Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
16.7.2004
Henric L. Wuermling: "Doppelspiel - Adam von Trott zu Solz im Widerstand gegen Hitler"
Deutsche Verlagsanstalt, München 2004
Rezensiert von Conrad Lay

Henric L.Wuermling: "Doppelspiel", Coverausschnitt (Bild: DVA)
Henric L.Wuermling: "Doppelspiel", Coverausschnitt (Bild: DVA)
Adam von Trott zu Solz gehört zumindest in Deutschland zu den weniger bekannten Widerstandskämpfern. Das ist in England und den USA deutlich anders: Dort verbindet man den Widerstand gegen Hitler nicht mit Graf von Stauffenberg, sondern mit Adam von Trott und damit zugleich mit der Frage, ob die westlichen Alliierten dem deutschen Widerstand genügend Unterstützung zukommen oder ob sie ihn auflaufen ließen, da sie längst auf eine bedingungslose Kapitulation Deutschlands setzten. In Großbritannien spricht man in diesem Zusammenhang von einer "Trott-Kontroverse".

Wer ist dieser Adam von Trott zu Solz? Innerhalb des Kreisauer Kreises war er einer der wichtigsten Köpfe; das außenpolitische Programm der Aufständischen geht vor allem auf ihn zurück. Wäre der Aufstand des 20.Juli 1944 gelungen, wäre er voraussichtlich Staatssekretär im Außenministerium geworden. Der Autor Henric L. Wuermling, langjähriger Fernsehredakteur beim Bayerischen Rundfunk, schreibt in dieser ersten deutschen Biografie über von Trott:

Ich glaube nicht, dass bei der ganzen Aktion irgendein einzelner Mann so viele Fäden in seiner Hand gehalten hat wie Adam von Trott.

Ebenso wie Graf von Stauffenberg begreift von Trott den Umsturzversuch nicht nur als militärischen Staatsstreich, sondern knüpft die Fäden zum politischen Widerstand, wobei er auf die Gesamtheit des politischen Spektrums setzt - angefangen von konservativen, christlichen, sozialdemokratischen bis hin zu kommunistischen Widerstandsgruppen. Doch anders als Stauffenberg stand von Trott von Jugend an den Nationalsozialisten kritisch gegenüber; bereits vor 1933 trat er öffentlich gegen Hitler auf.
Von Trott ist ein aufstrebender, junger, kritischer Student, dem seine hessische Heimat bald zu eng wird. In München erlebt er in seinen ersten Studienjahren mehrfach Adolf Hitler und wundert sich, wie es diesem gelingt, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. An seine Eltern schreibt er:

Neulich hörte ich Adolf Hitler; er ist schon ein ganzer Kerl, aber die Leute, die ihm zuhören, ungebildet und unfähig bis dorthinaus.

Bereits während der Studienzeit, in die er mehrfach Auslandsaufenthalte einstreut, gilt von Trott als

junges Genie, sensibel und reizbar, und niemand hat den Umgang mit ihm leichtgefunden.

Das Studium der Rechtswissenschaften beschließt er mit einer Dissertation über Hegels Staatsphilosophie. Danach treibt ihn sein Tatendrang in die Welt hinaus, 1931 beginnt er ein zweijähriges Aufbaustudium in Oxford. Doch so sympathisch der mitteilsame Student auf seine Umgebung auch wirkt, es entzünden sich an seiner Person bald Kontroversen; insbesondere aufgrund seiner starken Ausrichtung auf den Hegelianismus und seiner allzu dialektischen Argumentationsweise gilt er vielen Studienfreunden als Wirrkopf. Einer von ihnen schreibt über Adam von Trott:

Bei ihm war schwarz niemals schwarz und weiß nicht weiß. Schwarz war immer im Begriff weiß und weiß, schwarz zu werden. Nichts war klar gegen irgend etwas anderes abgegrenzt.

Es ist dieses Urteil der Zweideutigkeit, die der Biograf Wuermling in den Mittelpunkt seiner Beobachtungen stellt. Denn als von Trott später ins nationalsozialistische Deutschland zurückkehrt und im Auswärtigen Amt eine Anstellung findet, wird dieses "Doppelspiel" sein Leben ausmachen. Nach außen hin spielt er den Diplomaten, der im Auftrag von Außenminister Ribbentrop in den Hauptstädten des Westens Sondierungsgespräche führt; insgeheim jedoch nutzt er seine äußerst rege Reisetätigkeit, um die britische und US-amerikanische Regierung mit dem deutschen Widerstand bekannt zu machen.

Seit 1938 knüpft Adam von Trott zu Solz Kontakte zu führenden Köpfen des militärischen Widerstandes. Doch die Zweifel an seiner Person kann er nicht ausräumen: So tritt er in einer britischen Zeitung für den "deutschen Rechtsstaat" ein - man beachte: im Jahr 1934 -, andererseits berichtet er drei Jahre später gegenüber dem Herausgeber der "Washington Post" offen von der Unterdrückung durch das Naziregime. Von Trott muss sein uneindeutiges Auftreten selbst bemerkt haben, als er Ende der dreißiger Jahre einmal äußerte:

Überhaupt wusste man nicht recht, wie man mich einzuordnen hatte. Das geht mir leider überall so - aber man ist am Ende nicht nur zum Einordnen da.

