Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
17.9.2004
Timothy Garton Ash: "Freie Welt. Europa, Amerika und die Chance der Krise"
Carl Hanser Verlag, München 2004
Rezensiert von Herfried Münkler

Timothy Garton Ash: "Freie Welt. Europa, Amerika und die Chance der Krise", (Coverausschnitt) (Bild: Carl Hanser Verlag)
Timothy Garton Ash: "Freie Welt. Europa, Amerika und die Chance der Krise", (Coverausschnitt) (Bild: Carl Hanser Verlag)
Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck und Hans Günter Holl

Timothy Garton Ash ist ein Optimist, ein unverbesserlicher, wie man eigentlich hinzufügen müsste, wenn man denn Optimismus für verbesserungsbedürftig hielte. Und vor allem ist er von einer schier unerschöpflichen Beredsamkeit, die das Lesen seines jüngsten Buches über das europäisch-amerikanische Verhältnis nicht immer leicht macht.

Hätte ich mehr Zeit gehabt, schreibt Cicero in einem Brief, hätte ich mich kürzer gefasst. Garton Ash hat sein Buch unter erkennbar hohem Zeitdruck geschrieben. Bis in die frühen Sommermonate hinein hat er die Entwicklungen und Ereignisse verarbeitet. Garton Ash ist Zeithistoriker in Oxford, und er schreibt regelmäßig für Tageszeitungen und Zeitschriften.

Zwischen gutem Journalismus und politisch intervenierender Zeitgeschichte ist auch sein Buch über die freie Welt angesiedelt; gelegentlich kommt es daher im Stil einer flotten Reportage, in der von Gesprächen mit Amerikanern im mittleren Westen berichtet wird, aber dann werden auch wieder die langen Linien der europäischen Geschichte mit ihren eigentümlichen Schlaufen und Knoten in den Blick genommen. Und dabei tauchen dann für den deutschen Leser Überraschungen auf, die einen längeren Blick in das Buch lohnenswert machen.

Für Garton Ash ist die Geschichte Europas während der letzten tausend Jahre nämlich durch den Gegensatz, zumeist sogar die Feindschaft zwischen Frankreich und England geprägt. Der deutsch-französische Gegensatz im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist, daran gemessen, nur eine politische Episode. Und von daher kann die von de Gaulle und Adenauer betriebene Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland auch nicht der entscheidende Schritt bei der Lösung der europäischen Probleme gewesen sein. Frankreich - England ist, wie sich gerade in jüngster Zeit wieder gezeigt hat, das eigentliche Problem.
Garton Ash erinnert daran, dass parallel zur deutsch-französischen Aussöhnung de Gaulles schroffes Nein gegenüber Großbritanniens Interesse, der damaligen EWG beizutreten, ausgesprochen wurde:

Als Paul Reynaud - jener Premierminister von 1940, den sowohl de Gaulle als auch Churchill gedrängt hatten, Hitlers vorrückenden Truppen zu widerstehen - es wagte, de Gaulles "non" gegenüber Großbritannien von 1963 zu kritisieren, schickte ihm dieser einen Brief. Oder genauer gesagt ein leeres Briefkuvert; auf die Rückseite hatte er in der vertrauten Handschrift geschrieben: "Falls unzustellbar, Nachsendung nach Agincourt oder Waterloo."

Bei Agincourt war Anfang des 15. Jahrhunderts die Blüte der französischen Ritterschaft im Pfeilhagel der englischen Bogenschützen verblutet und die englische Besetzung von Teilen Frankreichs für mehr als ein Jahrhundert verteidigt worden, und bei Waterloo war das napoleonische Projekt einer französischen Hegemonie über Westeuropa endgültig gescheitert.

Das ist eine wahrlich tief sitzende politische Antipathie, die sich aus so weit zurückliegenden Ereignissen speist und damit politische Entscheidungen begründet. Aber das ist nicht nur auf französischer Seite so, sondern ebenso auf englischer - mit dem Unterschied freilich, dass hier nicht bloß Frankreich, sondern der gesamte europäische Kontinent das Objekt der Abneigung ist. Garton Ash verweist auf die Titelseite der Boulevardzeitung "Sun", die im Sommer 2003, als es um die europäische Verfassung ging, mit der Titelzeile erschien:

Rettet unser Land! 1588: Wir haben die Spanier verabschiedet (Foto von Elisabeth I.). 1805: Wir haben die Franzosen verabschiedet (Foto von Nelson). 1940: Wir haben die Deutschen verabschiedet (Foto von Churchill). 2003: Blair liefert Großbritannien an Europa aus (wenig schmeichelhaftes Foto von Blair).

So, wie sich die Aversion der Engländer auf ganz Europa ausgeweitet hat, hat sich auch die alte Aversion der Franzosen gegen England inzwischen auf Amerika übertragen. Das sind natürlich schlechte Voraussetzungen dafür, den europäischen Integrationskurs vorantreiben oder zumindest zu einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik kommen zu können, und gleichzeitig die transatlantischen Beziehungen in ruhigem Fahrwasser zu halten. Zumal viele Engländer ihre notorische Euroskepsis durch eine umso innigere Beziehung zu den USA kompensieren.

