Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
22.10.2004
Hans-Peter Raddatz: "Die türkische Gefahr? Risiken und Chancen"
Herbig-Verlag, München 2004
Rezensiert von Klaus Schroeder

Hans-Peter Raddatz: Die türkische Gefahr? (Coverausschnitt) (Bild: Herbig-Verlag)
Hans-Peter Raddatz: Die türkische Gefahr? (Coverausschnitt) (Bild: Herbig-Verlag)
In knapp zwei Monaten wird die Europäische Union die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beschließen. Damit dürfte bereits eine Vorentscheidung für den Beitritt gefallen und nur noch der Aufnahmezeitpunkt umstritten sein. Leider hat es im Vorfeld keine sachliche und abwägende Diskussion über diese weitreichende Vorentscheidung gegeben, die sich als "Schicksalsfrage" für den Fortbestand und die innere Konsistenz der EU erweisen könnte.

Diese Informations- und Diskussionslücke versucht das Buch des Orientalisten Raddatz zu schließen. Allerdings neigt Raddatz - wie auch schon in seinen Büchern zum Islam - zu einer deutlichen Sprache und zu polarisierenden Wertungen. Darin liegt zugleich die Stärke und die Schwäche seines Buches.

Eingangs skizziert der Autor die wechselvolle Geschichte der Türkei und hebt die nachwirkenden Traditionslinien und Prägungen hervor. Im Mittelpunkt steht dabei das Verhältnis von ethnischem Selbstverständnis und Religion.

So wie die Muslime in erster Linie eine politische Rechtsgemeinschaft sind, die sich in zweiter Linie religiös versteht, so verstehen sich die Türken primär als eine ethnische Gruppe, die sekundär auch eine Religion hat. Allerdings erheben beide auf beides einen ausschließlichen Anspruch, woraus sich der potenzierte Machtanspruch des Turkislam ergibt.

Die gesellschaftlichen und politischen Eliten des Landes haben es über Jahrhunderte verstanden, die Religion zu kontrollieren und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Gegen ethnische Minderheiten, die sich nicht bedingungslos unterwarfen und stattdessen eigene Ansprüche anmeldeten, gingen die Türken durchweg brachial vor. Vor allem die christlich geprägten Armenier wurden zum Opfer türkischer Vernichtungspolitik, was bis heute in der Türkei aggressiv geleugnet wird.

In ihrer Geschichte hatten die Eroberungswellen des ethnischen Djihad riesige Gebiete mit Gewalt, Plünderung und Mord überzogen. Bei jedem Raubzug fanden mehr oder weniger Menschen den Tod. Niemals jedoch, selbst unter den blutrünstigsten Despoten, hatte es eine Version gegeben, die von ihrer Grundkonstruktion her vorsah, jeden Gegner zu töten. Bei den "modernen" Türken, die sich alsbald auf den Weg in die Säkularisierung machen wollten, war genau dies Gegenstand gezielter Planung.

In seinem Kapitel über die "Gründung der neuen Türkei" durch Kemal Atatürk behauptet Raddatz, dass es nicht zu einer Verwestlichung oder grundlegenden Säkularisierung, sondern nur zu einer Begrenzung und effektiveren Nutzung der Religion sowie zu einer größeren Dominanz des Militärs kam. Die alten Machtkader verhinderten, dass sich echte demokratische Institutionen durchsetzen konnten.

Weiterhin war die Türkei durch eine von Korruption und Vetternwirtschaft geprägte Feudalherrschaft gekennzeichnet. Stärker noch als zuvor betonten die neuen Machthaber die Dominanz der Türken und gestanden den Minderheiten nur "das Recht zu, Sklave zu sein", wie es ein Vertrauter Atatürks ausdrückte. Ins Visier gerieten nun vor allem die Kurden, die sich zuvor noch überaus aktiv am Massenmord an den Armeniern beteiligt hatten.

Mit der Dominanz des Militärs vertieften sich nach 1945 auch die Beziehungen zu den USA, für die das Land aufgrund seiner geographischen Lage seitdem eine besondere militärstrategische Rolle einnimmt. Das westliche Europa dagegen hatte ein eher gespaltenes Verhältnis zur Türkei, da die innergesellschaftliche Gewalt, die Verletzung von Menschenrechten und die ausbleibende Demokratisierung nicht zu übersehen waren.

Mit der innertürkischen Katastrophe bestätigen sich erneut zwei Aspekte, die wir im geschichtlichen Verlauf mehrfach beobachtet haben: Die Unfähigkeit des Turkislam zum gewaltfreien Ausgleich und die Unfähigkeit europäischer Politik zu kompetentem Umgang mit Gewaltsystemen. Von Byzanz bis in die Moderne bestand für Europa der "Dialog" mit dem Islam in der Anbiederung an dessen Gewalt.