Ist - so fragen sich seine Gesprächspartner - von Trotts vage Haltung ein gehöriges "Nach-dem-Wind-Segeln" oder doch die Schlauheit eines Mannes, der zu überleben hoffte, bis er und seine Freunde die Kontrolle übernehmen konnten?

Unmittelbar vor Kriegsbeginn reist von Trott im Auftrag des Auswärtigen Amtes wieder nach England: offiziell soll er dort für gut Wetter sorgen, in Wirklichkeit will er die Engländer dazu bringen, Hitler vom Angriff auf Polen abzuhalten. Eine Botschaft, mit der er allerdings nach Hitlers Einmarsch in Prag bei seinen englischen Gesprächspartnern schlecht ankommt. Als Jahrzehnte später die britischen Akten über den Besuch von Trotts freigegeben werden, kann man dort lesen:

Ein Nazi-Spion diniert bei Lord und Lady Astor mit der britischen Regierung.

Mit Nazi-Spion ist von Trott gemeint; in den USA wird er sogar hinter vorgehaltener Hand als "Hitlers Meisterspion" angesehen; das FBI hält ihn für einen "weltweit operierenden Agenten". Noch zu Kriegsbeginn tritt er in den USA öffentlich auf Konferenzen auf und betreibt sein - wie Autor Wuermling es nennt - "perfekt inszeniertes" Doppelspiel: Er bringt sich ins Gespräch, ohne dass es möglich ist, ihn festzunageln und seinen tatsächlichen Standpunkt zu erkennen.

Während die einen von Trott als "durch seinen Freimut erfolgreichsten Emissär Ribbentrops" betrachten, knüpft dieser auch in den USA Kontakte zu Widerstandsgruppen. Doch - bereits im Jahr 1940 - scheitern seine Versuche, deutsche Widerstandskreise mit offiziellen amerikanischen Stellen zusammenzubringen.

Es scheint demnach nicht nur der späte Zeitpunkt der Vermittlungsversuche der Grund dafür gewesen zu sein, dass die Alliierten auf den deutschen Widerstand keine Rücksicht nahmen. Wie Wuermeling nahe legt, tat auch das zweideutige Auftreten des Diplomaten von Trott ein Übriges. Doch tun sich damit eine ganze Reihe von Fragen auf: Warum hatten die Aufständischen gerade einen Mann als Vermittler gewählt, der schon in den Jahren zuvor bei den westlichen Alliierten ein zweifelhaftes Renommee hatte? Gab es niemanden, der mit mehr Glaubwürdigkeit die demokratischen Ziele des Widerstandes im Ausland verkörpern konnte? Nicht nur anhand der Ausführung des Attentats vom 20. Juli, sondern auch am Beispiel der außenpolitischen Bemühungen zeigt sich die Schwäche der Aufständischen.

Trotz immenser Schwierigkeiten lässt von Trott sich nicht ermutigen: Vier Jahre lang, bis wenige Tage vor dem 20.Juli 1944, versucht er, die Alliierten dafür zu gewinnen, eine neue deutsche Regierung außenpolitisch zu unterstützen. Doch befindet er sich in einem Dilemma: Einerseits möchte er den Alliierten nur dann Informationen über den Widerstand geben, wenn diese ihre Forderung nach bedingungsloser Kapitulation zurücknehmen. Die Alliierten ihrerseits wollen nichts versprechen, solange sie nichts Konkretes über die Stärke der Aufständischen wissen.

Henric Wuermeling hat eine Menge spannender Details über die letztlich vergeblichen Bemühungen von Trotts zusammengetragen: Etwa wie dieser in Stockholm mit Willy Brandt zusammentrifft und über die dortige sowjetische Botschafterin Kollontai versucht, mit Moskau Kontakt aufzunehmen. Am Ende steht die Frage, die ein Tag nach dem Attentat, kurz bevor Adam von Trott verhaftet wird, dessen Vorgesetzter im Außenministerium, Wilhelm Melchers, aufwirft:

Ich bin empört, dass die Militärs ein solches Attentat mit so unzureichenden Mitteln durchführten. Schließlich sind sie das Hantieren mit Waffen und Kriegsmaschinen doch gewohnt und zu den größten Bravourstücken fähig. Anscheinend sind sie aber tatsächlich nicht in der Lage, einen einzelnen vor ihnen stehenden Mann umzulegen.

Henric Wuermeling hat eine materialreiche, flüssig geschriebene Biografie vorgelegt. Auch wenn er - wie jeder Biograf - die besonderen Verdienste seines Helden zu betonen versucht, so sind die Schwächen des Widerstandes doch unübersehbar. Insofern fügt Wuermeling dem schillernden Bild des 20. Juli einen weiteren Mosaikstein hinzu.


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