Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
30.7.2004
Wilm Hosenfeld: "Ich versuche jeden zu retten"
Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern
Rezensiert von Rainer Blasius

Wilm Hosenfeld: Ich versuche jeden zu retten, Coverausschnitt (Bild: DVA)
Wilm Hosenfeld: Ich versuche jeden zu retten, Coverausschnitt (Bild: DVA)
Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes
Thomas Vogel, Hrsg.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004

Vor sechzig Jahren erhob sich Polens Heimatarmee aus dem Untergrund - in der Hoffnung auf eine sowjetische Offensive gegen die deutschen Besatzer. Damals tat Wilm Hosenfeld vorübergehend Dienst als Abwehroffizier des Kommandanten von Warschau, Generalleutnant Stahel. Am 11. August 1944 verhörte der Reservehauptmann einen Kämpfer der Heimatarmee. Darüber schrieb er seiner Frau:

Es kann einem leid tun, wenn man diese irregeleitete Jugend ihrem Untergang entgegengehen sieht. Er machte ganz unbefangen seine Aussagen. Er war, glaube ich, sogar etwas stolz auf seine Uniform.

Nicht nach Hause berichtete der mitfühlende Vater von fünf Kindern, wie er sich für die Aufständischen einsetzte. Obwohl es einen Befehl gab, dass die Mitglieder der Heimatarmee "rücksichtslos zu vernichten" seien, ergriff er die Initiative und machte General Stahel darauf aufmerksam, dass sich die Kämpfer durch rotweiße Armbinden als polnische Streitmacht kennzeichneten. Daher müssten sie als normale Kriegsgefangene behandelt werden - dürften also keineswegs getötet werden. Jedoch meinte der Kommandant, dass ein polnischer Staat nicht mehr existiere und die Bestimmungen des Völkerrechts nicht anwendbar seien. Hosenfeld erwiderte, dass es in London sogar eine polnische Exilregierung gebe und jedes Volk das Recht habe, für seine Unabhängigkeit zu kämpfen. Dies ließ Stahel nicht gelten und wies Hosenfeld an, sich von Militärjuristen "belehren" zu lassen. Der Reserveoffizier war schockiert:

Ich sagte zu Oberstabsrichter Koch: "Also sind die Gefangenen nach Ihrer Ansicht Banditen und werden erschossen." "Jawohl", sagte er. Dieser Antwort pflichtete Oberstabsrichter Jaeth bei. Ich antwortete: "Ich sehe darin eine Verletzung des Völkerrechts." Er: "Sie haben das nicht zu verantworten, das entscheidet der General." Darauf begab ich mich wieder zum General Stahel und teilte ihm die Ansicht des Gerichtes mit. Er sagte: "Erschießungen werden von uns nicht durchgeführt, das macht der SD oder die Polizei, das geht Sie nichts an. Die Gefangenen werden von Ihnen verhört und dann dem SD übergeben. Halten Sie sich an meine Befehle! Schluss.

Dadurch ließ sich Hosenfeld nicht entmutigen. Als ihm drei verwundete Aufständische bestätigten, dass die Heimatarmee die gefangenen Wehrmachtsangehörigen gut behandele, allerdings SS, Polizei und SD liquidiere, meldete er dies dem General und schlug vor, dass die Wehrmacht doch ihre Gefangenen verschonen sollte.

Zu meiner Überraschung entschied er, dass die drei Gefangenen dem deutschen Hauptverbandsplatz zu überweisen und nach der ersten Wundversorgung in ein polnisches Zivilhospital abzugeben seien.

Solche Beispiele bewundernswerter Zivilcourage im Dienst und die messerscharfe Beobachtungsgabe von Wilm Hosenfeld fesseln den Leser der ausgewählten Briefe und Tagebücher, die vom Jahr 1917 bis zu letzten Zeilen des ausgezehrten Todkranken aus russischer Kriegsgefangenschaft "in fremder Handschrift" vom 15. Juni 1952 reichen. Der Verlag wirbt mit der Buchbanderole:

Der Pianist verdankt ihm sein Leben! Hier sind die Aufzeichnungen seines Retters.

