Das Politische Buch
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Freitag • 17:45
5.11.2004
Lothar Gall: "Der Bankier - Hermann Josef Abs"
C.H. Beck Verlag, München 2004
Rezensiert von Peter Merseburger

Lothar Gall: "Der Bankier - Hermann Josef Abs", Coverausschnitt (Bild: C.H. Beck Verlag)
Lothar Gall: "Der Bankier - Hermann Josef Abs", Coverausschnitt (Bild: C.H. Beck Verlag)
Er galt einmal als der mit Abstand einflussreichste, mächtigste Mann in Deutschland - und doch besaß er nie ein politisches Amt. Die internationale Finanzwelt feierte ihn zusammen mit David Rockefeller als den "bedeutendsten Bankier des 20. Jahrhunderts", und viele Jahrzehnte sah das Ausland in ihm die Personifizierung westdeutscher Finanz- und Wirtschaftskraft. Die Rede ist von Hermann Josef Abs, jenem legendären Chef der Deutschen Bank, dessen langes Leben fast das ganze 20. Jahrhundert umspannt und der, obschon er drei historische Umbrüche erlebte, und sowohl in der ersten deutschen Demokratie, in der NS-Diktatur wie in der Bundesrepublik angesehen und erfolgreich war.

Wer sich dies heute vor Augen hält, fragt unwillkürlich, wie das denn möglich war. Der Historiker Lothar Gall, Biograf des weißen Revolutionärs Bismarcks, aber auch des Hauses Krupp und der Bassermanns, also der Repräsentanten des liberalen deutschen Bürgertums, versucht in seiner neuen Abs-Biografie eine Antwort. Aber schwerlich ließe sich behaupten, dass sie klar und eindeutig sei. Er spricht von einer

... Gratwanderung zwischen Anpassung, zeitweiligem Mitmachen und verschleiertem, heimlichen Widerstand, die ihn (Abs), je nachdem wo und wie man den Akzent setzt, als Mitläufer, gar als Mittäter oder als Vertreter der geheimen Opposition im Inneren erscheinen läßt. Für jede dieser Interpretationen finden sich Belege, und ein Urteil kann nur daraus erwachsen, dass man sie sorgfältig und unvoreingenommen gegeneinander hält und gegeneinander abwägt. Und auch dann wird das Urteil kaum eindeutig ausfallen.

Kein Zweifel: Das Bild des Hermann Josef Abs in der NS-Zeit bleibt, allen Bemühungen Galls zum Trotz, unscharf. Die Amerikaner wollen ihn kurz nach dem Krieg als Mittäter anklagen, der Historiker Hans Mommsen dagegen verortet ihn an dem Rand des Widerstands. Nur soviel ist absolut sicher: Wie kein zweiter verkörpert Abs für seinen Biografen die Kontinuität des westdeutschen Führungspersonals im Bereich der Wirtschaft über die tiefe Zäsur von 1945 hinweg.

Eiserne Disziplin, nie versagende Konzentration, unterstützt von einem geradezu phänomenalen Gedächtnis sind die persönlichen Voraussetzungen einer Karriere, die als Privatbankier beginnt. Dazu kommen Lust und Freude an Macht und Einfluss, die ihn 1937 zum Mitglied im Vorstand der Deutschen Bank werden lassen. Er übernimmt das wichtige Auslandsressort, und spätestens hier beginnt eine Phase enger Berührung mit dem nationalsozialistischen System. Denn die konsequente Wahrnehmung der Interessen seiner Bank brachte Abs wenn nicht auf eine Linie, so doch in engen Zusammenhang mit dem vom Regime verfolgten Expansions- und Machtbestrebungen. Der militärischen Vormachtstellung des Reiches entsprach der Versuch einer wirtschaftlichen Neuordnung Europas unter deutscher Hegemonie, und deutsche Banken spielten dabei eine wichtige Rolle - vor allem auf dem Balkan und in Südosteuropa, wo Abs für seine Bank dominierenden Einfluss zu gewinnen suchte.

Aber auch im Westen blieb der Bankier nicht untätig. Als Adenauer Anfang der 50er Jahre erwägt, Abs zum Chef der deutschen Verhandlungsdelegation für die Montanunion zu ernennen, winkt Jean Monnet mit dem Argument ab, der Finanzmann sei im besetzten Frankreich "für deutsche Interessen" aufgetreten. Übrigens hielt Abs auch ein Mandat im Aufsichtsrat von IG-Farben, versichert indes nach dem Krieg, dort von Auschwitz nie etwas gehört zu haben. Was er von den Verbrechen, an denen der Konzern beteiligt war, gewusst oder geahnt hat, "wird nicht mehr zu ermitteln sein", schreibt Gall. Er hat die einschlägigen Aufsichtsratsprotokolle der IG-Farben sowie Notizen von Hermann Josef Abs durchforstet und ist nur auf Belangloses gestoßen:

"Der Historiker kommt hier nicht weiter", so Gall über eine Aufsichtsratssitzung, die er selbst als Farce bezeichnet, weil die Protokolle substanzlos sind. "... was immer bei der Sitzung und bei dem anschließenden Essen besprochen wurde, es steht kaum zu erwarten, dass weitere Dokumente hierüber Aufklärung geben werden. Es scheint sehr wohl im Bereich des Möglichen zu liegen, dass mit keinem Wort das Auschwitzprojekt erwähnt wurde. Bei der Struktur der IG-Farben und der kriegsbedingt erweiterten Geheimhaltungspflicht, die auch dem Aufsichtsrat gegenüber zumindest formal Fesseln anlegte, wird man auch diese Frage in Erwägung ziehen müssen."

