Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
2.7.2004
Bill Clinton: My Life
Alfred A. Knopf Verlag, New York 2004
Rezensiert von Michael Groth

Bill Clinton: My Life (Coverausschnitt) (Bild: Alfred A. Knopf Verlag)
Bill Clinton: My Life (Coverausschnitt) (Bild: Alfred A. Knopf Verlag)
Eigentlich wollte Bill Clinton zwei Bücher schreiben: über seine Jahre in Arkansas, die schwere Kindheit, die Jugend, die Zeit als Gouverneur. Die acht Jahre in Washington sollten Teil Zwei bilden - der Verlag legte sein Veto ein. Clinton packte alles zusammen. Heraus kam eine Mischung, in der Persönliches dominiert. Der Autor versucht sich in der Kunst der Selbstanalyse, und er beginnt, - nachdem sein leiblicher Vater schon vor der Geburt des kleinen Bill in einem Verkehrsunfall ums Leben kam - bei seinem gewalttätigen Stiefvater:

Bill Clinton: "Er war ein guter Kerl, aber er hatte dieses Alkoholproblem. Er konnte seine Dämonen nicht kontrollieren - daraus entstanden Hass und Zerstörung. Ich habe sein Handeln gehasst, ihn habe ich nicht gehasst. Die Gewalt nahm kein Ende. Irgendwann haben meine Mutter und ich erkannt, das wir uns entscheiden mussten. Wir entschieden, dies alles zu ertragen, und unser Leben so normal wie möglich fortzusetzen."

Bill Clinton trug - nach eigener Aussage - die Dämonen ins Weiße Haus. Den Kampf mit der republikanischen Partei um die Zukunft des Landes habe er gewonnen, den Kampf gegen die Versuchung mit Namen Monica Lewinsky hat er verloren.

Natürlich ist es dies, was die große Mehrzahl der Leser in der Autobiographie sucht: eine Erklärung, warum der mächtigste Mann der Welt sein Amt und seine Familie wegen einer kurzen Affäre mit einer Praktikantin aufs Spiel setzt. Bill Clinton widmet dem Thema viel Raum, die Antwort indes lässt sich auf wenige Worte reduzieren:

Es sei eben so leicht gewesen. Das Lügengebäude, das der Präsident anschließend errichtete, beschreibt Clinton in seiner Autobiographie so:

"Ich ging den Geschäften nach, wurde verschlossen, und stritt alles ab. Gegenüber Hillary, Chelsea, meinen Mitarbeitern und der Regierung, meinen Freunden im Kongress, der Presse, dem amerikanischen Volk. Wenn ich etwas noch mehr bedauere als den Fehltritt, dann diese Irreführung. Seit 1991 hat man mich einen Lügner genannt. Dabei war ich immer ehrlich, wenn es um meine Amtsführung ging, oder um meine Finanzen. Und nun hatte ich jeden belogen, als es um einen persönlichen Fehler ging. … Es war ein Albtraum. Da war es plötzlich wieder, mein Doppelleben …"

Clinton geht auch auf die Spekulationen ein, die seine Ehe mit Hillary stets begleiteten. Monica Lewinsky war nicht der erste Seitensprung in Bills "Doppelleben". Über seine Verbindung mit Hillary liest der Autor ein eigenes Zitat:

Clinton: "Über unsere Ehe wurde wahrscheinlich mehr geschrieben und gesprochen als über jede andere Ehe in Amerika. Jeder analysierte, kritisierte, moralisierte. Ich habe dreißig Jahre lang andere Ehen beobachtet: Trennungen, Vergeben, Scheidungen. Jede Ehe ist ein Geheimnis, mit ihren Höhen und Tiefen, man versteht es ja selbst kaum, wie sollen es da andere verstehen ? Als wir im Oktober 1975 heirateten, wusste ich von all dem nichts. Ich wusste, das ich Hillary liebte, wir hatten so Vieles gemeinsam, und so viele Pläne. Ich war stolz auf sie. Wir hatten eine Beziehung, die vielleicht nie perfekt war, gewiss aber nie langweilig."

Hillary Clinton verteidigte ihren treulosen Mann wie eine Tigerin: u.a. mit dem ständig wiederholten Vorwurf, Bill sei Opfer einer "rechten Verschwörung", der jeder Anlass genug sei, einen demokratischen Präsidenten mit Dreck zu bewerfen.

