Das Politische Buch
Das Politische Buch
Freitag • 17:45
20.8.2004
Sophie Dannenberg:"Das bleiche Herz der Revolution"
Deutsche Verlagsanstalt, München 2004
Rezensiert von Horst Domdey

Sophie Dannenberg: Das bleiche Herz der Revolution (Bild: DVA)
Sophie Dannenberg: Das bleiche Herz der Revolution (Bild: DVA)
Der Roman von Sophie Dannenberg, "Das bleiche Herz der Revolution", steht quer zu einer Aussöhnung mit '68. Während die Öffentlichkeit heute der Meinung ist, dass die Studentenbewegung die Republik liberalisiert, ihr den fälligen Modernisierungsschub verpasst habe, erzählt Dannenberg den antiautoritären Affektsturm als den Einbruch von Barbarei.

'68 war nicht die fröhliche Anarchie, das produktive Chaos, sondern Zerstörung. Die Schlachtfelder in ihrem Buch sind Bildung und Familie, Zentren bürgerlicher Mitte. Der Kampf der SDS-Studenten gegen die Professorenfigur "Wisent" - sie erinnert in manchen Zügen an Adorno - exekutiert den Niedergang akademischer Tradition. Nicht das freie Wort dominiert, sondern der Terror - vom Regelverstoß über die Vorlesungssabotage bis zum Molotowcocktail:

Die Studenten kreischten, wälzten sich aus den Reihen [...]. Arber sah, wie sich das Feuer am Pult aufrichtete, als wollte es eine Rede halten. [...] Der Mensch in seinen Armen roch nach verbrannter Wolle und Blut.

Dannenbergs Sarkasmus arbeitet mit Übertreibung und allegorischer Verdichtung. Wir wissen, Adorno starb nicht im Hörsaal, sondern in seinem Schweizer Urlaubsort. Aber nach zwei Jahren Kampf mit dem SDS, der ihn zwang, seine Vorlesung im Sommersemester 1969 einzustellen. In seinem letzten Kommentar über die Studentenbewegung, posthum in der "Zeit" erschienen, spricht Adorno vom "Opiat der Kollektivität"; wer in den melting pot des Kollektivs springe, erlange die "Gnadenwahl der Zugehörigkeit".

In der Tat, Dannenbergs Achtundsechziger, der Anwalt und die Stadtplanerin, leben im Bann jener Kollektivität - ohne ihr gewachsen zu sein und ohne ihr zu entkommen. Als Aussteiger gehen sie aufs Land, um sich den Loyalitätszwängen der Genossen zu entziehen. Diese Achtundsechziger sind gebrochene Figuren, unfähig, sich von der Phrase der Revolution zu befreien. Aber entschlossen, ihre Kinder wie im "Kursbuch 17" zu erziehen, nach Maßgabe der "Kommune 2"; und überzeugt, das Rechte zu tun, wenn sie ihnen das Revolutionsprogramm aufladen.

Die Autorin ist Jahrgang 1971, so alt wie ihre Heldin Kitty. Es ist die Generation nach '68. Aus deren Perspektive ist das Drama erzählt. Kitty, Tochter der beiden unglücklichen Achtundsechziger, ist mit dem Gripstheater aufgewachsen, mit Süverkrüp und Floh de Cologne. Doch ihre Entwicklung entspricht nicht der elterlichen Erwartung. Kitty bezeichnet die chilenische Kommunistin, die im Haushalt hilft, aus Versehen als Putzfrau, und den Eltern erscheint ihr Kind zunehmend als "bourgeois", wie sie sagen. Kitty rettet ihre Seele um den Preis der Entfremdung von dieser linksrepressiven Welt. Es gelingt ihr, sich in Traum- und Poesiewelten zu flüchten, in denen Bäume sprechen und trösten:

'Und nun verrate uns, Kitty, ob du den Spruch schon kennst.' [...] 'Den Spruch, der dich schützt', sagte die Kiefer. 'Nein, kenne ich nicht.' 'Dann sprich uns nach: ich bitte um Gnade'. [...] 'Was ist denn das?' 'Eine unsichtbare harte Rinde, eine Schutzschicht.' [...]. 'Ich bitte um Gnade', wiederholte ich."

Die Satire erreicht einen ihrer glanzvollen Höhepunkte, als die Beziehung der Eltern scheitert. Schließlich "entschied sich Mutter", so berichtet Kitty, "eine Psychoanalyse zu machen". Bei einem Analytiker, der sich auf Nervenzusammenbrüche von Frauen in Lüchow-Dannenberg spezialisiert hatte:

"Mutter sagte, alle Aussteigerfrauen würden früher oder später bei Herrn Doktor Peter Kownatzky landen. 'Das ist nämlich so', erklärte sie, 'diese Aussteigermänner verpassen ihren Frauen ein paar Kinder, verfrachten sie aufs Land in ein verfallenes Bauernhaus und behindern in aller Ruhe ihre Emanzipation. Das ist ein typisches Muster.'"

Und natürlich wird auch die pubertierende Kitty in die Analyse geschickt, weil auch sie die Emanzipation der Mutter behindert. Aber wie häufig in Dannenbergs Text ist die Komik schwarz untermalt. Das Kapitel trägt die Überschrift "Inquisition":

'Und jetzt sag mir, Kitty Caspari, ob du bereit bist! [...] Bist du bereit, dich brechen zu lassen? Bist du bereit, dich aufzugeben, der neue Mensch zu werden?' Im Zimmer war es dunkel geworden, auf dem Bild war die Wildsau versunken, das Laub war schwarz, der See wurde größer, er schien mich zu rufen. 'Ja', sagte ich und schlug ein. 'Ich bin bereit.'

Nicht nur von Kitty und ihren Eltern wird erzählt, eine dritte Generation tritt hinzu: die Großeltern. Sie setzen Anfang und Ende des Romans, den historischen Rahmen, der die Lebensgeschichte dieser drei Generationen vor dem Hintergrund von 1945 erhellt. Der Generationsbruch, die Schuldzuweisung der Achtundsechziger an ihre Eltern, wird relativiert. Aus ihrer Distanz zu '68 gewinnt Kitty ein neues Verständnis für ihren Großvater, den alten Caspari. Ihm erteilt die Autorin das Schlusswort:

'Lange Zeit glaubte ich, dass sie unserer Generation den Krieg verübelt haben. Aber das haben sie nicht, wie ich später begriff.' [...]. 'Was haben sie Ihnen denn verübelt?' 'Dass wir den Krieg verloren haben', sagte Emil Caspari, 'dass wir nicht die mächtigen Rächer waren, die wir gewesen sein sollen, sondern Krüppel und Deutsche, denen man das Rückgrat gebrochen hat. Dass wir voller Trauer sind und voller Heimweh, dass wir uns erinnern, das mögen sie nicht. Sie leben im Hier und Jetzt, in fröhlicher Verzweiflung.'

Dannenbergs Roman ist nicht aus der Faszination für '68 geschrieben. Er thematisiert die Revolte aus der Sicht ihrer Opfer. Opfer ist aber nicht nur Kitty, das Kind von Achtundsechzig; Opfer sind auch, wenn man es recht liest, ihre Eltern selbst.

Es ist ein bildstarker Text auf hohem literarischem Niveau, klug und pointiert geschrieben in einer Mischung von Trauer, Nachsicht und Schärfe - ein Lesevergnügen. Und eine Provokation.
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