Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
23.7.2004
Ernst Friedrich: "Krieg dem Kriege" - Edlef Köppen: "Heeresbericht"
Zwei Neuauflagen zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg
Rezensiert von Rolf Schneider

Edlef Köppen: Heeresbericht (Coverausschnitt) (Bild: DVA-Verlag)
Edlef Köppen: Heeresbericht (Coverausschnitt) (Bild: DVA-Verlag)
Der Erste Weltkrieg ist unserem historischen Bewusstsein sonderbar entrückt. Das hat mit der temporären Entfernung von mehr als einem Dreivierteljahrhundert zu tun und mit dem Umstand, dass der Zweite Weltkrieg, in vielem des Ersten Fortsetzung und Steigerung, uns in zeitlich wie auch in seinen Folgen ungleich näher steht. Ein einziges Mal während der letzten Jahrzehnte wurde er zum Thema in einer großen öffentlichen Diskussion. Dies geschah 1961. Der Hamburger Historiker Fritz Fischer hatte in seinem Buch "Griff nach der Weltmarkt" die Hauptkriegsschuld dem kaiserlichen Deutschland zugewiesen. Mit Einschränkungen gilt dies bei der seriösen Geschichtswissenschaft bis heute; die Einschränkungen betreffen den Umstand, dass die übrigen beteiligten Staaten, voran die marode Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, doch ebenso das auf Revanche begierige Frankreich der Dritten Republik, im Vorlauf einiges unternommen haben, das zu jenem Ausbruch führte. Aufgeheizte Volksstimmungen existierten in allen beteiligten Staaten ohnehin.

Der offizielle Kriegsbeginn jährt sich am 1. August dieses Jahres zum neunzigsten Mal. Wie immer bei derartigen Jubeldaten erfolgt eine öffentliche Bewusstseinspflege durch Events und Veranstaltungen der verschiedenen Art. Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt eine große Ausstellung und legte einen informativen Katalog auf. Der übliche Strom von Buchveröffentlichungen hat eingesetzt. Er fließt vergleichsweise zögernd und substantiell Neues scheint kaum dabei. Zu den bemerkenswerteren Angeboten gehören Neuauflagen zweier Titel, die einst, in der Zeit der Republik von Weimar, für Aufsehen und Aufregung sorgten.

Einer der Autoren heißt Köppen. Beim Klang dieses Namens assoziieren wir reflexhaft den aus Greifswald gebürtigen Erzählers mit Vornamen Wolfgang. Edlef Köppen, der ältere, wurde bekannt durch seinen Roman "Heeresbericht", 1930 erschienen; zu jener Zeit begann der Namensvetter Wolfgang seine Tätigkeit als Theater- und Literaturkritiker beim Berliner Börsen-Courier.

Sie lebten damals beide in Berlin. Edlef Köppen war Redakteur beim Radio. Ob sie sich je begegnet sind, lässt sich nicht sagen. Von der akademischen Ausbildung her wie auch literarisch standen sie einander jedenfalls nahe. Beide waren radikale Kritiker herrschender Zustände und standen in der stilistischen Nachfolge einer durch angelsächsische Autoren geprägten Erzählpraxis.

Edlef Köppen wurde 1893 im sachsen-anhaltinischen Genthin geboren, als Sohn eines Arztes. Er studierte Germanistik und Theaterwissenschaften, 1914 meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst. Vier Jahre lang war er aktiver Soldat, stand überwiegend an der Westfront, als Kanonier, und wurde mehrfach verwundet; dies führte, so jedenfalls die Vermutung, zu seinem relativ frühen Tod 1939. Im Heer brachte er es bis zum Reserveleutnant, verweigerte am Ende offen den militärischen Gehorsam, worauf man ihn in eine psychiatrische Klinik tat. Dort erlebte er das Kriegsende.