Immerhin, für Garton Ash definiert der englisch-französische Gegensatz die Rolle Deutschlands in Europa: Es hat die Position des Ausgleichers und Balanceurs zu spielen. Gäbe es nur Europa, so wäre dies eine hochattraktive Position und bei ihr würde die wirkliche Macht auf dem Kontinent liegen. Da im Hintergrund aber stets die USA präsent sind, ist es eine prekäre und eher unangenehme Position: Man sitzt hier gewissermaßen ständig zwischen den Stühlen.

Und die USA? Als Bundesstaat haben sie eine Reihe von Vorteilen gegenüber der Europäischen Union, doch ändert dies nichts daran, dass das Land zwischen den liberaleren, weltoffeneren Gebieten der Ost- und Westküste einer- und dem Mittleren Westen andererseits politisch tief gespalten ist. Eine wirkliche Nähe zu Europa hat dabei nur die Ostküste. Die zentrale Bedeutung, die Europa während des Kalten Krieges für die USA besaß, wird es wohl niemals mehr bekommen. Vor allem in wirtschaftlicher, aber auch in politischer Hinsicht wird der pazifische Raum an Bedeutung gewinnen, weltweit, vor allem aber für die USA.

Garton Ash weiß das, aber er ist dennoch fest davon überzeugt, dass das alte Bündnis zwischen den Westeuropäern und den USA auch in Zukunft eine Chance haben kann, ja dass es, durch das Dazukommen der Mitteleuropäer und dem Einbezug Kanadas, Australiens und Neuseelands sowie mit Abstrichen Japans weiter gestärkt, der eigentliche Lenkungsausschuss der Weltpolitik sein kann. Das genau meint Garton Ash mit "Freie Welt", und darin sieht er die Chance, die aus der Krisenentwicklung seit den späten 90er Jahren erwachsen kann. Kann, nicht muss, und ob diese Chance wahrgenommen werden wird, hängt allein von Europäern und Amerikanern ab.

Spielen wir die transatlantischen Varianten einmal durch. Ein standhaft gaullistisches Europa wird zweifellos die Tendenz zu amerikanischem Unilateralismus verstärken. Umgekehrt wird ein unilateral orientiertes Amerika den Euro-Gaullismus stärken; das konnten wir bereits während der Irak-Kriege beobachten. Ein standhaft atlantizistisches Europa dagegen wird Multilateralismus auf amerikanischer Seite befördern; es wird seine wirtschaftlichen und weichen Machtfaktoren nutzen, um Amerika zu weiterem Multilateralismus zu drängen. Umgekehrt wird ein multilateral orientiertes Amerika den europäischen Atlantizismus stärken.

Aber diese Gegenüberstellung, in der immer die Kooperationsbereiten gewinnen, ist zu einfach, um das zukünftige transatlantische Verhältnis angemessen zu beschreiben, und Garton Ash weiß das. Es wird, so meint er, ein ständiges Pendeln beider Seiten zwischen ihren alternativen Möglichkeiten geben, und das wird in periodischen Abständen zu erheblichen Irritationen und Krisen über den Atlantik hinweg führen.

Dass Großbritannien, geographisch Europa zugehörig, aber durch die Sprache den Amerikanern eng verbunden, dabei eine Brückenfunktion übernehmen könne, wie Tony Blair dies zeitweilig für sich beansprucht hat, bezweifelt Garton Ash. Dazu ist Großbritannien zu schwach, und die anderen Europäer werden die britische Brücke nicht beschreiten, wenn sie etwas von den USA wollen.

Umgekehrt gilt dies im Übrigen genau so. - Aber könnte vielleicht die terroristische Bedrohung Europäer und Amerikaner wieder enger zusammenrücken lassen, so wie dies einst die Sowjetunion tat. Ist der El-Kaida-Terrorismus so etwas wie die neue Rote Armee? Auch da ist Garton Ash skeptisch, denn tatsächlich haben die Fragen über den richtigen Umgang mit dem Terrorismus die USA und Europa bislang eher getrennt als zusammengeführt.

Also was dann? Es sind die Menschheitsprobleme, die Armut, die Seuchen und die Umweltprobleme, die Europäer und Amerikaner zusammenbringen sollen, wie Garton Ash hofft und fordert. Freilich sind gerade hier die Gegensätze in den letzten Jahren am größten gewesen. Dass sie mit gutem Willen und mehr Einsicht zu überwinden seien, ist wohl eher eine fromme Hoffnung als begründete Erwartung.

Überhaupt ist der letzte Teil des Buches, der die Chance der Krise auslotet, erheblich schwächer und unpräziser als der erste Teil, der sich mit der Krise selbst beschäftigt. Was man am Schluss zu lesen bekommt, sind Garton Ashs politische Weihnachtswünsche. Die sind zwar durchaus lobenswert, aber überaus langweilig, weil sie von den meisten vernünftigen Lesern wohl geteilt werden. Und erfahrungsgemäß ist das ein sicheres Indiz dafür, dass sie sich nicht erfüllen werden.

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