So diskussionswürdig Raddatz' Beschreibung der historischen Entwicklungslinien ausfällt, so einseitig betont er die Schattenseiten der heutigen Türkei und warnt eindringlich vor einem EU-Beitritt. Dabei ignoriert er die durchaus vorhandenen Ansätze zu Modernisierung und Verwestlichung und den möglichen Modellcharakter für die Demokratisierung islamischer Staaten, was durch Beitrittsverhandlungen zumindest verstärkt werden könnte. Diese Aspekte sollte man nicht überbewerten, muss sie aber zumindest erwähnen.

Der Autor hebt dagegen die fortschreitende Islamisierung, die Korruptheit der Eliten und die immer noch vorhandene Gewaltbereitschaft gegenüber Minderheiten hervor. Ebenso polemisch fallen seine Anmerkungen zur EU und zur politischen Elite Deutschlands aus. Wo sein Auge auch hinschaut, überall erblickt er intransparente Strukturen, Seilschaften, Korruption und Ignoranz gegenüber der Bevölkerung. Sicherlich stimmt die eine oder andere Beobachtung. Durch die Art der Verallgemeinerung allerdings gerät seine Argumentation mitunter in eine gefährliche Schieflage. Mit dieser verkürzenden und verzerrenden Polemik vergibt sich Raddatz wahrscheinlich leider die Chance, mit seinen überwiegend zutreffenden Argumenten gegen einen EU-Beitritt der Türkei Gehör zu finden.

Vor allem seine Anmerkungen zu verharmlosenden und naiven Betrachtungen von Wissenschaftlern und Politikern zur potenziellen Bedrohung durch den Islam, aber auch sein Hinweis auf die nicht gelungene Integration vieler Türken in Deutschland und die Warnung vor einer falsch verstandenen Toleranz gegenüber religiös geprägter Intoleranz sollten ernst genommen werden. Recht hat er auch mit seiner Annahme, dass Personen, die sich gegen den EU-Beitritt der Türkei aussprechen, unabhängig von der Art ihrer Argumentation, häufig als Ausländerfeinde oder Rassisten bezeichnet werden.

Den Beitritt hält er für eine feststehende Tatsache, da die USA durch Druck vor allem auf Deutschland ihn mit aller Macht erzwingen wollen. Die rot-grüne Regierung hat seiner Meinung nach nicht die Kraft, sich dem zu widersetzen, zumal sich in ihrem Lager viele Politiker befinden, die ohnehin einen Beitritt der Türkei allein aus Gesinnungsgründen begrüßen.

Der Beitritt hängt nicht davon ab, mit welchen Begründungen Befürworter oder Gegner die Debatte bestimmen. Er steht fest, weil der überlagernde Interessentrend ihn unausweichlich erzwingt. Die endlos ausgetauschten Argumente haben keine trendbestimmende Bedeutung, so lange die globalpolitischen Bedingungen unverändert wirken.

Nach der Lektüre des trotz der Polemiken lesenswerten Buches erhebt sich freilich die Frage, ob sich die EU mit dem geplanten Beitritt der Türkei nicht an mehreren Fronten gleichzeitig überfordert. Die EU-Außengrenzen werden kaum noch kontrollierbar sein, die schon jetzt in vielen EU-Ländern nicht unproblematische Islamisierung der Bevölkerung wird aufgrund demografischer Bedingungen weiter zunehmen und die finanzielle Belastung vor allem Deutschlands erheblich ansteigen. Wie die ohnehin nicht sehr gefestigte EU unter diesen Bedingungen agieren will, lässt sich derzeit nicht vorhersagen. Die angestrebte Vertiefung der europäischen Union wird wohl Utopie bleiben. Auf jeden Fall überwiegen die absehbaren Risiken des Türkei-Beitritts die möglichen Chancen. Dies herausgestellt zu haben, ist ein Verdienst des Buches, dessen eigentliche Stärke jedoch in der Charakterisierung der Türkei selbst liegt.

Der Impuls des Turkismus, der sich je nach Situation nationalistisch, rassistisch und religiös gibt, wendet sich reflexhaft gegen alles Nichttürkische, sobald dieses es wagt, das Türkische anzugreifen. Historisch gewachsen und tiefer verankert als der Islam, bildet er die wichtigste Legitimationsbasis der traditionellen Eliten.

Den Weg in den Westen wird dieses Land nur gehen können, wenn es sich von seinen nachwirkenden Traditionslinien endgültig befreit. Derzeit jedoch ist diese Entwicklung keineswegs wahrscheinlich, denn jenseits versprochener Reformen ist der Kern des türkischen Selbstverständnisses laut Raddatz immer noch ungebrochen.
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