Später wurde er Lektor im Verlag von Gustav Kiepenheuer, dem damaligen Editionshaus von Joseph Roth und Bertolt Brecht, zum Beispiel. Als Literaturredakteur der Berliner Funkstunde hatte er Kontakte mit Karl Kraus, Autor des monumentalen Antikriegsdramas "Die letzten Tage der Menschheit", wie auch mit Alfred Döblin, dessen "Berlin Alexanderplatz" nachdrücklich und erfolgreich die von John Dos Passos praktizierte Montagetechnik übernahm. Es darf angenommen werden, dass Köppens "Heeresbericht" hier wie dort Anregung erfuhr. Sein Roman "Heeresbericht" erschien 1930, inmitten einer Flut von Publikationen betreffend den Ersten Weltkrieg; allein für dieses Jahr hat man dazu 112 neu erschienene Titel gezählt.

Die publizistisch-literarische Beschäftigung mit dem Ereignissen zwischen 1914 und 1918 begann bald nach dem Waffenstillstand, in allen beteiligten Ländern. Für Deutschland wurde bedeutsam Ernst Jüngers Dokumentarbericht "In Stahlgewittern" von 1920. Mit diesem Buch begann die steile Karriere dieses nationalkonservativen Autors, der auch zum Anreger wurde von Autoren wie Werner Beumelburg und Hans Grimm. Die Darstellung des Krieges als eines männlichen Erweckungserlebnisses und des Kriegsendes als einer unverdienten nationalen Schmach prägte die deutsche Belletristik weit über die Mitte der Zwanziger Jahre hinaus.

Die Wende erfolgte durch die Anti-Kriegs-Romane von Arnold Zweig und Erich Maria Remarque. "Der Streit um den Sergeanten Grischa" erschien 1927, "Im Westen nichts Neues" kam 1929 heraus und wurde, was wenig bekannt ist, das bis zum heutigen Tage weltweit erfolgreichste und meist verkaufte Buch in deutscher Sprache überhaupt.

Köppens "Heeresbericht" montiert, kontrastiert und kommentiert die Geschichte des Kriegsfreiwilligen Adolf Reisiger mit Dokumenten. Reisigers Erlebnisse wiederholen bis in private Details hinein die Biografie ihres Autors. Reisiger erfährt das furchtbare Geschehen des Stellungskrieges, wird zunächst irre am Sinn des Geschehens und schließlich an den Befehlen seiner militärischen Vorgesetzten. Wie Köppen verweigert er den Gehorsam, wie dieser wird er in die Psychiatrie eingewiesen. Insoweit ist "Heeresbericht" ein exemplarischer Entwicklungsroman, wie nicht viel anders die Weltkriegsromane von Arnold Zweig, wo der jüdische Armierer Werner Bertin zu ähnlichen Einsichten gelangt.

Wo aber Arnold Zweig ausschließlich in der Fiktion verharrt, nutzt und zitiert Köppen ausführlich authentische Dokumente, 145 an der Zahl. Es handelt sich um Erlasse, Verfügungen und Befehle der militärischen Führung, um Regierungsdekrete, Zeitungsberichte, Reklametexte, um Stellungnahmen der Bevölkerung. Adressaten aller jener Dokumente waren Deutsche. Durch den offensichtlichen Widerspruch zwischen den authentischen Verlautbarungen und dem nicht minder authentischen Ereignissen, die der Held Adolf Reisiger erlebt, wird die schrille Diskrepanz zwischen Schein und Sein, zwischen Ideologie und Wirklichkeit offenbar. Dem Nachwortautor der Neuausgabe Jens Malte Fischer ist uneingeschränkt zuzustimmen:

"Auch in der Distanz von vierundsiebzig Jahren nach der Erstveröffentlichung garantiert die literarisch-künstlerisch herausragende Qualität des Heeresberichts eine bewegende und erregende Lektüre, Köppens Hauptwerk überzeugt durch seine Gestaltungskraft als ein Appell an das Gewissen und ein Plädoyer für den Pazifismus. Der Erste Weltkrieg war sein heraus ragendes Thema, das er in verschiedenen Schaffensphasen unterschiedlich akzentuiert und artikuliert hat. War Remarques enormer Erfolg einer unübersehbaren Trivialisierung und Sentimentalisierung zu verdanken, (...) so bleibt Heeresbericht unerreicht, unübertroffen als formal avanciertester und von einer eigenen Mischung aus unterkühltet Distanz und leidenschaftlichem Engagement getragener Kriegsroman ..."