Clinton: "Ich fühlte mich scheußlich. Das mich Hillary da noch verteidigte. Aber eigentlich hat sie sogar die Wahrheit gesagt. Denn es gab zwei Wahrheiten. Ich habe schlecht gehandelt, ich habe einen fürchterlichen Fehler gemacht. Aber es gab eben auch eine von der politischen Rechten gesteuerte Operation - und ich habe Hillary gesagt, sie hätte nicht von einer Verschwörung sprechen müssen. Das war ja alles öffentlich."

An einigen Stellen gehen die Rechtfertigungsversuche des ehemaligen Präsidenten über das Erträgliche hinaus: etwa wenn er behauptet, nach dem Ende des Kalten Krieges habe die Rechte in Amerika nach Gegnern gesucht, und im Kampf gegen seine Politik eine neue Aufgabe gefunden.

Politik kommt auch vor in Clintons Buch, oft aber nur kursorisch. Die Beschreibung der Jahre im Weißen Haus gleicht oft dem Abdruck eines Tagebuchs. Am Vormittag Besprechungen zur Schulpolitik, Telefonate mit ausländischen Regierungschefs, am Abend ein Essen zugunsten einer Stiftung. Und so weiter, und so weiter …

Mit das Spannendste dabei ist die Erinnerung an das Treffen in Washington mit dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Rabin und Yassir Arafat. Clinton schreibt:

"Die Frage nach einem Händedruck wurde gestellt. Ich wusste, das Arafat dies wünschte. Rabin wollte eigentlich nicht. Als er im Weißen Haus eintraf, sprach ich die Sache an. Er legte sich nicht fest, erwähnte aber, wie viele junge Israelis wegen Arafat ihr Leben verloren hatten. Ich sagte Yitzak, wenn er Frieden wünsche, dann müsse er als Beweis Arafats Hand schütteln. … Rabin wurde bissig: Er werde es machen, unter einer Bedingung: "Keine Küsse”. Traditionell begrüßen sich Araber mit einem Kuss auf die Wange, dies wollte Rabin unter allen Umständen vermeiden."

Scharfe Kritik am Nachfolger im Weißen Haus ist nicht zu finden. Clinton unterstützt zum Beispiel den Krieg im Irak, wenn auch nicht die Entscheidung, den Krieg zu beginnen, ohne den Waffen-Inspektoren eine weitere Chance zu geben.

Bin Laden habe er immer für die größte Bedrohung der Vereinigten Staaten gehalten, schreibt Clinton. Bei seiner Amtsübergabe an George W. Bush habe er dies deutlich gemacht:

"Ich sagte ihm, das es in den vergangenen acht Jahren eine klare Reihenfolge gab, was die internationale Sicherheitslage anging: zunächst Bin Laden und Al Kaida; dann die Krise im Nahen Osten, der Streit zwischen den Nuklearmächten Indien und Pakistan sowie die Verbindung der Pakistanis zu den Taliban und Al Kaida; Nord Korea, und schließlich Irak."

Clinton greift in seinem Buch nicht direkt in den Wahlkampf ein. Aber er ist überzeugt, das eigentlich nicht George W. Bush, sondern sein ehemaliger Vizepräsident Al Gore heute im Weißen Haus sitzen sollte. Der Autor bezieht sich auf den äußerst knappen Vorsprung von Bush bei der jüngsten Wahl. Eine von den Demokraten beantragte Nachzählung im entscheidenden Bundesstaat Florida war vom Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten abgelehnt worden.

Wenn Gore vorn gelegen hätte, und nicht Bush, dann hätte das Gericht einstimmig entschieden, die Stimmen zu zählen. Ich hätte das befürwortet. Bush gegen Gore ist eine der schlechtesten Entscheidungen die der Oberste Gerichtshof je traf.

Bill Clinton gilt in den USA inzwischen als eine Art Popstar. Er spielt, wie man weiß, Saxophon, und er hat sein Buch offenkundig ohne "Ghostwriter” zuwege gebracht. Kreativität kann man ihm nicht absprechen, übrigens auch wenn es um die eigene Vermarktung geht. Wer das vorliegende Buch als Clinton-Fan liest, wird wohl nicht enttäuscht. Er kann allen psychologisierenden Rechtfertigungsversuchen glauben, er kann den armen Mann bedauern, der von seinen "Dämonen” auch auf dem Höhepunkt der Macht heimgesucht wird. Wer indes auf politische Einsichten hofft, auf einen Blick hinter die wichtigen Kulissen in Washington, der sollte Anderes lesen.
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