Gemeint ist damit der polnisch-jüdische Musiker Wladyslaw Szpilman, der kurz nach Kriegsende Erinnerungen an das besetzte Warschau publizierte. "Das wunderbare Überleben" wurde von Wolf Biermann 1998 in deutscher Sprache veröffentlicht und von Roman Polanski unter dem Titel "Der Pianist" 2002 verfilmt. Biermann war es auch, der 1998 dem damaligen Verteidigungsminister Rühe dazu riet, die Bundeswehr möge sich des vorbildlichen Hauptmanns in geeigneter Form annehmen. So wurde das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Potsdam mit einer biografischen Recherche beauftragt, die in eine Vereinbarung mit Hosenfelds Kindern über die Bearbeitung des Nachlasses mündete.

Obwohl der strenggläubige Katholik und patriotische Dorfschullehrer aus Thalau bei Fulda, der im 1. Weltkrieg Vizefeldwebel gewesen war, im Sommer 1939 noch auf den Frieden hoffte, zog er gutgläubig ins Feld. Seit Juli 1942 im Range eines Hauptmanns der Reserve, war er als Sportoffizier und Gasschutzoffizier in Warschau und während des Aufstands 1944 vertretungsweise als leitender Abwehroffizier eingesetzt, dann im Spätherbst beim Stab des Wach-Regiments - während jener Wochen kam es zu den nicht im Buch dokumentierten Begegnungen mit Szpilman, den der Deutsche mit Lebensmitteln, Kleidung und einer Bettdecke versorgte. Schließlich geriet Hosenfeld als Kompanieführer im Januar 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft.

Eindrucksvoll bezeugen die Schriftstücke die Untaten der Besatzer, die der wohlinformierte Reserveoffizier als Ohrenzeuge wahrnahm, seine mehr oder weniger offenen Verbindungen zur bedrängten Zivilbevölkerung und manche seiner versteckten Rettungsaktionen für Juden und Polen. Der einzigartige Quellenwert dieser von Oberstleutnant Thomas Vogel betreuten Edition besteht noch in etwas ganz anderem: Erstmals lässt sich der Alltag in der Etappe anschaulich nachvollziehen: die zahlreichen sportlichen Aktivitäten und Wettkämpfe, die anspruchsvolle und abwechslungsreiche Lektüre von Nietzsche bis Bismarck, die Kino-, Konzert- und Theaterbesuche...

Ende Dezember 1943 verlor Hosenfeld die allerletzten Illusionen über das "Dritte Reich", als ihm ein herzkranker und an sich dienstunfähiger Bursche zugeteilt wurde, der von "fürchterlichen Quälereien" der SS erzählte, denen er vor Kriegsbeginn in einem KZ ausgesetzt gewesen war. Anschließend vertraute der im Vergleich zu hohen und höchsten Berufsoffizieren weitsichtige kleine Reserveoffizier seinem Tagebuch an:

Nun kann ich mir auch denken, wie die unglücklichen Juden und Polen gemartert worden sind, wenn an den eigenen Volksgenossen so gehandelt wurde. Aber, frage ich mich, woher kommen diese Untermenschen? Man hat doch früher nur einmal so etwas gehört von krankhaften Verbrechern. Und auf einmal sind sie zu Zehntausenden da. Und an der Spitze stehen diese Männer, die das billigen, gutheißen und wahrscheinlich die Methoden vorschreiben. Nun wird einem auch klar, warum sie nur mit Gewalt und Lüge weiterarbeiten können und warum die Lüge ihr ganzes System zudecken muss ... Nun muss das ganze Volk, das nicht rechtzeitig dieses Geschwür ausmerzte, zugrunde gehen. Diese Schurken opfern uns alle.

Für sich persönlich zog Hosenfeld daraus die eine Konsequenz, noch mehr als zuvor die eigenen Vorstellungen von Anstand und Moral, von Gut und Böse zum Maßstab zu nehmen und danach zu handeln - sich also mutig dem brutalen Besatzungsregime zu widersetzen, sowohl offen im Dienstalltag mit Hinweis auf Vorschriften und Recht als auch heimlich als Beschützer der Verfolgten durch listige Einfälle und zum Teil tollkühne Aktionen, ohne jede Rücksicht auf den eigenen Kopf und Kragen. Am 23. August 1944 - während des Warschauer Aufstands - schrieb er seiner Familie: "Ich versuche jeden zu retten, der zu retten ist." Einem solchen "Rettungswiderstand" gebührt ebenso wie den in den letzten Wochen wieder oft und zu Recht gerühmten "Rettern der deutschen Ehre" vom 20. Juli 1944 der Dank und die Anerkennung der Miterlebenden und Nachgeborenen.
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