Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
15.10.2004
Thomas Urban: Der Verlust - Die Vertreibung der Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert
Verlag C.H. Beck, München 2004
Rezensiert von Christoph von Marschall

Thomas Urban: Der Verlust (Coverausschnitt) (Bild: C.H. Beck)
Thomas Urban: Der Verlust (Coverausschnitt) (Bild: C.H. Beck)
Dies Buch kommt gerade recht. Sechs Jahrzehnte nach dem Weltkrieg erregt das Thema Vertreibung die Gemüter wie lange nicht mehr. Deutsche Vertriebene klagen in Polen den zurückgelassenen Privatbesitz ein, der polnische Sejm fordert Reparationen von Deutschland für die Kriegsschäden. Thomas Urban, Sohn deutscher Breslauer und verheiratet mit einer polnischen Breslauerin, öffnet den deutschen Lesern den Blick für die Abermillionen Menschen aus verschiedenen Völkern, die im 20. Jahrhundert in Mitteleuropa ihre Heimat verloren. Die Vertreibung der Deutschen aus den heute zu Polen gehörenden Ostgebieten war kein einzigartiges Ereignis und auch nicht allein eine Reaktion auf die deutschen Kriegsverbrechen in Polen. Grenzverschiebungen und massenhafte Bevölkerungstransfers waren schon vor und nach dem ersten Weltkrieg Ziel und Mittel deutscher, polnischer und sowjetischer Politik. Sie betrafen nach dem Zweiten Weltkrieg zwar besonders viele Deutsche, aber nicht allein Deutsche, sondern ebenso Millionen Polen, die ihre Ostgebiete an die Sowjetunion verloren.

Polen in seinen Vor- und Nachkriegsgrenzen wurde Schauplatz der größten Bevölkerungsverschiebungen in der jüngeren Geschichte Europas. Viele verschiedene Bevölkerungsgruppen mussten den Verlust der Heimat hinnehmen.

Urban zählt allein für die Jahre nach 1939 22 Gruppen auf, angefangen von der bürgerlich-polnischen Elite, die vor der vorrückenden Wehrmacht über Rumänien nach Westeuropa floh, über die deportierten Juden und Zwangsarbeiter bis hin zu den in die sowjetischen Arbeitslager verschleppten Deutschen und Polen sowie die Spätaussiedler - und auch das waren nicht nur Deutsche, sondern auch Polen, etwa aus Sibirien und Kasachstan.

Diese dreifache Parallelisierung ist die Stärke von Urbans Buch. Erstens die Abfolge der Grenzverschiebungen, Aussiedlungen und Fluchtbewegungen seit Ende des 19. Jahrhunderts samt ihrer jeweiligen Wahrnehmung in Deutschland und Polen. Zweitens der parallele Verlust der Heimat für Polen und Deutsche durch die Westverschiebung des polnischen Staats um rund 200 Kilometer nach 1945. Und drittens die Aufarbeitung dieser Geschichte in beiden Ländern, die aber im Nachbarland kaum rezipiert wird. So räumt Urban auch mit dem in Deutschland weit verbreiteten Vorurteil auf, die Polen würden sich ihrer Beteiligung an der Vertreibung der Deutschen generell nicht stellen. Im Gegenteil, die deutsche Geschichte heute polnischer Städte und Regionen sowie die Vertreibung sind zu einem Modethema junger polnischer Historiker geworden.

Urban beginnt mit der preußischen Polenpolitik unter Bismarck, zu der bereits Ausweisungen und die Unterdrückung der polnischen Sprache zählten - wenn auch mit begrenztem Erfolg:

Der Reichskanzler musste schließlich erkennen, dass der Kampf gegen die katholische Kirche sowie die Schul- und Sprachengesetze nicht zur Schwächung, sondern zur Stärkung des Polentums beigetragen hatten. Sie hatten nämlich zur Gründung zahlreicher polnischer Kulturvereine geführt.

Allerdings könnte der historisch weniger vertraute Leser in diesem Kapitel den - falschen- Eindruck gewinnen, Bismarcks Kulturkampf hätte sich in erster Linie gegen Polen gerichtet. Er betraf ebenso deutsche Katholiken und ihre Bischöfe im Rheinland.