Ganz so vergessen, wie Fischer und sein Verlag behaupten, war "Heeresbericht" übrigens nicht. Das Buch erschien 1976 in einem kleinen hessischen Verlag und war auch als Rowohlt-Taschenbuch erhältlich, gut und sorgsam kommentiert. Vergleichbares gilt nicht für den Titel "Krieg dem Kriege". Ernst Friedrich, sein Autor, ist heute ziemlich unbekannt und wie bei "Heeresbericht" steht zu hoffen, dass die Neuauflage seines Buches die seinem Rang entsprechende Beachtung erfährt.

Friedrich, 1894 geboren, war ein Kleine-Leute-Kind aus dem Schlesischen. Er erlernte den Buchdruckerberuf und ließ sich nebenher zum Schauspieler ausbilden, politisch engagiert war er von früh an, in der linkssozialistisch-anarchistischen Bewegung. Darauf gründete sein radikaler Pazifismus, wie ihn bis 1914 auch die Zweite Sozialistische Internationale pflegte, um dann unter dem Eindruck der jeweiligen Nationalismen einzuknicken und ihre Anhänger unter die Fahnen zu schicken. Anders Fischer. Er war Kriegsdienstverweigerer und handelte sich dadurch Gefängnisaufenthalte ein. Nach dem Kriegende organisierte er eine pazifistische Ausstellung, aus der schließlich, im Jahre 1924, das ebenso kleine wie hochberühmte Anti-Kriegs-Museum hervorging, untergebracht nahe dem Berliner Alexanderplatz.

"Friedrichs Denk- und Vorgehensweise, seine Schriften, Agitation und Ausstellungen, sind immer scharf polarisierend. Ihm ging es darum, die scheußliche Wirklichkeit des Krieges so darzustellen, dass auch der einfache Mensch die Botschaft klar erfassen kann. Insofern war Friedrich ein Protagonist moderner Massenbeeinflussung, Propaganda war die Entdeckung jener Zeit, in der Rundfunk, seit 1924!, und Lautsprecher begannen, die noch heute gültigen Gesetze der Mediengesellschaft zu explorieren",

so Gerd Krumreich im Vorwort zur Neuauflage von Friedrichs Buch "Krieg dem Kriege". Es wiederholt Exponate und Absichten von Friedrichs Anti-Kriegs-Museum in der Form eines Bildbandes. Die Texte sind mehrsprachig, die Bilder, überwiegend Fotos, entstammen nicht allein deutschen Quellen. Sie zeigen die Realität des Völkermordens unverhüllt. Sie zeigen die Toten, die Zerstörungen, die Brutalitäten, die Deformationen. Sie vor allem. Der Anblick, in dieser gehäuften Form, ist nur schwer erträglich.

Nochmals Krumreich: "Friedrich reißt in seinem "Anti-Kriegs-Museum" und in diesem Buch den Vorhang weg vor dem bestgehüteten Unsagbaren des Ersten Weltkrieges, nämlich den schweren und schwersten Gesichtsverletzungen. Gesichter ohne Augen, ohne Mund, ohne Nase, ohne Kinn; das Schlachtfeld in seiner grässlichsten Form, von den mutigsten Malern wie Otto Dix eher hastig gestreift, die Welt der abgesonderten Spitäler der gueules cassées, der zerschlagenen Fressen. Das entscheidende Tabu des Krieges zeigt er in extensivster Form. Und er zeigt die Bilder auch Kindern, um sie vom Kriegspielen abzubringen. Friedrich ist der verkörperte Skandal."
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