Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
24.9.2004
Joachim Fest: "Begegnungen. Über nahe und ferne Freunde"
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2004
Rezensiert von Joachim Scholl

Joachim Fest: "Begegnungen", Coverausschnitt (Bild: Rowohlt Verlag)
Joachim Fest: "Begegnungen", Coverausschnitt (Bild: Rowohlt Verlag)
In einem Interview zu Joachim Fests 75. Geburtstag findet man die persönliche Bemerkung, wonach jedes seiner Bücher zum Nationalsozialismus im Grunde "eine verpasste Gelegenheit" gewesen sei, darüber zu schreiben, was ihn wirklich interessiere. Mozart, Wagner, die italienische Renaissance - Kultur also, das sei das eigentliche Herzensthema, das von den "Nazi-Geschichten" immer wieder verdrängt worden sei.

Joachim Fest hat diese Aussage später süffisant dementiert; trotzdem ist sie eingeschränkt glaubhaft. Denn wenn der Autor zum 'Eigentlichen' kam, legte er eine Lust und Leichtigkeit an den Tag, die in Verbindung mit hoher Kennerschaft und der ihm eigenen meisterlichen Stilistik eine Atmosphäre großer und großartiger Kulturkritik erzeugten, wie sie heute bestenfalls eine Handvoll deutscher Publizisten noch zu Stande bringt.

Zu diesen Arbeiten zählen, neben vielen Essays, das Buch über Thomas und Heinrich Mann, die biografische Studie über den Zeichner Horst Janssen, vor allem aber das in diesem Frühjahr neu aufgelegte, weitgespannte Reise-Tagebuch "Im Gegenlicht", das Joachim Fest als Liebhaber und klugen Genießer italienischer Kunst und Lebensart zeigt. Hier spürt man förmlich die Erleichterung, endlich entspannt persönlich werden zu dürfen, die Freiheit des Ausdrucks, auch Bewunderung und Freude über die Gegenstände, was kaum der Fall sein konnte beim ansonsten durchweg "widrigen Lebensstoff", wie Joachim Fest den Umgang mit dem makabren Personal von Hitler und Konsorten bezeichnet hat.

In die Reihe der lichteren Sujets treten nun die "Begegnungen", wobei bereits der Untertitel "Über nahe und ferne Freunde" eine sympathetische Tonlage sowie den Respekt annonciert, den der Autor seinen Bekannten zu zollen gewillt ist. Wer sind diese Porträtierten? Knapp gesagt: profilierte Persönlichkeiten allesamt, berühmte und berühmteste, hochbedeutend auf ihren jeweiligen Gebieten, zum Teil überlebensgroß in der schon geistes- und kulturgeschichtlichen Wirkungsmacht und Aura ihrer Leistungen. Joachim Fest hat sie alle 'davor' kennen gelernt: Etwa Sebastian Haffner, in den 1950er Jahren, als man in Deutschland noch kaum etwas über ihn wusste.

Bald kamen wir auf die gemeinsame Vorliebe für Thomas Mann, und Haffner berichtete, er habe sein erstes Buch in England nicht zuletzt deshalb Fredric Warburg angeboten, um im gleichen Verlag wie Thomas Mann vertreten zu sein. Zu Beginn, setzte er hinzu, habe er sich übrigens kaum als Journalist gesehen. Sein Berufswunsch sei eine unklare Verbindung von Beamter und Schriftsteller gewesen. Die Beamtenlaufbahn hätten ihm die Nazis kaputtgemacht, in deren Dienst er nie treten wollte. Und von den Schriftstellerträumen blieb die Mitarbeit an einer Frauenzeitschrift. "Na, ja!" meinte er achselzuckend, das ist der Lauf der Welt. Man beginnt als Genie und endet als Redakteur für die Rätselecke.

Solche Pointen schmücken oft die Schilderung, und man kann es nicht anders als kulturhistorischen Glücksfall bezeichnen, dass Joachim Fest, mit sicherem Instinkt für den künftigen Rang seines Gegenübers, nach jeder Begegnung notierte, was ihm an Einzelheiten, Kontroversen und Übereinstimmungen triftig erschien.

Gleichwohl erfährt man viel über den Autor selbst. Joachim Fest ist 1926 geboren, und mit etlichen seiner Gesprächspartner teilt er jene Erfahrungen, Prägungen und Grundsätze, wie sie für diese Generation bürgerlicher Intellektueller bestimmend wurden. Dazu gehört eine nach dem nationalsozialistischen Schrecken tiefgreifende historische Skepsis, die sich gegen jede ideologische Utopie-Vorstellung, ob rechts oder links, wendet, ebenso wie das unbedingte Bekenntnis zu den geistigen Traditions- und Bildungslinien europäischer Kultur. Kontrolliert an solchem Maßstab, haben die politischen wie künstlerischen Hervorbringungen der Epoche nach 1945 hier naturgemäß wenig Chancen, als angemessene Reaktion auf die jeweils aktuellen Verhältnisse zu gelten.

