Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
8.10.2004
Mostafa Danesch: Der Krieg gegen den Westen
Verlag Hofmann & Campe, 2004
Rezensiert von Jacques Schuster

Mostafa Danesch: Der Krieg gegen den Westen (Coverausschnitt) (Bild: Verlag Hofmann & Campe)
Mostafa Danesch: Der Krieg gegen den Westen (Coverausschnitt) (Bild: Verlag Hofmann & Campe)
Mit der Fruchtbarkeit von Feldmäusen stellen Verlage Bücher her. Jedes Jahr werfen sie neue Werke auf den Markt in der Hoffnung, die Bedürfnisse der Leser zu befriedigen. Die Qualität steht dabei nicht immer im Mittelpunkt. Das Tempo ist wichtig, wenn Lektoren ein Thema entdeckt haben, das auf breites Interesse stoßen könnte. Freilich ist nicht jeder Verleger Wolf Jobst Siedler und nicht jeder Lektor ein Fährtensucher. Zuweilen also stoßen Verlage auf Themen, die längst ausgegraben worden sind. Manchmal handeln sie auch im Sinne von Tucholsky: "Es ist zwar alles gesagt, aber noch nicht von jedem."

Mostafa Daneschs Buch "Der Krieg gegen den Westen" gehört in diese Reihe. Allein schon der Titel verrät es. Wer ihn bestellt und dafür versehentlich "Krieg gegen den Westen" von Walter Laqueur erhält, sollte sich freuen. Zwar ist Laqueurs Studie ein Jahr älter, auch fehlt ihr das "Der" vor dem "Krieg" im Titel, ansonsten aber ist die Arbeit um vieles kenntnisreicher, origineller und durch und durch seriös. Danesch hingegen läuft auf den ausgetretenen Pfaden zahlloser Vorgänger. Nicht einmal die Häme gegenüber Amerika und dem westlichen Terrorkampf sind neu. Seine Hauptthese lässt sich kurz zusammenfassen: Es gebe derzeit zwei Bedrohungen, welche die Menschheit in einen globalen Krieg führen könnten - den Terrorismus der Islamisten und die nach Weltherrschaft strebenden Vereinigten Staaten. Auch wenn es Danesch nirgendwo offen ausspricht, sind die USA für ihn der eigentliche Gefahrenherd. In gnadenloser Überheblichkeit griffen sie nach dem Globus - und das nicht erst unter dem gegenwärtigen Präsidenten und seinen neokonservativen Einflüsterern, sondern schon seit George Herbert Walker Bush und Bill Clinton.

Clinton erklärte, "die Idee der Nation sei überholt und die zukünftigen Weltbürger würden bis zum Ende des 20. Jahrhunderts eine einzige globale Autorität anerkennen. An wen er da wohl gedacht hat? Unter dem Deckmantel der Humanität wurde die Vorstellung von der nationalen Souveränität ausgehöhlt, erhob der Westen den Anspruch, überall dort, wo er die Menschenrechte in Gefahr sah, militärisch zu intervenieren."

So begann der westliche Kreuzzug, glaubt Mostafa Danesch.

In den rund anderthalb Jahrzehnten seit dem Ende des Kalten Krieges hat der Westen seine im Entstehen begriffene Interventionsdoktrin immer offener umgesetzt: 1993 in Somalia, Mitte der neunziger Jahre auf dem Balkan, 1999 im Kosovo, 2001 in Afghanistan und schließlich 2003 im aktuellen Irakkrieg.

Slobodan Milosevic wird es ähnlich sehen. Für Danesch jedenfalls ist der Völkermord kein Grund zur Hilfe von außen. Wer dennoch interveniere, wer mit dem Feuer spiele und in Regionen vordringe, in denen er nichts zu suchen hat, müsse sich nicht über Terroranschläge wundern. Oder, in den Worten des Verfassers:

Nun stehen die USA ... als Satan und Verkörperung des Bösen da. Täglich spielen sie den Terroristen in die Hände.

Freilich gibt Danesch zu, dass der Terrorismus nicht nur die Antwort auf das amerikanische Machtsstreben ist, sondern eine ernstzunehmende eigene Ideologie besitzt, die mit Gewalt und Tod die Welt nach ihren Ideen zu verändern strebt, dabei aber belässt er es. Wer sind die Köpfe dieser Ideologie? Wo liegen ihre Ursprünge? Wer hat ihre Schriften verfasst? Was will Osama Bin Laden genau und wie kann man ihm beikommen? Diese und andere Fragen übergeht der Autor. Dürftig ist das für einen Experten, der auch noch aus dem Iran stammt und es von daher besser wissen müsste.
Im Grunde geht es dem Verfasser gar nicht um Antworten. Er klagt an: die Amerikaner, ihre britischen "Vasallen", wie er sie nennt, aber auch die Deutschen, unter ihnen vor allem Innenminister Schily.

