Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
13.8.2004
Otto von Bismarck - Gesammelte Werke
Neue Friedrichsruher Ausgabe
Rezensiert von Johannes Willms

Otto von Bismarck - Gesammelte Werke, Neue Friedrichsruher Ausgabe (Bild: Ferdinand Schöningh Verlag)
Otto von Bismarck - Gesammelte Werke, Neue Friedrichsruher Ausgabe (Bild: Ferdinand Schöningh Verlag)
Herausgegeben von Konrad Canis, Lothar Gall, Klaus Hildebrand u. Eberhard Kolb
Abt. III: 1871 - 1898
Schriften: Band I: 1871 - 1873
Bearb. Von Andrea Hopp
Erschienen im Ferdinand Schöningh Verlag, 2004

Manchmal geschieht, womit niemand mehr rechnete: Dazu zählt beispielsweise die Historisierung des Schöpfers und ersten Kanzlers des Deutschen Reichs von 1871, Otto von Bismarck. Seit seinem Tod vor mehr als einhundert Jahren waren Generationen von Historikern bis auf wenige Ausnahmen vor allem darum bemüht, sein Wollen und Tun in nationalpädagogischer Absicht zu beleuchten. Das Monument dieser Bestrebungen ist die so genannte "Friedrichsruher Ausgabe" der "Gesammelten Werke" Otto von Bismarcks, die von 1924 bis 1935 in 18 großformatigen Bänden erschien. Diese von namhaften Historikern ihrer Zeit besorgte Ausgabe von Briefen, Reden und politischen Dokumenten des "Eisernen Kanzlers" war, wie lange bekannt, eine in vieler Hinsicht höchst unzulängliche Quellenedition. Ihr hauptsächlicher Makel waren die tagespolitischen Absichten, von denen sich die Herausgeber leiten ließen und zu denen sie sich im Übrigen auch in schöner Offenheit in ihren Vorworten bekannten. Bismarcks "Gesammelte Werke", so hieß es da beispielsweise, sollte eine "Mahnung zu nationaler Selbstbesinnung" sein.

Mit anderen Worten: Das Denkmal seiner politischen Unfehlbarkeit, das sich Bismarck selber mit seinen "Gedanken und Erinnerungen" errichtet hatte, sollte mit den "Gesammelten Werken" einen breitgelagerten und soliden Sockel erhalten. Damit wurde explizit die Erwartung verbunden, sein politisches Vermächtnis werde die Stürme der Zeit unbeschadet überstehen. Der Bearbeiter des letzten Bandes der "Friedrichsruher Ausgabe" beschloss sein auf den 15. März 1935, also zwei Jahre nach der Machterschleichung Hitlers, datiertes Vorwort sogar mit der fatalen Prognose:

Unter einer festen Staatsführung schreitet die Nation neuen politischen Zielen zu, weit schon über Bismarck hinaus.

Trotz ihrer offensichtlichen Mängel war die "Friedrichsruher Ausgabe" bislang die wichtigste Arbeitsgrundlage aller Bismarck-Biografen. Das wird sich nun in dem Maße ändern, wie die "Neue Friedrichsruher Ausgabe der Werke Otto von Bismarcks" vorankommt, deren Herausgeber mit Lothar Gall, Klaus Hildebrand, Eberhard Kolb und Konrad Canis die Creme der traditionellen Bismarck-Philologie repräsentieren. Der jetzt vorliegende erste und von Andrea Hopp vorzüglich bearbeitete Band, der die Bismarck-Schriften der Jahre 1871 - 1873 umfasst, enthält bereits soviel neues und aufschlussreiches Material, dass sich unschwer eine längst überfällige und gründliche Revision des bislang akzeptierten Bismarck-Bildes prognostizieren lässt. Von den insgesamt 506 Dokumenten, die dieser erste Band enthält, wurden mehr als die Hälfte zum ersten Mal überhaupt publiziert. Dieses Verhältnis von bekannten zu unbekannten Quellenzeugnissen wird sich auch, das darf man schon jetzt vermuten, für die weiteren sieben Bände, die der Zeit von Bismarcks Reichskanzlerschaft gewidmet sind und die zunächst erscheinen sollen, verstetigen.

Schon die in diesem ersten Band mitgeteilten Aktenstücke aus den ersten drei Jahren von Bismarcks fast zwanzigjähriger Kanzlerschaft zeigen, wie sehr Bismarcks Politik von drei Prämissen nachdrücklich beeinflusst wurde: Von seiner Furcht vor einer Revolution im Inneren, die er sich als Folge eines Erstarkens der "Reichsfeinde" ausmalte, von seinem "Albdruck der Bündnisse", zu denen sich die anderen europäischen Mächte zusammenfinden könnten, um Macht und Einfluss des Reichs zu verkümmern, wie nicht zuletzt auch von seinem Bestreben, Preußen nicht im Reich aufgehen zu lassen, sondern vielmehr alles zu tun, um den deutschen Nationalstaat zu "verpreußen".

