Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
9.7.2004
Jürgen Busche: "Heldenprüfung - Das verweigerte Erbe des Ersten Weltkriegs"
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004
Rezensiert von Michael Stürmer

Jürgen Busche: "Heldenprüfung", Coverausschnitt (Bild: DVA)
Jürgen Busche: "Heldenprüfung", Coverausschnitt (Bild: DVA)
Heldenmut ist erforderlich, ein Buch über Helden zu schreiben, noch dazu Kriegshelden und, schlimmer noch, deutsche. Jürgen Busches Buch mit dem in ironischer Halbdistanz zu sich selbst und dem Publikum formulierten Titel "Heldenprüfung" entspricht nicht der Political Correctness. Helden sind unerlaubt, jedenfalls in Deutschland, und Erinnerung an Krieg betrifft allein und ausschließlich 1939 bis 1945.

Es war der Zweite Weltkrieg, der den meisten Deutschen die Begeisterung für Kriegshelden genommen hat. Und, wie das der Brauch bei den Deutschen ist, gründlich.

Es gibt eine Grundregel, und sie gilt unabhängig von Raum und Zeit: Die Sache des Helden muss siegen, sonst liegt die Erinnerung an ihn im schwarzen Schatten der Niederlage.

Der Sieg ist es, der den Helden macht. Niederlagen taugen schwerlich dazu. Und verlorene Siege können das auch nicht.

Der Erste Weltkrieg, den die Zeitgenossen lange Zeit nur den "Großen Krieg" nannten und der erst auf dem Weg über den Zweiten zum Ersten Weltkrieg wurde, ist in der Tat hinter dem deutschen Horizont lange versunken: Für Briten und Franzosen ist es noch immer der eigentliche Krieg, der Beginn eines neuen Dreißigjährigen Krieges, wie General de Gaulle 1944 im Londoner Exil sagte. Der 11. November, Armistice Day, wird in Großbritannien noch immer geehrt, indem jeder, der auf sich hält, eine "red poppy" am Revers trägt, um an die Mohnblumen zu erinnern, die auf den blutigen Feldern Flanderns wuchsen. In Ypres, wo Hunderttausende in den Tod stürmten, bläst jeden Abend ein Königlicher Trompeter den "Last Post", eine traurige Abschiedsmelodie. In Frankreich erinnert sich die Nation an Verdun und den Chemin des Dames, wo das Land weißblutete.

Deutschland: Da ist der Große Krieg so weit weg wie der Siebenjährige Krieg des 18. oder der Dreißigjährige des 17. Jahrhunderts. Busche schreibt in das Desinteresse hinein, mit einem merkbaren Trotz, und spricht, um das Maß voll zu machen, von Tugenden:

Tapferkeit ist eine der vier Kardinaltugenden. Sie ist nicht die erste. Die erste ist Klugheit. Tapferkeit ohne Klugheit ist wenig wert. Klugheit bedeutet die Begabung, Gegebenheiten und Sachverhalte richtig zu erkennen und sich in der richtigen Weise darauf einzulassen, wo das notwendig ist.

Busche beginnt, ohne theoretische Umschweife, mit dem Kapitänleutnant Weddigen, der 1914 drei schwere englische Kreuzer mit seinem U-Boot versenkte und danach in Deutschland wie ein Gott gefeiert wurde - bis ihn selbst und seine Leute der nasse Tod ereilte. Er ist so vergessen wie der Admiral Hipper, der in der Skagerrak-Schlacht den weit überlegenen Briten eine Niederlage beibrachte. Paul von Lettow-Vorbeck führte einen Buschkrieg in Afrika, aber viele Hunde sind des Hasen Tod. Später wurde er ein Nationalistischer Lautsprecher. Felix Graf Luckner war ein Seeheld und Freibeuter englischen Stils. Sie alle sind vergessen. Nicht vergessen sind Ernst Jünger, den Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand in die Ehrenlegion aufnahm, Erwin Rommel, dem Hitler nach dem 20. Juli 1944 die Selbstmordpistole aufzwang, und Ernst Udet, das Flieger-Ass des Weltkriegs, dessen Absturz unter Hitler Carl Zuckmayer in seinem Drama "Des Teufels General" verewigte.

Busche über Udet: Bei seiner ersten Begegnung mit einem französischen Flieger im Dezember 1915 bringt er es nicht über sich, auf ihn zu schießen.

Busche schildert den Kampfpiloten, der mit dem höchsten Orden, dem Pour le Merite, ausgezeichnet wurde, als flapsigen Soldaten. Er gehörte zu den wenigen Jagdfliegern, die alle Gefechte überlebten. Nach dem Krieg ging er in die Industrie, wurde Kunstflieger und führte ein glamouröses Leben.

Er hätte ein Freund von Ernest Hemingway sein können, eine Romanfigur aus der Zeit in Paris. Aber Udet kam nach Berlin, und sein Freund war Carl Zuckmayer. Die beiden Fabrikantensöhne waren Lustpreußen… Udet und Zuckmayer liebten und ironisierten das Militärische. Beide hatten ein Faible für wirkungsvolle Auftritte. Beide nutzten das in ihrem Handwerk schamlos aus. Beide tranken gern und viel.

Udet wurde unter Göring Reichsluftzeugmeister, zuständig für die Ausrüstung der Luftwaffe. Er war ein schlechter Manager. Daraus wurde Zuckmayers General Harras, der die Nazis verachtete und ihnen doch diente. Als er Selbstmord begeht, tut er es mit den Worten: Wer auf Erden des Teufels Feldzeugmeister war, soll in der Hölle sein Quartiermacher sein.

Von den biografischen Skizzen, die Busche zu Papier bringt, ist die über Ernst Udet die beste. Rommel war Militär, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Den Pour le Merite erwarb er am Isonzo als Infanterieoffizier. Im Zweiten Weltkrieg beeindruckte er die Briten in Nordafrika. Bis heute lebt der Mythos des Panzerkommandeurs. Sein Widerstand kam aus sittlichen Motiven - er ahnte, was an Massenmord im Osten geschah, und wer es befahl - noch mehr aber militärischen Motiven: Hitler als Heerführer war ein gefährlicher Dilettant. Rommel war willens, ihn vor Gericht zu stellen. Dass Attentat lehnte er ab. Als er in der Normandie schwer verwundet wurde, stellte sich die Frage nicht mehr.

Busches Buch ist nicht das eines Militärs - sonst wären ihm einige Ungereimtheiten schwerlich unterlaufen. Es ist, durch das Prisma der Biografie, ein Blick auf vergessene und halbvergessene militärische Heroen, wie aus grauer Vorzeit. Wären sie Briten oder Franzosen gewesen oder Italiener, so stünden sie heute, in Bronze gegossen, auf den großen Plätzen der Hauptstadt. Busche hat ihnen mit einem sehr lesenswerten Buch ein Stück Erinnerung gesetzt.

Ein Buch, das er ironisch Heldenprüfung nennt. Es ruft eine ferne Welt zurück, bei deren Anblick die meisten Deutschen heute erstaunt fragen würden: Was, das sollen wir gewesen sein? Eine Begegnung der Deutschen mit sich selbst: von nahezu psychiatrischer Art.
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