Im Kampf gegen den Terror ist Schily bereit, "genau das zur Disposition zu stellen, was einen Kern unserer säkularen Staatsauffassung darstellt - die Rechtsstaatlichkeit und die Unabhängigkeit der Justiz."

Offenbar hat Danesch im Fieber der Attacken seinen eigenen Titel "Der Krieg gegen den Westen" vergessen. Wenn nämlich Krieg herrscht - wofür die Zeichen sprechen -, müssen die Staaten und ihre Gesellschaften geeignete Maßnahmen ergreifen, um sich zu verteidigen. Ein Ende der Demokratie ist damit noch lange nicht eingeläutet. Danesch jedoch ist anderer Meinung. Für ihn kommen Polizeimaßnahmen genauso wenig in Frage wie Militäreinsätze.

Ein Umdenken ist von den europäischen Regierungen gefordert; ein Umdenken aber auch innerhalb unserer eigenen Gesellschaften. Halten wir eisern an rechtsstaatlichen Prinzipien fest, auch wenn in der Diskussion um die Abschiebung von Extremisten populistische Stimmen die Unabhängigkeit der Justiz in Frage stellen. Nehmen wir uns heraus, die Menschenrechtsverletzungen im Irak und die Isolierungslager in Guantánamo und anderswo zu verurteilen. Lassen wir uns durch unsere berechtigte Angst vor dem Terror nicht verleiten, die Muslime in unserem eigenen Land auszugrenzen und dadurch erst recht dem radikalen Islam in die Arme zu treiben. Verfechten wir das, was unsere historischen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte uns gelehrt haben: dass Frieden und Demokratie nicht durch Krieg geschaffen werden können. Treten wir dabei ruhig selbstbewusst auf, auch gegenüber Zweiflern aus den eigenen Reihen, denn nur, wenn es Europa gelingt, diese Werte zu verkörpern, gibt es vielleicht einen Ausweg aus dem Kampf der Kulturen.

Das ist richtig und wird von niemandem in Frage gestellt. Dennoch ist es die Pflicht der Bundesregierung, notwendige Abwehrmaßnahmen im Krieg gegen den Terror zu ergreifen. Danesch stören sie grundsätzlich. Er rät zur Entspannungspolitik als geeignetem Modell auch für den Konflikt mit dem islamischen Extremismus. Allerdings übersieht er, dass die Entspannung nicht am Anfang des Kalten Krieges stand, sondern erst begann, als der Konflikt nach der Kuba-Krise seinen Höhepunkt überschritten hatte.

"Ihr liebt das Leben. Wir lieben den Tod". Solange dieser Satz Gesetz ist, solange der Todeskult, das Morden ohne Sinn, dafür aber mit Verstand weiterhin im Zentrum jener islamistischen Ideologie steht, wird eine Entspannungspolitik gegenüber den Terroristen genauso wenig möglich sein wie das Konzept "Good Cop - bad Cop" - hie die kämpfenden Amerikaner, dort die gesprächsbereiten Europäer. Die Entführung der französischen Journalisten im Irak belegt es: Islamisten machen keinen Unterschied zwischen Amerikanern und Europäern, Kriegsbefürwortern und Irak-Kriegsgegnern. Sie wollen den Westen als solches zerstören - ob mit Bush an der Spitze der USA, John Kerry oder dem Papst. Danesch weiß das, auch wenn er es nur dann und wann wie im Vorübergehen streift. Sein Groll gegenüber Amerika verhindert das offene, das eindeutige Wort. Nur wenn er über die Entwicklung in den Ländern selbst spricht, über die Geschichte des Iran etwa, über Afghanistan oder den Irak, gewinnen seine Analysen an Klarheit, erreichen seine Schlussfolgerungen ein gewisses Niveau. Das aber genügt nicht, um Daneschs Buch insgesamt zu empfehlen. Seine Veröffentlichung hat 249 Seiten, rund sechzig davon sind interessant. Der Leser möge sich auf sie beschränken. Zeit und Geld spart er, wenn er dem Rezensenten vertraut und es sein lässt. Auf dem Berg der Bücher über den Islamismus finden sich gescheitere Studien.
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