Dass diese Trias Bismarcks Politik beeinflusste, ist für sich genommen zwar keineswegs neu. Aufschlussreich ist aber, dass ihn diese zunächst nur irrationalen Ängste von Anfang an plagten und er dann mit seiner Politik erheblich dazu beitrug, deren Drohpotenzial immer wahrscheinlicher werden zu lassen. Die Pariser Commune erlebte er als ein Fanal, dessen Funken, wie er fürchtete, auch sein Werk, das Reich, in Brand setzen könnte. An den preußisch-deutschen Botschafter Schweinitz in Wien beispielsweise schrieb er am 7. Juni 1871:

Die Ereignisse, welche sich in den letzten Wochen und Tagen in Paris vollzogen haben, haben die gemeinsame Organisation der socialistischen Elemente in den europäischen Ländern und die Gefahren, mit welchen vermöge derselben die staatliche Ordnung dieser Länder bedroht ist, offenkundig gemacht. In Deutschland sind die Wirkungen communistischer Arbeiterverbindungen in den größeren Städten und den Centren der Industrie in unsern westlichen Provinzen (...) erkennbar, und der Abgeordnete Bebel, von dem daneben behauptet wird, dass er aus dem Vermögen des früheren Königs von Hannover Unterstützungen und Agitationsmittel beziehe, hat den verbrecherischen Bestrebungen seiner Gesinnungsgenossen im Reichstage offen Ausdruck gegeben.

Die üble Nachrede, Bebel würde aus dem Vermögen der von Bismarck entthronten Welfen Gelder erhalten, ist in diesem Zusammenhang besonders delikat, denn es war Bismarck, der aus dem Welfenschatz seinen "Reptilienfonds" speiste, den er für Bestechungen nutzte. Auch war die Gefahr, die Bismarck mit Bebel identifizierte, damals wie später weit übertrieben: Die Sozialdemokratie spielte jedenfalls zu Beginn der 1870er Jahre eine verschwindend geringe Rolle. Das muss auch Bismarck gedämmert haben, weshalb er die "rote Gefahr" mit der "schwarzen Drohung", als die ihm ebenfalls von Anfang an das neu gegründete Zentrum, die politische Partei der katholischen Minderheit im Reich, galt, zusammenschirrte. In einem Schreiben an den Botschafter beim Heiligen Stuhl, Tauffkirchen, vom 30. Juni 1871 verstieg sich Bismarck allen Ernstes zu der Behauptung:

Wir sehen in dem Gebahren dieser Partei die Gefahr für die Kirche und den Papst selbst; das Bündnis der schwarzen und der rothen Partei, (...) hat sich in vielen Punkten als eine vollendete Tatsache gezeigt; ist es doch selbst im Reichstage durch den Versuch der Einführung der Grundrechte offen zu Tage getreten. Dass gerade in diesem Bündnis für die Kirche selbst eine Gefahr liegt, und was sie von solchen Bundesgenossen zu erwarten hat, darüber hätten ihr die neuesten Ereignisse in Paris die Augen öffnen können.

Kein Zweifel jedoch, dass Bismarck von diesen politischen Fantastereien zutiefst überzeugt war; sie dienten ihm zunächst als Rechtfertigung für den "Kulturkampf" und dann für die "Sozialistengesetzgebung", die seiner fatalen Innenpolitik, mit der die innere Einheit des Reichs zu Gunsten der preußischen Machtinteressen geopfert wurde, ihre bezeichnende Signatur verliehen.

Auch außenpolitisch war das vermeintliche politische Genie Bismarck von Blindheit geschlagen und von Albträumen geplagt. Der Fluch, den er sich selber aufgeladen hatte, war die Annexion Elsass-Lothringens, die mit Rücksichten auf die militärische Sicherheit des Reichs begründet wurde. Tatsächlich jedoch wurde damit das genaue Gegenteil erreicht, wie Bismarck sofort erkennen musste, denn dieser vermeintliche Zugewinn an Sicherheit verschaffte ihm die dauernde Feindschaft Frankreichs, das unablässig auf das Loch in den Vogesen starren musste. Seit der Reichsgründung von 1871 war es deshalb seine Obsession, das geschlagene Frankreich im Konzert der Mächte zu isolieren, es nötigenfalls in einem weiteren Krieg zu vernichten. Deshalb war es ihm auch so wichtig, dass Frankreich republikanisch blieb und damit, wie er irrtümlich wähnte, für die übrigen europäischen Monarchien als Bündnispartner nie und nimmer in Frage käme. Selber mittels einer "prinzipienlosen" Politik zum Erfolg gelangt, ahnte Bismarck jedoch, dass dieses Kalkül auf Sand gebaut war. Der Beweis dafür ist sein Schreiben an Wilhelm I. vom Neujahrstag 1872:

Ich muss bei meinen politischen Erwägungen auch die Möglichkeit ins Auge fassen, dass Deutschland einmal nicht nur Einem Gegner, sondern mehreren sich gegenüber finden könnte, deren Koalition eine größere und gefährlichere Macht bilden würde, als Frankreich sie in letztem Kriege aufzustellen vermochte, oder allein jemals aufzustellen im Stande sein würde. Es ist die Aufgabe der Politik, solche Coalitionen zu verhindern; ob dies unter allen Umständen so glücklich gelingen wird, (...) das hängt nicht von uns allein ab; und es kann unter Umständen eine Lebensfrage für Deutschland werden, ob es auch einer solchen Combination gewachsen ist.

Diese Prognose sollte sich nur zu bald als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung erweisen. Dass sich dieses Ende erst nach Bismarcks Abgang von der Macht abzeichnete und lange nach seinem Tod erfüllte, ändert nichts daran, dass ihm die Hauptverantwortung für diese Katastrophe zuzurechnen ist. Alle seine Nachfolger im Amt mussten mit Voraussetzungen hantieren, die von ihm innen- wie außenpolitisch geschaffen worden waren. Dass keiner darunter war, der einem Bismarck das Wasser reichen konnte, vermag dessen primäre Verantwortung für das Verderben Deutschlands im 20. Jahrhundert jedoch keineswegs ungeschehen zu machen. Eine von nationalpädagogischen Rücksichten freie Historisierung von Bismarcks Tun und Lassen, für die diese neue Quellenedition den Anstoß geben dürfte, wird zu keinem anderen Schluss kommen können.

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