Und so lesen sich Joachim Fests Gespräche mit den prominenten konservativen Köpfen seiner Zeit, etwa Dolf Sternberger, Golo Mann oder Wolf Jobst Siedler oftmals wie die Selbstvergewisserung einer spätbürgerlichen Geistes-Aristokratie, die gegenüber einem als lediglich konformistisch eingestuften "linken" Zeitgeist stolz und bisweilen hochmütig ihre Stellung behauptet. In diesem Sinne bricht Joachim Fest zum Beispiel eine Lanze für den früh verstorbenen Publizisten Johannes Groß, an dessen zugespitzten Aphorismen sich bis heute die Geister scheiden.

Wer erinnerte sich nicht der allgemeinen Empörung, die der berühmten Notizbuchbemerkung über Adornos Dictum folgte, dass "nach Auschwitz kein Gedicht mehr geschrieben werden könne". Groß hatte dazu geäußert: "Die Wahrheit ist die, dass Adorno auch vor Auschwitz kein Gedicht schreiben konnte." Wer es erlebt hat, weiß von dem schallenden Gelächter, in das viele beim ersten Hören ausbrachen. Doch gleich darauf würgten sie das Lachen herunter, weil es allzu offen dem Komment der politischen Korrektheit widersprach. In unvermitteltem Tonfall war dann von "Geschmacklosigkeit" die Rede, und eine bekannte Publizistin sprach sogar von einer "unerhörten Entweihung". Als Johannes Groß davon erfuhr, warf er nur ein: "Umso besser!"

Auch solcherlei - hochkomische - Anekdoten schreiben Geistesgeschichte. Dennoch muss man herausstellen, dass Joachim Fest sich jedweder vermuteten konservativen Kameraderie versagt. Er ist einfach zu klug für die platte Verwerfung, so witzig sie auch daherkommen mag. Denn allein schon aufgrund seiner umfassenden humanistischen Bildung in Literatur, Musik und Malerei weiß er um die Abgründe, die psychologischen Zerrissenheiten und komplizierten Seelenlagen von hochgespannten Naturen, und er stellt das in Rechnung, wenn er etwa den erschreckend exzentrischen Künstlerfreund Horst Janssen ebenso einfühlsam wie diskret porträtiert.

Und hat die öffentliche Meinung Joachim Fest auch längst selbst in Ruf und Rang eines vornehm konservativen Grandseigneurs rubriziert, so widerstrebt ihm dennoch die herrische Cäsaren-Attitüde eines Johannes Groß, der sich großspurig von jeder zeitgenössischen Literatur verabschiedet, oder eines Wolf Jobst Siedlers, der so viel Wert auf seinen preußischen Stammbaum und den Schreibtisch des Großvaters legt, von dem aus er seine barschen Flüche schleudert.

An solchen, nicht ohne ironisches Augenzwinkern bemerkten Details bemisst sich der feine Abstand zu den erklärten Freunden, die in der Mehrzahl wohl nur mit großer Verwunderung jenen glänzenden Essay ihres Mitstreiters über Ulrike Meinhof zur Kenntnis genommen hätten. Neben dem ebenfalls bewegenden Text zu Hannah Arendt liefert die Begegnung mit der späteren Terroristin Meinhof ein sensibles und historisch bedeutsames Bild vom Konflikt der Meinungen, wie er in den Jahren der Studentenrevolte vorherrschte. Immer wieder hat der Autor Ulrike Meinhof getroffen, und obwohl die Antagonismen unauflöslich waren, haben die beiden einander geschätzt und - verblüffend genug - den Dialog gesucht. Die Gespräche haben das Schicksal der einen nicht umzulenken vermocht, aber es spricht für die intellektuelle Souveränität des anderen, dass er noch in der Tragik dieses Menschenlebens das Potenzial deutlich macht, das möglich gewesen wäre.

Ulrike Meinhof blieb ihrem seltsam verrutschten Bild von der Welt, das wer weiß welche Ursachen haben mochte, verhaftet. Der Faschismus war "heillose Repression", während der Kommunismus jene "Emanzipation der Massen" betrieb, die der bürgerliche Interessenstaat erfolgreich verhindert hatte. Ich hielt ihr mehrfach entgegen, dass ihr Prospekt des Bestehenden allzu ressentimentgeladen und simpel ausfalle und ihrer nicht angemessen sei, doch ließ sie sich, trotz mancher Zugeständnisse, von ihren Verdammungssprüchen nicht abhalten. Die bürgerlichen Sitten, sagte sie einmal, seien sozusagen nur Handschellen, um die Massen beim Gefängnisrundgang still zu halten.

Noch in der Gegnerschaft bewährt sich Joachim Fests neutrales geschichtliches Gedächtnis, das uns solch blitzende, wenngleich beklemmende Sätze überliefert. Allein das macht die Lektüre dieser "Begegnungen" zu einem Erlebnis, das lange nachhallt. Es ist ein Geschichtsbuch voller hinreißender Geschichten, ein Dokument der Erinnerung an herausragende Gestalten und - mittels seiner stilistischen Eleganz und Präzision - an die Leistungen kulturkritischer Urteilskraft, die in Zeiten zusehends verarmender Bildung fast verloren gegangen scheint. Aber eben nur fast. Der melancholische Johannes Groß habe, so der Autor, kurz vor seinem Tod geäußert, er werde bald, "wie alles auf der Welt, 'vom Maul des Vergessens' geschnappt sein". Joachim Fest hat dieser Fatalität ein stabiles Stück Holz zwischen die elenden Kiefer gesteckt.
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