Zwar bleibt Abs den Franzosen stets verdächtig, und die Amerikaner sammeln Material gegen ihn. Aber der Kalte Krieg macht einen Strich durch alle Pläne für einen Prozess gegen deutsche Bankmanager. Weil Abs nie der Partei oder einer ihrer Organisationen angehörte, stufen die Entnazifizierungsbehörden ihn als Entlasteten der Kategorie V ein. Er unterliegt damit beruflich keinen Beschränkungen.

Sein katholischer Glaube, dem er stets treu geblieben ist, hat ihn ideologische Distanz zum System halten lassen, und als 1949 die Bundesrepublik das Licht der Welt erblickt, erscheint Abs wie kein Zweiter geeignet, im Bereich der Wirtschaft, einem der wichtigsten Gebiete des Neubeginns, Brücken zu schlagen von der Vergangenheit in die neue Zeit. Mit Mitte vierzig, so Gall, sei Abs noch vergleichsweise jung gewesen, er habe für Kontinuität und Neubeginn gestanden, wobei Kontinuität damals bedeutete, anzuknüpfen an die Zeit vor der NS-Herrschaft, an die Weimarer Republik und ihre Wurzeln in bürgerlich-liberalen Kreisen des Kaiserreichs.

Genau das verbindet Hermann Josef Abs, Jahrgang 1901, mit dem 25 Jahre älteren Konrad Adenauer: Beide sind nicht nur katholische Rheinländer, der eine in Bonn, der andere in Köln geboren. Beide sind Kinder des Bürgertums, an dessen Moralvorstellungen und Tugendbegriffen sie festhalten, beider prägende Jugendeindrücke stammen aus der Lebenswelt der Kaiserzeit. Selbst wenn Abs ein relativ spätgeborener Wilhelminer ist, gehören doch beide, um einen Begriff Sebastian Haffners aufzugreifen, zu der "nie ganz zum Zuge gekommenen bürgerlichen Reserve des Kaiserreichs".

Auf dem schmalen Grad zwischen Anpassung und Widerstand balancierend, versucht Abs stets peinlich korrekt zu handeln, selbst als der Privatbankier im Dritten Reich Anteile von jüdischen Bankhäusern übernimmt. Die von der Arisierung Betroffenen rechnen ihm dies nach dem Krieg hoch an. Und auch da, wo er im besetzten Europa faktisch im Sinne des NS-Systems handeln muss, wenn er versucht, den Geschäftsbereich der Deutschen Bank durch Beteiligungen in Griechenland, Rumänien oder Belgien zu erweitern, handelt er streng nach den Regeln der Privatwirtschaft, denen er sich verpflichtet fühlt, und lehnt staatliche Eingriffe ab. So musste er, in der Geburtstunde der Bundesrepublik, als einer der wenigen gelten, die ihre Seele nicht dem Teufel verkauft hatten und doch beruflich erfolgreich geblieben waren.

Bald steht Abs an der Spitze der Kreditanstalt für Wiederaufbau und handelt das Londoner Schuldenabkommen aus, das die junge Bundesrepublik weltweit wieder kreditfähig machen soll. Wenig später führt er die deutsche Bank, die auf Anordnung der Alliierten in verschiedene Teilbanken zerlegt wurde, wieder zusammen, wird ihr Sprecher und steht symbolisch für das, was man "Rheinischen Kapitalismus" genannt hat: das korporative, auf Ausgleich gerichtete Zusammenwirken von Unternehmern, Gewerkschaften und Politik, das der Bundesrepublik jahrzehntelang eine prosperierende Wirtschaft garantierte.

Nun schreiben wir längst 2004, und im Zeitalter der Globalisierung scheint dieser "Rheinische Kapitalismus" ebenso zu entschwinden wie die blühende Volkswirtschaft, die einmal eine nationale war. Abs dachte - und es ist Galls Verdienst, dies deutlich herauszuarbeiten - in nationalen Kategorien wie ein Ludwig Erhard oder ein Karl Schiller. Für sie alle gab es noch, was man einmal zu Recht Nationalökonomie genannt hat, und so war die Deutsche Bank für ihren Sprecher Abs ein Institut vor allem für die deutsche Industrie.

Wer die Debatte um die strategischen Weichenstellungen dieses Finanzinstituts in diesen Monaten verfolgt, weiß, welche Welten ihn von den heutigen Vorstandsmitgliedern trennen. Insofern kann Abs, so erfolgreich er immer gewesen sein mag, weder Modell noch Vorbild sein, er bleibt ein Mann der Vergangenheit. Die Welt und die Vorstellungen, in denen er lebte, sind eindeutig von gestern. In Zeiten der europäischen Integration und der weltweiten Vernetzung greifen nationale Politiken in der Wirtschaft nicht mehr - oder doch nur sehr begrenzt.

Diese Biografie, sorgsam abwägend geschrieben, wie es bei einem solchen außergewöhnlichen Karriereweg ratsam ist, liest sich streckenweise äußerst spannend. Lothar Gall gelang es, deutsche Geschichte über fast ein ganzes Jahrhundert am Beispiel eines Mannes nachzuzeichnen - anschaulicher als in jedem Lehrbuch, lebendig und intellektuell packend, gerade weil er die Handlungen seines Helden in düstersten Zeiten offen und ohne Gnade hinterfragt.
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