Fakten ersetzt - so etwa über das unmittelbar nach dem Aufstand in West-Berlin gegründete "Komitee 17. Juni". Eingehend behandeln die Autoren zudem Darstellungen des Aufstands in der schöngeistigen Literatur in Ost und West.

Im letzten Kapitel nehmen sie die strittige Diskussion um seinen Platz in der deutschen Geschichte noch einmal auf und setzen in ihrem Fazit die gescheiterte Revolution von 1953 in historische Beziehung zu der friedlich vollendeten Revolution von 1989. Mit einem Plädoyer für eine auf historischer Rationalität basierende Geschichtspolitik im Dienst deutscher und europäischer Identitätsfindung lassen sie ihr Buch enden:

Die wichtigste transnationale gemeinsame Erinnerung aller ostmitteleuropäischen Länder bezieht sich auf den gemeinsamen Widerstand. Der "17. Juni" hätte, neben anderen Ereignissen, gute Chancen, in einen europäischen Erinnerungskanon verankert zu werden. Er stellte eine revolutionäre Volksbewegung für den demokratischen Verfassungsstaat dar. Er zielte auf die Überwindung von Grenzen. Er belegte, dass es sich trotz der übermächtig erscheinenden Großmacht immer und überall lohnt, die Würde und die Freiheit des Einzelnen zu behaupten und zu verteidigen. Und schließlich liegt retrospektiv seine besondere Suggestionskraft in der unverhofften und späten Vollendung 1989/90. Das entspricht den Erfahrungen aller anderen ostmitteleuropäischen Völker, die sie in den eigenen nationalen Erhebungen gemacht hatten.

Unbeschadet ihres wissenschaftlichen Charakters gedieh die Monographie zu einem durch und durch politischen Buch, meinungsfreudig, provokativ, nicht frei von Wertungen, von Polemik auch, das bewusst auf streitbare Debatten im geschichtspolitischen Diskurs angelegt ist. In der Historikerzunft wird das Autorendreigespann nicht nur Zustimmung auslösen, sondern auch Widerspruch. Die fällige Kontroverse über die historische Verortung des "17. Juni" ist eröffnet.
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