Plastisch wird aber das beiderseitige Bewusstsein eines Nationalitätenkampfes, das auch die Zwischenkriegszeit beherrschte. Urban belegt, dass die Oder-Neiße-Linie als Polens Westgrenze keineswegs von den Alliierten 1945 ohne polnisches Zutun festgelegt wurde, sondern seit 1919 Ziel führender polnischer Politiker war - samt Ausweisung der Deutschen, um größere Minderheiten im Nationalstaat zu vermeiden. Aus polnischer Sicht waren die Einschränkung der deutschen Minderheitenrechte im wieder gegründeten polnischen Staat freilich nichts anderes als eine Kopie der Bismarckschen Polenpolitik - unter umgekehrten Vorzeichen.

Breiten Raum nehmen zwangsläufig der Zweite Weltkrieg und die grausame deutsche Besatzungspolitik ein. So wichtig und lehrreich die Schilderungen und Zahlen sind - hier liegt eine kleine Schwäche des Buches. Weite Strecken lesen sich, als sei das Buch allgemein der deutsch-polnischen Kriegs- und Besatzungsgeschichte gewidmet und nicht speziell der Vertreibung, ihren Ursachen und Folgen. Es wird nicht so richtig klar, ob Urban zum Beispiel den polnischen Widerstand oder das deutsche Regime im Generalgouvernement so ausführlich schildert, um die Psychologie der Vergeltung deutlich zu machen? Oder weil für ihn Tod und Massenexekutionen die extremste Form von Vertreibung und Heimatverlust sind - wie das ja auch manche für den Holocaust reklamieren.

Größeren Neuigkeitswert für deutsche Leser haben die Folgekapitel. Urban zeigt, welche unterschiedlichen Formen diese riesenhafte Völkerwanderung in Europas Mitte annahm: Flucht vor der Front, organisierte Bevölkerungsverschiebung nach den Beschlüssen der Konferenzen von Jalta bis Potsdam und Vertreibung durch die Repression der sowjetischen und polnischen Verwaltung in den vormals deutschen Gebieten.

Durch Dokumente ist zwar nicht belegt, doch sprechen die Tatsachen dafür, dass die Rote Armee den Auftrag hatte, durch das ungezügelte Verhalten ihrer Soldaten eine Massenflucht der Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße auszulösen, um diese für Polen freizumachen.

Später kommen deutsche Schlesier in nun polnische Arbeitslager wie Lamsdorf; das Leben wird ihnen zur Hölle gemacht, unabhängig davon, ob sie belastet waren oder gar Hitler-Gegner. Polens katholische Kirche beteiligt sich aktiv an der Ausmerzung des Deutschtums in den angeblich wiedergewonnenen Gebieten und erreicht zum Beispiel durch Lügen über die Haltung des Papstes die Abdankung der letzten deutschen Bischöfe.

Den Polen im Osten ging es kaum besser. Nach jahrelangem Terror durch sowjetischen NKWD und ukrainische Nationalisten war ihre Zahl stark dezimiert auf nur noch circa zwei Millionen, die nun, wie es offiziell hieß, "repatriiert" wurden.

Thomas Urban ist Journalist, sein Buch ist sehr lesbar und (bis auf wenige Redundanzen) kompakt geschrieben. Den Bogen der Nachkriegsdebatten um Flucht und Vertreibung in Deutschland wie in Polen führt er bis in die allerjüngste Gegenwart: über den Briefwechsel der Bischöfe und die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch Brandt 1970 wie Kohl 1990 bis zum aktuellen Streit um ein Zentrum gegen Vertreibungen und um Polens Reparationsforderungen.

Doch haben neben den Dissonanzen auch anrührende Gesten der Versöhnung ihren Platz. Der letzte deutsche Bischof von Breslau, Kardinal Adolf Bertram, wurde inzwischen wieder in "seinem" Dom beigesetzt, 46 Jahre nach seinem Tod. Dabei wurde dort die erste deutschsprachige Predigt seit 1945 gehalten. Manche Folgen der Vertreibung lassen sich heilen - oder wenigstens lindern -, indem man das individuelle Leid nicht verschweigt, sondern bespricht. Gedenken durch Erzählen: So versucht dieses Buch den Opfern auf beiden Seiten gerecht zu werden.
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